BREITENBACH


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24. Jul 2008

(r)evolution starts at home

Demnächst werde ich mich in meine zweite “Elternzeit” zurückziehen. Schade eigentlich, denn als ich die Überschrift im Spiegel (Online wie Print) “Elternzeit nützt Kindern nichts” (Hier z.B. ein Kommentar von Sebastian Keil) gelesen habe, frage ich mich nun schon ernsthaft, ob ich meine Kinder tatsächlich auf ihrem Erfolgsweg durch meine Anwesenheit, intensive Fürsorge und damit frühstmögliche emotionale Vertrauensbindung, behindern soll. Ihr Schicksal wäre durch die sehr dauerhafte Anwesenheit beider Elternteile, laut Studie -äh- Spon/Artikel, wie folgt [Fettschrift zu Manipulationszwecken zum Textverständnis von mir hinzugefügt]:

Die Studie zeigt, dass es für die spätere berufliche Entwicklung der Kinder keine Rolle spielt, ob die Eltern nach der Geburt zwei, zehn oder 36 Monate zu Hause bleiben.

(…) Weder in der Schullaufbahn noch im Lohnniveau übertrafen die ersten Profiteure der verlängerten Elternzeit nennenswert ihre unmittelbaren Vorgänger. Der Anteil der Gymnasiasten in den privilegierten Kohorten erhöhte sich um maximal 0,1 Prozent, die Gehälter waren um maximal 0,3 Prozent höher.

Natürlich möchte ich meinen Kindern nicht die Chance auf mehr Lohn und eine elitäre Universitätsausbildung verwehren. Was für ein Vater wäre ich?

Nein, sich gegenseitig als engsten Bund des Lebens kennenzulernen, die ersten Wochen bei so viel Trubel und Energiebedarf einigermaßen zu überstehen oder sich die Zeit zu nehmen, um für einen winzigen Augenblick den puren Sinn des Lebens, der Schöpfung, des Kreislaufes, des Seins zu begreifen nutzt defintiv nicht dem Kind (Vielleicht gerade noch den Eltern).

Das Kind von einem geborgenen, schwerelosen aber physisch sehr beengtem Zustand im Mutterleib in die temperaturschwankende, schrille, sorgenvolle und physisch unbegrenzte Welt einzuführen, erfordert nicht viel Kraft und schafft man doch locker ganz alleine. Es spielt auch überhaupt keine Rolle ob ein Elternteil extrem gestresst oder übermüdet ist. Es wirkt sich nullkommanull auf die Kommunikation mit dem Kind aus. Und wenn schon? Wie wichtig kann nonundonverbale Kommunikation sein? Wie wichtig kann schon die Botschaft für ein Kind sein, wenn Elternteile und Eltern überfordert und gestresst agieren?

Ich kann mich noch ganz genau an die Geburt meines Sohnes erinnern. Ab der Sekunde wo es klar war, dass es losging, habe ich komplett umgeschaltet. Mein Körper und mein Geist hat sich in einen Modus gehievt, wo alles andere auf der Welt völlig unwichtig und bedeutungslos wurde. Mein gesamtes Bewusstsein war in diesem Moment im Jetzt, in der Gegenwart, im Hier. Fokussiert wie ein Laser handelte ich automatisch (aber nicht authistisch), bestimmt und konzentriert. Das Gefühl, das erste Mal sein Kind in den Armen zu halten ist reinste Meditation. Alles andere ist sowas von bedeutungslos, ja gar nicht existnt. Es zählt einzig und allein in diesem kurzen, aber sehr intimen Moment das Leben, das Sein, die Entstehung des Lebens und auch ein Stück weit die Fortsetzung des eigenen Lebens über den Tod hinaus. Family first.

Stimmt, es wäre fatal, wenn ich durch ein von Beginn an gewachsenes Vertrauensverhältnis, meinem Sohn zu viel beibringen könnte, wenn ich ihn dadurch von noch mehr Gehalt im späteren Berufsleben abhalte. Wenn ich meine Frau entlaste und dadurch ein insgesamt entspannteres Leben herbeiführe.

Vielleicht sollte man die Zeit mit den Kindern begrenzen und in dieser kurzen Zeit ihnen beibringen, wie man mit galanten Verdrehung, Täuschung und einer Eliteuniversitätsausbildung einen Haufen Asche verdient. Vielleicht sollte man ihnen immer wieder einschärfen, dass es letztendlich immer nur ums Geld geht. Geld und Aussicht auf Geld soll das Leben grundsätzlich bestimmen - koste es was es wolle. Schließlich brauchen wir es alle. Wir müssen genug Geld verdienen um genügend konsumieren zu können. Sinn des Lebens. Ganz klar. Amen.

Doch jetzt lege ich den Sarkasmus nieder. Er ist für meine letzten Zeilen nicht mehr von Belang.

Man wird mich in der nächsten Zeit weniger aktiv von außen erleben (so wie ich es eigentlich schon in anfänglichen Zügen getan habe). Ich möchte den zweiten Kontakt mit dem Wunder des Lebens diesmal wesentlich bewusster genießen. Dafür werde ich ab sofort meine gesamte Energie investieren. Was das für meine außerheimische Präsenz bedeutet, ist nur logisch. Aber wir sehen, lesen und hören uns sicherlich sehr bald - wenn das Wunder seinen Platz gefunden hat - wieder. Dann muss ich auch wieder ran, um die extrasaugfähigen Windeln und die Collegausbildung zu finanzieren. CU!

