Thomas D. steht für vieles. Ausnahmeerscheinung, Freidenker, erster deutscher kommerziell erfolgreicher Rapper gemeinsam mit seinen drei Mitstreitern und seit einiger Zeit in sich gekehrter, sexy Veganer, Krieger des Lichts und (Mit)retter der Erde. Seine Texte sind nach eigener Aussage sein Schwert im Kampf gegen das Böse auf dieser heruntergekommenen Welt des ewigen Regens. Seine Texte sind verdammt gut, voller Tiefe und ebenso voller Anklage gegen den Rest der verkonsumierten Welt, immer auf der Seite der zu schützenden Schwachen - z.B. die Tierwelt:
Es tut mit leid Tier denn sie mögen dich so sehr
Sie wollen alles von dir und am Liebsten noch mehr
Deine Haut ist ihre Kleidung
Dein Fleisch ist ihr Essen
Dein Geist ist vergessen
Bei dem Versuch das Recht auf Leben
In Gesetze zu verpacken
Haben sie bei dir Tier einige Sätze weggelassen
Deine Schreie zu erhören wurde leider verpasst
Weil du für Menschen
Keine verständliche Stimme hast
Erheb ich meine Stimme für dich
Es scheint noch immer vonnöten
Ihr erinnert euch (nicht) – du sollst nicht töten
Denn du kriegst was du gibst
Bist was du isst
Weißt was das heißt
Alles kommt zurück – alles kommt zurück
Alles kommt zurück. In Anbetracht dessen würde es mich sehr interessieren, wie Thomas D. in eigener Reflexion mit dieser Philosophie umgeht. Schließlich ist er auf der einen Seite prominentes Streitross für die radikal wirkende Tierschutzorganisation PETA und auf der anderen Seite Gesicht und Stimme für eine deutsche Nike-Kampagne, bei der er im großen Rahmen u.a. nicht nur dabei hilft, Deutschland in Bewegung zu bringen, sondern eben auch Produkte aus Tierhaut zu verkaufen. Einerseits prangert er also das bräsige Konsumverhalten der westlichen Zivilisation an und verteilt “Klapse” wie hier
Wie kann man das Billigste im Supermarkt kaufen und glauben, dass es gut ist? Natürlich ist das Billigste auf unser aller Kosten produziert worden. Natürlich steckt da Kinderarbeit oder Sklavenarbeit oder irgendwelches Gift drin. Und wie ich in „Vergiftet“ singe: „Jede Schandtat wird Standard“. Sich mit den Worten zu rechtfertigen: „Macht doch jeder“, das ist keine Entschuldigung. Es geht mir um den bewussten Umgang mit der Welt, mit den Ressourcen und den Menschen. Trotzdem habe ich das Gefühl, man kann den Leuten was mitgeben. Hast einen Klaps gebraucht? – Hier, gern geschehen.
andererseits wirbt er für Converse, einer Tochtermarke der in Chinas Sweatshops produzierenden Nike und ist bekennender Fan vieler ebenfalls in gleicher Region produzierten Appleprodukte. Es knirscht und funkt also im Moralsystem D. - wenn man denn in unserer gewohnten moralischen Dualitätsdenke verweilt. Entweder “gut” oder “böse” - “für” oder “gegen” etwas mit Haut, Haar, Stumpf und Stiel. Auf die Frage von ParkAvenue, wie er denn diese Paradoxa wahrnimmt, antwortet er wie folgt:
Ich begehe einen schmalen Grat damit. Allerdings ist das für mich ein bisschen ein Robin-Hood-Prinzip. Ich scheue mich nicht, mit großen Firmen zu kooperieren, weil ich denke: Bevor sie das Geld irgendjemandem geben, der es nur für Scheiß ausgibt, sollen sie es lieber mir geben, weil ich davon etwas zurückgeben, indem ich spende oder eine Schule für Kinder in Afghanistan bauen lasse. Aber auch ich bin kein Heiliger und ein Kind dieser Zeit und liebe dieses technische Spielzeug oder schnelle Autos.
In der Tat beschreitet Thomas D. mit seinen widersprüchlich erscheinenden Handlungen und Aussagen einen sehr schmalen Grat. Seine Reputation als selbsternannter “Krieger” steht auf dem Spiel. Sein Problem ist nicht, dass er einerseits strenger Veganer ist und anderseits Geld von einer Firma nimmt die Schuhe produzieren, die ein Veganer eigentlich nach strengen Richtlinien gar nicht tragen würde (ich spreche bewusst nicht von “dürfen”). Sein Problem ist seine Wahl der Waffen. Die Moralkeule. Gerade der letzte Satz in der oben zitieren Interviewpassage machen deutlich, wo das eigentliche Paradox versteckt ist. Er sieht sich selbst zwar nicht als Heiliger, er verkauft sich mit seiner Musik und Performance aber leider so.
