BREITENBACH


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5. Apr 2009

re:publica 09: we don’t need no conferences?

rep

Hach, wie erfrischend fand ich seinerzeit das allererste Barcamp in Berlin. Dieses herrliche Selbstverständnis einer Unkonferenz. Jeder trägt etwas bei, es gibt keine reinen Konsumenten. Kein reines Absaugen, kein Frontalunterricht und keine Verkaufspräsentationen. Wundervolles Vernetzen in ungezwungener Atmosphäre und ein wirklich reichhaltiger Austausch von Erfahrungen, Wissen und sonstigen wertvollen oder von mir aus auch sinnfreien aber humorvollen Informationen. Die Unkonferenz als Ausdruck der damaligen Web-Szene, die so ganz und gar sich gegen die Konventionen des Medienestablishments stemmen wollte. Cluetrain in der linken, Laptop in der rechten Hand und Hauptsache es gibt W-Lan, Kekse und Gleichgesinnte, alles andere wird sich schon ergeben.

Donnerstag Nachmittag, 2.4.09, auf der re:publica. Ich lausche einer Mittfünfzigerin. Geschichtslehrerin. Schule oder Schulform habe ich vergessen. Ich bin einer der wenigen Zuschauer, die der Referentin ins Gesicht schaut - oder vielmehr keinen flimmernden Bildschirm vor sich stehen hat. Ich versuche zuzuhören, so gut wie man es eben in Frontalunterrichtmanier tun kann. Und während ich so lausche, bemerke ich, in welch absurder Situation ich mich gerade befinde. Da steht eine gestandene Lehrerin, die im gestandenen Lehrermodus über das veraltetete System Schule wettert. Überhaupt Web 2.0 sei doch die Lösung für unsere Bildungsmisere. Das Web 2.0 zeige uns den goldenen Pfad zu fröhlicher Lehr-/Lernbereitschaft und dem Drang nach lebenslangen Lernen. Selbst die verschmähten Killerspiele bzw. eher die süchtigmachenden MMORPGs (ein Jubel ging durchs Publikum als die Referentin in der Lage war, die Abkürzung korrekt, wenn auch nicht ganz flüssig wiederzugeben, aber geschenkt, sie ist über 40 und aus der anderen Welt, da muss man Anerkennung zollen. Leicht beschämt gab sie dann auch zu, dass ihre Kinder sie in diese geheimnisvolle Welt eingeführt haben.) Sorry nochmal. Selbst die verschmähten Killerspiele bzw. eher die süchtigmachenden MMORPGs waren für die Dame ein Garant für die Entwicklung von sozialer Kompetenz und ein sinnvolles Hilfsmittel zum Erlernen von kreativen Methoden um all die kniffligen Probleme des Alltags gemeinsam zu lösen. Egal ob nun als Ork oder Schamane. Sag ich mir auch immer wieder.

Das Schul- und Lernsystem, so wie sie seit 200 Jahren bestehe, sagt sie, wäre völlig fatal. Das vorgegebene Wissen sei sowas von schrecklich. Der forntal eingehämmerte Lehrfahrplan nahezu unverantwortlich. Kollaboration, vernetzte Kommunikation, freies Lernen mit all den tollen Tools wie Wiki und Co., seien die wahren Heilsbringer der zukünftigen Wissensgesellschaft. Am besten solle man alles alte komplett einstampfen und sich voll und ganz auf das Wundermittel Web 2.0 konzentrieren. Bis auf zwei Ausnahmen, einem älteren Herrn, offensichtlich ein Kollege aus der Zunft, der dann gleich zum Gegenvortrag ansetzte, und mir herrschte im Saal entweder eifrige Zustimmung oder vollkommendes in bildschirmstarrendes Desinteresse. Leider kam ich dann doch nicht mehr zu Wort, da man sich auf 1-2 Meinungen zum 30-Minuten-Vortrag aus zeitlichen Gründen beschränken musste. Vortrag 30 - Diskussion 5. Schließlich erwartete man Lawrence Lessigs Powerpointfeuerwerk. Niemand erhob also mehr seine Stimme, fragte sich, was geschehen würde, wenn wir den Lehrplan einfach mal weglassen und jedem es selbst überließen das zu lernen was man grad so will. Niemand fragte sich, was denn der Sinn und Zweck des bisherigen Systems Schule war und ob da nicht doch das ein oder andere gute Element innewohnte, das man ggf. retten könnte. Und vor allem fragte sich niemand im Saale, ob denn diese Vorgehensweise, also einen Frontalvortrag mit quasi nicht realisierter Diskussion nicht genau das war, was diese Frau da gerade so enthuiastisch auf der Bühne niederreißen wollte? Wie gesagt. Spätestens ab da war mir bewusst, wie absurd diese Konferenzinhalte und -gestaltung im Kontext von “Netzmenschen”, “menschlichen Neuornen”, eigentlich war.

