BREITENBACH


feed your head

19. Aug 2009

Kinderpornografie: Dämonisieren, kriminalisieren und auch gleich tabuisieren?

Wer desöfteren in meinem Blog liest, kennt meinen Bezug zu “Tabus” und dass ich mich dafür interessiere. Ich finde es extrem spannend und zum Teil erschreckend, welche Macht von Tabus ausgeht und wie diese sich immer wieder blockierend auf bestimmte Prozesse auswirken. Nichtsdestotrotz schreibe ich als selbsternannter Systemiker Tabus natürlich immer eine Funktion zu - ich will nicht den gleichen Fehler machen und sie sofort dämonisieren. Tabus haben die Funktion gewisse Sachen zu stoppen, was zunächst einmal nicht gut oder schlecht ist. Vielleicht benötigt der Mensch ja Tabus, um sich vor Überforderung zu schützen?

Eine der größten gesellschaftlichen Tabus ist sicherlich zur Zeit das Thema Kinderpornografie bzw. Pädophilie. Ich begebe mich mit der Thematik auf ein gefährliches Terrain, denn dieses Thema ist mehr oder weniger durch die extreme Dämonisierung, Kriminalisierung und Pathologisierung so gut wie tabuisiert. Man darf es keinesfalls wagen, sich in die Rolle von Pädophilen hineinzuversetzen, weil man dann ganz schnell selbst den Stempel dieser Eigenschaft aufgedrückt bekommt. Und das ist das große Problem an der Thematik. Wenn wir wirklich ein echtes Interesse haben das Problem “Pädophilie” zu lösen, so müssen wir lernen anders damit umzugehen. Denn was hat diese extreme Dämonisierung und Tabuisierung zur Folge? Wir hören auf den Pädophilen zuzuhören und damit intensiver zu forschen und uns mit dem Thema wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen. Das wäre aber eine wichtige Voraussetzung, um den Menschen dabei zu helfen ihre Neigungen in den Griff zu bekommen und Kinder eben nicht mehr als unschuldige Opfer missbrauchen zu lassen. Menschen mit pädophilen Neigungen, die sich selbst unsicher sind, holen sich aufgrund der Tabuisierung eben keine Hilfe mehr und schweigen - sie ziehen sich also immer tiefer in den Schutz ihrer kriminellen Milieus zurück, finden unter “derengleichen” die Akzeptanz oder das Verständnis, das sie sonst niemals in der “normalen” Gesellschaft bekämen. Es entstehen bizarre, starre, fast religiös-mystische Parallelkulturen, die Pädophilie gutheißen und als etwas natürliches ansehen und dabei kulturhistorische Kontexte als Beweisführung zu Hilfe nehmen (Was ja auch in diesen Kontexten stimmen könnte, nur ist das Wissen darüber extrem verzerrt und verblasst bzw. der heutige gesellschaftliche Kontext ein ganz anderer und damit absolut nicht stimmig). Kurzum. Das Problem wird sogar noch verstärkt oder in Extreme geführt.

In der heutigen Debatte rund um Kinderpornografie und Internetsperren reden wir leider ausnahmslos am Thema vorbei. Die Gegner von Internetzensur treten die Ängste und Beweggründe der Zensurbefürworter mit Füßen und umgekehrt gilt das genauso. Die Bekämpfer der Internetangebote sehen nicht die Befürchtungen der Kritiker, dass die Grundrechte von Menschen ausgehöhlt werden. Warum auch, sie wollen nur Kinderpornografie bekämpfen. Ein fruchtbarer Dialog zur Lösung des eigentlichen Problems findet also so gut wie nicht statt. Jeder stampft mit seinem Fuß in Rumpelstilzchenmanier auf den Boden und brüllt sein BASTA, während das Grundproblem weiterhin aktiv unter der Oberfläche gärt und keinesfalls gelöst wird. Wir lenken uns also lieber mit Meta-Scharmützeln ab. Zensur - ja, nein wie auch immer. Letztendlich sind die Kritiker der Zensur noch weitaus konsequenter, denn die wollen das Problem Kinderpornografie nicht unbedingt lösen sondern nur für Grundrechte und Zensurfreiheit kämpfen. Also im Grunde redet man komplett aneinander vorbei, was schade ist.

