3. Feb 2009

Protestwälle

Ich bin in einer Protestkultur aufgewachsen. Schon als kleiner Stöpsel war ich auf diversen Friedensdemos, Ostermärschen und gewerkschaftlichen Kundgebungen. Bereits in jungen Jahren erkannte ich, dass diejenigen, die für den Weltfrieden marschieren, dabei oft eine besondere Vorliebe fürs Brüllen mit Megaphone und dem ausgiebigen Trinken von Rotwein hegten. Muss wohl daran gelegen haben, dass man sehr viel draußen an der frischen Luft war und somit sich irgendwie von Innen wärmen musste. Irgendwann fanden die deutschen Friedensdemonstrationen der 80er Jahre, gegen Reagan und Pershing II, ihren Zenith bei der Großdemo in Bonn, wo dann neben Gewerkschaftsbossen auch später irgendwann Herbert Grönemeyer ins Mikro brüllte. Nicht falsch, verstehen, ich fand das toll als Kind, ich mochte das Bad in der Menge, die friedlich-aufgeheizte Atmosphäre und den einen oder anderen Friedenstaubenaufkleber, den man dort abstauben konnte. Ich fand auch die Inhalte dahinter wichtig und richtig und natürlich gab es sehr viele Menschen, die für den Freiden auf der Welt und vor der eigenen Tür “gekämpft” haben. Ich respektiere das heute und ich fand das auch toll damals. Ich möchte es als Erfahrung nicht missen und ich bin sehr stolz, in so einem politischen Umfeld groß geworden zu sein.

Aber …

…ich will keine Protestkultur 2.0. Ich möchte eine Kultur des Dialoges. Eine Kultur der Empathie. Eine Kultur der gemeinsamen Problemlösung. Eine Kultur, die endlich kapiert, das niemand perfekt ist und dass Fehler dazu da sind, daraus zu lernen. Eine Kultur, die das Leben an sich wertschätzt, die Menschen nicht zu einer Projektionsfläche für Hass und Gewalt verwandeln, denn genau das stärkt den Hass und die Gewalt auf der anderen Seite. Diese Kultur wünsche ich mir so sehnlichst. Aber diese Kultur kann nicht Top-Down stattfinden. Ich kann nicht schlagartig alle Menschen auf einmal durch eine Revolution verändern. Ich kann überzeugen, ich kann Vorbild sein, ich kann argumentieren, ich kann Metaphern anbieten und zum Nachdenken anregen. Ich kann Muster aufzeigen und Muster gemeinsam brechen. Ich kann Menschen helfen, für sie da sein, mich um sie kümmern. Ich muss mich ganz bestimmt nicht um alle Menschen da draußen kümmern. Es wäre nicht zu schaffen und es wäre anmaßend. Es reicht schon völlig, das im ganzen kleinen Kreis zu tun. Jeder für sich. Für sich und seine Familie und Freunde. Für Menschen, denen man begegnet und die einem einen Hilfsauftrag anbieten. Wenn das jeder so ähnlich machen würde, sähe die Welt sehr bald schon ganz ganz anders aus. Daran glaube ich jedenfalls. Free your mind! Think for yourself! Care for eachother!

All alone, or in two’s,
The ones who really love you
Walk up and down outside the wall.
Some hand in hand
And some gathered together in bands.
The bleeding hearts and artists
Make their stand.

And when they’ve given you their all
Some stagger and fall, after all it’s not easy
Banging your heart against some mad bugger’s wall.

Lyrics from Pink Floyd The Wall