Kinderpornografie: Dämonisieren, kriminalisieren und auch gleich tabuisieren?
Wer desöfteren in meinem Blog liest, kennt meinen Bezug zu “Tabus” und dass ich mich dafür interessiere. Ich finde es extrem spannend und zum Teil erschreckend, welche Macht von Tabus ausgeht und wie diese sich immer wieder blockierend auf bestimmte Prozesse auswirken. Nichtsdestotrotz schreibe ich als selbsternannter Systemiker Tabus natürlich immer eine Funktion zu - ich will nicht den gleichen Fehler machen und sie sofort dämonisieren. Tabus haben die Funktion gewisse Sachen zu stoppen, was zunächst einmal nicht gut oder schlecht ist. Vielleicht benötigt der Mensch ja Tabus, um sich vor Überforderung zu schützen?
Eine der größten gesellschaftlichen Tabus ist sicherlich zur Zeit das Thema Kinderpornografie bzw. Pädophilie. Ich begebe mich mit der Thematik auf ein gefährliches Terrain, denn dieses Thema ist mehr oder weniger durch die extreme Dämonisierung, Kriminalisierung und Pathologisierung so gut wie tabuisiert. Man darf es keinesfalls wagen, sich in die Rolle von Pädophilen hineinzuversetzen, weil man dann ganz schnell selbst den Stempel dieser Eigenschaft aufgedrückt bekommt. Und das ist das große Problem an der Thematik. Wenn wir wirklich ein echtes Interesse haben das Problem “Pädophilie” zu lösen, so müssen wir lernen anders damit umzugehen. Denn was hat diese extreme Dämonisierung und Tabuisierung zur Folge? Wir hören auf den Pädophilen zuzuhören und damit intensiver zu forschen und uns mit dem Thema wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen. Das wäre aber eine wichtige Voraussetzung, um den Menschen dabei zu helfen ihre Neigungen in den Griff zu bekommen und Kinder eben nicht mehr als unschuldige Opfer missbrauchen zu lassen. Menschen mit pädophilen Neigungen, die sich selbst unsicher sind, holen sich aufgrund der Tabuisierung eben keine Hilfe mehr und schweigen - sie ziehen sich also immer tiefer in den Schutz ihrer kriminellen Milieus zurück, finden unter “derengleichen” die Akzeptanz oder das Verständnis, das sie sonst niemals in der “normalen” Gesellschaft bekämen. Es entstehen bizarre, starre, fast religiös-mystische Parallelkulturen, die Pädophilie gutheißen und als etwas natürliches ansehen und dabei kulturhistorische Kontexte als Beweisführung zu Hilfe nehmen (Was ja auch in diesen Kontexten stimmen könnte, nur ist das Wissen darüber extrem verzerrt und verblasst bzw. der heutige gesellschaftliche Kontext ein ganz anderer und damit absolut nicht stimmig). Kurzum. Das Problem wird sogar noch verstärkt oder in Extreme geführt.
In der heutigen Debatte rund um Kinderpornografie und Internetsperren reden wir leider ausnahmslos am Thema vorbei. Die Gegner von Internetzensur treten die Ängste und Beweggründe der Zensurbefürworter mit Füßen und umgekehrt gilt das genauso. Die Bekämpfer der Internetangebote sehen nicht die Befürchtungen der Kritiker, dass die Grundrechte von Menschen ausgehöhlt werden. Warum auch, sie wollen nur Kinderpornografie bekämpfen. Ein fruchtbarer Dialog zur Lösung des eigentlichen Problems findet also so gut wie nicht statt. Jeder stampft mit seinem Fuß in Rumpelstilzchenmanier auf den Boden und brüllt sein BASTA, während das Grundproblem weiterhin aktiv unter der Oberfläche gärt und keinesfalls gelöst wird. Wir lenken uns also lieber mit Meta-Scharmützeln ab. Zensur - ja, nein wie auch immer. Letztendlich sind die Kritiker der Zensur noch weitaus konsequenter, denn die wollen das Problem Kinderpornografie nicht unbedingt lösen sondern nur für Grundrechte und Zensurfreiheit kämpfen. Also im Grunde redet man komplett aneinander vorbei, was schade ist.
Wenn also schon ein Stoppschild und die Sperrung einer Seite sein muss, wieso dann nicht auch explizit Anlaufstellen zur Beratung oder Hilfe schaffen? Ich persönlich halte dieses “Stopp” im Zusammenhang mit der Thematik sogar einigermaßen für sinnvoll, denn der Konsument wird in seinem triebhaften Handeln (welches ja durch das limbische System bedingt fast ein Autopilotmodus ist) unterbrochen und ins mehr oder weniger rationale Bewusstsein zurückgeführt. Er hat nun erstmals die Chance wenigstens ganz kurz nachzudenken, wo er mit seinem Verhalten gesellschaftlich gerade steht. Nur dann muss es halt explizit weitergehen. Dann muss ich der betroffenen Person auch Hilfe anbieten, so dass sie sich eben nicht weiter in die Illegalität und Kriminalität zurückzieht oder sich gar die Triebbefriedigung in unmittelbarer, persönlicher Umgebung holt.
Um es am Ende ganz klar auszudrücken: Pädophilie ist eine in unserer jetzigen kulturellen Gesellschaft eine extreme Störung. Wenn wir aber als Gesellschaft wollen, dass diese Störung gelöst wird, so sollten wir doch wenigstens bereit sein, uns auf die Störung einzulassen, sie versuchen zu verstehen oder zumindestens zu analysieren. Tun wir das nicht, so verdrängen wir das Problem nur tief aus unserer Wahrnehmung und wir werden dann wieder umso extremer negativ überrascht, wenn wir unmittelbar Opfer dieses Problems werden. Dann ist die Empörung wieder gigantisch groß und der Ruf nach Kastration oder gar Todesstrafe wird laut und der ganze Schmarrn schleift sich tiefer und tiefer ein.
Wenn Politiker nach Regulierung rufen, so ist dies meist ein Zeichen für Resgination, denn diese Regeln sollen in erster Linie Kommunikation beschneiden und nicht das gesellschaftliche Problem dahinter lösen. Probleme löst man, in dem man sie erfasst, analysiert und dessen Funktion entschlüsselt, so dass man daraufhin alternative Lösungen entwickeln kann. Ein kommunikativer Ausschluss von Problemen führt zum genauen Gegenteil der Problemlösung. Beispiele hierzu findet man in der Stadtpolitik, bei der man das Problem Drogensucht und Obdachlosigkeit einfach räumlich verschiebt, aber eben nicht wirklich löst oder lösen will/kann.




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