BREITENBACH


feed your head

11. Sep 2009

Das Stückchen vom Danach - Was Journalisten und Verlage jetzt manifestieren könnten

Prolog
Das hier ist für die Journalisten, die sich m.E. wirklich einen Kopf darum machen, wie es in ihrer Branche weitergeht. (Bei dem Rest bin ich einfach weniger ein Fan, hab also weniger Vertrauen oder Bezug).

Ich hatte jedenfalls allen Manifest-Autoren (allein für den Generalverdacht müsste ich mich ohrfeigen) etwas unterstellt, was ich so mittlerweile nicht mehr vertreten kann. Ich glaube ernsthaft (bei einigen jedenfalls) an den Wunsch und den Drang nach echter Veränderung. Ich entdecke sehr viel Herzblut, gerade in ihren vereinzelten, unheimlich stark emotionsgeladenen Reaktionen, durch die (wichtige) kontroverse Diskussionen in den letzten Tagen. An der Stelle gebe ich also unumwunden zu, dass ich mich getäuscht habe und für meinen Teil überzogen und unbedacht im Pöblermodus (sicherlich nicht in alter Werbebloggermanier) reagiert habe. Vielleicht, weil ich tatsächlich mich wie tausend anderer Internetnutzer außen vor gefühlt habe, weil ich, wie viele andere, gedacht habe, dass man Teil von einer neuen Bewegung sei, die die Dinge mit und durch das Internet gemeinsam verändern kann. Und natürlich können wir das. Wie gesagt, wir brauchen das nicht IM Manifest zu tun, aber das Manifest war sicherlich ein starkes Momentum. Daher war der persönliche Frust völlig unangemessen, zumal für die Beurteilung von Menschen und ihren Motiven, das wäre bzw. ist einfach nur anmaßend. Daher möchte ich mich zwar nicht unbedingt entschuldigen, für das was ich “damals” gedacht habe (denn es war authentisch), sondern vielmehr will ich auch weiterhin üben, was ich in Zukunft sein will: Konstruktiv, respektvoll, offen und multiperspektivisch Denken und Handeln.

In diesem Sinne versuche ich erneut konstruktive Lösungswege für die Zukunft des Journalismus, dem Umgang mit dem Internet und den neuen Geschäftsmodellen von Verlagen zu skizzieren. Ich versuche das Manifest, als Anstoß zur Debatte, um einige konkrete Ansätze zu ergänzen. Vielleicht sind sie absoluter Humbug und völliger Quatsch. Aber dann bitte ich wenigstens darum, es als solchen (inkl. Begründung) deutlich zu deklarieren, so dass ich nicht ständig in Versuchung gerate, mir immer weitere Schwachsinnsgedanken darum zu machen. Ich verlange nicht viel, sondern wie wir alle, nur ein wenig Aufmerksamkeit (ich weiß, ein rares Gut ur Zeit) und Feedback für ein paar mühevoll formulierte Gedanken. Danke.

Grundthese: Wir lechzen nach Vertrauen
Je komplexer die Welt, desto einfacher wollen wir sie begreifen, desto mehr Vertrauen müssen wir investieren. Die Flut von Informationen erfordert einen wirksamen, vereinfachenden, aber vor allem vertrauenswürdigen Filter, der auf die individuelle Lebenswirklichkeit zugeschnitten ist. Ein TAZ-Fan hat eine andere Lebenswirklichkeit als der tägliche Financial Times Leser. Entweder übernehmen die Maschinen (Google) oder integere Persönlichkeiten (Journalisten) mit klare erkennbarem Profil die Sortierung meiner Nachrichten, also die Projektion meiner Wirklichkeit. Solange Werbung und Inhalt im Journalismus eine immer größere Durchmischung erfährt, solange Berichterstattung immer subjektiv-eindimensional unter wehender objektiver Flagge erfolgt, werden die Maschinen sowieso gewinnen. Google, Wikipedia & Co sind deshalb so erfolgreich, weil sie den Menschen eine objekive Relevanz durch die Auswahl an vielfältigen subjektiven Meinungen projezieren können. Google macht keine Meinung. Google macht Meinungen lediglich sichtbar. Das ist der elementare Unterschied zu den Gatekeepern von gestern.

