BREITENBACH


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28. Jul 2009

Riesenwuchs ist ein Defekt - Mein Eindruck zur “Krise”

Gestern habe ich ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Christopher Stehr geführt. Er ist Prof an unserer Hochschule (also der Karlshochschule, in der ich arbeite) und Studiengangsleiter des Studiengangs “International Business” (also eine Art internationales BWL). Christopher hat es geschafft mir endlich mal “die Krise” einleuchtend zu erklären, da ich mich bis dato immer nur als passiver “Konsument der Krise” erreicht hat. Aber ich weiß von anderen, dass die Krise spürbar zugeschlagen hat. Innovationsstopp, Kurzarbeit und Entlassungen sind mittlerweile bei einigen Unternehmen, die nicht unbedingt auch in der Finanz- oder Autoindustrie tätig sind, als betriebswirtschaftliches Regulierungsinstrument angekommen.

Die Erkenntnisse, die ich ich aus dem Gespräch gezogen habe sind folgende:

1. Die jetzige Wirtschaftskrise ist das Resultat einer globalen ökonomischen Vernetzung. Der Brandherd befand sich im Immobilienmarkt. Dort lockte die Aussicht auf Profite und unendlichem Wachstum, was schließlich in einer Marktsättigung und somit einem Wertverfall mündete. Gleichzeitig entwickelte ein findiger Investmentbanker ein neues Produkt, welches den Anlegern ein geringes Risiko und satte Gewinne versprach. Die Sicherheiten im Zuge der Kreditvergabe für Immobilien wurden in Aktien verwandelt und weil das dann noch nicht genügte, anschließend noch in Derivate. Ich habe das so verstanden, dass ein und dasselbe Produkt - welches nicht besser werden kann und an Wert verliert, weil immer mehr Menschen es kaufen - einfach in immer glitzerndere und schillernde Verpackungen gesteckt wurde, um den Verkauf und die Profite weiter auf Wachstumskurs zu halten. Das Platzen der Blase war vorprogrammiert und war bereits schon 2006 deutlich erkennbar. Hat die Gier auf Wachstum blind gemacht?

2. Die Krise im Bereich des Maschinenbaus, explizit im Bereich der Automobilindustrie, ist maßgeblich auf eine Übersättigung des Automobilmarktes bzw. der veränderten Marktlage und somit Managementfehlern zurückzuführen. Kurzum: Es werden sehr viel mehr Autos gebaut als die Menschen kaufen wollen und es wurden Autos gebaut, die den Wünschen der Konsumenten aufgrund verändertem Bewusstsein (egal ob Preis, Design oder Energie) nicht mehr entsprechen. Die Tatsache, dass Banken nun nicht mehr so einfach Kredite verlängern oder neu vergeben, versetzte einigen maroden Automobilherstellern natürlich den Todesstoß. Ein ganz normaler betriebswirtschaftlicher Reinigungsprozess - wenn da die staatlichen Eingriffe nicht wären.

3. Weniger von der Krise betroffen - auch nicht in den jeweiligen Krisensegmenten - sind (zu meist) inhabergeführte Familienunternehmen, die besonnen und langfristig denken und handeln. Sie orientieren sich nicht an kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern handeln betriebswirtschaftlich so, dass sie genügend Rücklagen für die Zukunft bilden. Sie orientieren sich an Werten wie Kundenzufriedenheit, Sicherheit, Besonnenheit und familiärer und gesellschaftlicher Verantwortung. Das bedeutet, dass diese Unternehmen heute den Ton auf dem Markt angeben könnten, denn die Rücklagen sind nicht nur dazu da eventuelle Krisen monetär auszusitzen, sondern gerade in einer Krise strategisch zu handeln. So können diese Unternehmen besonnen expandieren, durch den Aufkauf von insolventen Betrieben oder Marken, aber vor allem zurückgelegtes Geld in Innovationen investieren.

4. Innovation ist einer der stärksten Instrumente, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Das einzige Problem dabei: Forschung & Entwicklung kosten Geld und man weiß nicht unbedingt, wohin es führt. Da Geld aber momentan rar ist, werden die meisten innovativen Aktivitäten eingefroren. Auch das ist ein weiterer Nagel zum betriebswirtschaftlichen Sarg, denn die Entwicklung der Produkte und Dienstleistungen der eh schon übersättigten Angebote bleiben stehen. Sie werden also auch in Zukunft nicht besser oder mehr verkaufen können, schließlich schläft die Konkurrenz nicht.

