BREITENBACH


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30. Jun 2009

“steal our stories” - aufklärerische Meme

kantwasistaufklarung

Pro Publica ist ein äußerst spannendes journalistisches Projekt in den USA. Die Publikation ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert durch Spenden. Um die direkte Einmischung der edlen Geldgeber in die journalistische Arbeit zu verhindern wurde ein Redaktionsbeirat installiert, der die Einhaltung der jeweiligen strengen Statuten gewährleisten soll. Ein Novum ist sicherlich, dass alle Inhalte auf propublica.org mit dem augenzwinkernden Hinweis „Steal our stories“ unter Creative Commons Licence gestellt sind. Die Publikation möchte also ganz bewusst, dass sich deren Nachrichten verbreiten - natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Quellenverweise. Wer nun meint, dass die Mitarbeiter von Pro Publica irgendwelche Blogger und Semi-Amateur-Journalisten sind, der täuscht sich. Gründer und Milliadär Herbert Sandler hat die verfügbare crème de la crème des US-amerikanischen Journalismus rekrutieren können. Unter Ihnen Urgesteine des investigativen Journalismus vom Wall Street Journal, der Washington Post oder der New York Times. Und sie alle dürfen nun ihren Traumjob so ausführen, wie er vor vielen Jahren mal vorgesehen war, als eine vierte Gewalt im demokratischen Staat, mit scharfer Zunge und gründlich recherchierten Geschichten. Bei Pro Publica geht es weder um Werbekunden noch um Einschaltquoten, bei Pro Publica geht es um den Urgedanken des Journalismus: Mißstände aufdecken, das Volk aufklären und somit mit der Meinungsmanipulation durch Unternehmen, Regierungen und sonstigen Lobbyisten aufräumen. Eine große Anzahl von Skandale im Gesundheitsbereich, der Politik oder im Umweltschutz konnte “die Unbestechlichen“ bereits in die Köpfe der Öffentlichkeit tragen.

Publikationen wie diese - egal ob sie tatsächlich zu 100% vor Manipulation und Falschmeldungen gefeit sind oder nicht - sind die Zukunft unseres politischen Bewusstseins. Unabhängiger Journalismus ist unverzichtbar für eine aufgeklärte und gewachsene Demokratie. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass Journalismus heute zum größten Teil aus Quotengeschwätz, Anzeigen- und Lustreisenfinanzierten Artikeln und 1:1 abgeschriebenen PR- oder Agenturmeldungen bestehen. Uns ist es egal geworden - wir haben aufgegeben alles zu hinterfragen. Es ist zu viel. Wir sind supersized. Auf der anderen Seite kann sich kaum noch ein Journalist die Zeit für ausgiebige Recherche mehr leisten. Schnelligkeit ist das Gebot der Stunde. Nachrichtenbullemie: Schnell reingefressen und anschließend schnell wieder rausgekotzt und vergessen. Und der Geist und unser Verstand hungern sich langsam aber sicher zu Tode. (Danke an Michael für die Metapher)

Politisches Engagement steht und fällt mit seiner Berichterstattung. Wer den Film „Free Rainer“ gesehen hat, kann sich zwar ein überzogenes, aber sicherlich nicht ganz so unwahres Bild von unserer Medienlandschaft machen. Wir werden auf Fast-Brain-Food gedrillt - so wie uns fettige Burger und weiche Brötchen immer wieder zurück in die Frittieranstalten treiben, obwohl wir wissen dass sie uns fett und träge machen. Uns ist danach zwar wieder schlecht und wir schwören uns dort nie wieder zu essen, aber wehe dem das gelbe Neonlicht erstrahlt und fettiger Pommesduft schmiegt sich unter unsere Nasenflügel. Wir können nicht anders. Wie die Motten das Licht suchen, gieren wir nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung und erleben anschließend dennoch weiterhin die kurzzeitig zugestopfte Leere.

Wir werden nicht von irgendjemanden dumm gehalten, wir halten uns selbst dumm. Das ist das Erschreckende, das ist das was ich Marcus in seinem Kommentar zunächst nicht glauben mochte, aber er hat vollkommen Recht. Denn es gibt sie, die Alternativen. Sie sind heute genauso greifbar wie all die alternativen zu den Fastfoodbunkern und Boulevardschleudern. Das aufgeklärte Wissen ist da draußen. Das Internet macht es sichtbar - wenn wir es wollen, wenn wir uns endlich überwinden und uns darauf einlassen. Wenn wir es fordern und fördern. Aber vor allem weiterverlinken. Replizieren. Verbreiten.

