7. Nov 2008

ich konnte dich nicht besuchen

Die Straße in der ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe, war gespickt mit Gastarbeiterhäusern. Deren Einfahrt, von einer Hauptverkehrsstraße, kurz nach einer goßen Flußbrücke, war klein und eng, hatte schon manches Blech auf dem Gewissen und führte über den kleinen Flußausläufer, der die Metall- und Eisenfabriken ganz in der Nähe mit Wasser versorgte. Der Schnittpunkt der beiden Straßen war in einer scharfen Kurve gelegen. Die Stelle war unübersichtlich, gleichzeitig eine Ortseinfahrt und dadurch höllisch gefährlich – zumal es immer irgendwelche Irren gab, die diese Strecke gnadenlos entlangheizten. Ich erinnere mich noch, wie ich damals meine ersten Erfahrungen mit dem Fahrrad rund um dieses Verkehrskonstrukt gesammelt habe. Einmal hat mich meine Mutter bei meinen gewagten Kapriolen erwischt und mir vor lauter Panik einen langen Vortrag zum Thema Verkehrssicherheit gehalten und dass ich als Draufgänger und Hansguckindieluft eigentlich prinzipiell gar kein Fahrrad fahren dürfte. Ich verstand sie natürlich überhaupt nicht, schließlich war ich als kleiner Knirps so gut wie unbesiegbar.

Doch dann geschah etwas. Ein anderer Junge aus der Straße, mit dem ich ab und zu spielte, wurde genau an dieser gefährlichen Stelle von einem Auto erfasst. Ich erinnere mich noch an den Wirbel in der Straße und wie viele türkische Familien dort durcheinander und aufgeregt waren. Er hieß Benjamin (was man im türkischen aber anders betont) und er war eigentlich so etwas wie mein Freund, schließlich spielte ich oft mit ihm und seine anderen Freunde. Normalerweise wäre also ein Besuch im Krankenhaus mehr als angebracht gewesen. Freunden steht man doch in solchen Situationen bei. Auch meine Familie fragte mich wohl öfters, ob ich ihn nicht einmal besuchen möchte. Doch ich wollte nicht. Absolut nicht. Mein Verhaltem muss von außen bertrachtet wohl ziemlich kaltherzig gewirkt haben. Doch innerlich hat es mich zerrissen. Natürlich empfand ich etwas für Benjamin und natürlich nahm mich dieser Unfall genauso mit, wie den meisten Anwohnern dieser Straße. Ich hab nur nicht darüber gesprochen und ich hatte einfach verdammt viel Angst.

Ich habe mir in meiner Vorstellung ausgemalt, wie er da liegt, im Krankenzimmer, an Schläuchen, peipenden Geräten, mit blutigen Verbänden und entstelltem Gesicht. Ich wollte diese Vorstellung keinesfalls in Realität verwandeln. Ich wollte, dass es einfach nicht wahr ist. Und dennoch zerriss es mir das Herz, denn natürlich empfand ich mich selbst auch irgendwie auch als Verräter, als treuloser Freund und kaltherziger Mensch.

Um dennoch irgendwie Anteilnahme zu zeigen, tat ich etwas richtig bescheuertes. In der Tageszeitung stand ein Unfallbericht, ich dachte, wenn ich das em Vater von Benjamin zeigen würde, sähe er, dass ich ich mich doch irgendwie kümmerte. Natürlich erzeugte ich durch diese Handlung das schiere Gegenteil. Sein Vater war völlig aufgebracht und brach soweit ich das weiß in Tränen aus, seine Freunde um ihn rum trösteten ihn. Eine Situation, die mir aufgrund meiner mangelnden Erfahrungen mit solchen emotionalen Situationen natürlich noch wesentlich mehr Angst einjagte. Benjamin wurde anscheinend von einem besoffenen Autofahrer angefahren, so stand es jedenfalls im Bericht. Und ich naives, ängstliches Wesen hielt dem Vater des Opfers gnadenlos die gedruckten Tatsachen vor Augen. Dieses Gefühl, diese Situation sperrte ich bis heute in eine kleine Kammer meines Kopfes ein. Ich habe sie bis heute mit niemanden geteilt.

Obwohl Wochen später Benjamin wieder da war, er lediglich einen buntbemalten Gips trug und zu meiner Verwunderung gar nicht entstellt aussah, hatte sich alles völlig verändert. Ich weiß nicht, ob er es mir krumm nahm, dass ich ihn nicht besucht habe, ich weiß nur, dass ich mich für das Nichtbesuchen so sehr geschämt habe, dass ich nicht mehr mit ihm spielen konnte.

Ich hasste mich sehr lange Zeit dafür, dass ich dich nicht besuchen konnte. Ich hoffe es geht dir heute gut, Benjamin!