Wie gewinnt man Vertrauen in der Vertrauenslosigkeit?
Es beginnt damit, dass wir klarere Positionen beziehen. In der goldenen Mitte transzendiert alles. Erst kontroverse Vielfalt bildet die Realität ab. Es geht nicht mehr darum eine Masse mit einem Thema zu befriedigen, sondern mit unendlichen Facetten eines bestimmten Themas. Das Fan-Dasein entsteht, wenn man sich zu 100% verstanden fühlt, wenn man glaubt, man stehe auf der richtigen Seite. Der Mensch will Zugehörigkeit und Distanz zugleich. Er will zu seinesgleichen gehören und sich von ihresgleichen distanzieren. Journalismus muss sich verabschieden von der Mission der Darstellung einer absoluten objektiven Wahrheit und sich wieder trauen Themen aus verschiedenen, unterschiedlichen subjektiven Perspektiven zu beleuchten. Vertrauen steckt also in der Authentizität. Daher wäre eine bewusste Inszenierung der Kontroverse nur unter größter Anstrengung möglich und nur bedingt aufrecht zu erhalten. Daher darf der Journalist ruhig subjektiv gefärbt sein, er muss sogar seine Ansichten transparent in Bezug zu seiner Person offenbahren - will er langfristiges Vertrauen und Bindung seiner Leserschaft - seiner Community - erzielen. Er muss auch nicht starr gefangen bleiben in seinen Ansichten, er soll natürlich auch dazulernen und sich von seiner Haltung her ändern dürfen. Das alte Prinzip des Bloggens eben. Nur sollte der Journalist dabei nicht auf die alten handwerklichen Regeln verzichten und selbsteverstädnlich sauber, intensiv und ausführlich recherchieren. Mehr als zuvor!

Where’s the money in it?
Der Schlüssel liegt im Fandasein. Wenige Stars versorgen eine große Familie. So wie Mick Jagger und Keith Richards den Rest der Band, ihre Manager, die Plattenfirma, die Konzertveranstalter, die Merchandiser, die Roadies, Köche, Maskenbildner, Trainer und all die anderen Arbeiter im System “Rolling Stones” finanzieren. Ich nenne das fortan das “Bastian-Sick-Prinzip”. Sicks Zwiebelfisch-Kolumne hat nicht nur ihn selbst bekannt gemacht, sondern letztlich auch seinen Arbeitgeber gut verdienen lassen mit Büchern, Spiele, Merchandising, Live-Shows, Hörbüchern, Computerspielen, Filme?, VHS-Kurse?, Zertifikate? und und und … Verlage brauchen schillernde Zugpferde, aber eben auch die hart bzw. solide arbeitenden Menschen im Hintergrund. Alles sind dabei aufeinander angewiesen. Vielleicht ist es auch die “Obamisierung” des Journalismus. Ein Repräsentant von sehr vielen klugen Beratern. Jedenfalls dürfen wir die Bedürfnisse der Menschen nicht vernachlässigen: Einfachheit, Symbolik, Klarheit, Orientierung. Es kann ruhig unzählige dieser Obamas geben, denn ich spreche nicht vom Ziel einer vereinheitlichter “New World Order” sondern zig Communities mit zig Repräsentanten und schillernden Figuren.

Je größer die Flut an Information, desto größer wird auch das Verlangen nach Ordnung und Filtermöglichkeiten. Wer das Geheimnis rund um persönliche Filter knackt (ohne dabei den Horizont einzugrenzen), der wird das neue Geschäftsmodell finden. Wir erinnern uns, was Google so erfolgreich gemacht hat? Richtig. Google ist/war ein einfacher und guter Filter von Milliarden von statischen Informationsseiten. Solange Verlage sich noch jammernd um die Relevanzfrage kreisen (im unerschütterlichen Glauben sie hätten auf Ewig die Relevanz als Gatekeeper von gestern bei sich gepachtet) wird sich auch dort nichts bewegen. Verlage müssen zunächst lernen loszulassen, um sich dann voll und ganz mit freiem Kopf auf die Entwicklungen der Zukunft konzentrieren zu können.

