“steal our stories” - aufklärerische Meme
Pro Publica ist ein äußerst spannendes journalistisches Projekt in den USA. Die Publikation ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert durch Spenden. Um die direkte Einmischung der edlen Geldgeber in die journalistische Arbeit zu verhindern wurde ein Redaktionsbeirat installiert, der die Einhaltung der jeweiligen strengen Statuten gewährleisten soll. Ein Novum ist sicherlich, dass alle Inhalte auf propublica.org mit dem augenzwinkernden Hinweis „Steal our stories“ unter Creative Commons Licence gestellt sind. Die Publikation möchte also ganz bewusst, dass sich deren Nachrichten verbreiten - natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Quellenverweise. Wer nun meint, dass die Mitarbeiter von Pro Publica irgendwelche Blogger und Semi-Amateur-Journalisten sind, der täuscht sich. Gründer und Milliadär Herbert Sandler hat die verfügbare crème de la crème des US-amerikanischen Journalismus rekrutieren können. Unter Ihnen Urgesteine des investigativen Journalismus vom Wall Street Journal, der Washington Post oder der New York Times. Und sie alle dürfen nun ihren Traumjob so ausführen, wie er vor vielen Jahren mal vorgesehen war, als eine vierte Gewalt im demokratischen Staat, mit scharfer Zunge und gründlich recherchierten Geschichten. Bei Pro Publica geht es weder um Werbekunden noch um Einschaltquoten, bei Pro Publica geht es um den Urgedanken des Journalismus: Mißstände aufdecken, das Volk aufklären und somit mit der Meinungsmanipulation durch Unternehmen, Regierungen und sonstigen Lobbyisten aufräumen. Eine große Anzahl von Skandale im Gesundheitsbereich, der Politik oder im Umweltschutz konnte “die Unbestechlichen“ bereits in die Köpfe der Öffentlichkeit tragen.
Publikationen wie diese - egal ob sie tatsächlich zu 100% vor Manipulation und Falschmeldungen gefeit sind oder nicht - sind die Zukunft unseres politischen Bewusstseins. Unabhängiger Journalismus ist unverzichtbar für eine aufgeklärte und gewachsene Demokratie. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass Journalismus heute zum größten Teil aus Quotengeschwätz, Anzeigen- und Lustreisenfinanzierten Artikeln und 1:1 abgeschriebenen PR- oder Agenturmeldungen bestehen. Uns ist es egal geworden - wir haben aufgegeben alles zu hinterfragen. Es ist zu viel. Wir sind supersized. Auf der anderen Seite kann sich kaum noch ein Journalist die Zeit für ausgiebige Recherche mehr leisten. Schnelligkeit ist das Gebot der Stunde. Nachrichtenbullemie: Schnell reingefressen und anschließend schnell wieder rausgekotzt und vergessen. Und der Geist und unser Verstand hungern sich langsam aber sicher zu Tode. (Danke an Michael für die Metapher)
Politisches Engagement steht und fällt mit seiner Berichterstattung. Wer den Film „Free Rainer“ gesehen hat, kann sich zwar ein überzogenes, aber sicherlich nicht ganz so unwahres Bild von unserer Medienlandschaft machen. Wir werden auf Fast-Brain-Food gedrillt - so wie uns fettige Burger und weiche Brötchen immer wieder zurück in die Frittieranstalten treiben, obwohl wir wissen dass sie uns fett und träge machen. Uns ist danach zwar wieder schlecht und wir schwören uns dort nie wieder zu essen, aber wehe dem das gelbe Neonlicht erstrahlt und fettiger Pommesduft schmiegt sich unter unsere Nasenflügel. Wir können nicht anders. Wie die Motten das Licht suchen, gieren wir nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung und erleben anschließend dennoch weiterhin die kurzzeitig zugestopfte Leere.
Wir werden nicht von irgendjemanden dumm gehalten, wir halten uns selbst dumm. Das ist das Erschreckende, das ist das was ich Marcus in seinem Kommentar zunächst nicht glauben mochte, aber er hat vollkommen Recht. Denn es gibt sie, die Alternativen. Sie sind heute genauso greifbar wie all die alternativen zu den Fastfoodbunkern und Boulevardschleudern. Das aufgeklärte Wissen ist da draußen. Das Internet macht es sichtbar - wenn wir es wollen, wenn wir uns endlich überwinden und uns darauf einlassen. Wenn wir es fordern und fördern. Aber vor allem weiterverlinken. Replizieren. Verbreiten.
Der Weg zur Revolution liegt nicht darin irgendwelche Systeme und dessen Vertreter abzuschaffen, zu zerstören oder einfach nur macht zu verschieben. Die (R)evolution liegt in uns selbst, sie liegt zum Greifen da. Wir sind uns selbst unser größter Feind. Unser Fleisch ist schwach - unser Geist ist es erst recht! Sind wir denn wirklich zufrieden? Sind wir so zufrieden, dass wir nichts mehr verändern wollen?
Wie kommen wir da nur raus? Nun, das Schlüsselwort lautet „Bewusstseinsentwicklung“. Das was eine ganze Generation um 1968 mit Hilfe von psychedelischen Drogen-Happenings von heute auf morgen erzielen konnte, müssen wir uns in einer psychedelisch-esoterisch tabuisierten Leistungsgesellschaft hart erarbeiten. Durch Achtsamkeitsübungen, selbstdisziplinierende Maßnahmen oder schlichtweg permanente Reminder. Also doch wieder der Weg gen Osten. Wir müssen unsere “Erleuchtung” Stück für Stück selbst anlesen und uns mühselig von Hyperlink zu Hyperlink ackern. Das Internet ist nicht umsonst eine Erfindung, die aus den Köpfen einiger Silicon-Hippies entsprungen ist. Sie haben im Grunde nichts anderes getan als ihre mystischen Erfahrungen von der Ganzheit der Welt und des Wissens technologisch abzubilden. Das „global brain“ mit Glasfaserkabeln und riesigen Routern zum Leben zu erwecken. Ich weiß schon warum „sie“ das Internet so fürchten und versuchen es unter ihre Kontrolle zu bringen.
Der Informationsfluss ist eine reißende Kraft. Informationen haben schon immer die Welt regiert. Zuerst kam die Information, dann erst das Geld. Das Wissen um Angebot und Nachfrage, kleine schmutzige Geheimnisse zu Erpressungszwecken oder Goldgruben aus Insiderinfos. Informationen ist alles. Je offener vernetzter sie sind, desto gleichberechtigter und freier werden wir. Jetzt müssen wir nur noch zuhören und die richtigen Drähte anzapfen. Lasst uns gegenseitig dabei helfen!



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