Doch es war natürlich nicht alles schlecht. Das gute war: Es gab KEIN W-LAN. So war man quasi dazu gezwungen, sich noch mehr mit anderen Menschen Auge in Auge zu unterhalten. (Es sei denn man begegnete einem hysterischen Super-Poker, der einem aber umgehend links liegen ließ, wenn man selbst nicht so ein possierliches Poken besaß.) Diese Unterhaltungen stellten sich als außerordentlich erfrischend dar und man stellte sehr schnell fest, warum man eigentlich auf solche Veranstaltungen geht. Man mag sich irgendwie - klar man lästert auch über dies und das - man hat gemeinsame Themen und mitunter auch sicherlich ähnliche Interessen. Man erinnert sich plötzlich, wie man mal vor zig Jahren gedacht hatte, als diese komischen Blogs auftraten und warum man das damals gemacht hat und wogegen man damals damit irgendwie protestieren oder alternativ publizieren wollte.

Wie dem auch sei. Für mich hat es sich letztlich doch gelohn, denn ich lernte neue spannende Menschen und ihre Projekte kennen, entdeckte Schnittstellen und setze diese Vernetzung nun fort. Doch soll ich ehrlich sein? Dazu brauche ich diese ganzen Vorträge nicht. Lawrence Lessigs Vortrag war genial, keine Frage, aber er hätte auch über die deutsche Einkommenssteuererklärung mit Anlage F referieren können, bei seiner Methodik und Begabung als Redner, wäre auch das mit tosendem Applaus gewürdigt worden. Er kann einfach Geschichten erzählen, da ist es völlig egal ob der Inhalt (Copyright, Piraterie und Creative Commons) schon vor vielen Jahren diskutiert wurde. Bitter wird es natürlich dann, wenn die Inhalte längst dem Publikum (hey das sind alles heavy Internetuser, die sich im Netz über Themen kollaborativ ständig austauschen) bekannt sind, der Vortragende aber den Esprit eines Sacharbeiters für die deutsche Einkommensteuererklärung mit Anlage F versprüht. Fail!

we don’t need no conferences?
we don’t need no thought control?

Das Original mit Bezug zur Schule hätte die oben beschriebene Lehrerin sicherlich freudestrahlend mit eingestimmt, ohne dabei zu merken, dass sie auch weiterhin Teil des perfiden Systems der Frontalkonferenz bleibt. Das ist bitter, ja geradezu kafkaesque.

Brauchen “wir” also weiterhin diese Art von Konferenz? Ich würde sagen ja, denn dadurch haben wir eine Begründung unseren Chefs gegenüber mal wieder nach Berlin zu fahren um mit netten Menschen einen zu saufen. Wir brauchen diese Konferenzen um mal in Ruhe unsere Mails abzurufen, dabei aber so aussehen, also ob wir uns mit Unterricht weiterbilden. Wir brauchen diese Panels, damit wir in den Plaudereien dazwischen einen Smalltalk-Einstieg haben. Wir brauchen diese immer wieder und wieder auftauchenden Themen, damit wir uns nicht die Mühe machen müssen, mal etwas neues zu wagen oder gar Missionen zu formuieren. Wir brauchen die Vorträge, damit wir auch mal ganz schnell flüchten können, wenn uns der Gesprächsteilnehmer in der Lobby gerade tierisch nervt.

Und ich? Nun, ich brauche diese Konferenz, damit ich mal wieder von alten Unkonferenz-Barcampzeiten schwärmen kann und einen ellenlangen Schmähblogbeitrag schreibe, den eh keine Sau liest, weil kein einziges Mal “Twitter” drin vorkam.

