10. Dez 2008

Sucht sucht Belohnung

Sucht ist ein sehr spannendes Thema, nicht nur weil es mich selbst betrifft, sondern ich behaupte kühn, es betrifft alle Menschen auf dieser Erde. Wir alle sind süchtig. Der Unterschied ist jedoch, dass manche Süchte von außen identifizierbar sind und manche eben nicht. manche sind kriminalisert, manche sind akzeptiert. Manche sind konzentriert, manche treten breitbandig auf.

Belohnung lautet das Schlüsselwort. Belohnung ist der Treibstoff des Lebens. Ohne Belohnung würde hier kaum etwas laufen. Belohnung motiviert dazu, bestimmte Dinge anzufangen und weiterzumachen. Fortpflanzung zum Beispiel, wird durch die dabei entstehenden Gefühle belohnt. Nahrung belohnt uns umgehend. Soziale Interaktion in Form von Anerkennung, kann uns belohnen und uns somit ein gutes Gefühl verschaffen und uns weiter antreiben. Druck kann unseren Adrenalinspiegel pushen und uns somit ein Belohnungsgefühl verschaffen. Sport setzt belohnende Stoffe im Gehirn frei und Crack macht das Ganze natürlich ebenfalls auf seine Art sehr schnell und sehr heftig. Wir alle sind abhängig von Belohnung und dessen Gefühl, welches es in uns auslöst.

Wann kann man aber jetzt von einer Sucht sprechen? Nun, pathologisch (und das ist schon fatal, weil Sucht keine Krankheit ist, sondern ein natürlicher Bestandteil des Lebens) wird es erst, wenn wir süchtig nach einer bestimmten Sache oder Substanz sind und dies uns oder andere Menschen (bzw. die Gesellschaft) schädigt, man es aber dennoch weitermacht. Die nicht erkannten Süchte bleiben deshalb “normal” und unsichtbar, weil einige Menschen in der Lage sind sich ihre Belohnungen breitbandiger zu verschaffen. Das heisst, sie trinken morgens ihren Kaffee, essen ihr Marmeladenbrot, davor vielleicht noch ein Ei, hören Gute-Laune-Musik, bekommen von ihren Kindern einen Abschiedskuss, fahren in ihr Büro, zu ihrem Job, der ihnen Spaß macht, erhalten dort Anerkennng von Kunden und Mitarbeiter, gehen in der Mittagspause in den sonnigen Park und verputzen ein schmackhaftes Mittagessen, telefonieren danach mit ihrer Familie und lassen sich von den guten Noten in der Schule erzählen, was die Vaterherzen natürlich vor Stolz anschwillen lässt und vor der Heimfahrt gibt es noch einen Abstecher ins Sportstudio, wo sie eine Stunde ordentlich trainieren und danach noch in die Sauna oder sich unter die heiße Dusche stellen. Zu Hause bringen sie ihre Kinder ins Bett, lassen sich umarmen und kuscheln sich mit ihren Frauen bei einem leckeren Glas Rotwein und ein paar Stücken dunkler Schokolade auf die Couch und schauen eine Liebeskomödie mit Happy-End-Garantie. Danach geht es ins Bett und sie lassen den Abend vielleicht noch mit etwas zärtlichem aber leidenschaftlichen Sex ausklingen, um dann glücklich und zufrieden in das Land der Träume abzudriften.

Klar, was ich meine? Diese beschriebenen Menschen sind dauerhigh, aber dennoch nicht weniger süchtig nach Glück oder dem Gefühl, welches man auch nach dem Konsum von illegalen Drogen oder eskapistischen Rollenspielen erhält. Denn wehe, diese heile Welt bricht plötzlich zusammen.

Wenn man Sucht also als eine Art Krankheit ansieht und damit ausgrenzen will, so wird man gegen Windmühlen kämpfen. Wieso ist es für Junkies so schwer, von der Droge loszukommen? Nun, sie bekommen beim Konsum der Droge einen regelrechten Belohnungsrausch. Es ist meistens davon auszugehen, dass die Menschen, die solche Drogen testen, von vornherein ein verstärkte Belohnungsunruhe in sich tragen. Also gestresste Menschen, traumatisierte Menschen, pubertierende (und damit verunsicherte und ebenfalls extrem gestresste) Menschen und Menschen, die gesellschaftlich keinen Platz gefunden haben, an dem sie Anerkennung, Aufmerksamkeit oder belohnende Liebe erfahren konnten. Diese Menschen finden also plötzlich eine Substanz, die sie sozusagen von 0 auf 100 innerhalb von 1 Sekunde bringen. Mir hat mal ein Heroinuser erzählt, dass diese Droge die Königin aller Drogen sei. Stundenlanger Orgasmus. Eingepackt in Watte. Einfach nur Wohlsein. An diesem Punkt war mir klar, dass ich vor Beginn meiner Rentenzeit das Zeug nicht anfassen werde.