Wenn also schon ein Stoppschild und die Sperrung einer Seite sein muss, wieso dann nicht auch explizit Anlaufstellen zur Beratung oder Hilfe schaffen? Ich persönlich halte dieses “Stopp” im Zusammenhang mit der Thematik sogar einigermaßen für sinnvoll, denn der Konsument wird in seinem triebhaften Handeln (welches ja durch das limbische System bedingt fast ein Autopilotmodus ist) unterbrochen und ins mehr oder weniger rationale Bewusstsein zurückgeführt. Er hat nun erstmals die Chance wenigstens ganz kurz nachzudenken, wo er mit seinem Verhalten gesellschaftlich gerade steht. Nur dann muss es halt explizit weitergehen. Dann muss ich der betroffenen Person auch Hilfe anbieten, so dass sie sich eben nicht weiter in die Illegalität und Kriminalität zurückzieht oder sich gar die Triebbefriedigung in unmittelbarer, persönlicher Umgebung holt.

Um es am Ende ganz klar auszudrücken: Pädophilie ist eine in unserer jetzigen kulturellen Gesellschaft eine extreme Störung. Wenn wir aber als Gesellschaft wollen, dass diese Störung gelöst wird, so sollten wir doch wenigstens bereit sein, uns auf die Störung einzulassen, sie versuchen zu verstehen oder zumindestens zu analysieren. Tun wir das nicht, so verdrängen wir das Problem nur tief aus unserer Wahrnehmung und wir werden dann wieder umso extremer negativ überrascht, wenn wir unmittelbar Opfer dieses Problems werden. Dann ist die Empörung wieder gigantisch groß und der Ruf nach Kastration oder gar Todesstrafe wird laut und der ganze Schmarrn schleift sich tiefer und tiefer ein.

Wenn Politiker nach Regulierung rufen, so ist dies meist ein Zeichen für Resgination, denn diese Regeln sollen in erster Linie Kommunikation beschneiden und nicht das gesellschaftliche Problem dahinter lösen. Probleme löst man, in dem man sie erfasst, analysiert und dessen Funktion entschlüsselt, so dass man daraufhin alternative Lösungen entwickeln kann. Ein kommunikativer Ausschluss von Problemen führt zum genauen Gegenteil der Problemlösung. Beispiele hierzu findet man in der Stadtpolitik, bei der man das Problem Drogensucht und Obdachlosigkeit einfach räumlich verschiebt, aber eben nicht wirklich löst oder lösen will/kann.

8. Jul 2009

Es ist deine Zeit: Die Helden der Generation Retweet

helden1

Ich erinnere mich an eine Zeit, da wollten einige Leute in Deutschland den Markt und die Gesellschaft (wenn auch nur vielleicht die Medien) verändern. Sie hatten die Schnauze voll von der Top-Down-Kommunikation arroganter Super-Konzerne, dessen Führungsriegen zumeist aus Managersprechpuppen mit Bullshitbingoschallplatten im Bauch bestanden. Einige Bloggerpioniere, allen voran die von Punkrock getriebenen Berliner, konnten plötzlich ihre authentisch rotzfrechen, aber ganz und gar nicht unintelligenten Meinungen freien Lauf lassen. Sie ließen sich nichts mehr gefallen. Weder von Einschüchterungsversuchen irgendwelcher Juristenarmeen, noch von den permanenten Versuchen der klassischen werbefinanzierten und -gefärbten Holzmedien, Blogs abschätzig als klein und irrelevant einzustufen. “Sie”, die Pioniere der Aufklärung 2.0, schrieben was sie dachten - und sie dachten und schrieben sehr viel.

Ein Begriff geisterte immer wieder durch die Verlinkungsstränge der damaligen, von einer Mini-Revolution beseelten, Blogosphäre: Das Cluetrain Manifest. Märkte sind Gespräche. Märkte werden von Menschen gemacht und nicht von einzelnen weltfremden Werbetextern, Marktforschern oder egozentrierten Managern. Nicht der Einzelne war wichtig, es ging auch gar nicht mal darum, dass die eigenen Interessen verwirklicht werden, sondern einzig und allein darum, der Welt zu zeigen, dass jeder Mensch etwas bewegen kann, dass jede Meinung zählt und dass es keine kalkulierbaren Zielgruppen und Käuferschichten gibt, sondern nur Menschen.

