BREITENBACH


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27. Jun 2009

Mein politisches Erwachen

Ich war mal ein sehr politisch interessierter und engagierter Mensch. Nicht zuletzt ist dies meinen Wurzeln zu verdanken. Also sozialdemokratisch geprägter Mensch mit familiären Strömungen in Richtung Arbeiterschicht, Sozialismus und Kommunismus war ich schon sehr früh Mitverfolger intensiver politischen Debatten, die meist schon am Frühstückstisch beim Lesen der Tageszeitung aufkeimten. Mein Opa - bei dem ich lange Zeit aufgewachsen bin - war Sozialdemokrat durch und durch - aber nicht das was wir heute in der SPD erleben, sondern eher der damalige Herbert Wehner Style. Seine (und das der restlichen Familie) flammende Begeisterung für Politik faszinierte mich und nahm mich schließlich mit ein. Ich hatte sachlich zwar überhaupt keine Ahnung, aber ich wusste irgendwie, dass es wichtig ist, für etwas einzustehen, für etwas zu kämpfen und vor allem es laut zu sagen, wenn man etwas nicht richtig findet. Das sind im Grunde genommen demokratische Grundwerte, die wir heute allerdings so bewusst gar nicht mehr wahrnehmen, was ja zuletzt sich wieder in der derzeitigen Zensurdiskussion rund um das unsägliche Internetgesetzt unumwunden zeigt.

Ich stand also auf, ich sagte was ich dachte und kassierte dabei natürlich immer auch Beulen (meist verbaler Art) und sonstige Rückschläge, ganz einfach weil mein Intellekt natürlich noch nicht all die grundlegenden Zusammenhänge der Menscheitsentwicklung, der Grundlagen politischer System und die grundlegenden Kommunikationsmechanismen von Menschen erkennen konnte. Aber dieses Feuer, dieses Interesse für die Belange vieler Menschen auf der ganzen Welt war wesentlich wichtiger, als das rethorische Jonglieren mit “harten Fakten” und cleveren Theorien. Das Feuer, genannt Engagement, oder der Wille die Welt mitzugestalten und zwar nicht nur nach ureigenen Interessen, sondern im Interesse aller. Im Interesse vergangener Freiheitskämpfer, gegenwärtigen Unterdrückten und zukünftigen Generationen. Dieses Gefühl war in mir schon lange vor den mystischen Erfahrungen zur Ganzheitlichkeit der Welt vorhanden. Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird schwer, wenn man mitten in diesem Sinn steckt, nämlich die alten Erfahrungen, das alte Wissen, zu dekodieren um es in der jetzigen Gegenwart anzuwenden, dass zukünftige Generationen glücklicher, freier und zufriedener miteinander leben können. Die Vielfältigkeit von Lebensentwürfen und Meinungen zu bewahren, ohne sich gleich die Köppe einzuschlagen. Der Sinn des Lebens ist simpel: Wir werden geboren, dazu müssen wir Sex haben und dann sterben wir. Wir geben uns Erb- und Denkgut an die kommenden weiter. Wir leben alle irgendwie weiter, abseits unserer zum Teil groß gewachsenen Egos. Wer das nicht erkennt, kann niemals ein erfülltes und glückliches Leben leben, denn er wird immer unmenschlich viel Angst vor dem Sterben haben, denn er wird niemals sein Ego loslassen können.