PS: Danke an das Orga-Team, denn es war wirklich gut organisiert. Ihr solltet das beruflich machen. Da ist der Inhalt dann eigentlich auch völlig schnuppe, hauptsache jeder ist irgendwie da.

14. Mär 2009

Die kranke Welt in unsere Köpfe

Danke Boulevard, dass du uns die kranke Welt des Killers in aller Ausführlichkeit in unsere Hirne brennst. Danke, dass du uns mit billigen Fotomontagen zeigst, wie erwachsen und martialisch der 17-Jährige psychisch kranke Jugendliche mit großer Knarre aussehen könnte. Danke, dass du dadurch den Angehörigen aller Beteiligten noch mehr Angst, Schmerz und Wut schenkst. Danke an all die Unternehmen, die ihre Marken und Produkte im “Blutbad” präsentieren. Danke für die zahlreichen Fotos und Videos über den Täter, so werden wir ihn ganz gewiss sehr lange in Erinnerung behalten. Danke, dass ihr den immer wieder den vollständigen Namen des Täters nennt, so dass auch alle Namensbesitzer das Stigmata lange tragen dürfen. Danke, dass ihr Originalaufnahmen der letzten Minuten des Täters zeigt, so dass wir auch getrost ohne gesetzlich legitimierte Todesstrafe in den Genuss eines Rachegefühls kommen können. Danke, dass ihr Depression und psychische Krankheit weiter als gefährliches Tabuthema bestärkt. Danke, dass ihr 15-jährige, traumatisierte Opfer vor die Kamera stellt, damit sie ihre Wunden und Klassenfotos mit Todesopfern präsentieren. Danke, dass ihr auch die traumatisierten Fünftklässler, also Kinder, mit der Kamera interviewt. Danke, dass wir die Leichensäcke sehen durften. Danke, dass wir nochmal alle schrecklichen Amokläufe dieser Welt Revue passieren lassen konnten. Danke, dass du uns die kranken Videovermächtnisse von anderen Killern zeigst. Danke, dass du den Weg des Täters in einer 3D-Map zeigst, so dass wir die Tat in Gedanken besser durchspielen können.

Danke, dass wir durch euch ein Teil des Massakers sein dürfen!

19. Dez 2008

kommentare kritik gespräche inspiration

Ich habe Kommentare auf Blogs in der Vergangenheit immer als eine Art Nonplusultra gepredigt. Doch das sind sie nicht. Für eine Kommentarkultur fehlt es leider noch ein wenig an einer allgemeinen, sehr breiten Gesprächskultur. An einer gewissen kommunikativen Grundeinstellung. Einem Konsens. Diskussionen gleiten im Netz sehr oft ins Persönliche ab, sie gehen am Thema vorbei und ab und zu tauchen dann sogenannte Trolle auf, die einfach nur (aus welchen gründen auch immer) die Zerstörung des Gespräches und der geäußerten Gedanken im Sinn haben. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Kritik, ich äußere sie selbst sehr sehr oft. Doch glaube ich daran, dass Kritik immer irgendwie sachlich begründbar sein muss und auch konstruktive Elemente enthalten sollte. Beim Werbeblogger habe ich in der Vergangenheit sehr oft und sehr spitz kritisiert, natürlich auch provokativ, weil bei reiner Lobhudelei natürlich auch kein Diskurs stattfindet. Aber bei all der Ironie, dem Sarkasmus und der für manche Menschen arrogant wirkenden Haltung, war es mir immer sehr wichtig, den Menschen dahinter nicht persönlich anzugreifen, sondern über die Sache zu sprechen. Mir war es desweiteren ebenfalls sehr wichtig auch immer bestimmte Alternativen aufzuzeigen. Natürlich war und bin ich von dem was ich sage in diesem Moment immer überzeugt, doch das heisst nicht, dass es allgemeingültig wahr bzw. richtig ist oder ich es morgen immer noch ganz genauso so sehe wie gestern.