Menschen, mit ihren Probleme, Sorgen und Nöten. Ja, das heißt auch mit ihren Beschwerden, Meckereien und Wutausbrüchen. Aber eben auf der anderen Seite auch Menschen mit guten Ideen und Impulsen, Menschen mit großer Leidenschaft, die - wenn einmal begeistert - für diese Begeisterung bei anderen Menschen werben. Menschliche Mundpropaganda wurde plötzlich unter all der unwirklichen und künstlichen Plakat- und TV-Werbung wieder populär.

Heute scheint sich das Blatt wieder zu wenden. Vielleicht ist das alles zu anstrengend geworden. Zu groß und komplex. Je weniger man zu sagen hat, desto weniger Zeichen benötigt man für das Gesagte und eben auch umgekehrt. Meist reicht nur noch ein “RT” im Zusatz mit einer “TinyUrl” also einem abgekürzten Link, meist von Themen, die völlig banal und ohne echten Nachrichtenwert oder nützlicher Substanz sind. Diese werden dann durch das weitertratschen gehyped ohne Ende. Es ist Info-Fast-Food. Leichte Kost. Schnell verbreitet. Hauptsache man ist nicht selbst betroffen, hauptsache man trägt nicht noch mehr Last, hauptsache jeder kann unverfänglich seinen Senf dazu geben.

Natürlich geht die Nachricht vom Tod des Popkönigs um die Welt. Wenn früher ein Herrscher gestorben ist, machte das schließlich auch die Runde. Aber muss man nicht auch wenigstens ein kleines bißchen zugeben, in welch dekadenten Zeiten wir leben? Ein paar tausend Kilometer entfernt, werden Menschen Hände und Füße abgeschlachtet und wir schnattern emsig darüber, warum Michael denn jetzt einen Glitzerhandschuh trug oder warum der arme Kerl so war wie er ist. Hat irgendjemand eine Ahnung wieviele Kinder in Deutschland so mißhandelt werden? Von der gesamten Welt will ich nicht sprechen, sie ist für uns viel zu groß und viel zu komplex, als dass wir auch nur im Entferntesten über dessen grundlegenden Probleme reflektieren können. Wir wollen oder können nicht zu den Wurzeln vordringen, weil uns der Wald mitsamt Baumspitzen nach oben katapultiert hat. Hier oben ist die Luft dünn, da bleibt dem Gehirn nur wenig Sauerstoff, daher müssen wir einfach mal einen Gang runterschalten um kostbare Energie zu sparen. Wir verkürzen Sprache und Denkweise, in dem wir uns mit 140 Zeichen begnügen (Lesen wie schreiben) und Themen per Mausklick weitertratschen. Das Uploaden überlassen wir meist den anderen, wir retweeten am liebsten.

Es ist uns alles über den Kopf gewachsen. Probleme im eigenen Umfeld werden nicht mehr offen besprochen, weil man Angst hat, dem anderen auf die Nerven zu gehen. Ein Gespräch über den Popkönig ist da allemal unverfänglicher. DER hatte Probleme, die so bizarr sind, dass unsere Probleme einfach nur langweilig wirken. Am Ende müsste man sich vielleicht sogar noch die persönlichen Probleme der anderen anhören und mit all den Problemen aus aller Welt - ich spreche von für uns unlösbaren Problemen, wie den Nahost-Konflikt oder den Bürgerkriegen in Afrika - ist man ja weiß Gott schon genug bedient. RABENSATT! Und wer weiß. Vielleicht ist das wie beim Kaufen? Wenn man die Ware erst einmal in der Hand hat, muss man Sie am Ende sogar noch mit nach Hause nehmen und bezahlen. Bleib mir also weg mit den Problemen, am Ende muss ich sie sogar noch lösen.

Daher sind wir doch froh endlich über Pressekonferenzen von Telekommunikationskonzernen zu sprechen, bei denen zum Beispiel Deutschlands bekannteste Blogger “Wir sind Helden” singen. Ein Umstand, der gar nicht mehr kommentiert werden muss, weil er einfach nur für sich steht: Als eine große Realsatire, als der Inbegriff für die verstorbene Gesprächskultur der Bloganfänge, die Aushöhlung von all dem, was Blogs einmal so “groß” im Sinne von relevant gemacht hat. Doch heute haben es Blogs und Twitter tatsächlich geschafft gleichzuziehen und Unternehmen haben auch gelernt sie für sich zu nutzen. Endlich sind wir auf einer Augenhöhe mit den damals so kritisierten Medien. Wir verkaufen uns im gleichen Maße und erzählen die gleiche Kacke im gleichen Bullshitbingosprech und fühlen uns dabei als Helden, die die Welt verändern könnten. Kommunikation auf Augenhöhe - wenn wir selbst nicht runter wollen, holen wir uns halt ein paar willige Gatekeeper nach oben.

