Riesenwuchs ist ein Defekt - Mein Eindruck zur “Krise”
Gestern habe ich ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Christopher Stehr geführt. Er ist Prof an unserer Hochschule (also der Karlshochschule, in der ich arbeite) und Studiengangsleiter des Studiengangs “International Business” (also eine Art internationales BWL). Christopher hat es geschafft mir endlich mal “die Krise” einleuchtend zu erklären, da ich mich bis dato immer nur als passiver “Konsument der Krise” erreicht hat. Aber ich weiß von anderen, dass die Krise spürbar zugeschlagen hat. Innovationsstopp, Kurzarbeit und Entlassungen sind mittlerweile bei einigen Unternehmen, die nicht unbedingt auch in der Finanz- oder Autoindustrie tätig sind, als betriebswirtschaftliches Regulierungsinstrument angekommen.
Die Erkenntnisse, die ich ich aus dem Gespräch gezogen habe sind folgende:
1. Die jetzige Wirtschaftskrise ist das Resultat einer globalen ökonomischen Vernetzung. Der Brandherd befand sich im Immobilienmarkt. Dort lockte die Aussicht auf Profite und unendlichem Wachstum, was schließlich in einer Marktsättigung und somit einem Wertverfall mündete. Gleichzeitig entwickelte ein findiger Investmentbanker ein neues Produkt, welches den Anlegern ein geringes Risiko und satte Gewinne versprach. Die Sicherheiten im Zuge der Kreditvergabe für Immobilien wurden in Aktien verwandelt und weil das dann noch nicht genügte, anschließend noch in Derivate. Ich habe das so verstanden, dass ein und dasselbe Produkt - welches nicht besser werden kann und an Wert verliert, weil immer mehr Menschen es kaufen - einfach in immer glitzerndere und schillernde Verpackungen gesteckt wurde, um den Verkauf und die Profite weiter auf Wachstumskurs zu halten. Das Platzen der Blase war vorprogrammiert und war bereits schon 2006 deutlich erkennbar. Hat die Gier auf Wachstum blind gemacht?
2. Die Krise im Bereich des Maschinenbaus, explizit im Bereich der Automobilindustrie, ist maßgeblich auf eine Übersättigung des Automobilmarktes bzw. der veränderten Marktlage und somit Managementfehlern zurückzuführen. Kurzum: Es werden sehr viel mehr Autos gebaut als die Menschen kaufen wollen und es wurden Autos gebaut, die den Wünschen der Konsumenten aufgrund verändertem Bewusstsein (egal ob Preis, Design oder Energie) nicht mehr entsprechen. Die Tatsache, dass Banken nun nicht mehr so einfach Kredite verlängern oder neu vergeben, versetzte einigen maroden Automobilherstellern natürlich den Todesstoß. Ein ganz normaler betriebswirtschaftlicher Reinigungsprozess - wenn da die staatlichen Eingriffe nicht wären.
3. Weniger von der Krise betroffen - auch nicht in den jeweiligen Krisensegmenten - sind (zu meist) inhabergeführte Familienunternehmen, die besonnen und langfristig denken und handeln. Sie orientieren sich nicht an kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern handeln betriebswirtschaftlich so, dass sie genügend Rücklagen für die Zukunft bilden. Sie orientieren sich an Werten wie Kundenzufriedenheit, Sicherheit, Besonnenheit und familiärer und gesellschaftlicher Verantwortung. Das bedeutet, dass diese Unternehmen heute den Ton auf dem Markt angeben könnten, denn die Rücklagen sind nicht nur dazu da eventuelle Krisen monetär auszusitzen, sondern gerade in einer Krise strategisch zu handeln. So können diese Unternehmen besonnen expandieren, durch den Aufkauf von insolventen Betrieben oder Marken, aber vor allem zurückgelegtes Geld in Innovationen investieren.
4. Innovation ist einer der stärksten Instrumente, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Das einzige Problem dabei: Forschung & Entwicklung kosten Geld und man weiß nicht unbedingt, wohin es führt. Da Geld aber momentan rar ist, werden die meisten innovativen Aktivitäten eingefroren. Auch das ist ein weiterer Nagel zum betriebswirtschaftlichen Sarg, denn die Entwicklung der Produkte und Dienstleistungen der eh schon übersättigten Angebote bleiben stehen. Sie werden also auch in Zukunft nicht besser oder mehr verkaufen können, schließlich schläft die Konkurrenz nicht.
5. Aus all dem schließe ich, dass Wachstum in Form von quantitativem Absatz keinesfalls das oberste Ziel von Unternehmen sein darf. Stattdessen sollte ein Unternehmen innerlich wachsen, sprich reifen. Es sollte immer den Fokus auf eine stabile und besonnene Betriebsführung legen, in dem es Rücklagen bildet um regelmäßig auftretende Krisen zu managen (ja, es wird tatsächlich auch eine Krise nach der Krise geben. Überraschung!) und die eigene Innovation voranzutreiben. Das Unternehmen sollte reifen, indem es die Bedingungen der eigenen Mitarbeiter fördert und somit langfristig die Produktivität steigert. Diese Förderung betrifft sowohl das Betriebsklima, das Wissen und Know-how, die Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Lohn und sonstige Bedürfnisbefriedigung), sowie auch das verantwortungsvolle Einbeziehen der Angestellten in den gesamten betriebswirtschaftlichen Ablauf. Toyota macht es mit Kaizen vor. Desweiteren sollte ein Unternehmen niemals an Forschung & Entwicklung sparen, da die Erfahrung gerade zeigt, dass eine globalisierte Welt einfach wesentlich schneller Innovationen hervorbringt als vor 100 Jahren.
6. Es müssen Fehlleistungen von Managern bestraft und im Gegenzug Leistungen von besonnenen und stabilen Unternehmensführern belohnt werden. Es kann nicht sein, dass die Verantwortung auf eine ganze Gesellschaft abgewälzt wird, während Manager mit Fehlleistungen millionenschwere Belohnungen in Form von Boni erhalten. Das sind wirklich die falschen Signale, die man als Politiker bzw. überhaupt als Gesellschaft aussenden kann. Das Sterben - nach Schumpeter die schöpferische Zerstörung - gehört leider zur Betriebswirtschaft dazu. Natürlich leiden darunter immer auch die Angestellten, die entlassen werden, aber das würden sie ja so oder so auch tun - nur eben nicht so hart und schnell. Schaffen wir also doch lieber wesentlich stabilere Betriebe, in denen sich die Mitarbeiter dauerhaft aufgehoben und familiär geborgen fühlen, oder nicht?
7. Der Begriff “Familie” fasziniert mich zunehmend, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich selbst nun für eine Familie verantwortlich bin. Unsere mediale und wirtschaftliche Gesellschaft ist aber geprägt von Stereotypen der jugendlichen Einzelkämpfer. Karriere ohne Kinder ist Karriere ohne gelernte Verantwortung für die Zukunft. Wer nur in die eigene Tasche wirtschaftet, weil er als Privatperson nichts anderes kennt, kann nicht verantwortlich sein für tausende von Menschen. Die Führung von Unternehmen sollte reifer, vielleicht auch älter (wobei ich Reife und Alter nicht zwingend gleichsetze) und einfach ein Stück “elterlicher” werden. Nicht gerade einfach in einer Gesellschaft, die die Jugend als höchstes Gut stilisiert und Weisheit und Reife oftmals als “spießig” brandmarkt.




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