Egal und wie auch immer. Der Werbeblogger war zu letzt ein kommunikativer Energiefresser für mich. Die kleinste Trollbemerkung hat mich auf die Palme gebracht, vielleicht gerade weil ich dachte, dass Kommentare ein Instrument des Gespräches, des inspirierenden Diskurses ist. Natürlich finden auch immer noch in den Kommentaren die ein oder andere spannende Diskussion statt, doch je größer die Zahl der Kommentierenden wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Diskussion kippt und ähnlich wie ein See einfach abstirbt. Die darin enthaltenen wertollen Gedanken gehen unter und es steht nur noch die blanke Reptilienkommunikation im Vordergrund: Kampf oder Flucht. Ich bin toll, du bist scheisse. Das letzte Wort hab ich ja sowieso und Recht natürlich auch.

Ich glaube ein wesentlicher Grund, warum die deutsche Blogosphäre nie wirklich so explodiert ist wie in anderen Ländern, ist die Tatsache, dass wir einfach anders miteinander umgehen. Wir (achtung überspitzte subjektiv empfundene Verallgemeinerung) sind zum einen Perfektionisten und bekämpfen Imperfektion statt sie als Herausforderung und Geschenk zu betrachten. Für uns sind Fehler tödlich. Wir legen mehr Wert auf die vergangen Taten und Titel eines Menschen (Obrigkeitsglaube) anstatt uns darauf zu konzentrieren was sie im Hier & Jetzt leisten und denken. Wir hassen neue Dinge, die wir nicht verstehen und verteufeln sie gleich mal, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sind nicht nur skeptisch, wir sind zwanghaft nörgelig und betrachten Lob als etwas Schlimmes, Verweichlichtes oder Unaufrichtiges. Ein einfachess “Danke” in den Kommentaren wird eher als Spamversuch gewertet als, als solches angenommen (Was natürlich auch am tatsächlichen Ärgernis Spam liegt). Wir loben andere Menschen nicht, weil wir selbst oft genug nicht gelobt werden und wenn wir es werden, so sind wir meistens so paranoid, dass wir es nicht als echte Lob annehmen können. Net g’schimpft is gelobt genug. Ganz schlimm.

Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich ändere die Richtung, ohne die Gewissheit, wie lange ich es durchhalte. Aber ich versuche es. Immer und immer wieder.

Seit ich das alles hinter mich gelassen habe (kein einfacher Schritt), hatte ich sehr viele und sehr wertvolle Gespräche AUSSERHALB von Blogkommentaren. Initiiert von Twitter oder Social Networks, fortgeführt in Skype-Chats oder Telefonanrufen, manifestiert in persönliche Treffen und Gesprächen. Das ist der echte wertolle und inspirierende Dialog, den ich schon so lange vermisst habe.

Die Blogosphäre hat sich verändert. Der Kern ist weitergezogen und unterhält sich einfach ganz woanders. Nämlich dort, wo sie ihre Ruhe haben. Dort, wo sie auf die Dinge stoßen, die man in Blogs leider immer seltener antrifft: Leben und leben lassen - ohne dabei zum rückgratlosen Weichspüler zu degenerieren. Es geht letzendlich nämlich auch nicht darum nun immer übertrieben happy mit anderen Menschen umzugehen. Es geht darum, wie Brown es sehr schnell und präzise hier auf den Punkt brachte: do unto others as you would have them do unto you / Behandle Menschen so, wie du willst, dass sie dich behandeln. Natürlich möchte ich auch Kritik entgegennehmen. Natürlich möchte ich nicht immer mit Samthandschuhen angefasst werden, aber ganz genauso bin ich wie jeder andere auch auf Lob und Anerkennung angewiesen, ich bin wie jeder andere auch danach süchtig.

Von daher werde ich mich nun täglich bemühen, meine Wahrnehmung neu zu justieren. Energieraubende Aktivitäten, wie sinnlose zu nichts führende Kommentarstreits, meiden und verstärkt inspirierende Ideen wertschätzen. Überhaupt ist Inspiration das entscheidende Stichwort. Es ist für mich losgelöst von “richtig” oder “falsch”, von Lob oder Kritik. Fehler (die sich nicht permanent wiederholen) sind nämlich manchmal unglaublich inspirierend. Fast inspirierender als scheinbare perfekte Ergebnisse. Auch dafür bin ich in Zukunft einfach verstärkt dankbar.

