10. Jul 2008

Austausch zum Thema “Freelancer-Netzwerk”

Freelancer-Netzwerk oder Agentur

In Twitter stellte ich die spontane Frage, ob ein “Freelancer-Netzwerk” den “normalen Agenturen” das Wasser reichen kann, bzw. sie sogar noch schlagen könnte. Aus meiner bescheidenen Erfahrung (durch Arbeit sowohl in einer Agentur wie auch innerhalb eines losen Netzwerkes) heraus, kann ich ungefähr die Vor- und Nachteile des jeweiligen Modells abwägen und auflisten. Gerne würde ich aber auch eure Erfahrungen zu diesem Thema hören und wer weiß, vielleicht entsteht aus dieser Diskussion ja am Ende etwas handfestes oder wenigstens eine klare Erkenntnis.

Hier mal ein paar Grundüberlegungen von mir (habe sicherlich haufenweise vergessen oder übersehen):

Freiheit
Freelancer sind Individuen, Diven und somit einfach einzigartige Menschen, die ihre Freiheit zu schätzen gelernt haben. Sie in ein starres Gefüge pressen zu wollen, könnte Schwierigkeiten geben.

Kunden
Akquise bzw. Kontakt ist der Dreh- und Angelpunkt im Geschäft. Wenn man nicht gerade das Glück hat einen gewissen Bekanntheitsgrad entwickelt zu haben, so ist die Akquise wirklich richtig fies. Aber gerade da kann ein Netzwerk helfen.

Größe
Irgendwann ist die Handbarkeit einer Organisation durch deren Anzahl limitiert. Viele Spezialisten verbreitern natürlich die Angebotspalette, müssen aber eben auch aufwendiger “gemanaged” und versorgt werden. Enge, kleine Teams dagegen könnten sehr eingespielt agieren und richtige kreative Feuerwerke entfachen. Doch wehe dem, es fällt mal einer aus. Doch wer will schon gerne auf der Reservebank sitzen?

Image
Auch wenn der Trend sicherlich immer mehr für so ein Netzwerk sprechen würde, so überlässt man die großen Jobs eben auch den großen “gestandenen” Agenturen. Hier müssen Präzedenzfälle wie aus GB geschaffen werden, um zu beweisen, dass so ein Netzwerk im Grunde nix anderes ist als eine “normale” Agentur (nur eben wesentlich kostengünstiger, spezialisierter, effektiver und ohne großes Cannes-Cannes)

Rechtsform
GmbH, OHG, Gbr, AG? Wer ist wie beteiligt, wie verteilen sich die Einnahmen und Gewinne? Was geschieht mit Rücklagen und notwendigen Neuinvests? Bekommt derjenige, der den Kunden anschleppt mehr als die anderen? Wie sieht es steuerlich aus oder bei Rechtsstreitigkeiten und Haftungsfällen? Ich fürchte, da wird mir am meisten schlecht, zumal ich davon zu wenig weiß. Wer kann helfen?

Räumlichkeit
Mobil sein oder doch ein festes Büro mit Meetingraum? ICE Conference, Regus oder gleich beim Kunden arbeiten? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein mobiles Arbeiten (ohne wirkliche Firmenpräsenz) in unserer Branche gar kein Problem mehr ist, manchmal wird sowas sogar als “cool” anerkannt (aber vielleicht auch nur im Bezug auf die neuen Medien).

Auftreten
Ich wollte eigentlich den Begriff “Philosophie” bewusst vermeiden, nichtsdestotrotz muss so ein Netzwerk ja auch ein gewisses grundsätzliches Verständnis zur kreativen Arbeit entwickeln und nach außen kommunizieren. Wie und wohin positioniert sich das Netzwerk? Ist man reine “Werbeklitsche” oder strebt man zu ganzheitlicheren Ansätzen (Produktentwicklung, Trendforschung, Buzz-, Guerilla-, PR2.0oderwasauchimmer). Stellt man sich regional, national oder global auf?