Kaufe unser Produkt und du wirst ein Held. Ich kaufe dein Produkt und bin dein Held. Das muss einfach funktionieren. Früher hatten die Menschen zur Bewältigung der komplexen Realität ihre Religionen - heute haben wir unsere Markenwelten, zum Glück ist da kein Platz für Fegefeuer und andere lästigen Pflichten. Gebt uns einen coolen Song (den wir als Kind schon bei Mama und Papa im Autoradio haben dudeln gehört) einen coolen Slogan und wir fühlen uns gut. Ahh. Endlich. Wir sind Helden.

Ich weiß, es sind nicht alle so. Nur fühlt man sich verdammt allein in letzter Zeit. Von den Anti-Helden bekommt man nicht viele Retweets mit und daher auch wohl nicht dessen reichhaltiges Upload. Mag sein, dass dies hier ein paar armselige Worte eines kleinen, idealistischen Spinners sind. Aber vor einigen Jahren hatte man als Spinner wenigstens noch das Gefühl Teil einer Bewegung zu sein. Heute ist man einfach nur Teil der Generation Retweet. Sei dabei, oder sei ein faules Ei. Einer Generation, die gern Banalitäten, die schon lustig sind, nachplappert statt mal etwas intensiver nachzudenken oder gar Dinge in Frage zu stellen. Eine Generation, die vielleicht etwas uploaded, aber eben nur meist das eigene Werbeplakat, auf dem man genauso viel sagt, wie sonst eben auch, man sich aber trotzdem als Held dabei fühlt.

Sei dabei. Tritt ein in die Welt, wo jeder ein Held sein kann, allein durchs Kaufen und Gekauftwerden. Es ist deine Zeit! Ein Tweet wäscht schließlich den anderen! Wir haben unsere Online-Reputation zu verlieren.

Es gibt “sie” also doch noch?!
Stuttgart-Blog
Ralf Schwartz
Internet-Law
Basic Thinking
PR-Fundsachen
Blogbar
Macomber
F!XMBR
Journalistenschredder
Jörg Tauss via Lanu
Cluetrain-PR
Foxxis Blog
FAZ

19. Mär 2009

Killende Sozialspiele

sillygames

Eskapismus, wohin man blickt. Und ich selbst schließe mich natürlich nicht davon aus. Wir sind eine Gesellschaft von Eskapisten. Wir sind ständig auf der Flucht. Die Flucht in virtuelle Realitäten. Vom Fernsehen bis zum MMORPG. Hauptsache wir können unserer eigenen, scheinbar kümmerlichen Realität entkommen. Dem verhassten Job, der entfremdeten Familie und überhaupt dem gesamten sozialen Umfeld, das uns scheinbar nicht genau das Gefühl geben kann, welches wir beim Computerspielen, beim Konsum von Drogen oder dem Zappen durch zig Kanäle erhalten. Das Gefühl von Belohnung, von Anerkennung, von Zugehörigkeit - schlichtweg von Glück. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich zähle auch so kutlurell wertvoll eingestufte Tätigkeiten wie das Lesen von Büchern zum Eskapismus dazu. Es macht keinen Unterschied, ob man sich in die Literaturwelt des 19. Jahrhunderts oder in ein virtuelles Rollenspiel der Neuzeit zurückzieht. Beides ist ein Ausdruck einer Unzufriedenheit, nein vielleicht eher der Ausdruck einer ewigen Suche. Selbstsuche wird so zur Selbstsucht und die Realität, welches das Selbst wohl am besten abbildet, bleibt dauerhaft getrübt vor unseren direkten Augen verborgen. Übrigens was ist eigentlich mit DEM Killerspiel überhaupt? Das große Vorbild der virtuellen Pixelballerei? Der reale Krieg als Urform des Eskapismus. Wir ziehen mitunter in fremde Länder, um dort unser Leben für fremde Staatsführer zu riskieren, wohlwissend, dass unser direktes soziales Umfeld zu Hause ist und sich um unsere leibliche und geistige Gesundheit sorgt (es sei denn es eskapiert ebenso intensiv). Das aber nur nebenbei, Krieg ist für uns ja schließlich kein Spiel, was man unbedingt und umgehend verbieten muss.