Ich freue mich auf das was kommt und ich freue mich auf die vielen weiteren tollen Menschen, die ich innerhalb der letzten Wochen allein durch diesen Loslösungsprozess kennengelernt habe. Es ist ein toller, energiegeladener Prozess und hoffe, dass der Kahn so lange wie möglich auf Kurs bleibt. Ich schrieb hier einmal, dass die Karawane weiterzieht. Ich glaube genau das passiert in diesem Moment und ich glaube genau dafür wurde das Internet erschaffen: BEWEGUNG! AVANTI! GO GO GO!

27. Jun 2008

Macht Bildblog ihre Bild stärker?

Wohl ist mir die Intention hinter Bildblog und ihrer Autoren sehr wohl bewusst, doch gibt es immer wieder merkwürdige Nebeneffekte auf der Welt, die uns einen Anlass geben könnten, das eigene Vorgehen immer mal wieder gründlich zu überdenken.

Was ich mich schon immer im Zusammenhang mit Bild und Bildblog interessiert hat, ist die Frage: Macht Bildblog die Marke Bild eigentlich stärker?

Es gibt ja vereinzelnd spöttische Zungen, die behaupten, dass “Bildblog lesen” im Grunde nichts anderes ist, als die Bildzeitung mit einem reinem Gewissen zu konsumieren. Der Nachrichtengehalt ist in beiden Fällen identisch, nur dass der aufmerksame Bildblogleser die “bereinigte” Variante der EM-Fernsehpanne, des Herzensbruchs durch David Beckham oder den menschenzerfleischenden Löwen bekommt. Beides Male wird die Botschaft transportiert und damit eben auch oft der reißerische aber meist substanzlose Nachrichtenkern.

Natürlich geht es bei Bildblog in erster Linie darum, die schlampige journalistische Arbeit (wenn nicht sogar Kalkül) von Bild zu entlarven, welche bewussten Provokationen sie ausspielen und welch abartige Themen zum Teil an der Grenze der Persönlichkeitsrechte und darüber hinaus publiziert werden. Doch muss ich an dieser Stelle eine weitere provokante Frage stellen: Weiß das der Großteil der deutschen Bundesbürger nicht schon längst - und noch viel schlimmer - haben sie sich damit zum Großteil nicht sogar schon damit abgefunden bzw. kaufen sie es nicht sogar gerade deswegen?

Ich stelle mir Bild oft als unterhaltsamen Sex & Crime Groschenroman vor, mit Anlehnung an die Realität. Peinlichdumpfe Headlines, zwischen ein paar Burgern gelesen, die am Ende doch irgendwie den kleinsten gemeinsamen Volksnenner teffen: Volksentertainment. Jeder SO manch einer schmunzelt doch insgeheim ein wenig über die täglichen Wortspielchen (es sei denn er ist selbst betroffen), glotzt wie gebannt auf die silikongefüllten Milchspeicher des Mädchens von Seite 1 und die daneben platzierten Texte (damals noch von Katja Kessler verfasst) sind Teil der deutschen literarischen Popkultur geworden.

Also nochmal zusammengefasst: Gibt es nicht bereits ein breites Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung, dass Bild im Endeffekt viel Schmuh schreibt, aber es denoch aus dem Drang, der Gier nach Entertainment dann doch gelesen wird? Und natürlich auch von den Bildkritiker, sowie alle anderen Journalisten, Politiker, Medienmenschen, Unternehmer etc. pp. - denn schließlich muss ja jeder doch irgendwie wissen, was Bild da so schreibt. Muss man das denn wirklich?

Genau das ist doch der Knackpunkt. Aufmerksamkeit ist das tägliche Geschäft von Bild. Awareness In- & Export sozusagen. Ohne Aufmerksamkeit, keine Bild. Bild initiiert Gespräche, muss dabei aber auch immer selbst Gesprächsthema bleiben. Reichweite verschafft Macht, Meinung und jede Menge Werbegelder. Reichweite wiederum ist pure Aufmerksamkeit. Stell dir vor es gibt Bild und keiner liest sie.