5. Aus all dem schließe ich, dass Wachstum in Form von quantitativem Absatz keinesfalls das oberste Ziel von Unternehmen sein darf. Stattdessen sollte ein Unternehmen innerlich wachsen, sprich reifen. Es sollte immer den Fokus auf eine stabile und besonnene Betriebsführung legen, in dem es Rücklagen bildet um regelmäßig auftretende Krisen zu managen (ja, es wird tatsächlich auch eine Krise nach der Krise geben. Überraschung!) und die eigene Innovation voranzutreiben. Das Unternehmen sollte reifen, indem es die Bedingungen der eigenen Mitarbeiter fördert und somit langfristig die Produktivität steigert. Diese Förderung betrifft sowohl das Betriebsklima, das Wissen und Know-how, die Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Lohn und sonstige Bedürfnisbefriedigung), sowie auch das verantwortungsvolle Einbeziehen der Angestellten in den gesamten betriebswirtschaftlichen Ablauf. Toyota macht es mit Kaizen vor. Desweiteren sollte ein Unternehmen niemals an Forschung & Entwicklung sparen, da die Erfahrung gerade zeigt, dass eine globalisierte Welt einfach wesentlich schneller Innovationen hervorbringt als vor 100 Jahren.

6. Es müssen Fehlleistungen von Managern bestraft und im Gegenzug Leistungen von besonnenen und stabilen Unternehmensführern belohnt werden. Es kann nicht sein, dass die Verantwortung auf eine ganze Gesellschaft abgewälzt wird, während Manager mit Fehlleistungen millionenschwere Belohnungen in Form von Boni erhalten. Das sind wirklich die falschen Signale, die man als Politiker bzw. überhaupt als Gesellschaft aussenden kann. Das Sterben - nach Schumpeter die schöpferische Zerstörung - gehört leider zur Betriebswirtschaft dazu. Natürlich leiden darunter immer auch die Angestellten, die entlassen werden, aber das würden sie ja so oder so auch tun - nur eben nicht so hart und schnell. Schaffen wir also doch lieber wesentlich stabilere Betriebe, in denen sich die Mitarbeiter dauerhaft aufgehoben und familiär geborgen fühlen, oder nicht?

7. Der Begriff “Familie” fasziniert mich zunehmend, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich selbst nun für eine Familie verantwortlich bin. Unsere mediale und wirtschaftliche Gesellschaft ist aber geprägt von Stereotypen der jugendlichen Einzelkämpfer. Karriere ohne Kinder ist Karriere ohne gelernte Verantwortung für die Zukunft. Wer nur in die eigene Tasche wirtschaftet, weil er als Privatperson nichts anderes kennt, kann nicht verantwortlich sein für tausende von Menschen. Die Führung von Unternehmen sollte reifer, vielleicht auch älter (wobei ich Reife und Alter nicht zwingend gleichsetze) und einfach ein Stück “elterlicher” werden. Nicht gerade einfach in einer Gesellschaft, die die Jugend als höchstes Gut stilisiert und Weisheit und Reife oftmals als “spießig” brandmarkt.

12. Jun 2009

Stag-Nation in Stereo

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Kümmer dich um deinen eigenen Dreck. Schalte den Kopf aus und die Glotze ein. Labe dich an den Problemen und Peinlichkeiten des Präkariats, nur um dich selbst weniger langweilig, erfolgreicher und besser zu fühlen. Nur um vielleicht die damalige Schmach auf dem Schulhof auszugleichen, als die Asso-Kids noch das Heft in der Hand hatten, und dich wegen deiner vernünftigen, schöngeistigen oder bodenständigen Gedanken maltretierten. Belächle den Fernsehschund auf RTL2, die Hartz4-Versager, Leistungsverweigerer, Penner, unfähigen Idioten, eben all die Kinder-, Frauen-, und Hundetauscher. Genieße, wie viel klüger, gebildeter, selbstbewusster und niveauvoller du selbst lebst, arbeitest und denkst.

Nein, du hast keine Schönheits-OPs nötig - keine Tittenvergrößerung, kein Peter Zwegart, keine Supernanny oder Abspeckfarm. Wozu auch? Du spiegelst es dir im gebührendem Abstand. Du wirst dank deinem Gehirn und dessen Spiegelmechanismus mit zum Model, mit zum Superstar oder zum Asi-Rüpel. Du kannst in Folterfilmen mal so richtig schön die Sau rauslassen, mit der Kettensäge rumhantieren oder auf Youporn die geilsten Schnallen vögeln. Du kannst schön, reich, berühmt und verkommen sein - alles gleichzeitig, nur durch andere, wie durch Bumm Bumms Hochzeit oder den totalen Zusammenbruch eines abgefuckten englischen Pop-Junkies.

Du bestimmst dein Kopfkino, das was du erfahren willst, das was du mitnimmst, das worin du hineinschlüpfen möchtest und dein Kopfkino bestimmt wiederum dich. Wie oft verwenden wir Sprüche und Slangs aus Film, Funk und Fernsehen? Wie oft lassen wir Werbespots anstatt Rilke-Verse über unsere Lippen wandern? Wieso interessieren wir uns mehr für Boris Beckers Ehezeremonie als für die Zukunft unseres Planeten? Wieso glotzen wir die Sportschau anstatt zu diesem Zeitpunkt mit anderen Menschen Fußball zu spielen? Wieso Talkshows, wenn es doch so viel zu besprechen gäbe? Wieso rege ich mich darüber auf, statt es einfach anders zu machen?

