Ich bin in einer Protestkultur aufgewachsen. Schon als kleiner Stöpsel war ich auf diversen Friedensdemos, Ostermärschen und gewerkschaftlichen Kundgebungen. Bereits in jungen Jahren erkannte ich, dass diejenigen, die für den Weltfrieden marschieren, dabei oft eine besondere Vorliebe fürs Brüllen mit Megaphone und dem ausgiebigen Trinken von Rotwein hegten. Muss wohl daran gelegen haben, dass man sehr viel draußen an der frischen Luft war und somit sich irgendwie von Innen wärmen musste. Irgendwann fanden die deutschen Friedensdemonstrationen der 80er Jahre, gegen Reagan und Pershing II, ihren Zenith bei der Großdemo in Bonn, wo dann neben Gewerkschaftsbossen auch später irgendwann Herbert Grönemeyer ins Mikro brüllte. Nicht falsch, verstehen, ich fand das toll als Kind, ich mochte das Bad in der Menge, die friedlich-aufgeheizte Atmosphäre und den einen oder anderen Friedenstaubenaufkleber, den man dort abstauben konnte. Ich fand auch die Inhalte dahinter wichtig und richtig und natürlich gab es sehr viele Menschen, die für den Freiden auf der Welt und vor der eigenen Tür “gekämpft” haben. Ich respektiere das heute und ich fand das auch toll damals. Ich möchte es als Erfahrung nicht missen und ich bin sehr stolz, in so einem politischen Umfeld groß geworden zu sein.
Die Nachwirkungen der damaligen Kultur schwingten noch lange Zeit in mir nach. Ich wurde ein waschechter Rebell, der von Haare- und Bartfärben, extravagant kleiden (also nicht dieser Punkuniformstil sondern wirklich völlig anders), Selbstzerstörung und dem stetigen Drang das kaputtzumachen, was einen selbst kaputt zu machen (also vornehmlich man selbst) schien, alle gängigen Klischees eines Revoluzzers zu bedienen. Ich lebte im puren Chaos, in Anarchie und später sogar in einer komplett anderen Welt. Ich befand mich zwischen den Planeten. Ich entfernte mich dabei so sehr von der eigentlichen Welt, dass die Unterschiede immer weiter auseinanderklafften, der Frust, die Wut und das Unverständnis über das Leid in der Welt in mir immer größer wurden. Ich begann zu resignieren, ich fühlte mich vollkommen leer. Identitätslos. Ohnmächtig. Alienated.
What shall we use
To fill the empty spaces
Where we used to talk?
How shall I fill
The final places?
How should I complete the wall
Das hatte zur Folge, dass ich mich von nahezu allen Menschen, die ich kannte abschottete. Freunde, Familie, ja alle Menschen die mir begegneten. Es steigerte sich immer weiter, denn natürlich reagierten die betroffenen Menschen mit den Emotionen, die man aus so einer Situation aus erwarten kann. Entweder man kehrte sich ab, versuchte zu protestieren oder schüttelte einfach stumm den Kopf. Dies wiederum bestätigte mein Bild von einer herzlosen Welt und so zog ich mich immer tiefer und tiefer in den letzten Rest kümmerlichen Egoseins zurück. Es war Leid. Pures Leid.
But it was only fantasy.
The wall was too high,
As you can see.
No matter how he tried,
He could not break free.
And the worms ate into his brain.
Menschen, die mir helfen wollten, wurden aufgrund des gebrochenen Vertrauens in die Welt und seiner Bewohner sowieso als “falsch” eingeordnet. Sie hatten keine echte Chance mehr an mich ranzukommen.
Sitting in a bunker here behind my wall
Waiting for the worms to come.
In perfect isolation here behind my wall
Waiting for the worms to come.
Doch irgendwann wurde es mir einfach zu viel. Ich musste dem Ganzen Wahnsinn Einhalt gebieten. Ich konnte so isoliert zu leben einfach nicht mehr ertragen. Das Leid wurde zu groß. Die Wahrnehmung zu verrückt. Die Angst hatte mich komplett umschlungen und diktierte von nun an mein gesamtes Denken und Tun.
Stop!
I wanna go home
Take off this uniform
And leave the show.
But I’m waiting in this cell
Because I have to know.
Have I been guilty all this time?
Mit Hilfe von geliebten Menschen gelang es mir dann doch die Mauern - zwar nicht auf einmal einzureißen - sondern sie Stein für Stein abzubauen. Ich musste Schritt für Schritt wieder lernen, wieder mit Menschen umzugehen, mit Menschen zu sprechen, Menschen wieder zu vertrauen, auch die schönen Dinge im Leben wieder zu genießen. Vom völlig abgeschotetten Mensch, gelang es mir in einigen Jahren zur aufgeschlossenen Rampensau zu wachsen. Vorträge vor vielen Menschen wären damals auch nicht im entferntesten vorstellbar gewesen. Heute macht es mir unendlich viel Spaß und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, es nicht mehr zu tun.
