(r)evolution starts at home
Demnächst werde ich mich in meine zweite “Elternzeit” zurückziehen. Schade eigentlich, denn als ich die Überschrift im Spiegel (Online wie Print) “Elternzeit nützt Kindern nichts” (Hier z.B. ein Kommentar von Sebastian Keil) gelesen habe, frage ich mich nun schon ernsthaft, ob ich meine Kinder tatsächlich auf ihrem Erfolgsweg durch meine Anwesenheit, intensive Fürsorge und damit frühstmögliche emotionale Vertrauensbindung, behindern soll. Ihr Schicksal wäre durch die sehr dauerhafte Anwesenheit beider Elternteile, laut Studie -äh- Spon/Artikel, wie folgt [Fettschrift zu Manipulationszwecken zum Textverständnis von mir hinzugefügt]:
Die Studie zeigt, dass es für die spätere berufliche Entwicklung der Kinder keine Rolle spielt, ob die Eltern nach der Geburt zwei, zehn oder 36 Monate zu Hause bleiben.
(…) Weder in der Schullaufbahn noch im Lohnniveau übertrafen die ersten Profiteure der verlängerten Elternzeit nennenswert ihre unmittelbaren Vorgänger. Der Anteil der Gymnasiasten in den privilegierten Kohorten erhöhte sich um maximal 0,1 Prozent, die Gehälter waren um maximal 0,3 Prozent höher.
Natürlich möchte ich meinen Kindern nicht die Chance auf mehr Lohn und eine elitäre Universitätsausbildung verwehren. Was für ein Vater wäre ich?
Nein, sich gegenseitig als engsten Bund des Lebens kennenzulernen, die ersten Wochen bei so viel Trubel und Energiebedarf einigermaßen zu überstehen oder sich die Zeit zu nehmen, um für einen winzigen Augenblick den puren Sinn des Lebens, der Schöpfung, des Kreislaufes, des Seins zu begreifen nutzt defintiv nicht dem Kind (Vielleicht gerade noch den Eltern).
Das Kind von einem geborgenen, schwerelosen aber physisch sehr beengtem Zustand im Mutterleib in die temperaturschwankende, schrille, sorgenvolle und physisch unbegrenzte Welt einzuführen, erfordert nicht viel Kraft und schafft man doch locker ganz alleine. Es spielt auch überhaupt keine Rolle ob ein Elternteil extrem gestresst oder übermüdet ist. Es wirkt sich nullkommanull auf die Kommunikation mit dem Kind aus. Und wenn schon? Wie wichtig kann nonundonverbale Kommunikation sein? Wie wichtig kann schon die Botschaft für ein Kind sein, wenn Elternteile und Eltern überfordert und gestresst agieren?
Ich kann mich noch ganz genau an die Geburt meines Sohnes erinnern. Ab der Sekunde wo es klar war, dass es losging, habe ich komplett umgeschaltet. Mein Körper und mein Geist hat sich in einen Modus gehievt, wo alles andere auf der Welt völlig unwichtig und bedeutungslos wurde. Mein gesamtes Bewusstsein war in diesem Moment im Jetzt, in der Gegenwart, im Hier. Fokussiert wie ein Laser handelte ich automatisch (aber nicht authistisch), bestimmt und konzentriert. Das Gefühl, das erste Mal sein Kind in den Armen zu halten ist reinste Meditation. Alles andere ist sowas von bedeutungslos, ja gar nicht existnt. Es zählt einzig und allein in diesem kurzen, aber sehr intimen Moment das Leben, das Sein, die Entstehung des Lebens und auch ein Stück weit die Fortsetzung des eigenen Lebens über den Tod hinaus. Family first.
Stimmt, es wäre fatal, wenn ich durch ein von Beginn an gewachsenes Vertrauensverhältnis, meinem Sohn zu viel beibringen könnte, wenn ich ihn dadurch von noch mehr Gehalt im späteren Berufsleben abhalte. Wenn ich meine Frau entlaste und dadurch ein insgesamt entspannteres Leben herbeiführe.
Vielleicht sollte man die Zeit mit den Kindern begrenzen und in dieser kurzen Zeit ihnen beibringen, wie man mit galanten Verdrehung, Täuschung und einer Eliteuniversitätsausbildung einen Haufen Asche verdient. Vielleicht sollte man ihnen immer wieder einschärfen, dass es letztendlich immer nur ums Geld geht. Geld und Aussicht auf Geld soll das Leben grundsätzlich bestimmen - koste es was es wolle. Schließlich brauchen wir es alle. Wir müssen genug Geld verdienen um genügend konsumieren zu können. Sinn des Lebens. Ganz klar. Amen.
Doch jetzt lege ich den Sarkasmus nieder. Er ist für meine letzten Zeilen nicht mehr von Belang.
Man wird mich in der nächsten Zeit weniger aktiv von außen erleben (so wie ich es eigentlich schon in anfänglichen Zügen getan habe). Ich möchte den zweiten Kontakt mit dem Wunder des Lebens diesmal wesentlich bewusster genießen. Dafür werde ich ab sofort meine gesamte Energie investieren. Was das für meine außerheimische Präsenz bedeutet, ist nur logisch. Aber wir sehen, lesen und hören uns sicherlich sehr bald - wenn das Wunder seinen Platz gefunden hat - wieder. Dann muss ich auch wieder ran, um die extrasaugfähigen Windeln und die Collegausbildung zu finanzieren. CU!



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