Weil es so einfach ist. Weil es so bequem ist. Weils jeder es so macht. Weil wir mitreden müssen. Weil es sich wiederholt. Weil es verlässlich ist. Weil es eine Stereotypie ist, die uns in der eingepferchten, von Neophobie besetzen Stag-Nation Trost, Linderung und Geborgenheit schenkt. Weil wir verlässliche Mem-Maschinen sind.

7. Jun 2009

Engste Ängste

Sesquipedalophobie - Die Angst vor langen Wörtern
Chrometophobie - Die Angst vor Geld
Aurophobie
- Die Angst vor Gold

and many more …

In einer Welt, in der Angst künstlich hergestellt wird, auf allen Kanälen gestreut und anscheinend in allen Facetten ausgelebt werden kann, sollten wir uns ernsthaft fragen, ob unser Gehirn (oder wir auch immer!?) Angst vor den Objekten hat, oder wir Objekte suchen, auf die wir unsere unverarbeitete Ängste projezieren können. Oder anders gefragt, was haben wir noch von unserer Angst, wenn sie uns manipulierbar macht und zu anderen Zwecken eingesetzt wird, als zum Schutz unseres Lebens in freier, ungezähmter Wildbahn? Wem nutzt Angst? Wem nutzt die Angst von anderen?

5. Jun 2009

Gelüste, Gehirn und Drogen

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Neben der körperlichen Abhängigkeit vereinzelter Drogen ist die psychische Komponente in diesem Bereich um ein vielfaches größer. Eine körperliche Abhängigkeit ist durch einen Entzug heutzutage relativ gut in den Griff zu bekommen, weitaus schwieriger ist der Umgang mit der Abhängigkeit im Kopf. Man kann sich das in etwa so vorstellen: Drogenuser nehmen Drogen in einem sozialen Kontext, das bedeutet sie verknüpfen ihren Konsum direkt mit ihrem Erleben und ihrer Umgebung. Zigarettenraucher erleben soziale Kontakte während ihrem Raucherpäuschen, einer Kneipenrunde - sie verknüpfen den Konsum also permanent mit oftmals angenehmen, entspannenden und lustigen Gesprächssituationen. Die Zigarette danach, verknüpft den gerade erlebten Höhepunkt mit dem Konsum des Glimmstengels. Das gleiche gilt für jede andere Droge oder Substanz, die ein User zu sich nimmt. Immer wird der Konsum mit der jeweiligen Situtation, Menschen, Wahrnehmung und Gegenständen verknüpft. So ist es eben dann kein Wunder, wenn ehemalige Drogenkonsumenten Gelüste bekommen, wenn sie beispielsweise bestimmte Musik hören, eine Spritze sehen oder von Leuten umgeben sind, die permanent Zigarettenpausen machen. Und natürlich ist die Entwöhnung vom Alkohol um ein vielfaches schwieriger, wenn man in einer Kultur lebt, die den Alkohol geradezu verherrlicht und dessen Symbole und Signale an jeder Ecke lauern.

Forscher in den USA sind nun gerade dabei Techniken zu entwickeln, die genau dieses Phänomen abmildern soll. Es findet tatsächlich eine Art Deprogrammierung statt. Der jeweilige “Patient” kann lernen seine Gelüste, die ein bestimmtes Bild auf einem Gehirn-Scan zeigen, zu kontrollieren. Wie genau das funktionieren soll, kann man auf Technology Review nachlesen.

Meines Erachtens ist es immens wichtig ein solches verknüpftes, kontextuales Verständnis von Drogen und Drogengebrauch zu entwickeln. Man kann es nicht einfach so trennen nach: Drogen als Substanz ist schlecht, lass es weg und alles ist gut.

Es ist wie so vieles auch ein ganzheitlicher äußerst komplexer Prozess. Diese Kontexttheorie könnte auch erklären, warum langjährige Drogenkonsumenten eine weitaus geringere Chance haben von ihrer Sucht loszukommen. Sie haben einfach viel zu lange die Realität mit ihrem eigenen Drogenkonsum verknüpft, d.h. sie kennen keinen anderen Zustand mehr und ihnen begegnen viel zu viele Erinnerungsanker, die die beschriebenen Gelüste wieder aufwecken. Und bitte auch nicht den bereits beschriebenen Belohnungsfaktor vergessen.

1. Jun 2009

The Global Brain

Der Vortrag/Film im englischem Originalton.

Peter Russells Vortrags-Doku über die Gaia-Hypothese, der Theorie, dass die Erde ein einziger Bio-Organismus ist und wir Menschen als neuronales Netz agieren, als informationsübertragende Zellen, die zum großen Ganzen beitragen und die Freiheit besitzen den eigenen großen Organismus zu erhalten oder zu zerstören (Krebsgeschwür). Hier ein Artikel von Telepolis (1996), die Russells Hypothese mit der digitalen Revolution in Verbindung bringt.

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