BREITENBACH


feed your head

9. Dez 2008

Eine kleine Sammlung von Tabuthemen

Aus meiner persönlichen Biografie heraus interessiere ich mich sehr stark für Tabus. In meiner Familie herrschte das für ein Kind größtmögliche Tabu überhaupt: Der eigene Vater.

Tabus sind deshalb interessant, weil sie so eine unglaubliche Macht haben und unser Verhalten explizit verändern und beeinflussen. Es gibt also sehr mächtige Tabus, also diejenigen, die dem eigentlich Begriff tatsächlich gerecht werden (Man darf darüber auf keinen Fall sprechen) und etwas weniger mächtig Tabus, die einem lediglich schon vorher mitteilen, wie man über eine bestimmte Sache zu denken hat oder dass man sich besser gleich zu solch einem Thema bedeckt halten sollte. Ich würde gerne solche Tabus sammeln, ganz einfach um etwas über sie zu lernen, sie zu sezieren und ihre Kraft und Wirkung zu analysieren. Es wäre schön, wenn ihr mir von Tabus berichten würdet, denn ich fürchte trotz aufgeklärter Informations- und Wissengesellschaft begegnen uns begrenzende Tabus immer und immer wieder. Aber ich möchte auch herausfinden, welche Funktion Tabus haben können. Nützlich wie behindernd. Denn als Systemiker glaube ich natürlich auch immer an eine bestimmte gesellschaftliche Funktion. Weiter will ich herausfinden, was geschieht wenn Tabus gebrochen werden, bzw. wie man diese überhaupt brechen kann.

Ich beginne also damit, einige Tabus (gerne auch alte Tabs, die sich verändert haben) zu sammeln. Ihr dürft diese gerne per Kommentar ergänzen oder überhaupt alles dazubeitragen, was euch zu diesem Thema einfällt.

Politische Tabus
Diktatur
(Trotz ihrer Existenz werden Diktaturen allgemein verachtet, man darf auf keinen Fall dieses System als mögliche politische Ordnung in Betracht ziehen)

Anarchie
(Anarchie gilt als chaosstiftend, willkürlich und würde die Menschen dazu animieren, sich Dinge auf Kosten anderer Menschen zu rauben. Komisch, passiert nicht genau das schon heute im Turbokapitalismus?)

Kommunismus
(Der Kommunismus ist einfach böse und wurde jahrzehntelang erfolgreich verfolgt und gedanklich so gut wie ausgemerzt, dabei wissen die wenigsten eigentlich, worum es da genau geht. Wozu auch, es ist böse)

Sozialismus
(ist der kleine Bruder des Kommunismus und aufgrund gleichen Genpools ähnlich böse ausgeprägt)

Gesellschaftliche Tabus
Psychische Krankheiten
(In einer Leistungsgesellschaft die auf Normailtät fixiert ist, aber nicht wirklich genau definieren kann, was eigentlich “normal” ist, gelten psychische Krankheiten als Gefahr für die Normalität. Es wird gar nicht erst überprüft, ob psychische Symptome nicht vielleicht in einem System heraus erklärbar sind sondern diese werden pharmazeutisch verdrängt)

Tod
(Wir hassen nichts so sehr wie den Tod, daher hüten wir uns davor darüber bei Tisch zu sprechen)

Kriminalität
(Fast jeder Gesetztesverstoß - außer der eigene - ist böse. Warum, wann und zu welchem Zweck manche Gesetze eingeführt wurden, interessiert uns nicht. Uns interessiert auch nicht, dass Gesellschaften ihre Krinimaniltät künstlich erzeugen, wie zum Beispiel durch ein Verbot von Substanzen oder dem Kopieren von Kulturgütern)

Selbstmord
(Die schlimmste Form neben Mord im Bereich Tod. Selbstmord erinnert uns immer an das mögliche eigene Versagen und das Versagen der Symptmdämpfenden Medikamente)

Religion
(Der Glaube an nichtbeweisbare und durch Menschen interpretierte Lehren ist mit völligem Schutz zu belegen. Man darf weder davon Karikaturen anfertigen noch irgendwelche Witze machen - es sei denn, es ist eine verfeindete Religion)

Liebe
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)

Hass
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)

Sucht
(Wird schnellstmöglich als psychische Krankheit eingestuft. Sucht ist erst vorhanden beim Gebrauch von tabuisierten, kriminalisierten Suchtmitteln - also kein Fett, Sport, Arbeit oder Kaffee - oder wenn andere Menschen von ihre beeinträchtigt werden. Der Süchtige selbst nimmt seine Sucht nur durch den Hinweis anderer Menschen wahr, wie Arzt, Partner, Freunde, Kollegen etc. Sucht wird als Krankheit gesehen nicht als natürlicher Teil des Menschen)

Masturbation
(ist ein altes Tabu, was sich im Laufe der Zeit immer weiter entschärft hat, von Kriminalisierung über Krankheit bis zur schweigenden Normalität. Dennoch spricht man bei Tisch nicht wirklich darüber)

… Fortsetzung folgt

1. Dez 2008

mademydaymeme: William Gibson

William Gibson, Autor des großartigen Cyberpunk Romans “Neuromancer” und damit ein sehr wichtiger Vordenker der ganzen Cyberkultur gibt Gert Scobel ein Interview. Sehr spannend, wie ich finde. Hier die Textversion und der Audio-Podcast. (Die 3sat Website ist übrigens furchtbar anstrengend zu bedienen)

24. Jun 2008

Gedanken-Stream: Freiheit und Grenzen

Eine Antwort auf diesen Kommentar von John Dean.

Für mich lautet der Schlüsselsatz eben nicht

Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben.