Doch zurück zur Politik. Politik ist für mich ein Instrument um das gemeinsame Leben auf diesem Planeten in unserem Land in unseren Städten, Dörfern, Betrieben und Schulen zu organisieren und zu gestalten. Politik soll was mit “machen” zu tun haben. Ein nie endenwollender Prozess des Lehrens und Lernens. Politik sollte alles andere als starr sein, denn wenn Politik erstarrt ist sie bereits gestorben und für tote Dinge verwenden wir in der Regel nicht wirklich sehr viel Zeit. Für mich ist die Politik gestorben, als Rot-Grün das Land regierte. Nicht weil sie es besonders schlecht getan haben, sondern weil sie es nicht großartig anders als ihre Vorgänger taten. Große Versprechungen vorab auf den großen Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Bildung und nach dem Wahlsieg der gleiche Modus des repräsentativen Beruspolitikerparlamentarismus. Im Grunde genommen blieb alles beim alten nur dass man versuchte das alte irgendwie neu zu verpacken. Das gelang nicht wirklich, denn diese Regierung zerbröselte ziemlich rasant. Am Ende landeten wir bei der großen Koalition der goldenen, aber für mich eher grauen Mitte, bei dem so wirklich gar niemand wirklich repräsentiert wird, ganz einfach weil sich zu viele Positionen gegenseitig egalisieren. Die Politik wurde inhalts- und gesichtslos, lauter heiße Luft und ein nie endenwollender medialer Wahlkampf gespickt mit Versprechungen, gegenseitigen Beschimpfungen und hohlen Phrasen. Bewegt hat sich seit dem nichts mehr. Die einstigen Wähler und Begeisterten, die endlich 16 Jahre Kohlstarre überwunden hatten, fielen in ein großes Loch, denn sie erkannten plötzlich, dass es gar nichts brachte eine andere Partei zu wählen. Das System war stärker. Die Einflüsse von Lobbyisten waren scheinbar stärker als die eigene Wahlstimme. Wieso in Gottes Namen soll man da nochmal wählen gehen? Wieso sollte man den Leuten überhaupt nochmal zuhören?

Gestern bin ich dann plötzlich wieder erwacht. Ich dachte mir, ich Depp, ich hab mich tatsächlich von denen einlullen lassen. Sie haben es bei mir geschafft mich zur absoluten Interessenlosigkeit zu erziehen. Ich rege mich auf über die Unterhaltungsindustrie, über Werbung, bleibe aber gefangen in meiner Ablehung dagegen. Engagiert bin ich trotzdem nicht, da irgendwas dran zu verändern. Ich bin ein frustrierter, verdrossener Mensch, der sich über die Lebensbedingungen aufregt, aber nicht mehr aufsteht um sich mit anderen Menschen darüber austauscht, wie man es anders machen kann. Es zumindestens zu versuchen, alles dafür zu tun. Und wenn ich merke, dass andere sich nicht dafür interessieren, falle ich sofort in die Frustratiuon zurück, statt einfach weiterzumachen und weiterhin zu versuchen das leidige Thema Politik, als eins der wichtigsten Themen der Welt, wieder neu zu kommunizieren. Politik nicht als institutionelle Inszenierung, Politik als Gestalten der eigenen Lebenswelt. Geschichte nicht nur über sich ergehen zu lassen, sondern Geschichte aktiv mitzugestalten oder zumindestens bewusster wahrzunehmen. Danke Rudi, dass du mir gestern wieder das Interesse dafür geschenkt hast:

Und es geht jetzt auch nicht darum eine Palastrevolution vorzubereiten. Es geht darum im Kleinen zu agieren. So zu agieren, dass andere und damit man selbst glücklicher wird. Den langen Marsch endlich wieder aufnehmen, freies und aufgeklärtes Bewusstsein zu entfalten, Transparenz der Machthaber einzufordern, für die eigenen Rechter der Freiheit starkmachen und sich wieder klarzumachen, dass man sehr wohl etwas erreichen kann. Das kostet Kraft, das kostet Mut - aber mein Gott, es ist weder langweilig, noch nutzlos - jedenfalls nicht nutzloser als der ganze mediale Informationsmüll hier.