Der Weg zur Revolution liegt nicht darin irgendwelche Systeme und dessen Vertreter abzuschaffen, zu zerstören oder einfach nur macht zu verschieben. Die (R)evolution liegt in uns selbst, sie liegt zum Greifen da. Wir sind uns selbst unser größter Feind. Unser Fleisch ist schwach - unser Geist ist es erst recht! Sind wir denn wirklich zufrieden? Sind wir so zufrieden, dass wir nichts mehr verändern wollen?

Wie kommen wir da nur raus? Nun, das Schlüsselwort lautet „Bewusstseinsentwicklung“. Das was eine ganze Generation um 1968 mit Hilfe von psychedelischen Drogen-Happenings von heute auf morgen erzielen konnte, müssen wir uns in einer psychedelisch-esoterisch tabuisierten Leistungsgesellschaft hart erarbeiten. Durch Achtsamkeitsübungen, selbstdisziplinierende Maßnahmen oder schlichtweg permanente Reminder. Also doch wieder der Weg gen Osten. Wir müssen unsere “Erleuchtung” Stück für Stück selbst anlesen und uns mühselig von Hyperlink zu Hyperlink ackern. Das Internet ist nicht umsonst eine Erfindung, die aus den Köpfen einiger Silicon-Hippies entsprungen ist. Sie haben im Grunde nichts anderes getan als ihre mystischen Erfahrungen von der Ganzheit der Welt und des Wissens technologisch abzubilden. Das „global brain“ mit Glasfaserkabeln und riesigen Routern zum Leben zu erwecken. Ich weiß schon warum „sie“ das Internet so fürchten und versuchen es unter ihre Kontrolle zu bringen.

Der Informationsfluss ist eine reißende Kraft. Informationen haben schon immer die Welt regiert. Zuerst kam die Information, dann erst das Geld. Das Wissen um Angebot und Nachfrage, kleine schmutzige Geheimnisse zu Erpressungszwecken oder Goldgruben aus Insiderinfos. Informationen ist alles. Je offener vernetzter sie sind, desto gleichberechtigter und freier werden wir. Jetzt müssen wir nur noch zuhören und die richtigen Drähte anzapfen. Lasst uns gegenseitig dabei helfen!

27. Jun 2009

Mein politisches Erwachen

Ich war mal ein sehr politisch interessierter und engagierter Mensch. Nicht zuletzt ist dies meinen Wurzeln zu verdanken. Also sozialdemokratisch geprägter Mensch mit familiären Strömungen in Richtung Arbeiterschicht, Sozialismus und Kommunismus war ich schon sehr früh Mitverfolger intensiver politischen Debatten, die meist schon am Frühstückstisch beim Lesen der Tageszeitung aufkeimten. Mein Opa - bei dem ich lange Zeit aufgewachsen bin - war Sozialdemokrat durch und durch - aber nicht das was wir heute in der SPD erleben, sondern eher der damalige Herbert Wehner Style. Seine (und das der restlichen Familie) flammende Begeisterung für Politik faszinierte mich und nahm mich schließlich mit ein. Ich hatte sachlich zwar überhaupt keine Ahnung, aber ich wusste irgendwie, dass es wichtig ist, für etwas einzustehen, für etwas zu kämpfen und vor allem es laut zu sagen, wenn man etwas nicht richtig findet. Das sind im Grunde genommen demokratische Grundwerte, die wir heute allerdings so bewusst gar nicht mehr wahrnehmen, was ja zuletzt sich wieder in der derzeitigen Zensurdiskussion rund um das unsägliche Internetgesetzt unumwunden zeigt.