Ich erzähle das also weniger als mahnendes Beispiel, oder als Teil einer psychischen Verarbeitung, sondern vielmehr als Vorbildgeschichte für einen allgemeinen Weg “da raus”. Es gibt immer einen Weg irgendwo raus, irgendwo dort, wohin man sich verrannt hat. Es gibt immer eine Lösung. Es gibt immer Menschen, die einen lieben und helfen. Für manchen ist der Freitod die Lösung von Isolation, für mich ist dies der letzte konsequente egoistische Schritt. Ich kann es nachvollziehen, ich kann es nachfühlen, aber ich weiß, dass dies genauso eine Illusion ist, wie alles andere. Illusion, nicht im Sinne von unbändigbar, ausgeliefert, vorgekaukelt oder einem Betrug - sondern Illusion im Sinne von gestaltbares, achtsames Steuern und Lenken der eigenen Gedanken und achtsames, bewusstes Handeln, um dann wieder ein Feedback von den Menschen außen herum zu erhalten. Bin ich mürrisch, so darf ich mich nicht über mürrische Reaktionen wundern. Für jede Handlung gibt es irgendwann einen Zahltag. Ich habe in egoistischer Anarchie gelebt und Isolation gefunden. Heute kann ich familiäre Anarchie leben und eine Gemeinschaft finden, ganz einfach weil ich täglich lerne und mir bewusst mache, dass wir alle nur Menschen sind, dass wir alle unsere kleinen Mauern um uns bauen und das niemand für immer so sein muss, wie er gerade ist. Es geht nicht von heute auf morgen, das würde frustrieren. Es ist ein Prozess und mit jedem Tag wird es einfacher und mit jedem Tag lernt man dazu. Wenn man bereit ist zuzuhören. Wenn man bereit ist sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen. Wenn man bereit ist die eigene Eitelkeit für einige Zeit beiseite zu legen (bitte nicht bekämpfen, denn sie gehört auch dazu)
Eigentlich wollte ich ein paar Zeilen zu dieser Protestaktion loswerden, die ich auf Anfrage bewerten sollte. Die E-Mail dazu war schnoddrig-rotzig, dementsprechend schnoddrig-rotzig war meine Antwort. Doch dann erkannte ich mal wieder die direkte Kausalität. Nein, Protest und Motzen ist keine dauerhafte Problemlösung. Protest schafft Aufmerksamkeit. Protest schafft sicherlich so etwas wie eine Revoltenstimmung, wenn die Aufmerksamkeit groß genug ist. Proteste können einen Machtwechsel hervorrufen. Aber was Proteste sicherlich nicht schaffen, ist die Machtblindheit als große Wurzel vieler Probleme freizulegen. Was Protest nicht schafft, ist Menschen zu verändern. Protest schart nur Menschen mit gleichem Mindset zusammen. Protest ändert aber NICHT die konträre Einstellung des Gegenübers, des “Gegners”, also gegen das wofür oder wogegen man protestiert und gegen die Menschen, die dafür einstehen. Sehr viel “gegen”, aber sehr wenig “mit”. Vielleicht hat mich gerade deshalb die Obamaprotestaktion so geärgert. Man reitet auf der Aufmerksamkeitswelle von Obama, erkennt aber nicht dessen inhaltliche Neuorientierung, nämlich dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann. Ich glaube das hat mich so arg enttäuscht.
Ich will keine Protestkultur 2.0. Ich möchte eine Kultur des Dialoges. Eine Kultur der Empathie. Eine Kultur der gemeinsamen Problemlösung. Eine Kultur, die endlich kapiert, das niemand perfekt ist und dass Fehler dazu da sind, daraus zu lernen. Eine Kultur, die das Leben an sich wertschätzt, die Menschen nicht zu einer Projektionsfläche für Hass und Gewalt verwandeln, denn genau das stärkt den Hass und die Gewalt auf der anderen Seite. Diese Kultur wünsche ich mir so sehnlichst. Aber diese Kultur kann nicht Top-Down stattfinden. Ich kann nicht schlagartig alle Menschen auf einmal durch eine Revolution verändern. Ich kann überzeugen, ich kann Vorbild sein, ich kann argumentieren, ich kann Metaphern anbieten und zum Nachdenken anregen. Ich kann Muster aufzeigen und Muster gemeinsam brechen. Ich kann Menschen helfen, für sie da sein, mich um sie kümmern. Ich muss mich ganz bestimmt nicht um alle Menschen da draußen kümmern. Es wäre nicht zu schaffen und es wäre anmaßend. Es reicht schon völlig, das im ganzen kleinen Kreis zu tun. Jeder für sich. Für sich und seine Familie und Freunde. Für Menschen, denen man begegnet und die einem einen Hilfsauftrag anbieten. Wenn das jeder so ähnlich machen würde, sähe die Welt sehr bald schon ganz ganz anders aus. Daran glaube ich jedenfalls. Free your mind! Think for yourself! Care for eachother!
All alone, or in two’s,
The ones who really love you
Walk up and down outside the wall.
Some hand in hand
And some gathered together in bands.
The bleeding hearts and artists
Make their stand.
And when they’ve given you their all
Some stagger and fall, after all it’s not easy
Banging your heart against some mad bugger’s wall.
All Lyrics from Pink Floyd The Wall
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