16. Nov 2008

angerichtet

Keine Ahnung, warum ich hier bin. Um mich herum sitzen so viele fremde, komische Leute. Ein paar haben so merkwürdige Klamotten an. Die Tische sind langgezogen und der Raum wirkt dunkel und bedrückend, wahrscheinlich durch das ganze dunkle Holz an Decke und Wänden. Ich bin so schrecklich aufgeregt. Ich verstehe nichts. Ich muss mal. Neben mir sitzt meine Mama. Gegenüber sitzt mein Papa. Doch er ist mir so fremd. Ich würde ihn ja gerne ansprechen, berühren oder sonst irgendwie zeigen, dass ich ihn vemisse und ich nicht weiß was eigentlich hier los ist. Die Erwachsenen um mich herum reden unheimlich viel Zeug, dass ich nicht wirklich verstehen kann. Das macht mir noch mehr Angst. Mein Papa sieht sehr traurig aus und wirkt sehr müde. Ich kann ihn nicht anschauen. Ich kann überhaupt niemanden hier anschauen. Ich will nur weg. Raus hier. Nach Hause. Am liebsten zu Opa. Doch ich muss hier sein. Mit all den fremden Leuten. Der Mann mit dem komischen Gewand spricht mich jetzt an. Er fragt mich, wie ich denn heiße. Ich schweige. Ich will ihm antworten, ich glaube ich muss ihm sogar antworten, aber ich kann es nicht. Mein Herz rast. Ich kann einfach nichts sagen. Nun fragt er mich, ob ich weiß, wer “der Mann da” ist. Natürlich weiß ich das. Es ist mein Papa. Aber ich schweige auch diesmal. Ich kann es nicht sagen. Er ist mir zu fremd. Ich kenne ihn doch kaum noch und doch möchte ich es am liebsten herausschreien. Das ist doch mein Papa. Mein Einziger. Doch ich kann nicht. Ich schweige. Ich habe Angst. Ein letzte Frage von dem Mann mit dem Umhang. Ob ich lieber Fanta oder Sinalco trinke. Auch hier schweige ich. Die Antwort wäre so einfach. Doch ich muss nur an Papa denken, den ich im vorherigen Moment verleugnet hatte. Alles drehte sich nur noch um die eine Frage und die eine fehlende Antwort von mir. Ich war 5 oder 6. Für manche im Raum 207 war es ein Tag wie jeder andere, ein Fall wie jeder andere. Doch mindestens zwei Menschen konnten diesen Tag niemals vergessen. Mindestens zwei Menschen brach dieser Tag, dieser eine Moment, das Herz. Einer hat es überlebt - der andere nicht.

7. Nov 2008

ich konnte dich nicht besuchen

Die Straße in der ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe, war gespickt mit Gastarbeiterhäusern. Deren Einfahrt, von einer Hauptverkehrsstraße, kurz nach einer goßen Flußbrücke, war klein und eng, hatte schon manches Blech auf dem Gewissen und führte über den kleinen Flußausläufer, der die Metall- und Eisenfabriken ganz in der Nähe mit Wasser versorgte. Der Schnittpunkt der beiden Straßen war in einer scharfen Kurve gelegen. Die Stelle war unübersichtlich, gleichzeitig eine Ortseinfahrt und dadurch höllisch gefährlich - zumal es immer irgendwelche Irren gab, die diese Strecke gnadenlos entlangheizten. Ich erinnere mich noch, wie ich damals meine ersten Erfahrungen mit dem Fahrrad rund um dieses Verkehrskonstrukt gesammelt habe. Einmal hat mich meine Mutter bei meinen gewagten Kapriolen erwischt und mir vor lauter Panik einen langen Vortrag zum Thema Verkehrssicherheit gehalten und dass ich als Draufgänger und Hansguckindieluft eigentlich prinzipiell gar kein Fahrrad fahren dürfte. Ich verstand sie natürlich überhaupt nicht, schließlich war ich als kleiner Knirps so gut wie unbesiegbar.

Doch dann geschah etwas. Ein anderer Junge aus der Straße, mit dem ich ab und zu spielte, wurde genau an dieser gefährlichen Stelle von einem Auto erfasst. Ich erinnere mich noch an den Wirbel in der Straße und wie viele türkische Familien dort durcheinander und aufgeregt waren. Er hieß Benjamin (was man im türkischen aber anders betont) und er war eigentlich so etwas wie mein Freund, schließlich spielte ich oft mit ihm und seine anderen Freunde. Normalerweise wäre also ein Besuch im Krankenhaus mehr als angebracht gewesen. Freunden steht man doch in solchen Situationen bei. Auch meine Familie fragte mich wohl öfters, ob ich ihn nicht einmal besuchen möchte. Doch ich wollte nicht. Absolut nicht. Mein Verhaltem muss von außen bertrachtet wohl ziemlich kaltherzig gewirkt haben. Doch innerlich hat es mich zerrissen. Natürlich empfand ich etwas für Benjamin und natürlich nahm mich dieser Unfall genauso mit, wie den meisten Anwohnern dieser Straße. Ich hab nur nicht darüber gesprochen und ich hatte einfach verdammt viel Angst.

Ich habe mir in meiner Vorstellung ausgemalt, wie er da liegt, im Krankenzimmer, an Schläuchen, peipenden Geräten, mit blutigen Verbänden und entstelltem Gesicht. Ich wollte diese Vorstellung keinesfalls in Realität verwandeln. Ich wollte, dass es einfach nicht wahr ist. Und dennoch zerriss es mir das Herz, denn natürlich empfand ich mich selbst auch irgendwie auch als Verräter, als treuloser Freund und kaltherziger Mensch.