Ich stand also auf, ich sagte was ich dachte und kassierte dabei natürlich immer auch Beulen (meist verbaler Art) und sonstige Rückschläge, ganz einfach weil mein Intellekt natürlich noch nicht all die grundlegenden Zusammenhänge der Menscheitsentwicklung, der Grundlagen politischer System und die grundlegenden Kommunikationsmechanismen von Menschen erkennen konnte. Aber dieses Feuer, dieses Interesse für die Belange vieler Menschen auf der ganzen Welt war wesentlich wichtiger, als das rethorische Jonglieren mit “harten Fakten” und cleveren Theorien. Das Feuer, genannt Engagement, oder der Wille die Welt mitzugestalten und zwar nicht nur nach ureigenen Interessen, sondern im Interesse aller. Im Interesse vergangener Freiheitskämpfer, gegenwärtigen Unterdrückten und zukünftigen Generationen. Dieses Gefühl war in mir schon lange vor den mystischen Erfahrungen zur Ganzheitlichkeit der Welt vorhanden. Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird schwer, wenn man mitten in diesem Sinn steckt, nämlich die alten Erfahrungen, das alte Wissen, zu dekodieren um es in der jetzigen Gegenwart anzuwenden, dass zukünftige Generationen glücklicher, freier und zufriedener miteinander leben können. Die Vielfältigkeit von Lebensentwürfen und Meinungen zu bewahren, ohne sich gleich die Köppe einzuschlagen. Der Sinn des Lebens ist simpel: Wir werden geboren, dazu müssen wir Sex haben und dann sterben wir. Wir geben uns Erb- und Denkgut an die kommenden weiter. Wir leben alle irgendwie weiter, abseits unserer zum Teil groß gewachsenen Egos. Wer das nicht erkennt, kann niemals ein erfülltes und glückliches Leben leben, denn er wird immer unmenschlich viel Angst vor dem Sterben haben, denn er wird niemals sein Ego loslassen können.

Doch zurück zur Politik. Politik ist für mich ein Instrument um das gemeinsame Leben auf diesem Planeten in unserem Land in unseren Städten, Dörfern, Betrieben und Schulen zu organisieren und zu gestalten. Politik soll was mit “machen” zu tun haben. Ein nie endenwollender Prozess des Lehrens und Lernens. Politik sollte alles andere als starr sein, denn wenn Politik erstarrt ist sie bereits gestorben und für tote Dinge verwenden wir in der Regel nicht wirklich sehr viel Zeit. Für mich ist die Politik gestorben, als Rot-Grün das Land regierte. Nicht weil sie es besonders schlecht getan haben, sondern weil sie es nicht großartig anders als ihre Vorgänger taten. Große Versprechungen vorab auf den großen Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Bildung und nach dem Wahlsieg der gleiche Modus des repräsentativen Beruspolitikerparlamentarismus. Im Grunde genommen blieb alles beim alten nur dass man versuchte das alte irgendwie neu zu verpacken. Das gelang nicht wirklich, denn diese Regierung zerbröselte ziemlich rasant. Am Ende landeten wir bei der großen Koalition der goldenen, aber für mich eher grauen Mitte, bei dem so wirklich gar niemand wirklich repräsentiert wird, ganz einfach weil sich zu viele Positionen gegenseitig egalisieren. Die Politik wurde inhalts- und gesichtslos, lauter heiße Luft und ein nie endenwollender medialer Wahlkampf gespickt mit Versprechungen, gegenseitigen Beschimpfungen und hohlen Phrasen. Bewegt hat sich seit dem nichts mehr. Die einstigen Wähler und Begeisterten, die endlich 16 Jahre Kohlstarre überwunden hatten, fielen in ein großes Loch, denn sie erkannten plötzlich, dass es gar nichts brachte eine andere Partei zu wählen. Das System war stärker. Die Einflüsse von Lobbyisten waren scheinbar stärker als die eigene Wahlstimme. Wieso in Gottes Namen soll man da nochmal wählen gehen? Wieso sollte man den Leuten überhaupt nochmal zuhören?

Gestern bin ich dann plötzlich wieder erwacht. Ich dachte mir, ich Depp, ich hab mich tatsächlich von denen einlullen lassen. Sie haben es bei mir geschafft mich zur absoluten Interessenlosigkeit zu erziehen. Ich rege mich auf über die Unterhaltungsindustrie, über Werbung, bleibe aber gefangen in meiner Ablehung dagegen. Engagiert bin ich trotzdem nicht, da irgendwas dran zu verändern. Ich bin ein frustrierter, verdrossener Mensch, der sich über die Lebensbedingungen aufregt, aber nicht mehr aufsteht um sich mit anderen Menschen darüber austauscht, wie man es anders machen kann. Es zumindestens zu versuchen, alles dafür zu tun. Und wenn ich merke, dass andere sich nicht dafür interessieren, falle ich sofort in die Frustratiuon zurück, statt einfach weiterzumachen und weiterhin zu versuchen das leidige Thema Politik, als eins der wichtigsten Themen der Welt, wieder neu zu kommunizieren. Politik nicht als institutionelle Inszenierung, Politik als Gestalten der eigenen Lebenswelt. Geschichte nicht nur über sich ergehen zu lassen, sondern Geschichte aktiv mitzugestalten oder zumindestens bewusster wahrzunehmen. Danke Rudi, dass du mir gestern wieder das Interesse dafür geschenkt hast:

Und es geht jetzt auch nicht darum eine Palastrevolution vorzubereiten. Es geht darum im Kleinen zu agieren. So zu agieren, dass andere und damit man selbst glücklicher wird. Den langen Marsch endlich wieder aufnehmen, freies und aufgeklärtes Bewusstsein zu entfalten, Transparenz der Machthaber einzufordern, für die eigenen Rechter der Freiheit starkmachen und sich wieder klarzumachen, dass man sehr wohl etwas erreichen kann. Das kostet Kraft, das kostet Mut - aber mein Gott, es ist weder langweilig, noch nutzlos - jedenfalls nicht nutzloser als der ganze mediale Informationsmüll hier.

