Es ist schon seltsam, wie leichte persönliche Veränderungen schwerwiegende Konsequenzen zur Folge haben können. Die persönliche Entwicklung eines Menschen ist nicht nur völlig normal, gesund und von Nöten, sie ist auch mit heftigen Wachstumsschmerzen verbunden - und das zu jeder Zeit.
Wer meint, der Schmerz (physisch wie psychisch) sei in der adoleszenten Zeit (also die Pickelphase mit verstärktem Haarwuchs) am Größten, der mag vielleicht subjektiv Recht haben, weitaus fataler ist jedoch die Angst vor möglichen Schmerzen meist in der post-adoleszenten Zeit (also quasi der Rest des Lebens, den wir allgemein unter dem Begriff “Erwachsenheit” fassen).
Die Angst vor möglichen Konsequenzen durch eine persönlichen Entwicklung, behindert nämlich die Weiterentwicklung an und für sich. So geschieht es, dass manche Männer und Frauen absolut verzweifelt sind, wenn sie “alt” werden. Körperliche Verfall, ganz allgemein und je nach Vorbildern, ist für sie so unvorstellbar grausam, dass sie bereits in jungen Jahren ihre geistige Altersentwicklung rigoros stoppen und daraus sogar echte Phobien entwickeln oder sich für Peter Pan halten. Man fühlt sich mit 20 (im Fall vom Popking wahrscheinlich viel früher) urplötzlich schon “zu alt” - und das Gejammer wird oft in den kommenden Jahren nicht wirklich besser.
Doch das “Oskar Matzerath Programm” versagt natürlich vollends. Man trommelt und brüllt gegen das weitere Altern bzw. (Er)wachsen, kann dabei gar nicht geistig (Er)wachsen - weil man ja gar so konzentriert mit Trommeln und Quieken beschäftigt ist - und bleibt dann eben auf der Denkstruktur eines Teenies stehen, während der materielle Körper dann unverschämterweise doch einfach so zerfällt und dabei auch noch unliebsame Falten schlägt. Der Geist bockt, aber das Fleisch ist zu schwach. Doch Nip/Tuck und Pro-Ana sei Dank!
Doch es gibt ein Grundproblem im Zuge von geistiger Entwicklungbzw. Persönlichkeitsveränderung aller Art: Das soziale Umfeld hat ein extrem schlechtes Timing, so dass eigene persönliche Entwicklungen zum einen unberechenbare Auswirkung auf andere Menschen um einen herum hat, aber dies geschieht so gut wie nie gleichzeitig . Während man sich also verändert oder verändert wird (durch Schicksalsschläge, Gier, Existenzängste, Bildung, Neugier oder Lebensphasen wie Eltern haben, lossein oder selbst sein), bleibt der Rest um einen herum erst einmal stehen oder läuft gar parallel ganz woanders hin. Man wird und ist damit hochoffiziell verrückt zum Rest der Welt (Je nachdem wie schwerwiegend eine Veränderung gerade vom Umfeld bewertet wird) oder lebt sich auseinander.
Sobald man also wider die Erwartung, wider die Norm oder wider die Routine denkt, fühlt oder handelt, grenzt man sich selbst zunächst vom Umfeld, also der schützenden Herde, aus. Das passiert jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde und ist “mikro” wie “makro” zu beobachten, also sowohl im Freundes- und Kollegenkreis, wie auch in staatlichen Konstrukten (”Verfassungsfeind”, “Landesverräter”, “Terrorist”) oder Kulturen (”Ungläubiger”, “Fundamentalist” oder “Kulturbedrohung aka Verlust der Leitkultur”).
Das einzig positive daran: Wir verändern uns tatsächlich alle zu jeder Zeit. Unsere Körper verändern sich ständig - Gewicht, Gesundheit, Zellen wachsen, mutieren oder sterben und natürlich verändert sich auch unser Gehirn strukturell durch bestimmte Zellvorgänge. Wir saufen mal eben ein paar Zellen tot, während vielleicht gleichzeitig eine neue Neuroautobahn ausgebaut wird.
Es gibt also starke Veränderungen und weniger starke Veränderungen - analog große und kleine Schritte, die man sich entfernt. Die eigene Umwelt nimmt diese mal intensiv und mal weniger intensiv wahr (Manche Ehemänner bemerken tatsächlich nicht bei ihren Frauen wenn sie sich von einige Haarzellen getrennt haben oder deren Pigementierung variieren). Doch das Schlimme daran: Ausgrenzung anderer führt bei einem selbst auch zu Entwicklungsverzögerung. Dazu ein Beispiel:
Ein neugieriger, aufgeweckter Junge kann von seiner Umgebung schnell zum Streber, Besserwisser oder Angeber degradiert werden. Das ist aber wiederum nur die Vorproblematik. Der Junge selbst, kann vielleicht damit sogar noch umgehen, oder es lernen. Das eigentliche Problem in Bezug auf Entwicklung in Form von Angst folgt nämlich erst jetzt: Wenn nämlich jetzt einer der damalig Pöbelnden, der früher den Jungen als Streber traktiert hat, plötzlich selbst Spaß an den gleichen Interessensgebieten hat wie der “Streber”, wird er durch sein eigenes Spießrutenprogramm gehen müssen. Je überzeugter er also damals den Jungen als “Streber” beschimpft hat, desto größer wird seine Angst sein, selbst als Streber tituliert zu werden. Er muss jetzt viel später lernen, damit umzugehen oder er vollzieht diese Entwicklung gar nicht erst, denn er hat Angst vor der Ausgrenzung der Anderen, seines Umfeldes.
Ich finde über diese Dinge lohnt es sich mal ein paar Minuten nachzudenken, oder?
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