Ich will diesen Eskapismus hier auch gar nicht groß bewerten, es ist unmöglich ihn in gut oder schlecht, nützlich oder gefährlich einzuteilen. Er ist da. Allgegenwärtig. Ein Teil von uns. Genau diese Gedanken sollte sich eine Gesellschaft zuvor machen, bevor sie über das Verbot eines weiteren Eskapismusinstrumentariums nachdenkt. Konsequenterweise müsste man ja eigentlich die Flucht an sich verbieten, also alles was uns vom realen sozialen Leben ablenkt - doch was bleibt dann noch vom “realen sozialen Leben” übrig?

Das Verbot von Killerspiele (die ja nur ein Teil einer schrecklichen Realität virtuell nachspielen) mag für viele genauso sinnvoll sein, wie das Verbot von Drogen. Letzendlich dient es aber nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Wir haben vor lauter Eskapismus keine Zeit mehr, um uns intensiv mit leidenden Menschen zu beschäftigen, um uns mit den Motiven und wahren Hintergründen auseinanderzusetzen. Das benötigt Geduld, Ruhe und jede Menge Anstrengung. Uns fehlt dazu außerdem auch ein Stück Nähe. Wir lösen die Probleme der Welt gerne medial. Schnelle Problemstellungen aus der Ferne und schnelle medial kommunizierte Lösungen in 140 Zeichen. Die Zeit drängt. Also nehmen wir den “kranken” Menschen einfach zuerst einmal genau das weg, was ihr Leid (Leid liegt immer im Auge des Leidenden) für einen Augenblick verschwinden und vergessen ließ. Wir nehmen den Babys ihren Schnuller weg, wundern uns aber gleichzeitig wenn sie den nächstbesten Ersatz in ihre sabbernden Münder stecken oder einen tierischen Wutanfall bekommen. Auf den Schreck erstmal eine Zigarette.

Schnelle Lösungen sind faule Lösungen. Wir brauchen aber alle sofort und umgehend Lösungen für ganz große Probleme. Wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch schon wieder los. Da hinten wartet schon die nächste globale Katastrophe auf uns.

10. Dez 2008

Sucht sucht Belohnung

Sucht ist ein sehr spannendes Thema, nicht nur weil es mich selbst betrifft, sondern ich behaupte kühn, es betrifft alle Menschen auf dieser Erde. Wir alle sind süchtig. Der Unterschied ist jedoch, dass manche Süchte von außen identifizierbar sind und manche eben nicht. manche sind kriminalisert, manche sind akzeptiert. Manche sind konzentriert, manche treten breitbandig auf.

Belohnung lautet das Schlüsselwort. Belohnung ist der Treibstoff des Lebens. Ohne Belohnung würde hier kaum etwas laufen. Belohnung motiviert dazu, bestimmte Dinge anzufangen und weiterzumachen. Fortpflanzung zum Beispiel, wird durch die dabei entstehenden Gefühle belohnt. Nahrung belohnt uns umgehend. Soziale Interaktion in Form von Anerkennung, kann uns belohnen und uns somit ein gutes Gefühl verschaffen und uns weiter antreiben. Druck kann unseren Adrenalinspiegel pushen und uns somit ein Belohnungsgefühl verschaffen. Sport setzt belohnende Stoffe im Gehirn frei und Crack macht das Ganze natürlich ebenfalls auf seine Art sehr schnell und sehr heftig. Wir alle sind abhängig von Belohnung und dessen Gefühl, welches es in uns auslöst.