10. Jun 2008

“Hartz 4 Dynastien”

Abgesehen von der völlig falschen Bedeutung ist dieser Begriff derzeit ein polemischer Leckerbissen, den Politiker aller Couleur gerne mal in den Mund nehmen. Ursprünglich möchten sie damit wohl ausdrücken, dass in ihren Augen Armut, asoziales Verhalten, Faulheit und staatliches Schmarotzertum praktisch vererbbar ist. Dynastien an sich werden zwar eigentlich nur in Verbindung gebracht mit mächtigen und einflussreichen Familienbanden, aber vielleicht ist das bewusste Gegenteil ja gerade die polemisch-ironische Würze für die sowieso sonst so faden Verbalsüppchen der deutschen Politiker.

Wie in jeder Überzeichnung, jedem Klischee und jeder Polemik steckt natürlich auch in dieser Sache ein realistischer Kern. Fakt ist, dass sich große Teile der Verhaltensweisen innerhalb enger sozialer Gefüge natürlich wieder von der folgenden Generation übernommen wird. Sie kennen ja selten anderes Verhalten, welches sie imitieren könnten. Qualmt die ganze Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch der Nachwuchs gerne mal zum Glimmstengel greift. Vertreten die Eltern offensiv nach außen, dass sich der Staat verdammt nochmal zu kümmern hat und dass sie mit Stütze besser wegkommen, als für sich für einen Euro pro Stunde abzuplagen, so werden die Kinder das unverblümt nachplappern und -eifern. Sind die Ausländer an allem Schuld, rauben sie uns den Job, Erfolg, ja einfach alles, so werden die Kinder der Vorurteilsschleuder sicherlich nicht unbedingt ihr Meinungsbild um 180 Grad wenden. Es sei denn…

Ja es sei denn, die Politik bekommt endlich mal ihren lobbyistengeleckten Hintern hoch und fängt an über die Polemik hinaus zu denken und endlich die komplette Sozialpolitik zu reformieren. Wenn es den Politikern also scheinbar schon bewusst ist, wie sich Vorbilder auf die kommenden Generationen auswirken, dann frage mich mich allen Ernstes, wieso sie alles dafür tun, damit das auch in Zukunft so bleibt wie es ist?!

Man muss nur einen Blick auf die erste offizielle Stufe des Bildungs- und Erziehungssystems werfen (gibt auch Vorstufen die aber nicht in unserem Bewusstsein verankert sind, zum Beispiel Hebammenbetreuung etc.) um festzustellen, wo das Schlamassel seinen Anfang nimmt. Beginnen wir bei den Kindergärten. Es ist heute völlig normal, dass sich zwei Erzieher um 27+ Kinder tagtäglich kümmern müssen. 27 Kinder, so ungefähr der Durchschnitt bzw. keine Seltenheit, im Alter von 2 bis 6 Jahre. Zwei Erzieher sollen 27 Kinder den sozialen Umgang miteinander beibringen, dabei super relaxed sein und dafür sorgen, dass sie optimal auf die Schule vorbereitet werden. Habt ihr schonmal einen Pulk von 27 Kleinkindern erlebt? Also ungefähr vergleichbar mit der Bändigung eines Aufsichtsrates - nur eben nicht ganz so gut bezahlt.

Da fängt es doch im Grunde an. An solchen markanten Institutionen kann man eine Gesellschaft messen. Dort kann man die Ernsthaftigkeit zur Lösung sozialer Probleme sofort erkennen - oder eben nicht. Hier könnte man langfristig in eine funktionierende, harmonische Gesellschaft investieren. Hier könnte man einer Gesellschaft von Grund auf beibringen, wie man die jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig ausbalanciert. Es müsste theoretisch niemand mehr aufgrund seines Backgroundes in der zugeschriebenen Rolle verweilen. Und es ist einfach falsch, dass Eltern aus sogenannten “asozialen Milieus” ihre Kinder weniger lieben. Das stimmt nicht. Liebe zum eigenen Genpool ist einer der wenigen Dinge, die jeder hier auf Erden irgendwie miteinander gemeinsam hat. Diese Eltern sind nur einfach sehr viel schneller überfordert, weil sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Diese Eltern sind keine Monster. Im Gegenteil, es sind die tragischsten Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Zerrissen zwischen den eigenen Problemen und der scheinbaren Unfähigkeit für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.

Diese (und eigentlich natürlich alle) Eltern wären jedenfalls sehr dankbar, wenn ihre Kinder ein besseres Leben hätten, wenn sie gefördert würden, integriert würden. Das funktioniert aber auch nur, solange sich die Eltern dabei nicht ausgegrenzt fühlen. Es darf nicht ein Wechsel “auf die andere Seite” erfolgen oder ein Bruch mit der Familie, sondern es muss eine ganzheitliche pädagogische Arbeit erfolgen in der gesamten Familie. Es müssen Freizeitangebote und Zukunftsperspektiven geschaffen werden. Es müssen Alternativen zu Fernsehen, Kippen und Alkohol geboten werden. Es muss therapeutisch gearbeitet werden, ohne den Zeigefinger oder die Bildschlagzeile auszupacken.

Ja, das kostet Geld, aber sicherlich lohnt sich dieser Ansatz tatsächlich für die gesamte Gesellschaft. Also auch für diejenigen, die diese Situation zugleich ignorieren, belächeln, verabscheuen oder von ihr bedroht werden (meist wirklich alles zugleich). Es wird mehr Hoffnung, mehr Zuversicht, mehr Motivation und weniger Gewalt, Kriminalität und “asoziales Verhalten” geben. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach, es wird weiterhin das geerntet, was auch gesäät wird, die Fragen dazu lauten also: Warum ist dafür kein Geld da? Wer profitiert davon, dass alles so bleibt wie es ist? Was müsste sich ändern, damit wir dieses System endlich anders anpacken?

Die eigentliche Armut liegt also ganz woanders in diesem Land.

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