BREITENBACH


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15. Jun 2008

Re: Angst

Eine mögliche Antwort auf den Blogeintrag “Angst” bei Rebell ohne Markt:

Es gibt ein Ungleichgewicht der Angst in diesem Land. Man muss überlegen, wie man die Angst dorthin zurückträgt, wo sie herkommt.

Angst allein kann nicht nur von “außen” entstehen, weil es kein “außen” im System gibt. Angst braucht immer auch Rezeptoren. Unsere materiell geprägte Kultur, der durch Industrialisierung und Technologisierung bedingte Verlust von alten spirituellen Strömungen lässt uns in einem Meer aus Ungewissheit und Orientierungslosigkeit treiben. Wir glauben nicht mehr an Gott, aber wir sehnen und nach einem. Die Wissenschaft hat uns lange Zeit verboten, einen zu haben. Wir wissen heute nicht nur keine Antworten auf die existenziellen Fragen, wir stellen sie meist gar nicht mehr, sondern verharren im ewigen Ego-Zustand auf einem der beiden Pole: Gut oder böse - böse oder gut.

Angst kann zwar gestreut werden, jedoch muss sie auch zugelassen werden, damit sie überhaupt andocken kann. Angst entsteht durch die Aktivierung der wichtigsten “Programme” im menschlichen Denken, die da lauten: Tod (also Ichverlust und Verlust von anderen “Ichs” die das eigene Ich bilden), Verlust von materiellen Besitztümern (Armut) und Ausgrenzung aus der Gesellschaft (Verrücktheit). Diese Wegweiser zwingen uns ständig dazu dem Einfluss von angstschürenden Dingen nachzugeben, sich dem allgemeingültigen Bild dieser Gesellschaft, also den Normen, anzupassen. Sie sind die Rezeptoren für Angst.

Die Angst ist auf der Seite der Wehrlosen, sie ist nicht auf der Seite der Korrupten und derer, die Wanzen verstecken, Angst ist ein Instrument, gegen das es keine gesetzlichen Regelungen gibt, und die Frage, die sich mir stellt, ist eigentlich ganz einfach: Wie bleibt man legal, und produziert trotzdem Angst auf der anderen Seite, und zwar so, dass eine Abwehr mit Typen wie dem oben genannten schwer wird?

Wer Angst sät, wird auch immer wieder Angst ernten. Die Lösung kann also immer nur die bewusste Vermeidung der Aussendung von Angst sein, denn wenn wir begreifen, dass die böse Seite von sich selbst denkt, dass sie zu den “Guten” gehören, wird uns sehr schnell klar, dass wir mehr gemeinsam haben, als wir bisher dachten. Beide Seiten, egal ob subjektiv als “gut” oder “böse” eingestuft, haben Angst davor etwas von ihrer Existenz und allem was da an materiellen Dingen dazugehört abzugeben. Das gegenseitige Angstmachen, schürt doch gerade die Gewalt im gesamten System. Angst einflößen impliziert auf der anderen Seite genau das gleiche Verlangen, nämlich “Angst um Angst” zurückzuschlagen.

Angst ist also das falsche Mittel. Die Frage lautet also eher, wie gehen wir mit “denen auf der anderen Seite” um? Wie kommunizieren wir mit “ihnen” - wollen wir das überhaupt? Wollen “wir” in Ruhe gelassen werden oder lieber permanent rekrutieren und “andere” überzeugen. Wollen “wir” Recht besitzen oder uns den “anderen” annähren. Soll es dauerhaft Krieg oder Frieden sein?

Kann es sowas wie weissen Angstismus, Terrorismus geben?

Wir befinden uns ja gerade mittendrin. Wir halten es alle am Leben. Wir ernähren Terror durch die Streuung und Akzeptanz von Ängsten. Ohne Angst gäbe es gar keinen Kampf gegen den Terror bzw. den Terror als solchen. Terrorismus ist ein von uns selbst erschaffener, zum großen Teil gedanklich konstruierter Leviathan. Wieviele Menschen sind denn unmittelbar körperlich vom Terror bedroht und wieviele Menschen fühlen sich nur rein gedanklich vom Terror bedroht? Durch die weltweiten Kanäle der Medien gelangen die Konflikte der “restlichen” Welt direkt und in High-Def mitten in unser kuscheliges Wohnzimmer. Die Couch wird zum Kriegsschauplatz und gleichzeitig zum terroristischen Ziel. Dabei werden wir von den Medien tagtäglich dazu angehalten, zu wovor wir uns zu fürchten und was wir gefälligst zu hassen haben. Das ist der Motor des Systems Terror.