Froschung & Entwicklung
Ohne Mut, ohne Forschung, ohne Invest in mutige neue Ideen und Ideengeber, wird es keine Innovationen in diesem Markt geben. Doch das wirklich schlimme ist die verstreichende Zeit. Noch haben die Verlage einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Sie haben immer noch einen großen Einfluss, erreichen immer noch sehr viele Menschen (nur nicht mehr in Form von Fremd-Anzeigen). Verlage sollten ihre eigene Markenkraft, die noch vorhandene Reputation als große Instanz nutzen, um neue Produkte rund um ihr Standing zu entwickeln und aufzubauen. Verlagsmarken genießen noch Vertrauen. Verlage sollten sich daher ruhig im Bildungssektor etablieren, sie sollten in Wissens- und Informationsmanagementund in Technologien zur Recherche und Filterung von Nachrichten investieren. Sie sollten sich lösen von den outgesourcten Nachrichtenagenturen und endlich wieder selbst produzieren (Bild- und Textrechte im eigenen Haus halten und entsprechend an Werbung und andere weiterverkaufen, so wie es die Agenturen im Bereich Stock und News Market tun). Nur wer die Produktion wieder in der Hand hat, kann wieder schlagkräftiger agieren. Wenn Verlage wieder ihr Handwerk begreifen und den Wert und die Vorzüge ihrer Produzenten (Fotografen, Kameraleute, Korrespondenten, Kommentatoren, Informanten etc. pp.), so werden sie durch Qualität, Schnelligkeit und sicherlich auch durch Exklusivität verstärkt punkten können. Gute Diamanten entstehen vielleicht mal zufällig bei talentierten unterbezahlten Praktikanten, die größere Ausbeute an echten Brillianten erzielt man allerdings, wenn man mit vielen erfahrenen und talentierten Meistern arbeitet.

Ich bin kein Journalist. Ich spreche aus der Perspektive eines Konsumenten. Aus der Perspektive eines Interneterfahrenen. Vielleicht muss der ein oder andere in der Branche gerade das auch mal lernen: sich endlich mal in die zigtausend Rollen der Nutzer hineinzuversetzen. Klar ist Gratiskultur für den alten Journalismus schlimm, aber sie ist nun mal vorhanden. Klar ist viel Müll im Internet, aber irgendjemand scheint es zu trotzdem toll zu finden. Klar sind Blogger großteils grottenschlechte Journalisten, aber sie wollen ja auch gar keine Journalisten sein, bzw. werden dahingehend auch nicht gefördert.

Der erste Schritt ist also raus aus dieser Jammerei, raus aus der Trauer und rein in die spannenden Aufgaben der nächsten Jahre. Es gilt einen Journalismus zu prägen, der niemals vielfältiger, tiefer, gründlicher, schillernder und in der Summe der Perspektiven aufklärerischer war. Einzelne Verlagshäuser müssen nicht mehr das große Ganze leisten, sie müssen ihren kleinen Teil beisteuern, aber das eben mit voller Begeisterung und Verve.

30. Jun 2009

“steal our stories” - aufklärerische Meme

kantwasistaufklarung

Pro Publica ist ein äußerst spannendes journalistisches Projekt in den USA. Die Publikation ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert durch Spenden. Um die direkte Einmischung der edlen Geldgeber in die journalistische Arbeit zu verhindern wurde ein Redaktionsbeirat installiert, der die Einhaltung der jeweiligen strengen Statuten gewährleisten soll. Ein Novum ist sicherlich, dass alle Inhalte auf propublica.org mit dem augenzwinkernden Hinweis „Steal our stories“ unter Creative Commons Licence gestellt sind. Die Publikation möchte also ganz bewusst, dass sich deren Nachrichten verbreiten - natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Quellenverweise. Wer nun meint, dass die Mitarbeiter von Pro Publica irgendwelche Blogger und Semi-Amateur-Journalisten sind, der täuscht sich. Gründer und Milliadär Herbert Sandler hat die verfügbare crème de la crème des US-amerikanischen Journalismus rekrutieren können. Unter Ihnen Urgesteine des investigativen Journalismus vom Wall Street Journal, der Washington Post oder der New York Times. Und sie alle dürfen nun ihren Traumjob so ausführen, wie er vor vielen Jahren mal vorgesehen war, als eine vierte Gewalt im demokratischen Staat, mit scharfer Zunge und gründlich recherchierten Geschichten. Bei Pro Publica geht es weder um Werbekunden noch um Einschaltquoten, bei Pro Publica geht es um den Urgedanken des Journalismus: Mißstände aufdecken, das Volk aufklären und somit mit der Meinungsmanipulation durch Unternehmen, Regierungen und sonstigen Lobbyisten aufräumen. Eine große Anzahl von Skandale im Gesundheitsbereich, der Politik oder im Umweltschutz konnte “die Unbestechlichen“ bereits in die Köpfe der Öffentlichkeit tragen.