Nun könnte man sich lange darüber auseinandersetzen, ob er auf der Bühne wirklich der Thomas ist, der auch diesen oder jenen Robin-Hood-Werbedeal macht oder ob er die Kunstfigur “Reflektor Falke” vertritt, also eine Maske, die ihm den nötigen Schutz für seine moralische Mission gewährt. Doch darum geht es mir eigentlich nicht in diesem Beitrag. Als Thomas D. Fan Freund im Geiste, fällt es mir schwer ihm auf diese Art den Spiegel vorzuhalten, denn natürlich tappe auch ich sehr schnell in die gleiche moralische Falle.
Also möchte ich noch einen wesentlich weiteren Schritt in die Metaebene gehen und unser Moralsystem an sich in Frage stellen, welches - nicht nur dieses - Paradox entstehen lässt und somit die Menschen auf einem “guten Weg” ihrer Glaubwürdigkeit beraubt.
Es gibt da ja sehr viele Redewendungen, Zitate aus heiligen Schriften und philosophischen Werken, die im Wortlaut ungefähr alle das gleiche ausdrücken: Die Geschichte mit dem Glashaus und den Steinen oder analog derjenige der nicht drin sitz (also frei von Schuld ist) werfe den ersten Stein um die “Bösen” da draußen niederzustrecken.
Wir haben leider das Konzept einer perfektenWelt im Kopf. Wir erstellen Strafe und Gesetz meist so, dass wir davon ausgehen, dass wir bereits in einer moralisch makellosen Welt leben und dass alle “Beschmutzer” im Grunde genommen nur aus Bosheit diese Makellosigkeit rauben wollen. Der zweite fatale “Bug” (oder “Feature” - je nachdem) unseres Denkens ist die Tatsache, dass wir die Dinge immer maximal simplifizieren möchten. Wenn wir Knopf A drücken, wird Aktion A ausgelöst. Immer. Ohne Ausnahme.
Auf dieses spezielle Fallbeispiel angewendet würde es bedeuten: Thomas D. gibt sich als “Guter” aus, handelt aber teilweise nicht konsequent danach (keine Makellosigkeit). Also ist er vorsichtshalber in die Kategorie “unglaubwürdig”, “dreist” oder noch drastischer in die Schublade “hinterlistig bis böse” zu verfrachten. So oder so, er und seine Gedanken, seine Mission, sein Weg und seine Aussagen werden angreifbar in einem System, dass auf Grundlage einer hypothetisch moralischen Perfektion gegründet wurde. Dabei verkennt “das System”, dass diese Gesetzgebung der moralischen Perfektion, der Unkorrumpierbarkeit und der völligen Integrität ursprünglich immer nur als Zweck zum Ziel, als Weg, installiert wurde und niemals davon ausgehen kann, dass wir alles bereits am Ziel sind und die Bestrafung quasi als Maßnahme für Ausreißer aus der Perfektion heraus vollzogen wird. Ein klares Rechtssystem mit klaren Strafen hinterfragen nicht, es abstrahiert möglichst emotionslos. Fakten zählen und nicht Gefühlsduseleien oder innere emotionale Kämpfe, Versuchungen und Zerrissenheit.
Die Kategorisierung der Welt in “Gut” und “Böse”, “Schwarz” und “Weiss” hat es vielen Menschen in der Vergangenheit einfach gemacht, die Kontrolle über das eigene zart gewachsene Bewusstsein zu bewahren, welches uns scheinbar vom Tier unterscheidet. Mit dieser einfachen Klassifizierung konnte beispielsweise die Religion (ich rede von Zeiten, in der die Staatsführung auch größtenteils von reinen Glaubensrichtungen geprägt wurde) ihre Schafe kontrollieren, indem sie kurzerhand Fremdgötter und -gläubige in die Satansschublade stecken und eigene Ansichten und Handlungen als “von Gott gewollt” etikettieren konnten. Drakonische Strafen, fehlende Aufklärung und ein nicht vorhandenes oder nur sehr entschleunigt ablaufendes Informationsnetz ließ die Herde behütet auf den Weiden des jeweiligen Gottes grasen. Egal ob Judenverfolgung, Hexenjagd, Kreuzzug, oder was es sonst noch für Namen für heilige Kriege geben mag, das Grundprinzip ist immer das Gleiche geblieben: Das gewaltsame Aufdrücken des eigenen Denkmodells mit eigenen Interessen auf andersdenkende Menschen, mit anderen Interessen.