Ein Naturvolk im brasilianischen Regenwald, kennt bzw. kannte Terror einfach nicht in dem Maße, wie wir ihn definieren. Es hat jedenfalls keinerlei Vorstellung von “unserem Terrorismus”, geschweige denn von explodierenden Wolkenkratzern. Es weiß weder etwas vom Nahostkonflikt, noch etwas von schwindenen Ressourcen. Es hat keine Ahnung von rivalisierenden Religionen oder politischen Ansichten, geschweige denn von ausgebeuteten oder nutznießenden Staaten. Darüber sollte man mal einen Moment nachdenken, denn dann wird einem schnell bewusst, wie flexibel eine Weltanschauung eigentlich ist und dass die Strukturen doch nicht so verkrustet sind, wie man oftmals annimmt.

Was kann das Individuum gegen das System und seine Organisationen tun, wenn der Staat sich nicht mehr dem Bürger, sondern dem halbverstaatlichten Beziehungskomplex mit seinen Lobbyisten, Vertretern und Verwaltern verpflichtet fühlt?

Wir sind alle Teil des “Systems”, wir konstruieren es täglich mit und es verändert sich nicht, solange wir es “füttern” durch entsprechende Denkweisen und Handlungen. Wir halten die Nicht-Veränderung am Leben. Ein System ändert sich ständig, nur durch unser Zutun bleibt es starr und unbeweglich. Wenn wir etwas ändern wollen, so muss es jeder einzelne für sich tun. Das “Kollektiv”, also das Volk, der Staat oder die Gesellschaft entsteht durch die Gesamtheit aller vorhandenen Lebens- und Denkeinstellungen.

Die klassischen Medien, insbesondere das Fernsehen ist zu unserem gesellschaftlichem Hauptvorbild geworden. Großfamilienstrukturen lösten sich auf, Anonymität auf der realen Ebene macht sich breit und wir kommunizieren fast nur noch per Bande, also über die Medien. Film- und Serienfiguren sind unsere Vorbilder geworden. Ihren Lebenstil kopieren so viele Menschen. Nachrichten sind zum Alleinwissen mutiert. Die kurzen bunt geschnittenen Clips suggerieren uns, wie die Welt funktioniert bzw. zu funktionieren hat. Shows nehmen uns die Langeweile, weil wir in den Kandidaten uns selbst suchen und uns an ihnen orientieren. Doku-Soaps, meist inszeniert und verfälscht zusammengeschnitten, sollen uns ein Bild über unsere eigene Gesellschaft wiedergeben und wir hinterfragen es nicht. In einer medialen Welt, in dem die Kanäle zu “Programmen” in unserem Kopf werden, können wir nur reagieren, indem wir uns dessen bewusst werden. Das ist der erste wichtige Schritt. Sich Bewusstwerden, was wir täglich konsumieren und welchen Einfluss es auf unsere Psyche, auf unser Denken ausübt.

Vielleicht liegt die Lösung in der intensiven Aufklärung, in der Untersuchung nach stark wirkenden, tatsächlich aber schwachen und verletzlichen Punkten im System. Man muss lernen, was Angst ist, wie sie entsteht und wie sie wirkt. Jeder hat Angst.

Die Lösung liegt nur in der Bewusstmachung von Angst, nicht in der Suche nach Schwachstellen des sogenannten “Feindes”. Denn sonst befindet man sich wieder mittendrin im Spiel des Kollektivs, also des ewigen Kampfes um das eigene Selbstbild aufrechtzuerhalten, das da lautet: Du bist böse und ich bin gut. Die Antwort lautet aber eher: Wir sind.

Wir sind eine Spezies, die gerade einmal ein paar Generationen zwischen sich und friedlich lebenden Primaten hat, die aber heute schon emsig Smartphones bedienen können. Wir sind aber auf der Schwelle zu einer neuen Evolutionsstufe, die rein geistig abläuft, indem wir durch die Vernetzung von Informationen, Wissen und der Chance andere Kulturen kennen- und schätzen zu lernen, uns in einem größeren Kontext vorstellen können. Erst wenn wir uns diesem großen Kontext bewusst werden, also den gemeinsamen Wurzeln der Menschen (die berühmte Ursuppe), erst dann können wir ein Ziel setzen, ob wir weiterhin gegeneinander kämpfen möchten, oder ob wir endlich einmal damit beginnen an einem Strang zu ziehen und das Leben zu konstruieren, wie es im Grunde genommen jeder Mensch für sich selbst und seine Nachkommen wünscht: Ein Leben in Frieden, Harmonie und reiner Glückseligkeit. Es ist alles im Überfluss da. Wir müssen nur lernen es miteinander zu teilen.