Bei all den altruistischen Motiven, welche die Betreiber von Bildblog verfolgen mögen, ist doch eines generell glasklar: Ohne Bild gäbe es das Nummer 1 Vorzeigeblog Bildblog gar nicht. Ohne schlechten Content der Bild, gäbe es nicht das freiwillige und (für Bild) kostenfreie Lektorat des Watchblogs. Ohne Stories, keine 1,5 Mio Besucher im Monat (Sind die botverseuchten Awstats Statistiken jetzt eigentlich Visits oder Page Impressions?).

Die Marke Bild indes wird täglich vom Watchblog immer wieder ins Gespräch und damit in die Köpfe der Leser gebracht. Das Watchblog führt zum Teil sogar die Corporate Identity des Blattes aus dem Axel Springer Verlag fort. Täglich wird massenhaft auf Bild.de verlinkt, es werden Screenshots publiziert und somit natürlich die Aumerksamkeitsmaschinerie von Bild geölt. Zwar weist man stolz auf den Rückgang der Printauflage hin (die aber sowieso schon vor der Existenz von Bildblog zu schrumpfen begann und dessen Schicksal mit eigentlich allen Print-Tageszeitungen einhergeht), die Zunahme der Klickzahlen für den Onlineauftritt verschweigt man indes - vielleicht gerade weil man ja eigentlich auch monatlich 1,5 Mio Besucher vom Watchblog an bild.de weiterleitet. Klicks auf bild.de bedeuten in der Tat wiederum Werbe-Mehreinnahmen für die Publikation und damit natürlich auch mehr Macht und Einfluss - also mehr Stärke. Klicks unterscheiden nicht on kritisch oder nicht-kritisch. Klick ist Klick, View ist View. Das weiß man in Berlin ganz genau.

Also woher diese Besessenheit bei den Betreibern? Wieso ist man so fixiert auf die größte deutsche Boulevardzeitung? Wieso macht man bei der Ökonomie der Aufmerksamkeit noch leidenschaftlich mit bzw. sieht man es ganz anders? Wenn man wirklich etwas verändern will und trotzdem am Boulevardesken festhalten möchte, wieso nicht eine vernünftige gut recherchierte Gegenpublikation eröffnen, statt den gleichen Mist immer und immer wieder neu aufzukochen und so die Klicks und das Ranking von bild.de weiter in die Höhe treiben? Ich versteh es als naiver Nicht-Journalist einfach nicht. Vielleicht kann es mir ja jemand erklären?

10. Jun 2008

“Hartz 4 Dynastien”

Abgesehen von der völlig falschen Bedeutung ist dieser Begriff derzeit ein polemischer Leckerbissen, den Politiker aller Couleur gerne mal in den Mund nehmen. Ursprünglich möchten sie damit wohl ausdrücken, dass in ihren Augen Armut, asoziales Verhalten, Faulheit und staatliches Schmarotzertum praktisch vererbbar ist. Dynastien an sich werden zwar eigentlich nur in Verbindung gebracht mit mächtigen und einflussreichen Familienbanden, aber vielleicht ist das bewusste Gegenteil ja gerade die polemisch-ironische Würze für die sowieso sonst so faden Verbalsüppchen der deutschen Politiker.

Wie in jeder Überzeichnung, jedem Klischee und jeder Polemik steckt natürlich auch in dieser Sache ein realistischer Kern. Fakt ist, dass sich große Teile der Verhaltensweisen innerhalb enger sozialer Gefüge natürlich wieder von der folgenden Generation übernommen wird. Sie kennen ja selten anderes Verhalten, welches sie imitieren könnten. Qualmt die ganze Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch der Nachwuchs gerne mal zum Glimmstengel greift. Vertreten die Eltern offensiv nach außen, dass sich der Staat verdammt nochmal zu kümmern hat und dass sie mit Stütze besser wegkommen, als für sich für einen Euro pro Stunde abzuplagen, so werden die Kinder das unverblümt nachplappern und -eifern. Sind die Ausländer an allem Schuld, rauben sie uns den Job, Erfolg, ja einfach alles, so werden die Kinder der Vorurteilsschleuder sicherlich nicht unbedingt ihr Meinungsbild um 180 Grad wenden. Es sei denn…

Ja es sei denn, die Politik bekommt endlich mal ihren lobbyistengeleckten Hintern hoch und fängt an über die Polemik hinaus zu denken und endlich die komplette Sozialpolitik zu reformieren. Wenn es den Politikern also scheinbar schon bewusst ist, wie sich Vorbilder auf die kommenden Generationen auswirken, dann frage mich mich allen Ernstes, wieso sie alles dafür tun, damit das auch in Zukunft so bleibt wie es ist?!