Tja und was passiert dann, wenn der Rausch vorbei ist? Man fällt in ein sehr sehr tiefes Loch. Der Kater. Je heftiger der Rausch, desto tiefer das Loch. Der Preis, den Mensch im allgemeinen für zu viel Glück bezahlen muss (Extremsportler, Politiker, Unternehmer etc. dürften das beispielsweise auch ganz gut kennen). Das fatale beim Junkie ist jedoch, dass sein Umfeld meist bereits so gestrickt ist, dass er meist aus keine anderen alternativen Belohnungsquellen mehr schöpfen kann. Er hat kein Netz, dass ihn auffängt. Er hat die Wahl: Entweder dunkles Loch oder wieder rausschießen. Je länger ein Junkie konsumiert und je mehr er dadurch gesellschaftlich abrutscht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er vom Belohnungsstoff loskommt. Alles um ihn herum besteht irgendwann nur noch aus stinkender, triefender Scheisse. Das Leben versaut, der Körper im Arsch, Freund eund Familie abgezockt, ggf. auf den Strich gegangen und diverse Traumata dadurch erlitten. Welche Hoffnung, ja welche alternative Belohnungen kann es für solche Menschen denn noch geben? Das Stück Schokolade? Das Glas Wein oder das Kuscheln auf der Couch?

Um das Thema Sucht richtig zu behandeln, im Sinne von intergrieren und systemisch zu lösen, schlage ich folgende Ideen vor:

1. Eine konsequente Entkriminalisierung von Drogenkonsum.
Prohibiton hat Menschen nie davon abgehalten Drogen zu nehmen, ganz im Gegenteil. Die Illegalität fördert eine gigantische organisierte Kriminalität, bei der sich etliche Menschen am Leid anderer Menschen dumm und dämlich verdienen. Die Gesundheitsgefahr der Drogennutzer steigt durch gestreckte oder gefälschte Drogen. Kriminelle Dealer sind eher daran interessiert andere Menschen süchtig zu machen, um ihr Einkommen abzusichern. Der Konsum sollte dennoch in geschlossenen Räumen stattfinden, so dass zumindestens andere Menschen in ihrer Gesundheit nicht beeinträchtigt werden können.

2. Verstärkte medizinische Forschung im Bereich der Dopaminregulierung.
Der “Glücksbotenstoff” im Gehirn muss noch genauer analysiert werden. Gegebenfalls müssen regulierende Therapien in Form von pharmazeutischen Produkten entwickelt werde. Das allein reicht jedoch nicht aus. Natürlich bedarf es immer auch noch einer psychologischen Betreuung um substanzfreie Belohnungen zu erarbeiten. Ein Suchtberater sollte daher in etwa so wie ein Ernährungsberater arbeiten, um die Sucht des Klienten breitbandiger zu verteilen.

3. Gesellschaftlicher Konsens durch intensive Aufklärung
Sucht ist kein Verbrechen, keine Krankheit, kein Unheil und keine Strafe Gottes. Alle Menschen sind süchtig, so wie wir alle auch Nahrung aufnehmen müssen. Es kommt nur darauf an, andere Menschen nicht zu schaden. Wer sich bewusst für eine Sucht entscheidet (von Kaffetrinker, Raucher bis Morphiumnutzer) sollte die Freiheit erhalten, solange dadurch das Leben anderer nicht gefährdet wird. Eine Stigmatisierung, Ausgrenzung oder gar ein Wegsperren in Gefängnissen und Psychatrien werden das “Problem” niemals beseitigen, höchstens verlagern oder sogar noch verschlimmern.

4. Reflexion
Wer morgens beim Kaffee die Zeitung oder das Internet aufschlägt und vor lauter Krisen- und Kriegsmeldungen die eigene Galle leicht köchelt, der braucht sich nicht wundern, wenn er abends seine Portion Extrabelohnung benötigt. Medien, als Meinungsmacher, sind besonders in der Verantwortung mit Menschen so umzugehen, dass sie in keine zusätlichen, künstlichen und für sie persönlich nicht relevanten psychischen Löcher fallen. Diffamierungen, Beschimpfungen, Raub der Privatsphäre dürfte wohl der Grund Nummer eins bei Stars und Starlets sein, warum sie so oft zu den verbotenen Suchtmittelchen greifen. Überhaupt würde uns ein gesellschaftliches Miteinander geprägt von Liebe, Empathie und positivem Grundklang dabei helfen, Süchte sich nicht zu konzentrieren lassen. Verantwortliches Miteinander, der freundliche und respektvolle Umgang mit Mitarbeitern und Untergebenen, mit den eigenen Kindern, den Nachbarn oder Freunden wie Verwandten, hilft allen dabei, Sucht wesentlich breitbandiger aufzustellen.

Danke fürs Mitlesen. Wem die Gedanken zusagen, sollte sie weitertragen, am besten in eigenen Worten. Anmerkungen dazu sind ebenfalls gewünscht, doch sehe ich dieses Thema nicht als meine Lebensaufgabe, sondern diese Gedanken sind meine wissenschaftlich nicht fundierten Bauchideen, entstanden aus dieser Diskussion hier. Immer daran denken: Think for yourself, stupid!