Die Antwort kann nicht sein, die Iren rauszuschmeissen, die Antwort muss sein, dem System noch mehr Gegenangst zu machen.

Wenn man mal begriffen hat, dass man gar nicht außerhalb des Systems existieren kann, sondern immer Teil dessen ist, dann wird man auch sehr schnell begreifen, dass man durch Angst verbreiten auch wieder Angst kassieren wird. Eine Befreiuung kann niemals gewaltsam geschehen, denn es mündet immer wieder in einer Gefangenschaft. Eine Befreiuung kann erst dann geschehen, wenn wir allen ihre Freiheit zusprechen. Angst kann man nie bekämpfen, Angst kann man höchstens integrieren und damit weniger zum Bestimmer des eigenen Lebens machen.

7. Jun 2008

Soma statt Victory Gin

Neil Postman konstatiert in “Wir amüsieren uns zu Tode”, dass weniger die Gefahr bestünde, ein Orwellsches System, wie es in 1984 beschrieben wurde, unsere Gesellschaft unterdrückt und der Freiheit beraubt, sondern dass vielmehr Huxleys System aus seiner Zukunftsvision in “Schöne neue Welt” im Aufmarsch ist. Die Gesellschaft bewegt sich freiwillig und schleichend in ein Gesellschaftssystem, in der sie sich selbst durch völlige Unterhaltung mit Soma (heutige Psychopharmaka) und Fühlkinos engl. “Feelies” (heutiges Entertainment) dumpf halten.

Während Orwell ein eindeutiges, klar präzisiertes Feindbild erschuf, nämlich das totalitäre System, welches den Teil eines Volkes unterdrückt und manipuliert, gibt es bei Huxley den einzelnen, normierten Bürger, der dies alles freiwillig tut und gar nichts vorfindet, was er bekämpfen könnte. Er hat im Gegensatz zum Wahrheitsministerium, welche die Geschichte absichtlich verdreht hat, die Vergangenheit ganz einfach vergessen.

Huxley schrieb “Schöne neue Welt” 1932, kurz vor der Machtergreifung Hitlers und vor Orwells 1984, welches ja erst nach dem 2. Weltkrieg erschien, nämlich 1948. Huxley war seiner Zeit sehr weit voraus. 76 Jahre später erkennen einige, was er eigentlich meinte. Der Mensch sehnt sich nach Ruhe, nach Erlösung, nach Problem- und Konfliktfreiheit. Er sehnt sich nach Verantwortungslosigkeit und lässt sich fallen. Eine Welt, aus reiner Oberflächlichkeit bestehend, verdrängt alle Probleme, die in der Tiefe wurzeln. Eine Gesellschaft transzendiert durch Unterhaltung.

Der nächste logische Schritt zur “brave new world”, der sich gerade vollzieht ist die Entpolitisierung der Politik. Politik muss jetzt nur noch cool und charismatisch sein, darf auf keinen Fall langweilen und muss immer genau das sagen, was das Volk am Liebsten hören würde. Vor allem muss Politik sich entsachlichen, und klare Feindbilder aufbauen (Sozialisten, Terroristen, Turbokapitalisten etc.) Sie muss sich den Regeln der Webung unterwerfen: 30-seconds, Packshots, Emotionskonzentrat und auf keinen Fall “langweilig”. Politik muss auf Youtube flimmern, twittern, sich in Vorabendserien “placen” und natürlich immer schön kurzzeitig kommunikativ polarisieren, also Buzz erzeugen. Politik darf vor allem aber eines nicht: Visionär und vorausschauend handeln. Politik muss immer den minimalsten Weg der Veränderung, also des “Pragmatismus” gehen, um ja nie den Lobbyisten und Wählern aller Couleur (also “die Mitte”) auf die Füße zu treten.

Wir stecken tief im Morast, jedoch schön warm eingelullt zwischen Soma und Fühlkino - zwischen großer Koalition und Gesellschaftskirmes. Genau das richtige Vakuum für den nächsten großen Führer, der diesmal aber richtig gut aussieht, lächeln und laufen kann.

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Meine derzeitige Traumrolle

Ich an der Karlshochschule

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