Man muss nur einen Blick auf die erste offizielle Stufe des Bildungs- und Erziehungssystems werfen (gibt auch Vorstufen die aber nicht in unserem Bewusstsein verankert sind, zum Beispiel Hebammenbetreuung etc.) um festzustellen, wo das Schlamassel seinen Anfang nimmt. Beginnen wir bei den Kindergärten. Es ist heute völlig normal, dass sich zwei Erzieher um 27+ Kinder tagtäglich kümmern müssen. 27 Kinder, so ungefähr der Durchschnitt bzw. keine Seltenheit, im Alter von 2 bis 6 Jahre. Zwei Erzieher sollen 27 Kinder den sozialen Umgang miteinander beibringen, dabei super relaxed sein und dafür sorgen, dass sie optimal auf die Schule vorbereitet werden. Habt ihr schonmal einen Pulk von 27 Kleinkindern erlebt? Also ungefähr vergleichbar mit der Bändigung eines Aufsichtsrates - nur eben nicht ganz so gut bezahlt.

Da fängt es doch im Grunde an. An solchen markanten Institutionen kann man eine Gesellschaft messen. Dort kann man die Ernsthaftigkeit zur Lösung sozialer Probleme sofort erkennen - oder eben nicht. Hier könnte man langfristig in eine funktionierende, harmonische Gesellschaft investieren. Hier könnte man einer Gesellschaft von Grund auf beibringen, wie man die jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig ausbalanciert. Es müsste theoretisch niemand mehr aufgrund seines Backgroundes in der zugeschriebenen Rolle verweilen. Und es ist einfach falsch, dass Eltern aus sogenannten “asozialen Milieus” ihre Kinder weniger lieben. Das stimmt nicht. Liebe zum eigenen Genpool ist einer der wenigen Dinge, die jeder hier auf Erden irgendwie miteinander gemeinsam hat. Diese Eltern sind nur einfach sehr viel schneller überfordert, weil sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Diese Eltern sind keine Monster. Im Gegenteil, es sind die tragischsten Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Zerrissen zwischen den eigenen Problemen und der scheinbaren Unfähigkeit für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.

Diese (und eigentlich natürlich alle) Eltern wären jedenfalls sehr dankbar, wenn ihre Kinder ein besseres Leben hätten, wenn sie gefördert würden, integriert würden. Das funktioniert aber auch nur, solange sich die Eltern dabei nicht ausgegrenzt fühlen. Es darf nicht ein Wechsel “auf die andere Seite” erfolgen oder ein Bruch mit der Familie, sondern es muss eine ganzheitliche pädagogische Arbeit erfolgen in der gesamten Familie. Es müssen Freizeitangebote und Zukunftsperspektiven geschaffen werden. Es müssen Alternativen zu Fernsehen, Kippen und Alkohol geboten werden. Es muss therapeutisch gearbeitet werden, ohne den Zeigefinger oder die Bildschlagzeile auszupacken.

Ja, das kostet Geld, aber sicherlich lohnt sich dieser Ansatz tatsächlich für die gesamte Gesellschaft. Also auch für diejenigen, die diese Situation zugleich ignorieren, belächeln, verabscheuen oder von ihr bedroht werden (meist wirklich alles zugleich). Es wird mehr Hoffnung, mehr Zuversicht, mehr Motivation und weniger Gewalt, Kriminalität und “asoziales Verhalten” geben. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach, es wird weiterhin das geerntet, was auch gesäät wird, die Fragen dazu lauten also: Warum ist dafür kein Geld da? Wer profitiert davon, dass alles so bleibt wie es ist? Was müsste sich ändern, damit wir dieses System endlich anders anpacken?

Die eigentliche Armut liegt also ganz woanders in diesem Land.

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