19. Dez 2008

kommentare kritik gespräche inspiration

Ich habe Kommentare auf Blogs in der Vergangenheit immer als eine Art Nonplusultra gepredigt. Doch das sind sie nicht. Für eine Kommentarkultur fehlt es leider noch ein wenig an einer allgemeinen, sehr breiten Gesprächskultur. An einer gewissen kommunikativen Grundeinstellung. Einem Konsens. Diskussionen gleiten im Netz sehr oft ins Persönliche ab, sie gehen am Thema vorbei und ab und zu tauchen dann sogenannte Trolle auf, die einfach nur (aus welchen gründen auch immer) die Zerstörung des Gespräches und der geäußerten Gedanken im Sinn haben. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Kritik, ich äußere sie selbst sehr sehr oft. Doch glaube ich daran, dass Kritik immer irgendwie sachlich begründbar sein muss und auch konstruktive Elemente enthalten sollte. Beim Werbeblogger habe ich in der Vergangenheit sehr oft und sehr spitz kritisiert, natürlich auch provokativ, weil bei reiner Lobhudelei natürlich auch kein Diskurs stattfindet. Aber bei all der Ironie, dem Sarkasmus und der für manche Menschen arrogant wirkenden Haltung, war es mir immer sehr wichtig, den Menschen dahinter nicht persönlich anzugreifen, sondern über die Sache zu sprechen. Mir war es desweiteren ebenfalls sehr wichtig auch immer bestimmte Alternativen aufzuzeigen. Natürlich war und bin ich von dem was ich sage in diesem Moment immer überzeugt, doch das heisst nicht, dass es allgemeingültig wahr bzw. richtig ist oder ich es morgen immer noch ganz genauso so sehe wie gestern.

Egal und wie auch immer. Der Werbeblogger war zu letzt ein kommunikativer Energiefresser für mich. Die kleinste Trollbemerkung hat mich auf die Palme gebracht, vielleicht gerade weil ich dachte, dass Kommentare ein Instrument des Gespräches, des inspirierenden Diskurses ist. Natürlich finden auch immer noch in den Kommentaren die ein oder andere spannende Diskussion statt, doch je größer die Zahl der Kommentierenden wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Diskussion kippt und ähnlich wie ein See einfach abstirbt. Die darin enthaltenen wertollen Gedanken gehen unter und es steht nur noch die blanke Reptilienkommunikation im Vordergrund: Kampf oder Flucht. Ich bin toll, du bist scheisse. Das letzte Wort hab ich ja sowieso und Recht natürlich auch.

Ich glaube ein wesentlicher Grund, warum die deutsche Blogosphäre nie wirklich so explodiert ist wie in anderen Ländern, ist die Tatsache, dass wir einfach anders miteinander umgehen. Wir (achtung überspitzte subjektiv empfundene Verallgemeinerung) sind zum einen Perfektionisten und bekämpfen Imperfektion statt sie als Herausforderung und Geschenk zu betrachten. Für uns sind Fehler tödlich. Wir legen mehr Wert auf die vergangen Taten und Titel eines Menschen (Obrigkeitsglaube) anstatt uns darauf zu konzentrieren was sie im Hier & Jetzt leisten und denken. Wir hassen neue Dinge, die wir nicht verstehen und verteufeln sie gleich mal, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sind nicht nur skeptisch, wir sind zwanghaft nörgelig und betrachten Lob als etwas Schlimmes, Verweichlichtes oder Unaufrichtiges. Ein einfachess “Danke” in den Kommentaren wird eher als Spamversuch gewertet als, als solches angenommen (Was natürlich auch am tatsächlichen Ärgernis Spam liegt). Wir loben andere Menschen nicht, weil wir selbst oft genug nicht gelobt werden und wenn wir es werden, so sind wir meistens so paranoid, dass wir es nicht als echte Lob annehmen können. Net g’schimpft is gelobt genug. Ganz schlimm.

Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich ändere die Richtung, ohne die Gewissheit, wie lange ich es durchhalte. Aber ich versuche es. Immer und immer wieder.

Seit ich das alles hinter mich gelassen habe (kein einfacher Schritt), hatte ich sehr viele und sehr wertvolle Gespräche AUSSERHALB von Blogkommentaren. Initiiert von Twitter oder Social Networks, fortgeführt in Skype-Chats oder Telefonanrufen, manifestiert in persönliche Treffen und Gesprächen. Das ist der echte wertolle und inspirierende Dialog, den ich schon so lange vermisst habe.

Die Blogosphäre hat sich verändert. Der Kern ist weitergezogen und unterhält sich einfach ganz woanders. Nämlich dort, wo sie ihre Ruhe haben. Dort, wo sie auf die Dinge stoßen, die man in Blogs leider immer seltener antrifft: Leben und leben lassen – ohne dabei zum rückgratlosen Weichspüler zu degenerieren. Es geht letzendlich nämlich auch nicht darum nun immer übertrieben happy mit anderen Menschen umzugehen. Es geht darum, wie Brown es sehr schnell und präzise hier auf den Punkt brachte: do unto others as you would have them do unto you / Behandle Menschen so, wie du willst, dass sie dich behandeln. Natürlich möchte ich auch Kritik entgegennehmen. Natürlich möchte ich nicht immer mit Samthandschuhen angefasst werden, aber ganz genauso bin ich wie jeder andere auch auf Lob und Anerkennung angewiesen, ich bin wie jeder andere auch danach süchtig.

Von daher werde ich mich nun täglich bemühen, meine Wahrnehmung neu zu justieren. Energieraubende Aktivitäten, wie sinnlose zu nichts führende Kommentarstreits, meiden und verstärkt inspirierende Ideen wertschätzen. Überhaupt ist Inspiration das entscheidende Stichwort. Es ist für mich losgelöst von “richtig” oder “falsch”, von Lob oder Kritik. Fehler (die sich nicht permanent wiederholen) sind nämlich manchmal unglaublich inspirierend. Fast inspirierender als scheinbare perfekte Ergebnisse. Auch dafür bin ich in Zukunft einfach verstärkt dankbar.

Ich freue mich auf das was kommt und ich freue mich auf die vielen weiteren tollen Menschen, die ich innerhalb der letzten Wochen allein durch diesen Loslösungsprozess kennengelernt habe. Es ist ein toller, energiegeladener Prozess und hoffe, dass der Kahn so lange wie möglich auf Kurs bleibt. Ich schrieb hier einmal, dass die Karawane weiterzieht. Ich glaube genau das passiert in diesem Moment und ich glaube genau dafür wurde das Internet erschaffen: BEWEGUNG! AVANTI! GO GO GO!