Publikationen wie diese - egal ob sie tatsächlich zu 100% vor Manipulation und Falschmeldungen gefeit sind oder nicht - sind die Zukunft unseres politischen Bewusstseins. Unabhängiger Journalismus ist unverzichtbar für eine aufgeklärte und gewachsene Demokratie. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass Journalismus heute zum größten Teil aus Quotengeschwätz, Anzeigen- und Lustreisenfinanzierten Artikeln und 1:1 abgeschriebenen PR- oder Agenturmeldungen bestehen. Uns ist es egal geworden - wir haben aufgegeben alles zu hinterfragen. Es ist zu viel. Wir sind supersized. Auf der anderen Seite kann sich kaum noch ein Journalist die Zeit für ausgiebige Recherche mehr leisten. Schnelligkeit ist das Gebot der Stunde. Nachrichtenbullemie: Schnell reingefressen und anschließend schnell wieder rausgekotzt und vergessen. Und der Geist und unser Verstand hungern sich langsam aber sicher zu Tode. (Danke an Michael für die Metapher)

Politisches Engagement steht und fällt mit seiner Berichterstattung. Wer den Film „Free Rainer“ gesehen hat, kann sich zwar ein überzogenes, aber sicherlich nicht ganz so unwahres Bild von unserer Medienlandschaft machen. Wir werden auf Fast-Brain-Food gedrillt - so wie uns fettige Burger und weiche Brötchen immer wieder zurück in die Frittieranstalten treiben, obwohl wir wissen dass sie uns fett und träge machen. Uns ist danach zwar wieder schlecht und wir schwören uns dort nie wieder zu essen, aber wehe dem das gelbe Neonlicht erstrahlt und fettiger Pommesduft schmiegt sich unter unsere Nasenflügel. Wir können nicht anders. Wie die Motten das Licht suchen, gieren wir nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung und erleben anschließend dennoch weiterhin die kurzzeitig zugestopfte Leere.

Wir werden nicht von irgendjemanden dumm gehalten, wir halten uns selbst dumm. Das ist das Erschreckende, das ist das was ich Marcus in seinem Kommentar zunächst nicht glauben mochte, aber er hat vollkommen Recht. Denn es gibt sie, die Alternativen. Sie sind heute genauso greifbar wie all die alternativen zu den Fastfoodbunkern und Boulevardschleudern. Das aufgeklärte Wissen ist da draußen. Das Internet macht es sichtbar - wenn wir es wollen, wenn wir uns endlich überwinden und uns darauf einlassen. Wenn wir es fordern und fördern. Aber vor allem weiterverlinken. Replizieren. Verbreiten.

Der Weg zur Revolution liegt nicht darin irgendwelche Systeme und dessen Vertreter abzuschaffen, zu zerstören oder einfach nur macht zu verschieben. Die (R)evolution liegt in uns selbst, sie liegt zum Greifen da. Wir sind uns selbst unser größter Feind. Unser Fleisch ist schwach - unser Geist ist es erst recht! Sind wir denn wirklich zufrieden? Sind wir so zufrieden, dass wir nichts mehr verändern wollen?