Aufstellung
Wie müsste danach ein schlagkräftiges Freelancernetwork aufgestellt sein?

x Kontakter (Akquise)
x Projektmanager
x Konzeptioner Online (Planner o.ä.)
x Konzeptioner Offline (Planner o.ä.)
x Printdesigner
x Screendesigner
x Fotografen
x Texter
x Produktioner
x Illustratoren
x Buchhalter
x Anwälte
x Produktdesigner
x Industriedesigner
x Psychologen
x Soziologen
x PR-Berater
x Journalisten bzw. Publizisten
x Unternehmensberater
x Eventmanager
x Architekten
x Mediaplanern
x Videoproduktioner
x Regisseure
x Drehbuchautoren
x …

oder einige genmutierte Kreativsäue (mit jeweiligen Mischskills).
Würde ich eine Agentur leiten, so würde ich größten Wert auf die Skills meiner Mitarbeiter legen, d.h. stetige Analyse der jeweiligen Stärken und fehlendem Know-How, mit anschließender fortwährender Verbesserung der Skills. Warum sollte ein Produktioner z.b. nicht auch fotografisches Können entwickeln können, also woran hat er außerhalb seines Tagesgeschäftes Freude und womit kann er es vertiefen und somit ein wertvollerer Mitarbeiter für alle (Kunde, Agenturinhaber, Team und er selbst) werden?

Führung
Führungslos geht gar nicht. Doch wer kann mit wem, wann und warum? Wie erzielt man ein grundlegendes, ehrliches “Setting”, so dass die bestmöglichste Grundlage für vertrauensvolle Zusammenarbeit erfolgen kann? Gibt es einen Entscheider oder mehrere? Durch das Netz von sehr vielen kleinen Unternehme(r)n könnte irgendwann Missgunst und Neid entstehen. Somit ist die größte Herausforderung und Voraussetzung zur Funktion dieses Netzwerkes, eine gegenseitige Klarheit der gemeinsamen Ziele, des organisatorischen Ablaufes (erfordert Disziplin und großen Konsens) und der letztendlichen Vergütung. Als Agenturinhaber würde ich regelmäßige Supervisionen initiieren (aber nur wenn alle das wirklich wollen, sonst ist es natürlich sinnlos), die dieses Setting immer wieder reflektieren und somit am Leben halten. Früher sollten Agenturausflüge oder Preisverleihungen so ein Rahmen der Reflektion und des gegenseitigen Feierns und Ankuschelns sein, wieso also nicht gleich während der Arbeit?

Disziplin
Das wird für viele bitter sein. Stundenzettel kennen jedoch sowieso schon viele. Gehört eh irgendwie dazu (vielleicht kann man das sogar durch ein neues Modell abschaffen). Trotzdem gelten bei Netzwerken auch andere bestimmte Grundregeln, die zangsläufig eingehalten werden müssen, um das Netzwerk nicht zu gefährden. Einhaltung von Terminen, Erreichbarkeit in Einzelfällen, Regeln bei der gemeinsamen kreativen Arbeit, jeder ist gleichwertiger Repräsentant des Netzwerkes. Greift “er” oder “sie” daneben, greift es auch gleich das gesamte Netzwerk.

Kosten
Für den Auftraggeber ist das Freelancernetzwerk (in der Idealvorstellung) effizienter. Je nach Selbstverständnis und Organisationsform des Netzwerkes kann sich der Kunde versteckte Kosten wie Bürounterhalt, Reinigungspersonal, Awardteilnahmen, Fuhrpark und end- und sinnlose Projektmanagermeetings sparen. Das Preis-/Leistungsverhältnis wird auf alle Fälle zu Gunsten des Kunden verschoben. Natürlich geht der Kunde auch ein gewisses Risiko ein, aber ich denke auch dafür kann es Lösungen geben.

Vernetzte Spezialisten
Wenn sich ein schlagkräftiges Netzwerk zusammengeschlossen hat, so besteht dies aus Spezialisten aller Couleur in verschiedenen Städten und Ländern verteilt. So tauscht man sich nicht nur fachlich richtig global aus und bekommt schneller etwas von Trends und Geschehnissen in der jeweiligen Region mit. Das ist sehr wichtig und wird von Agenturen kaum praktiziert.

Geld
Geld muss da sein, d.h. es darf nicht vermisst werden, es darf aber auch nie die antreibende Kraft sein. Die möglichen Störprozesse durch das Thema Geld müssen unbedingt vorab geklärt werden. Gerade hierzu bedarf es einer gewissen Führung (muss und darf kein Alleinherrscher machen) oder man sourct das Thema gar komplett aus und schafft somit neutralen Boden. Geld ist der Scheidungsgrund Nummer 1 in Deutschland.

Sex
Never ever fuck the company! (Unless you are married or get married after)