In den 60er Jahren gab es zahlreiche Psychologen und allgemein Wissenschaftler, die davon ausgingen, dass der Mensch im Grunde genommen nichts anderes sei als ein großer und komplexer Biocomputer. Vielleicht nicht ganz so rigide, wie es der Evolutionsbiologie Richard Dawkins sieht, nämlich Menschen als reine Überlebensmaschinen für Gene und Meme. Viele sind und waren eher der Auffassung, dass man sowohl Maschine, als auch Programmierer der eigenen Maschine sein kann. Genau das würde uns Menschen auszeichnen. Irgendwie schafften wir es in die Metaprogrammierungsebene zu gelangen, wo wir den Computer neue Abläufe beibringen (Lernen) oder Programme verbessern oder verändern können (Verhaltenstherapie). Unser Computer arbeitet, wenn er auf Automatik steht, im Imitationsmodus, d.h. er lernt durch das Verhalten und die Kommunikation der anderen Computereinheiten in seiner unmittelbaren Umgebung. Die Metaprogrammierung wiederum, also die Bewusstmachung der eigenen Verhaltensmuster und das Bestreben nach Veränderung dieser “Programmschleifen”, erfolgt aus dem eigenen Selbst. Somit gilt tatsächlich das abgedroschene Sprichwort “Jeder ist seines Glückes Schmid”. Wir haben es in der Hand, jedenfalls mit bestimmten Techniken. Im Automatikmodus sind wir dann mehr oder weniger determiniert und arbeiten “normal” – wir funktionieren.
Das alles finde ich höchst spannend und es hilft mir derzeit dabei, meine Ernährungsprogrammierung zu verändern. Ich analysiere mein bisheriges Essverhalten, forsche nach möglichen Gründen und versuche dann ganz bewusst entgegenzusteuern, solange, bis dies in den Automatikmodus übergeht. Nur so ist eine dauerhafte Ernährungsumstellung m.E. überhaupt möglich. Diäten helfen kurzfristig Gewicht zu verlieren, sie bekämpfen für einige Zeit das Symptom, aber das Essverhalten bleibt gleich. Der Jojo-Effekt ist auf eine steigende Frustration zurückzuführen, die sich dann irgendwann wieder im Nachholfressen entläd.
Gestern habe ich also begonnen mit der Deprogrammierung. Es sieht wie folgt aus:
- Ich war bisher ein Schlinger. Das habe ich von meiner Familie gelernt. Ich zwinge mich nun, langsamer zu essen (gar nicht so einfach)
- Ich war ein Resteverputzer. Das Programm “Erst den Teller leer essen” hat sich bei mir so eingeschliffen, dass ich Essensreste nicht ertragen kann oder nur ungerne wegwerfe. Ich habe sie wie mein großes Vorbild damals (Großvater) immer selbst verputzt.
- Ich war ein Kind der Kompanieküche. Wie oft hörte ich den Spruch “Du hast ja für eine ganze Kompanie gekocht”. Essen galt als Liebesbeweis “Ich kümmer mich um euch, indem ich euch viel und gut koche” und als Symbol des Friedens und Glück (ich bin viel bei meinen Großeltern aufgewachsen, die dahingehend vom Krieg beeinflusst waren.) Jedenfalls große Portionen in Kombination mit “Teller leer essen” ist ein fettiger Sprengstoff.
- Wenigtrinker. Ich trinke bisher sehr wenig Wasser. Es kann durchaus vorkommen, dass der Körper Durst mit Hunger verwechselt und so bei Trinkbedarf auf die Flüssigkeit in der Nahrung zurückgreift. Daher versuche ich bei Hungergefühlen zu allererst zu trinken, dann zu essen.
- Fettgeschmack. Ich weiss noch nicht genau warum, aber scheinbar gibt es in mir ein Programm, dass ständig behauptet, dass fettige und süße Sachen besser schmecken, als Gemüse oder leichte Kost. Das darauffolgende extrem unangenehme Gefühl des “Platzens” habe ich stets ignoriert. Jetzt merke ich, dass ich nach dem Essen fitter bin. Ich versuche mir diesen Zustand dauerhaft zu verinnerlichen und bei Ausrutschern ins Fettland, werde ich mir den anschließenden Schmerzzustand stärker verinnerlichen.
- Bewusster einkaufen. Wenn man mit Hunger einkauft, so endet das Fatal. Es wird nicht nur der Einkaufswagen voller, man greift auch oft zu den größten und fettigsten Schleckereien. Ich achte nun auf Nährwertangaben und überlege mir vorher genau, was ich denn heute essen möchte. Spontane Essensentscheidungen gehen bei mir in die Hose. Planung ist also erstrebenswert.
- Essen einteilen. Ich mache sowas wie Weight Watchers, also das Zählen von einer ganz bestimmten Menge an Fett und Kalorien, die man am Tag zu sich nehmen darf. Dabei kann man eigentlich essen was man will, nur muss man selbst entscheiden, wieviel von was man isst. Was sich lohnt, was satt macht und gut schmeckt. Auch muss man sich Kalorien für ein Bierchen am Abend oder ein Schüsselchen Chips aufsparen. Ich mag das, weil es mir die Freiheit lässt zu essen was ich will, aber trotzdem darauf zu achten was und wieviel ich esse. Es zwingt mich also sanft zu einem Umdenken.
So sieht also meine derzeitige Deprogrammierung aus im Bezug auf Essen. Habt ihr euch schonmal erfolgreich umprogrammiert? Wenn ja, wie?