Wie kommen wir da nur raus? Nun, das Schlüsselwort lautet „Bewusstseinsentwicklung“. Das was eine ganze Generation um 1968 mit Hilfe von psychedelischen Drogen-Happenings von heute auf morgen erzielen konnte, müssen wir uns in einer psychedelisch-esoterisch tabuisierten Leistungsgesellschaft hart erarbeiten. Durch Achtsamkeitsübungen, selbstdisziplinierende Maßnahmen oder schlichtweg permanente Reminder. Also doch wieder der Weg gen Osten. Wir müssen unsere “Erleuchtung” Stück für Stück selbst anlesen und uns mühselig von Hyperlink zu Hyperlink ackern. Das Internet ist nicht umsonst eine Erfindung, die aus den Köpfen einiger Silicon-Hippies entsprungen ist. Sie haben im Grunde nichts anderes getan als ihre mystischen Erfahrungen von der Ganzheit der Welt und des Wissens technologisch abzubilden. Das „global brain“ mit Glasfaserkabeln und riesigen Routern zum Leben zu erwecken. Ich weiß schon warum „sie“ das Internet so fürchten und versuchen es unter ihre Kontrolle zu bringen.

Der Informationsfluss ist eine reißende Kraft. Informationen haben schon immer die Welt regiert. Zuerst kam die Information, dann erst das Geld. Das Wissen um Angebot und Nachfrage, kleine schmutzige Geheimnisse zu Erpressungszwecken oder Goldgruben aus Insiderinfos. Informationen ist alles. Je offener vernetzter sie sind, desto gleichberechtigter und freier werden wir. Jetzt müssen wir nur noch zuhören und die richtigen Drähte anzapfen. Lasst uns gegenseitig dabei helfen!

14. Mär 2009

Die kranke Welt in unsere Köpfe

Danke Boulevard, dass du uns die kranke Welt des Killers in aller Ausführlichkeit in unsere Hirne brennst. Danke, dass du uns mit billigen Fotomontagen zeigst, wie erwachsen und martialisch der 17-Jährige psychisch kranke Jugendliche mit großer Knarre aussehen könnte. Danke, dass du dadurch den Angehörigen aller Beteiligten noch mehr Angst, Schmerz und Wut schenkst. Danke an all die Unternehmen, die ihre Marken und Produkte im “Blutbad” präsentieren. Danke für die zahlreichen Fotos und Videos über den Täter, so werden wir ihn ganz gewiss sehr lange in Erinnerung behalten. Danke, dass ihr den immer wieder den vollständigen Namen des Täters nennt, so dass auch alle Namensbesitzer das Stigmata lange tragen dürfen. Danke, dass ihr Originalaufnahmen der letzten Minuten des Täters zeigt, so dass wir auch getrost ohne gesetzlich legitimierte Todesstrafe in den Genuss eines Rachegefühls kommen können. Danke, dass ihr Depression und psychische Krankheit weiter als gefährliches Tabuthema bestärkt. Danke, dass ihr 15-jährige, traumatisierte Opfer vor die Kamera stellt, damit sie ihre Wunden und Klassenfotos mit Todesopfern präsentieren. Danke, dass ihr auch die traumatisierten Fünftklässler, also Kinder, mit der Kamera interviewt. Danke, dass wir die Leichensäcke sehen durften. Danke, dass wir nochmal alle schrecklichen Amokläufe dieser Welt Revue passieren lassen konnten. Danke, dass du uns die kranken Videovermächtnisse von anderen Killern zeigst. Danke, dass du den Weg des Täters in einer 3D-Map zeigst, so dass wir die Tat in Gedanken besser durchspielen können.

Danke, dass wir durch euch ein Teil des Massakers sein dürfen!

7. Jul 2008

Jim Morrison lebt im deutschen Sommerloch

Jim Morrison war am Ende seines Lebens - was man so mitbekommen hat - ein fettes, alkoholgetränktes Wrack. Keine Ahnung, ob er jetzt an einer Überdosis Heroin starb oder ob seine durch Dauerexzesse überlastete Pumpe einfach den Geist aufgab. Fakt ist: Er ist nun mausetot.

Doch nicht für Ray Manzarek und die Zeitungen dieser Welt. Dieser lässt mit Hilfe des Sommerloches und der klassischen, investigativen deutschen Medien, den schillernden Morrison wieder auferstehen. Kein Wunder, denn die Sehnsucht nach dem charismatischen Bandleader der Doors dürfte nach den kläglichen Comebackversuchen der restlichen Bandmitglieder ziemlich gigantisch sein. Morrison war faktisch die Doors, auch wenn Morrison ohne Manzarek & Co diesen Ruhm wahrscheinlich nie hätte genießen können. Vielleicht wäre er in einem von Warhols Popartpornos aufgetreten, aber eine Rockikone ohne die Musik der restlichen Band? Niemals. Dazu waren seine düsteren Blake-Schriften einfach nicht Mainstream genug.