11. Jul 2008

Politik - made in Bavaria

Was meinen Sie wohl, was es für eine Unterstützung gibt, wenn ich im Bierzelt die Pendlerpauschale anspreche? Da ist der Beifall genauso laut wie für die Forderung, kriminelle Ausländer abzuschieben.

Günther Beckstein, CSU, Ministerpräsident Bayern im Spiegel-Interview 28/08

24. Jun 2008

Back in Black: McCains Lobbyisten

Das liebe ich an Spiegel Online, keine weiterführenden Links, Texte, die einen Kontextgehalt gen Null besitzen und somit eine aus dem Kontext gerissene Bemerkung eines Präsidentschaftskandidatenberaters zu einem Riesenskandal mit hochstilisiert.

Es geht um Charlie Black, einem engen Berater von Republikaner und Präsidentschaftskandidat John McCain, der gegenüber dem Fortune Magazine konstatierte, dass ein weiterer möglicher Terroranschlag in den USA Vorteile im Wahlkampf für den alten Haudegen John McCain bringen würde.

Natürlich hat er damit absolut recht, er darf es natürlich nur nicht so laut äußern. Black hat nämlich nicht gesagt, er wünsche sich für seinen Kandidaten einen solchen Anschlag, obwohl die Medien genau diese Haltung implizieren.

Dabei ließe sich der Berater McCains sehr viel leichter ins Zwielicht setzen, aber das scheint vielen Journalisten einfach zu heikel und mühsam zu sein, außerdem vergrault man sich damit wertvolle Werbekunden. Charlie Black war einer der mächtigen und skrupellosen Lobbyisten, die auf der ganzen Welt mit Diktatoren und Massenmördern im Auftrag des jeweiligen Konzerns zusammengearbeitet haben. Die Vergangenheit und die immer wiederkehrenden Versprechen McCains, er mache dem Lobbyismus endlich den Garaus, er aber parallel einige Ex-Lobbyisten als Berater ins Boot holt, würden mich als freidenkenden Wähler wohl eher stutzig machen, als die von Black getätigte Aussage zu einem möglichen Terroranschlag, die zudem sogar noch rein wahlkampftaktisch stimmen würde.

Wir sehen also: Verbrechen im Ausland im Namen amerikanischer Unternehmen ist nichts im Vergleich zur schwammigen Tabu-Marke und Angstsymbol Nummer 1: “Terror”.

10. Jun 2008

“Hartz 4 Dynastien”

Abgesehen von der völlig falschen Bedeutung ist dieser Begriff derzeit ein polemischer Leckerbissen, den Politiker aller Couleur gerne mal in den Mund nehmen. Ursprünglich möchten sie damit wohl ausdrücken, dass in ihren Augen Armut, asoziales Verhalten, Faulheit und staatliches Schmarotzertum praktisch vererbbar ist. Dynastien an sich werden zwar eigentlich nur in Verbindung gebracht mit mächtigen und einflussreichen Familienbanden, aber vielleicht ist das bewusste Gegenteil ja gerade die polemisch-ironische Würze für die sowieso sonst so faden Verbalsüppchen der deutschen Politiker.

Wie in jeder Überzeichnung, jedem Klischee und jeder Polemik steckt natürlich auch in dieser Sache ein realistischer Kern. Fakt ist, dass sich große Teile der Verhaltensweisen innerhalb enger sozialer Gefüge natürlich wieder von der folgenden Generation übernommen wird. Sie kennen ja selten anderes Verhalten, welches sie imitieren könnten. Qualmt die ganze Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch der Nachwuchs gerne mal zum Glimmstengel greift. Vertreten die Eltern offensiv nach außen, dass sich der Staat verdammt nochmal zu kümmern hat und dass sie mit Stütze besser wegkommen, als für sich für einen Euro pro Stunde abzuplagen, so werden die Kinder das unverblümt nachplappern und -eifern. Sind die Ausländer an allem Schuld, rauben sie uns den Job, Erfolg, ja einfach alles, so werden die Kinder der Vorurteilsschleuder sicherlich nicht unbedingt ihr Meinungsbild um 180 Grad wenden. Es sei denn…

