11. Aug 2008

Gespiegelter Internet Ritus

“Macht das Internet doof?” titelt der Spiegel in dieser Woche und ohne zuvor reingelesen zu haben, wusste ich schon, welche Themenaspekte dort aufgeführt werden: Gamer, Urheberrechtsverletzer und Chatjunkies. Sex, Spam und Gruschelwuschel.

Es wird in dem Artikel die These aufgestellt, das Internet sei an der Verdummung der Gesellschaft maßgeblich Schuld. Der enorme Informationsmüll deprogrammiere unsere Gehirne und der Mensch sei sowieso unfähig zu Multitasking. Warum an keiner Stelle die durchaus wichtige Frage aufgeworfen wurde, wie eigentlich kurz vor dem “Massenmedium” Internet das Wissen und die Klugheit der Menschen beschaffen war, enttäuscht maßlos. Zwar wies man an einigen Stellen darauf hin, dass ja immer wieder sehr kritische Fragen auftraten, wenn mal wieder ein gesellschaftsverändernder technologischer Durchbruch wie zum Beispiel der Buchdruck erfolgte, aber die konkrete Frage nach einer Gesellschaft, geformt von einem miserablen und unterfinanzierten Bildungssystem, unterstützt von einem medialen Boulevardzirkus zusammengesetzt aus Print-, Fernseh- und Radiojournalismus, blieb mal wieder völlig aus. Nicht das Internet erzeugte in so kurzer Zeit ein Desinteresse für bildungsintensive Themen. Nicht das Internet hat unsere Hirne dahingehend degeneriert, dass viele Menschen langen Texten nicht mehr folgen können. Es waren etliche meinungsmachende Artikel wie dieser heute, der den Menschen Themen auf die Art vermittelt, wie sie, laut Artikel selbst, nur noch konsumiert werden können: Flach, einseitig, reißerisch und kontextlos. Quote machen eben.

Nun, ich maße mir sicherlich nicht an einen allwissenden Kontext herzustellen, dennoch möchte ich das Medium Internet an dieser Stelle nutzen, um einige Thesen zu ergänzen, um Anregungen zum Denken zu liefern, statt ein Thema XY einmalig in die von einigen Journalisten bzw. die Masse ihrer Leser vorgesehene Schublade zu stecken.

1. Die Menschen werden nicht dümmer. Im Gegenteil. Das Wissen wächst und vernetzt sich. Wer hatte vor 100 Jahren diesen theoretischen Wissensstand, den wir heute zur Verfügung stehen haben? Wer hatte die Chance so viele Fakten in einen Kontext zu setzen, um z.B. geschichtliche Prozesse nachzuvollziehen? Gleichzeitig nimmt natürlich die Masse an Informationen zu. Die zuvor gehegt und gepflegten boulevardesken Inhalte der Medien explodieren natürlich im Kommunikationsnährboden Internet. Der Blogger schreibt nur das was er kennt.

2. Solange sich Menschen hinter einem Medium darauf konzentrieren, was die Menschen denn gerne leicht verdaulich konsumieren würden, kann auch keine wirkliche Wissenskultur entstehen. Sollte es also diese beschriebene Verdummung tatsächlich geben, so fällt dies leider immer wieder auf die klassischen Medien (Boulevard-TV-Radio-Presse) zurück. SIe sind die eigentlichen Erfinder der “sinnlosen” Informationsflut. Oder gibt es meinem Leben einen Nutzen oder Sinn, wenn ich lese, dass sich Boris Becker verlobt?

3. Die Lücke zwischen “dumm” und “klug” (was auch immer diese Worte bedeuten mögen und wer auch immer diese Zuteilung verantwortet) bleibt innerhalb einer Gesellschaft dafür immer gleich groß. Dadurch dass die Klugen noch klüger werden und die Dummen, einfach weniger dumm, bleibt dennoch die gleiche Schere. Es entsteht der Eindruck bei den selbsternannten Klugen, dass die Umgebung um sie herum dümmer würde. Wie so vieles im Leben, eine riesengroße Illusion.

4. Menschen haben sich schon immer in Dingen verloren und werden dies auch weiterhin tun. Nur der Namen der Dinge ändert sich dabei stetig: Religion, Drogen, Autorität, Spiele, Liebe, Wissen, Arbeit usw. Das “sich verlieren” ist eine Abwehrhaltung des “Nicht-Verstehens” bzw. einer Orientierungslosigkeit. In klaren sautoritären Gesellschaftsgefügen beispielsweise gab es weniger offene Fragen und Verwirrung, in Zeiten starker Religionsherrschaften, gab es keine Frage nach dem “Warum” oder dem “Wohin”. Es war alles von Gott befohlen, egal ob Berufung oder Strafe. In einer Zeit der erzwungenen Orientierung gab es weniger Bedürfnisse nach Wissen und Antworten. Warum wohl sonst, sind totalitäre Regime so darauf bedacht den Informationsfluss so dermaßen kontrollieren zu wollen? Wo keine Antworten, da keine Fragen.

Das Internet ist also zweifelsohne ein Becken des Informationschaos und ein weiterer nicht aufzuhaltender Evolutionsschritt der Menschheit. Auf das Chaos folgt meist die Ordnung auf dem Fuße, das ist nun einmal der Lauf der Dinge. Doch sollten wir uns ganz ernsthaft und vernünftig die Frage stellen, ob eine Ordnung tatsächlich wieder mal auf Angst, Kontrolle oder Sanktionen gebaut sein sollte, wie es der Spiegel-Artikel unterschwellig suggeriert? Aber Angst macht eben Quote und die Chance steigt, dass auch “die Dummen” (also Printverweigerer) mal wieder einen mehrseitigen Artikel lesen und kaufen.