Wann kann man aber jetzt von einer Sucht sprechen? Nun, pathologisch (und das ist schon fatal, weil Sucht keine Krankheit ist, sondern ein natürlicher Bestandteil des Lebens) wird es erst, wenn wir süchtig nach einer bestimmten Sache oder Substanz sind und dies uns oder andere Menschen (bzw. die Gesellschaft) schädigt, man es aber dennoch weitermacht. Die nicht erkannten Süchte bleiben deshalb “normal” und unsichtbar, weil einige Menschen in der Lage sind sich ihre Belohnungen breitbandiger zu verschaffen. Das heisst, sie trinken morgens ihren Kaffee, essen ihr Marmeladenbrot, davor vielleicht noch ein Ei, hören Gute-Laune-Musik, bekommen von ihren Kindern einen Abschiedskuss, fahren in ihr Büro, zu ihrem Job, der ihnen Spaß macht, erhalten dort Anerkennng von Kunden und Mitarbeiter, gehen in der Mittagspause in den sonnigen Park und verputzen ein schmackhaftes Mittagessen, telefonieren danach mit ihrer Familie und lassen sich von den guten Noten in der Schule erzählen, was die Vaterherzen natürlich vor Stolz anschwillen lässt und vor der Heimfahrt gibt es noch einen Abstecher ins Sportstudio, wo sie eine Stunde ordentlich trainieren und danach noch in die Sauna oder sich unter die heiße Dusche stellen. Zu Hause bringen sie ihre Kinder ins Bett, lassen sich umarmen und kuscheln sich mit ihren Frauen bei einem leckeren Glas Rotwein und ein paar Stücken dunkler Schokolade auf die Couch und schauen eine Liebeskomödie mit Happy-End-Garantie. Danach geht es ins Bett und sie lassen den Abend vielleicht noch mit etwas zärtlichem aber leidenschaftlichen Sex ausklingen, um dann glücklich und zufrieden in das Land der Träume abzudriften.

Klar, was ich meine? Diese beschriebenen Menschen sind dauerhigh, aber dennoch nicht weniger süchtig nach Glück oder dem Gefühl, welches man auch nach dem Konsum von illegalen Drogen oder eskapistischen Rollenspielen erhält. Denn wehe, diese heile Welt bricht plötzlich zusammen.

Wenn man Sucht also als eine Art Krankheit ansieht und damit ausgrenzen will, so wird man gegen Windmühlen kämpfen. Wieso ist es für Junkies so schwer, von der Droge loszukommen? Nun, sie bekommen beim Konsum der Droge einen regelrechten Belohnungsrausch. Es ist meistens davon auszugehen, dass die Menschen, die solche Drogen testen, von vornherein ein verstärkte Belohnungsunruhe in sich tragen. Also gestresste Menschen, traumatisierte Menschen, pubertierende (und damit verunsicherte und ebenfalls extrem gestresste) Menschen und Menschen, die gesellschaftlich keinen Platz gefunden haben, an dem sie Anerkennung, Aufmerksamkeit oder belohnende Liebe erfahren konnten. Diese Menschen finden also plötzlich eine Substanz, die sie sozusagen von 0 auf 100 innerhalb von 1 Sekunde bringen. Mir hat mal ein Heroinuser erzählt, dass diese Droge die Königin aller Drogen sei. Stundenlanger Orgasmus. Eingepackt in Watte. Einfach nur Wohlsein. An diesem Punkt war mir klar, dass ich vor Beginn meiner Rentenzeit das Zeug nicht anfassen werde.

Tja und was passiert dann, wenn der Rausch vorbei ist? Man fällt in ein sehr sehr tiefes Loch. Der Kater. Je heftiger der Rausch, desto tiefer das Loch. Der Preis, den Mensch im allgemeinen für zu viel Glück bezahlen muss (Extremsportler, Politiker, Unternehmer etc. dürften das beispielsweise auch ganz gut kennen). Das fatale beim Junkie ist jedoch, dass sein Umfeld meist bereits so gestrickt ist, dass er meist aus keine anderen alternativen Belohnungsquellen mehr schöpfen kann. Er hat kein Netz, dass ihn auffängt. Er hat die Wahl: Entweder dunkles Loch oder wieder rausschießen. Je länger ein Junkie konsumiert und je mehr er dadurch gesellschaftlich abrutscht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er vom Belohnungsstoff loskommt. Alles um ihn herum besteht irgendwann nur noch aus stinkender, triefender Scheisse. Das Leben versaut, der Körper im Arsch, Freund eund Familie abgezockt, ggf. auf den Strich gegangen und diverse Traumata dadurch erlitten. Welche Hoffnung, ja welche alternative Belohnungen kann es für solche Menschen denn noch geben? Das Stück Schokolade? Das Glas Wein oder das Kuscheln auf der Couch?

Um das Thema Sucht richtig zu behandeln, im Sinne von intergrieren und systemisch zu lösen, schlage ich folgende Ideen vor:

1. Eine konsequente Entkriminalisierung von Drogenkonsum.
Prohibiton hat Menschen nie davon abgehalten Drogen zu nehmen, ganz im Gegenteil. Die Illegalität fördert eine gigantische organisierte Kriminalität, bei der sich etliche Menschen am Leid anderer Menschen dumm und dämlich verdienen. Die Gesundheitsgefahr der Drogennutzer steigt durch gestreckte oder gefälschte Drogen. Kriminelle Dealer sind eher daran interessiert andere Menschen süchtig zu machen, um ihr Einkommen abzusichern. Der Konsum sollte dennoch in geschlossenen Räumen stattfinden, so dass zumindestens andere Menschen in ihrer Gesundheit nicht beeinträchtigt werden können.

