Ich liebe ZEN-Geschichten. Sie sind für mich sehr spannende und nützliche Denktools. Metaphern und kleine Geschichten, die irritieren, alte Denkstrukturen aufreissen können und Dinge sehr gut auf den Punkt bringen können, dafür aber auch lange nachklingen. Eine meiner Lieblings-ZEN-Geschichten habe ich in dem Buch „Der neue Prometheus“ von Robert A. Wilson entdeckt. Wilson selbst ist übrigens der entscheidene Autor, der meine Gehirnstrukturen gehörig durcheinandergewirbelt hat. Er erzählt also folgende ZEN-Geschichte in seinem Buch nach:
Ein Mönch geht aus Verzweiflung, weil er nie die erstrebte Erleuchtung erzielt hat, zu seinem Lehrer und fragt ihn um Rat. Dieser riet ihm an nichts anderes zu denken als an einen Ochsen. Fortan meditierte der Mönch Tag für Tag, Stunde für Stunde über den Ochsen. Er stellte sich ihn vor, zerbrach sich den Kopf über den Ochsen. Schließlich kam der Lehrer eines Tages zur Zelle des Mönchs und sagte: „Komm heraus, ich habe mit dir zu reden!“ „Ich kann nicht!“, antwortete der Mönch. „Meine Hörner passen nicht durch die Tür!“ Ich kann nicht … Bei diesen Worten erlangte der Mönch die Erleuchtung.
Genau wie Wilson habe ich meine helle Freude an dieser Geschichte, denn sie repräsentiert eines der größten blockierenden Meme, die der Mensch kennt. Ich nenne es hiermit das: Ich-denke-dass-meine-Hörner-zu-groß-sind-Mem. Wie oft standen wir schon vor Situationen in denen wir scheinbar hilflos vor uns hinstotterten: Aber, aber ich kann nicht, weil … Die Situationen in denen so etwas vorkommen reichen von banalen Alltagsmomenten wie „Das habe ich noch nie gekonnt“ bis „Das ist absolut undenkbar“.
Wenn uns die Geschichte eines lehrt, ist es die Kraft der Vision, also die tatsächliche Machbarkeit des scheinbar Nicht-Machbaren. Wie viele falsche Prophezeiungen wurden schon ausgesprochen, die sich bereits Jahre später als falsch oder ganz anders erwiesen. So wurde ja auch prophezeit, dass es den Personal Computer niemals geben wird, ganz einfach weil dieser zur damaligen Zeit einen ganzen Raum in Anspruch nehmen würde und er ein kleines Vermögen kostete. Nichtsdestotrotz sind wir schon lange über den PC hinaus. Wir sind per Mobiltelefon (in Zeiten des Telegraf als Spinnerei undenkbar gewesen) – bei guter Netzabedeckung jedenfalls – permanent online! Das wird uns alles gar nicht mehr richtig bewusst und der einzige Grund, warum wir bei Innovationen oder Utopien so oft ins Stocken geraten ist nicht etwa das Problem der Ideenlosigkeit, sondern die Tatsache, dass wir uns selbst ungeheuerliche Denk- und Machbarkeitsblockaden auferlegen: Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.
Mit dieser Geschichte im Hinterkopf sollten wir mal über einige unerschütterliche Meme meditieren, zum Beispiel:
- Demokratie ist die einzig ideale und umsetzbare Regierungsform und der Kapitalismus die einzig funktionierende Wirtschaftsform.
- Wir müssen alle sterben.
- Der Mensch wird sich und sein Verhalten niemals verändern.
- Zeitreisen sind unmöglich.
- Pazifismus und Weltfrieden ist blanke Träumerei.
Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.


