
Es ist doch eigentlich recht logisch. Durch das Internet erhalten wir eine enorme Breite an Inhalten. Jeder Mensch kann seine Gedanken, Ideen und Teile seiner Persönlichkeit durch vielfältige mediale Formen einspeisen, austauschen oder miteinander kombinieren. Sozusagen eine Art Ursuppe, mit allen geistigen Zutaten, die es theoretisch jedenfalls, da draußen gibt. Momentan sind es nur die Menschen, die Zugang zum Netz haben, das stimmt. Doch die Nutzerzahlen steigen weiterhin mehr oder weniger konstant nach oben.
Es entstehen dadurch aber auch gigantische Denk- und Kulturkollisionen. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: Alle Menschen mit ihrer bisherigen Kultur-, Religions- oder Denkprägung, treffen virtuell aufeinander. Jeder Mensch verfolgt andere Interessen, ist von völlig verschiedenen Motivationen gelenkt. Wir kennen das schon im kleinen Kreis der Menschen, die uns umgeben. Dickschädel prallen mitunter auf Dickschädel.
Ganze Kulturen (Mikro- wie Makro) tauschen sich in nie dagewesener Form untereinander in Wort, Bild und Klang aus. Es entsteht dabei als Zwischenprodukte oft Angst, Entspannung, Neid, Freude, Sabotage, Kollaboration, Krieg, Frieden, Abschottung oder Austausch. Aber es findet langsam eine direkte Konfrontation statt. Jede entscheidet für sich, wie er neuen Kulturen begegnet, wenn er sie entdeckt. Entweder herzlich kennenlernen oder umgehend brandschatzen.
Das wie gehabte Leben geht also ganz normal weiter, nur eben auf kleinstem, verdichteten Raum, mit verdichteter Zeit, alles in unserem Kopf, denn wir nehmen ja nur Lichtreflexe aus dem Display war und verarbeiten sie zu inneren Bildern. Die Worte, die wir lesen, die Bilder, die wir anschauen oder die Musik, die wir hören, all das kommt aus einer Maschine, richtig lebendig werden sie erst bei uns im Kopf, wenn sie an unsere Emotionen, Erinnerungen oder vorhandenem Wissen andocken. Alles wird näher, schneller, vielfältiger und damit auch komplexer. Menschen, die das Internet als “dumm machend” einstufen, verwechseln leider ein Werkzeug mit dem Werkzeugbenutzer.
Hat uns das Rad dümmer gemacht? Kann sein, aus meiner Warte heraus würde ich sagen “nein”, obwohl ich leider nicht die Intelligenz der damaligen gesamten Bevölkerung hieb- und stichfest dokumentieren konnte, bzw. ich frage mal anders:
Kann eine Person den gesamten Inhalt des Web, auf einen Blick, also aus der Metaperspektive heraus erfassen?
Wenn eine Person das kann, ist es objektiv möglich all diese Inhalte in “schlaue” und “dumme” Inhalte einzuteilen?
Wenn eine Person das kann, was soll mit den “dummen” Inhalten überhaupt geschehen? Oder entscheidet die Person am Ende, dass gleich alle Inhalten ausgelöscht werden sollten, so dass wenigstens noch die dummen Inhalte sicher mit verschwinden?
Ja, Andrew, es gibt dumme Inhalte. Rein subjektiv. Aus meiner Warte heraus, kann ich dir attestieren, dass dein Inhalt für mich ganz persönlich dumm erscheint. Ich halte ihn für dumm, so wie du sicherlich meine Inhalte und Denkweisen nun als “dumm” titulieren würdest, wenn du überhaupt etwas von meinem Beitrag hier mitbekommst.
Das heisst jetzt dennoch nicht, dass dein Beitrag für mich und viele andere wertlos war bzw. ist. Nicht nur ich habe jetzt einen Beitrag dazu geschrieben, also deine Ideen, Ansätze und Meme rekombiniert - offensichtlich fühlten sich einige davon berufen, diese rekombiniert zu replizieren. (“aktuell”)
Als Empfänger der Information, also du lieber Leser und Web 2.0 Nutzer, stehst du nun ebenfalls vor der Wahl zwischen “weiterleiten” (replizieren), “kommentieren” (rekombinieren) oder zu “ignorieren” (selektieren).
Im Internet erfährt die Selektion (bsp. das Ignorieren solcher Themen) zur Zeit natürlich einen starken Dämpfer. Inhalte schießen aus dem Boden des kommunikativen Nährbodens, werden dauerhaft archiviert, bzw. nur spärlich irgendwann wieder gelöscht. Die Zahl der Replikation ist gigantisch (man denke allein an klassischen Spam oder Werbung im Allgemeinen, die Nachrichtensektion über die Agenturticker usw.). Also Redundanten wohin man blickt. Doch dann gibt es noch etliche, die rekombinieren diese Informationen und leiten sie dann erst weiter.
Diese “Rekombinatoren” werden in Zukunft immens wichtig sein, denn diese sorgen für die Artenvielfalt im Internet. Durch Rekombination wird zum großen Teil auch die Replikation der Kernbotschaft vorangetrieben, oder anders gesagt: Ohne die Möglichkeit zur Rekombination wird es weniger Replikation geben. Die Attraktivität zur Replizierung nimmt stark ab, da jeder einzelne einen bestimmten Wert aus der Weitergabe der Information ziehen möchte, also Anerkennung in jedweder Form. Das ist ein wichtiges Axiom, wenn es um Mundpropaganda (natürlich nicht nur für Produkte und Werbegedöns, sondern für Informationen an sich) im Allgemeinen geht.
Wir entscheiden, ob Qualität (wer auch immer die bestimmt) bewertet wird durch den größten Konsens an Meinungen (Mainstream) oder dem größten vorherrschenden Leidenschaftsgrad (Involvement). Es wird natürlich immer irgendwie eine Kombination aus beidem sein, denn es gehören grundsätzlich immer mehrere Menschen dazu. Und das ist doch das Schöne daran, oder?
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