2. Verstärkte medizinische Forschung im Bereich der Dopaminregulierung.
Der “Glücksbotenstoff” im Gehirn muss noch genauer analysiert werden. Gegebenfalls müssen regulierende Therapien in Form von pharmazeutischen Produkten entwickelt werde. Das allein reicht jedoch nicht aus. Natürlich bedarf es immer auch noch einer psychologischen Betreuung um substanzfreie Belohnungen zu erarbeiten. Ein Suchtberater sollte daher in etwa so wie ein Ernährungsberater arbeiten, um die Sucht des Klienten breitbandiger zu verteilen.

3. Gesellschaftlicher Konsens durch intensive Aufklärung
Sucht ist kein Verbrechen, keine Krankheit, kein Unheil und keine Strafe Gottes. Alle Menschen sind süchtig, so wie wir alle auch Nahrung aufnehmen müssen. Es kommt nur darauf an, andere Menschen nicht zu schaden. Wer sich bewusst für eine Sucht entscheidet (von Kaffetrinker, Raucher bis Morphiumnutzer) sollte die Freiheit erhalten, solange dadurch das Leben anderer nicht gefährdet wird. Eine Stigmatisierung, Ausgrenzung oder gar ein Wegsperren in Gefängnissen und Psychatrien werden das “Problem” niemals beseitigen, höchstens verlagern oder sogar noch verschlimmern.

4. Reflexion
Wer morgens beim Kaffee die Zeitung oder das Internet aufschlägt und vor lauter Krisen- und Kriegsmeldungen die eigene Galle leicht köchelt, der braucht sich nicht wundern, wenn er abends seine Portion Extrabelohnung benötigt. Medien, als Meinungsmacher, sind besonders in der Verantwortung mit Menschen so umzugehen, dass sie in keine zusätlichen, künstlichen und für sie persönlich nicht relevanten psychischen Löcher fallen. Diffamierungen, Beschimpfungen, Raub der Privatsphäre dürfte wohl der Grund Nummer eins bei Stars und Starlets sein, warum sie so oft zu den verbotenen Suchtmittelchen greifen. Überhaupt würde uns ein gesellschaftliches Miteinander geprägt von Liebe, Empathie und positivem Grundklang dabei helfen, Süchte sich nicht zu konzentrieren lassen. Verantwortliches Miteinander, der freundliche und respektvolle Umgang mit Mitarbeitern und Untergebenen, mit den eigenen Kindern, den Nachbarn oder Freunden wie Verwandten, hilft allen dabei, Sucht wesentlich breitbandiger aufzustellen.

Danke fürs Mitlesen. Wem die Gedanken zusagen, sollte sie weitertragen, am besten in eigenen Worten. Anmerkungen dazu sind ebenfalls gewünscht, doch sehe ich dieses Thema nicht als meine Lebensaufgabe, sondern diese Gedanken sind meine wissenschaftlich nicht fundierten Bauchideen, entstanden aus dieser Diskussion hier. Immer daran denken: Think for yourself, stupid!

9. Dez 2008

Eine kleine Sammlung von Tabuthemen

Aus meiner persönlichen Biografie heraus interessiere ich mich sehr stark für Tabus. In meiner Familie herrschte das für ein Kind größtmögliche Tabu überhaupt: Der eigene Vater.

Tabus sind deshalb interessant, weil sie so eine unglaubliche Macht haben und unser Verhalten explizit verändern und beeinflussen. Es gibt also sehr mächtige Tabus, also diejenigen, die dem eigentlich Begriff tatsächlich gerecht werden (Man darf darüber auf keinen Fall sprechen) und etwas weniger mächtig Tabus, die einem lediglich schon vorher mitteilen, wie man über eine bestimmte Sache zu denken hat oder dass man sich besser gleich zu solch einem Thema bedeckt halten sollte. Ich würde gerne solche Tabus sammeln, ganz einfach um etwas über sie zu lernen, sie zu sezieren und ihre Kraft und Wirkung zu analysieren. Es wäre schön, wenn ihr mir von Tabus berichten würdet, denn ich fürchte trotz aufgeklärter Informations- und Wissengesellschaft begegnen uns begrenzende Tabus immer und immer wieder. Aber ich möchte auch herausfinden, welche Funktion Tabus haben können. Nützlich wie behindernd. Denn als Systemiker glaube ich natürlich auch immer an eine bestimmte gesellschaftliche Funktion. Weiter will ich herausfinden, was geschieht wenn Tabus gebrochen werden, bzw. wie man diese überhaupt brechen kann.