Ja es sei denn, die Politik bekommt endlich mal ihren lobbyistengeleckten Hintern hoch und fängt an über die Polemik hinaus zu denken und endlich die komplette Sozialpolitik zu reformieren. Wenn es den Politikern also scheinbar schon bewusst ist, wie sich Vorbilder auf die kommenden Generationen auswirken, dann frage mich mich allen Ernstes, wieso sie alles dafür tun, damit das auch in Zukunft so bleibt wie es ist?!

Man muss nur einen Blick auf die erste offizielle Stufe des Bildungs- und Erziehungssystems werfen (gibt auch Vorstufen die aber nicht in unserem Bewusstsein verankert sind, zum Beispiel Hebammenbetreuung etc.) um festzustellen, wo das Schlamassel seinen Anfang nimmt. Beginnen wir bei den Kindergärten. Es ist heute völlig normal, dass sich zwei Erzieher um 27+ Kinder tagtäglich kümmern müssen. 27 Kinder, so ungefähr der Durchschnitt bzw. keine Seltenheit, im Alter von 2 bis 6 Jahre. Zwei Erzieher sollen 27 Kinder den sozialen Umgang miteinander beibringen, dabei super relaxed sein und dafür sorgen, dass sie optimal auf die Schule vorbereitet werden. Habt ihr schonmal einen Pulk von 27 Kleinkindern erlebt? Also ungefähr vergleichbar mit der Bändigung eines Aufsichtsrates - nur eben nicht ganz so gut bezahlt.

Da fängt es doch im Grunde an. An solchen markanten Institutionen kann man eine Gesellschaft messen. Dort kann man die Ernsthaftigkeit zur Lösung sozialer Probleme sofort erkennen - oder eben nicht. Hier könnte man langfristig in eine funktionierende, harmonische Gesellschaft investieren. Hier könnte man einer Gesellschaft von Grund auf beibringen, wie man die jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig ausbalanciert. Es müsste theoretisch niemand mehr aufgrund seines Backgroundes in der zugeschriebenen Rolle verweilen. Und es ist einfach falsch, dass Eltern aus sogenannten “asozialen Milieus” ihre Kinder weniger lieben. Das stimmt nicht. Liebe zum eigenen Genpool ist einer der wenigen Dinge, die jeder hier auf Erden irgendwie miteinander gemeinsam hat. Diese Eltern sind nur einfach sehr viel schneller überfordert, weil sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Diese Eltern sind keine Monster. Im Gegenteil, es sind die tragischsten Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Zerrissen zwischen den eigenen Problemen und der scheinbaren Unfähigkeit für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.

Diese (und eigentlich natürlich alle) Eltern wären jedenfalls sehr dankbar, wenn ihre Kinder ein besseres Leben hätten, wenn sie gefördert würden, integriert würden. Das funktioniert aber auch nur, solange sich die Eltern dabei nicht ausgegrenzt fühlen. Es darf nicht ein Wechsel “auf die andere Seite” erfolgen oder ein Bruch mit der Familie, sondern es muss eine ganzheitliche pädagogische Arbeit erfolgen in der gesamten Familie. Es müssen Freizeitangebote und Zukunftsperspektiven geschaffen werden. Es müssen Alternativen zu Fernsehen, Kippen und Alkohol geboten werden. Es muss therapeutisch gearbeitet werden, ohne den Zeigefinger oder die Bildschlagzeile auszupacken.

Ja, das kostet Geld, aber sicherlich lohnt sich dieser Ansatz tatsächlich für die gesamte Gesellschaft. Also auch für diejenigen, die diese Situation zugleich ignorieren, belächeln, verabscheuen oder von ihr bedroht werden (meist wirklich alles zugleich). Es wird mehr Hoffnung, mehr Zuversicht, mehr Motivation und weniger Gewalt, Kriminalität und “asoziales Verhalten” geben. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach, es wird weiterhin das geerntet, was auch gesäät wird, die Fragen dazu lauten also: Warum ist dafür kein Geld da? Wer profitiert davon, dass alles so bleibt wie es ist? Was müsste sich ändern, damit wir dieses System endlich anders anpacken?

Die eigentliche Armut liegt also ganz woanders in diesem Land.

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Meine derzeitige Traumrolle

Ich an der Karlshochschule

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