Doch zurück zu unseren seriösen Medien. Einen guten Job hat Medienlese gemacht. Die stellten erstmal klar, dass die Nachrichtenquelle von Spiegel, Welt & Co. natürlich nicht “Daily Maily” ist, sondern allerhöchstens “Daily Mail”. Und natürlich behauptete Manzarak nicht, dass er von Morrisons vorgetäuschtem Tod Bescheid weiß, er schwelgt nur wie viele Anhängsel einer Ikone von alten gemeinsamen Zeiten und der ewigen Hoffnung, eines Tages doch noch einmal ein ganz großes Konzert geben zu können und Millionen von Platten zu verkaufen.

Daraus wurschtelt SPON also diesen hahnebüchenen Sommerlochsartikel und behauptet unter anderem:

Der legendäre Musiker, der im Alter von 27 Jahren starb, lebe heute heimlich und unerkannt auf den Seychellen, sagte Manzarek. Morrison selbst habe 1970 die Idee aufgebracht, seinen eigenen Tod zu inszenieren und sich ins Ausland abzusetzen. Er sei von seinem Ruhm und den damit einhergehenden Exzessen müde gewesen sei, wird der 69-Jährige zitiert.

Auch dass Manzarek das Interview im “Daily Mail” als PR-Werkzeug für seine neue Band “Riders on the storm” und dessen derzeitige Tournee nutzt, verschweigt uns die Presse. Aufmerksamkeit ist alles, nicht nur für Manzarek. So beweist SPON mal wieder, dass sie weiterhin schnurstracks Richtung BILD marschieren und ihnen journalistische Gründlichkeit beim Copy&Paste Verfahren ausländischer Agenturmeldungen im Angesicht von Klickdruck der eigenen Werbepartner piepegal geworden ist. Schnell sein, dabei sein, Klicks generieren. Und es funktioniert natürlich bestens.

Reflexion: Wie bitter, dass auch ich zum Sommerlochthema greifen muss.

27. Jun 2008

Macht Bildblog ihre Bild stärker?

Wohl ist mir die Intention hinter Bildblog und ihrer Autoren sehr wohl bewusst, doch gibt es immer wieder merkwürdige Nebeneffekte auf der Welt, die uns einen Anlass geben könnten, das eigene Vorgehen immer mal wieder gründlich zu überdenken.

Was ich mich schon immer im Zusammenhang mit Bild und Bildblog interessiert hat, ist die Frage: Macht Bildblog die Marke Bild eigentlich stärker?

Es gibt ja vereinzelnd spöttische Zungen, die behaupten, dass “Bildblog lesen” im Grunde nichts anderes ist, als die Bildzeitung mit einem reinem Gewissen zu konsumieren. Der Nachrichtengehalt ist in beiden Fällen identisch, nur dass der aufmerksame Bildblogleser die “bereinigte” Variante der EM-Fernsehpanne, des Herzensbruchs durch David Beckham oder den menschenzerfleischenden Löwen bekommt. Beides Male wird die Botschaft transportiert und damit eben auch oft der reißerische aber meist substanzlose Nachrichtenkern.

Natürlich geht es bei Bildblog in erster Linie darum, die schlampige journalistische Arbeit (wenn nicht sogar Kalkül) von Bild zu entlarven, welche bewussten Provokationen sie ausspielen und welch abartige Themen zum Teil an der Grenze der Persönlichkeitsrechte und darüber hinaus publiziert werden. Doch muss ich an dieser Stelle eine weitere provokante Frage stellen: Weiß das der Großteil der deutschen Bundesbürger nicht schon längst - und noch viel schlimmer - haben sie sich damit zum Großteil nicht sogar schon damit abgefunden bzw. kaufen sie es nicht sogar gerade deswegen?