Ich beginne also damit, einige Tabus (gerne auch alte Tabs, die sich verändert haben) zu sammeln. Ihr dürft diese gerne per Kommentar ergänzen oder überhaupt alles dazubeitragen, was euch zu diesem Thema einfällt.

Politische Tabus
Diktatur
(Trotz ihrer Existenz werden Diktaturen allgemein verachtet, man darf auf keinen Fall dieses System als mögliche politische Ordnung in Betracht ziehen)

Anarchie
(Anarchie gilt als chaosstiftend, willkürlich und würde die Menschen dazu animieren, sich Dinge auf Kosten anderer Menschen zu rauben. Komisch, passiert nicht genau das schon heute im Turbokapitalismus?)

Kommunismus
(Der Kommunismus ist einfach böse und wurde jahrzehntelang erfolgreich verfolgt und gedanklich so gut wie ausgemerzt, dabei wissen die wenigsten eigentlich, worum es da genau geht. Wozu auch, es ist böse)

Sozialismus
(ist der kleine Bruder des Kommunismus und aufgrund gleichen Genpools ähnlich böse ausgeprägt)

Gesellschaftliche Tabus
Psychische Krankheiten
(In einer Leistungsgesellschaft die auf Normailtät fixiert ist, aber nicht wirklich genau definieren kann, was eigentlich “normal” ist, gelten psychische Krankheiten als Gefahr für die Normalität. Es wird gar nicht erst überprüft, ob psychische Symptome nicht vielleicht in einem System heraus erklärbar sind sondern diese werden pharmazeutisch verdrängt)

Tod
(Wir hassen nichts so sehr wie den Tod, daher hüten wir uns davor darüber bei Tisch zu sprechen)

Kriminalität
(Fast jeder Gesetztesverstoß - außer der eigene - ist böse. Warum, wann und zu welchem Zweck manche Gesetze eingeführt wurden, interessiert uns nicht. Uns interessiert auch nicht, dass Gesellschaften ihre Krinimaniltät künstlich erzeugen, wie zum Beispiel durch ein Verbot von Substanzen oder dem Kopieren von Kulturgütern)

Selbstmord
(Die schlimmste Form neben Mord im Bereich Tod. Selbstmord erinnert uns immer an das mögliche eigene Versagen und das Versagen der Symptmdämpfenden Medikamente)

Religion
(Der Glaube an nichtbeweisbare und durch Menschen interpretierte Lehren ist mit völligem Schutz zu belegen. Man darf weder davon Karikaturen anfertigen noch irgendwelche Witze machen - es sei denn, es ist eine verfeindete Religion)

Liebe
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)

Hass
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)

Sucht
(Wird schnellstmöglich als psychische Krankheit eingestuft. Sucht ist erst vorhanden beim Gebrauch von tabuisierten, kriminalisierten Suchtmitteln - also kein Fett, Sport, Arbeit oder Kaffee - oder wenn andere Menschen von ihre beeinträchtigt werden. Der Süchtige selbst nimmt seine Sucht nur durch den Hinweis anderer Menschen wahr, wie Arzt, Partner, Freunde, Kollegen etc. Sucht wird als Krankheit gesehen nicht als natürlicher Teil des Menschen)

Masturbation
(ist ein altes Tabu, was sich im Laufe der Zeit immer weiter entschärft hat, von Kriminalisierung über Krankheit bis zur schweigenden Normalität. Dennoch spricht man bei Tisch nicht wirklich darüber)

… Fortsetzung folgt

Twittieren


Meine derzeitige Traumrolle

Ich an der Karlshochschule

Philoretisieren

philoretisieren

Videografieren



Fotografieren



Sozialisieren

DandyID Blip.fm identi.ca Twitter Delicious Dopplr Facebook Flickr Friendfeed Linkedin Stumbleupon Twitpic Vimeo Xing