1. Jul 2009

Die Parteien-Gruppen-Zuschreibungs-Meme

ziegeuner2

Nein, ich bin nicht “links”, kein “autonomer Chaot” oder gar ein “Sozialist”. Ich nenne mich nicht “Kommunist”, “Liberaler” oder “Grüner”. Bin kein “Anarchist”, “Sozialdemokrat” oder “freier Wähler”.

Ich weiß ja, dass wir Menschen auf Schubladen stehen. Es hilft uns dabei denkfaul zu bleiben und weiterhin in der wundervollen Komfortzone der Vorurteile und des Abstempels zu verweilen. Die Kausalität der Stereotypie – macht der das, sieht er so aus, dann MUSS er ja auch zwangsläufig so oder so denken und handeln. Der Stempel wird dann meist sehr sehr schnell aufgedrückt und dessen Farbe wird man so schnell nicht wieder los. Aber das wirklich fatale daran ist nicht nur, dass andere Menschen einen dann mit dieser stigmatisierten Stereotypie so wahrnehmen, sondern dass diese Stempelfarbe auch langsam aber sich in einen selbst abfärbt. In der Psychologie nennt man das “Zuschreibung”. Je öfter ich also gesagt bekomme, wie ich denn zu sein habe, desto eher werde ich ganz unbewusst mein Verhalten dem anpassen. Der “Chaot” wird chaotischer, der “Belesene” wird noch mehr Bücher lesen und der “Sozialdemokrat” wird vermutlich ein treuer Parteisoldat der SPD.

Das alles sind Meme, die unser Verhalten beeinflussen und uglaublich schwer sind wieder loszuwerden. Das kausale Denken: “Wenn der für die Todesstrafe ist, dann ist der auch rechts und wenn der rechts ist dann ist der auch gegen Ausländer” vereinfacht vielleicht auf den ersten Blick unser Zusammenleben, auf den zweiten jedoch erzeugt unglaublich komplexes Konfliktpotenzial. Das geht dann soweit, dass sich entsprechend stigmatisierte Stereotypen auch äußerlich so verhalten (durch Kleidung, Abzeichen etc.) und sie sich von anderen Stereotypen durch absolute Untoleranz bzw. in seltenen Fällen sogar durch körperliche Gewalt abgrenzen müssen. So entstand der Terror der 70er Jahre in der BRD. Ein gegenseitiges Aufladen und verdichten von stereotypen Eigenschaften mit dem Drang zu Abgrenzung bzw. Ausmerzung der jeweilig andersdenkenden Gegengruppe.

Auf den Punkt gebracht sind genau diese Schubladen der Beginn für ein ungerechtes und dumpfes Denken und Handeln. Doch wie können wir es verändern?

Zunächst einmal erfordert auch das wieder harte Arbeit, die in den Randbereich der Schizophrenie führen. Denn nur durch das Hineinversetzen in die Denkweise von anderen Menschen – genannt Empathie – können wir ansatzweise multiperspektivisch nachvollziehen warum der andere so denkt und auch erst dann können wir überhaupt damit beginnen kommunikative Brücken zu bauen, ganz einfach weil wir sagen können “das versteh ich” und erstmals der Gegenüber nicht davon provoziert wird. Es findet dann ein tiefer inhaltlicher Austausch statt, der – wenns gut läuft – beide Seiten in ein befriedigendes Gespräch verwickelt.

Ich selbst übe diese Methode täglich. Mal gelingt es mir gut, mal weniger gut, aber das ist auch nicht wichtig. Es geht nicht darum, von heute auf morgen ein anderer Mensch zu werden oder sich mies zu fühlen, wenn man doch plötzlich wieder andere vorverurteilt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler um zu lernen und um uns weiterzuentwickeln. Wir sind im Prozesswesen, keine Zielspringer. Wenn wir uns also bemühen den Gegenüber zu verstehen – und am besten übt man das anhand von richtig verhassten Gruppierungen oder Persönlichkeiten – versuchen nachzuvollziehen, warum er so denkt, dann werden wir uns in Empathie schulen. Wir werden unser Gespür weiterentwickeln und zwangsläufig ganz anders auf Menschen zugehen und auch zwangsläufig von ihnen ein anderes Feedback erhalten. Kausalität ist nämlich durchaus vorhanden, nur stellt sie sich anders dar, als wir bisher geglaubt haben.

Übrigen, wer durch die Welt rennt und permanent murmelt “Alles Arschlöcher” darf sich nun wirklich nicht wundern, wenn er auch permanent in seinem Bild bestätigt wir, schließlich tut er alles dafür sein eigenes Weltbild durch Beweisführung aufrechtzuerhalten.

“Ausländer sind kriminell – ich lese das ständig in der Zeitung”. Ist klar, worauf ich hinaus will? Viel Erfolg beim üben!