Ich stelle mir Bild oft als unterhaltsamen Sex & Crime Groschenroman vor, mit Anlehnung an die Realität. Peinlichdumpfe Headlines, zwischen ein paar Burgern gelesen, die am Ende doch irgendwie den kleinsten gemeinsamen Volksnenner teffen: Volksentertainment. Jeder SO manch einer schmunzelt doch insgeheim ein wenig über die täglichen Wortspielchen (es sei denn er ist selbst betroffen), glotzt wie gebannt auf die silikongefüllten Milchspeicher des Mädchens von Seite 1 und die daneben platzierten Texte (damals noch von Katja Kessler verfasst) sind Teil der deutschen literarischen Popkultur geworden.

Also nochmal zusammengefasst: Gibt es nicht bereits ein breites Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung, dass Bild im Endeffekt viel Schmuh schreibt, aber es denoch aus dem Drang, der Gier nach Entertainment dann doch gelesen wird? Und natürlich auch von den Bildkritiker, sowie alle anderen Journalisten, Politiker, Medienmenschen, Unternehmer etc. pp. - denn schließlich muss ja jeder doch irgendwie wissen, was Bild da so schreibt. Muss man das denn wirklich?

Genau das ist doch der Knackpunkt. Aufmerksamkeit ist das tägliche Geschäft von Bild. Awareness In- & Export sozusagen. Ohne Aufmerksamkeit, keine Bild. Bild initiiert Gespräche, muss dabei aber auch immer selbst Gesprächsthema bleiben. Reichweite verschafft Macht, Meinung und jede Menge Werbegelder. Reichweite wiederum ist pure Aufmerksamkeit. Stell dir vor es gibt Bild und keiner liest sie.

Bei all den altruistischen Motiven, welche die Betreiber von Bildblog verfolgen mögen, ist doch eines generell glasklar: Ohne Bild gäbe es das Nummer 1 Vorzeigeblog Bildblog gar nicht. Ohne schlechten Content der Bild, gäbe es nicht das freiwillige und (für Bild) kostenfreie Lektorat des Watchblogs. Ohne Stories, keine 1,5 Mio Besucher im Monat (Sind die botverseuchten Awstats Statistiken jetzt eigentlich Visits oder Page Impressions?).

Die Marke Bild indes wird täglich vom Watchblog immer wieder ins Gespräch und damit in die Köpfe der Leser gebracht. Das Watchblog führt zum Teil sogar die Corporate Identity des Blattes aus dem Axel Springer Verlag fort. Täglich wird massenhaft auf Bild.de verlinkt, es werden Screenshots publiziert und somit natürlich die Aumerksamkeitsmaschinerie von Bild geölt. Zwar weist man stolz auf den Rückgang der Printauflage hin (die aber sowieso schon vor der Existenz von Bildblog zu schrumpfen begann und dessen Schicksal mit eigentlich allen Print-Tageszeitungen einhergeht), die Zunahme der Klickzahlen für den Onlineauftritt verschweigt man indes - vielleicht gerade weil man ja eigentlich auch monatlich 1,5 Mio Besucher vom Watchblog an bild.de weiterleitet. Klicks auf bild.de bedeuten in der Tat wiederum Werbe-Mehreinnahmen für die Publikation und damit natürlich auch mehr Macht und Einfluss - also mehr Stärke. Klicks unterscheiden nicht on kritisch oder nicht-kritisch. Klick ist Klick, View ist View. Das weiß man in Berlin ganz genau.

Also woher diese Besessenheit bei den Betreibern? Wieso ist man so fixiert auf die größte deutsche Boulevardzeitung? Wieso macht man bei der Ökonomie der Aufmerksamkeit noch leidenschaftlich mit bzw. sieht man es ganz anders? Wenn man wirklich etwas verändern will und trotzdem am Boulevardesken festhalten möchte, wieso nicht eine vernünftige gut recherchierte Gegenpublikation eröffnen, statt den gleichen Mist immer und immer wieder neu aufzukochen und so die Klicks und das Ranking von bild.de weiter in die Höhe treiben? Ich versteh es als naiver Nicht-Journalist einfach nicht. Vielleicht kann es mir ja jemand erklären?

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Meine derzeitige Traumrolle

Ich an der Karlshochschule

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