Nun, da die Welt immer näher zusammenrückt, Kulturen, Weltanschauungen, Religionen, Wissenschaften und Philosohien immer stärker aufeinanderprallen, ist es nicht nur für den Hirten selbst, sondern auch für die Herdenmitglieder schwierig geworden sich auf der plötzlich unendlich dahinstreckenden Koppel zurechtzufinden. Wem kann man heute noch vertrauen? Wer lügt, wer sagt die Wahrheit. Wer ist von guter Natur und wer hat böse Absichten? Die Komplexität unserer Informationsflut (in den Teilen der Welt, in denen diese Flut überhaupt vorhanden ist) frisst unsere bisherige duale Klarheit und Einfachheit. Denn natürlich möchte sich unsere Gesellschaft in eine Kultur des Wissens einsortieren, gleichzeitig will sie auch nicht von irgendjemandem “geführt” werden. Wir durchschauen scheinbar die Komplexität durch stetiges Hinterfragen und der weiteren Ansammlung von Wissen und untergraben damit jedweden Anflug von autoritärer Führung Dritter.
Wir verabscheuen einerseits die boulevardeske Kost der Berichterstattung, sehnen uns jedoch zugleich nach einer simplifizierten Aufmachung. Die Verführung der Klarheit, die Verlockung der alten Dualität wird so schnell nicht erlischen. Wenn wir die Bildzeitung zur Hand nehmen, wenn wir StarWars oder jedwede andere seichte Abendunterhaltung konsumieren, so erfreuen wir uns oft an der einfachen Struktur von “gut” und “böse”. Die Rollen werden ganz klar besetzt und zum Teil visuell eindeutig markiert. Doch auch im Entertainment schleicht sich die dualitätszersetzende Komplexität immer weiter ein. In vielen amerikanischen Dramaserien flippen die Hauptdarsteller beispielsweise stetig zwischen gut und böse hin und her. Der soziopathische Mafiaboss wird plötzlich zum bemitleidenswerten Menschen, verurteilte Schwerverbrecher sehnen sich nach menschlicher Wärme und sind im Grunde auch nur Opfer der Gesellschaft und miese bärtige Terroristen haben urplötzlich ein Motiv, warum sie das tun, was sie eben tun - bzw. noch schlimmer, man kann plötzlich nachvollziehen, warum sie so sehr hassen und ihre Sache für “richtig” befinden.
Die Aufweichung der klaren Grenzen vollzieht sich plötzlich in alle Bereiche unseres Lebens. Früher war man noch froh, wenn man ein Stück Brot bekam oder der Krieg im eigenen Land beendet wurde. Heute wird man schon als Käufer von genmanipulierter Backware in die Ecke der Weltzerstörer gestellt. Wer billig kauft, der billige zugleich Sklaven-/Kinderarbeit, Menschenhandel, Umweltzerstörung und überhaupt riesige faschistisch-/diktatorische Systeme. Genau daran kann man erkennen, dass die gute alte Dualität immer noch gefragter ist denn je, zudem wird sie eben noch sehr viel komplexer. Heute ist Biosprit noch toll, schon morgen erweist es sich als Killer für irgendetwas anderes. Ursache und Wirkung sind also schon gegeben, nur sind sie eben sehr viel schlechter vorauszusehen.
Wie gehen wir also mit der Komplexität und den Tücken der Dualität um? Wir sollten lernen, erstmal durchzuatmen, bevor wir jemanden als Person an den Pranger stellen. Wir müssten eigentlich den gesamtne Background prüfen und nachvollziehen, warum dieser Mensch so ist wie er ist. Wie ist seine Biografie, unter welchen Bedingungen wuchs er auf, wie ist er gebildet, aber vor allem, was ist sein Potenzial für die Zukunft? Es geht um eine schier unmögliche Wahrnehmung eines holistischen Selbst. Aber der erste Schritt dürfte es sein, die Welt so hinzunehmen wie sie ist und selbst Verantwortung für Taten zu übernehmen statt andere zu bewerten. Aber auch das sind eben Sätze aus einer Metaebene, die scheinbar losgelöst von meinem Weg, meiner Biografie und meinen Lebensbedingungen, Fehlern, Schwächen und Sünden gefällt wurden.
Wir sollten nicht überlegen, ob wir den Stein jetzt werfen oder nicht, wir sollten uns lieber überlegen, ob der Stein überhaupt ein geeignetes “Werkzeug” sein kann.
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