Um dennoch irgendwie Anteilnahme zu zeigen, tat ich etwas richtig bescheuertes. In der Tageszeitung stand ein Unfallbericht, ich dachte, wenn ich das em Vater von Benjamin zeigen würde, sähe er, dass ich ich mich doch irgendwie kümmerte. Natürlich erzeugte ich durch diese Handlung das schiere Gegenteil. Sein Vater war völlig aufgebracht und brach soweit ich das weiß in Tränen aus, seine Freunde um ihn rum trösteten ihn. Eine Situation, die mir aufgrund meiner mangelnden Erfahrungen mit solchen emotionalen Situationen natürlich noch wesentlich mehr Angst einjagte. Benjamin wurde anscheinend von einem besoffenen Autofahrer angefahren, so stand es jedenfalls im Bericht. Und ich naives, ängstliches Wesen hielt dem Vater des Opfers gnadenlos die gedruckten Tatsachen vor Augen. Dieses Gefühl, diese Situation sperrte ich bis heute in eine kleine Kammer meines Kopfes ein. Ich habe sie bis heute mit niemanden geteilt.

Obwohl Wochen später Benjamin wieder da war, er lediglich einen buntbemalten Gips trug und zu meiner Verwunderung gar nicht entstellt aussah, hatte sich alles völlig verändert. Ich weiß nicht, ob er es mir krumm nahm, dass ich ihn nicht besucht habe, ich weiß nur, dass ich mich für das Nichtbesuchen so sehr geschämt habe, dass ich nicht mehr mit ihm spielen konnte.

Ich hasste mich sehr lange Zeit dafür, dass ich dich nicht besuchen konnte. Ich hoffe es geht dir heute gut, Benjamin!

16. Jul 2008

Kadenzbums

Keine Ahnung, ob David Lynch auch ein Meister der “deceptive cadences” ist und ob ich diesen Begriff überhaupt richtig verstanden habe, den Marcus auf seinem neuen Blog Be Always Opening beschrieben hat, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es schon in die richtige Richtung geht.

Jedenfalls wenn es um die Öffnung einer Geschichte geht, das Erzeugen eines unwiderstehlichen mysteriösen Soges, so ist Lynch ohne Zweifel ein ganz großer Geschichtenerzähler. Nehmen wir beispielsweise die Eröffnungsszene von Blue Velvet:

Die Bildsprache, die Musik, alles ist in scheinbar perfekter Harmonie, doch in den Zwischentönen, den langgezogenen Bildern und den wie übergeschminkt wirkenden grellen Farben erahnt man schon die überpolierte Oberfläche, die jede Sekunde in sich zusammenzufallen droht, das Grauen, welches beständig hindurchschimmert. Und so geschieht es dann auch. Aus der heimeligen Vorstadtidylle kriecht das entsetzlich Bizarre empor, kaum mit dem gesunden Verstand zu erfassen. Mehr Fragen als Antworten.

Natürlich ist Lynchs Arbeit nicht jedermanns Geschmack, denn er treibt sich vornehmlich in den Abgründen der menschlichen Psyche herum, aber genau diese Abgründe sind noch irgendwie Tabuzonen, die seinen Geschichten die zusätzliche Würze verleihen. Ein Kritiker schrieb mal, dass Lynch es versteht das Öffnen einer Handtasche zu einem Horrorerlebnis zu verpacken. Recht hat er.

Ich denke so oder so, ist Kontrast das geeignete Stilmittel um Storys ihren ganz besonderen Drive zu geben. Die Erwartungshaltung gnadenlos durchkreuzen. Dem logischen Verstand austricksen, ohne dabei unlogisch zu sein (oder doch übertrieben unlogisch?!), genügend Fragen stellen, um neue Ansatzpunkte für neue Antworten und damit Handlungsstränge zu bilden. Möglichst abstrakt arbeiten um die Fantasie des Hörers, Lesers oder Zuschauers nicht völlig abzutöten. Ja, ich glaube, das bringt es auf den Punkt: Es müssen genügend Lücken geschaffen werden, die einem zum Füllen quasi wieder herausfordern.

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