(auch wenn ich deine Sichtweise nachvollziehen kann), sondern

Was wir auch anstreben, es wirft immer ein Licht auf das was wir tun werden.

Wer beispielsweise Sicherheit als höchstes Streben sieht, wird sich Überwachung natürlich “herbeiwünschen”. Wer Freiheit als höchstes Streben sieht, wird mit Überwachung dagegen ein immenses Problem haben.

Wichtig ist zunächst einmal, dass wir erkennen wonach wir und andere Menschen streben. Erst dann kann man sich darüber austauschen und gegebenfalls Alternativen entwickeln, die eine überschneidende Interessensverfolgung (Streben) auflöst. Denn nie vergessen:

Auch die Bösen haben vor den Guten haben vor den Bösen Angst.

Der einzige Weg zu umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen kann nur von innen heraus erfolgen. Erst wenn ich versuche ein tiefes Verständnis für alles und jetzt zu entwickeln (dazu bedarf es keiner Wissenschaft oder gar großen geistigen Anstrengung, das absolute Gegenteil ist der Fall), schaff ich es den ewigen Leidenskreis zu durchbrechen.

Wenn man materiell und gesellschaftlich die große Chance dazu hat, dann sollte man es wenigstens mal probieren. Wir haben diese Möglichkeit. Wir leben trotz drohender Schäublisierung noch sehr frei und sicher. Was fangen wir an mit dieser Freiheit?

Wenn wir lernen, dass Sicherheit niemals durch einen Staat verwirklicht werden kann, sondern nur durch unsere eigene Geisteshaltung, dann werden Kameras überflüssig (egal ob vorhanden oder nicht). Dann werden im Grunde genommen diese ganzen Machtverschiebungen und -asymmetrien überflüssig. Wenn wir lernen, dass wir nicht 24 Stunden von Krieg, Terror und Hass umgeben sind, sondern von etlichen schönen Dingen im Jetzt und Hier, dann erscheinen uns Diskussionen über eine Überwachung des Jetzt und Hier als geradezu trivial.

Wenn wir endlich begreifen, dass materielle Armut nicht nur Leiden, sondern oft auch als Befreiung empfunden werden kann (Mönche etc.), sie kein auswegloser Zustand ist, wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen, ohne dass wir ihn anderen aufdrängen, wenn wir lernen, dass wir alle irgendwie zusammengehören und das Universum viel zu groß und wundervoll ist um sich ständig auf einem Winzlingsplaneten auf den Keks zu gehen, dann wird die Welt nicht unbedingt “besser”, aber sie wird sicherlich ganz anders sein als sie jetzt ist.

In “Angstfreiheit” steckt eben “Freiheit” und nicht “Begrenzung”. Grenzen sind reine Gedankenkonstrukte. Symbole. Erschaffen von uns Menschen. Sowohl die gedanklichen, wie die materiellen. Die Grenzen setzen wir uns ganz allein. Nicht andere Menschen setzen uns Grenzen - nein - wir akzeptieren höchstens die fremde Grenzsetzung. Wir akzeptieren Kameraüberwachung aus Angst vor imaginärem Terror, aus Angst vor vergangenen Dingen, aus Angst vor Fernsehbildern. Was in der Zukunft liegt, ist vielen völlig egal. Wir reagieren nur, statt zu agieren. Wir setzen Grenzen immer aus der Vergangenheit heraus, die Gegenwart und die Zukunft indes sind völlig frei. Grenzenlos. Neuland. Doch wir verharren in den engen Grenzen von Gestern, in den Ideologien von Gestern, in den Konflikten und Kriegen von Gestern.

Schaffen wir also neue enge Grenzen, so verschieben wir nur und die Versuchung für die plötzlich “Begrenzten” wird groß sein, sich davon wieder zu befreien. And round and round it goes.

Sich selbst von Begrenzungen zu befreien, ohne dabei andere einzugrenzen, scheint ein gutes Konzept für unser aller Zukunft zu sein, meine ich jedenfalls …

20. Jun 2008

Fremde Worte I

Alle Bedingungen für dein Sein sind fast so alt wie der Fels. Jahrtausendelang haben Männer gestrebt, gelitten und gezeugt, haben Weiber unter Schmerzen geboren. Vor hundert Jahren vielleicht saß ein anderer an dieser Stelle, blickte gleich dir, Andacht und Wehmut im Herzen, auf zu den verglühenden Firnen. Er war vom Mann gezeugt, vom Weib geboren gleich dir. Er fühlte Schmerz und kurze Freude wie du. War es ein anderer? Warst du es nicht selbst? Was ist dies dein Selbst?

Erwin Schrödinger in
Mein Leben, meine Weltansicht

18. Jun 2008

Gedanken-Stream: Entwicklung

Es ist schon seltsam, wie leichte persönliche Veränderungen schwerwiegende Konsequenzen zur Folge haben können. Die persönliche Entwicklung eines Menschen ist nicht nur völlig normal, gesund und von Nöten, sie ist auch mit heftigen Wachstumsschmerzen verbunden - und das zu jeder Zeit.

Wer meint, der Schmerz (physisch wie psychisch) sei in der adoleszenten Zeit (also die Pickelphase mit verstärktem Haarwuchs) am Größten, der mag vielleicht subjektiv Recht haben, weitaus fataler ist jedoch die Angst vor möglichen Schmerzen meist in der post-adoleszenten Zeit (also quasi der Rest des Lebens, den wir allgemein unter dem Begriff “Erwachsenheit” fassen).

Die Angst vor möglichen Konsequenzen durch eine persönlichen Entwicklung, behindert nämlich die Weiterentwicklung an und für sich. So geschieht es, dass manche Männer und Frauen absolut verzweifelt sind, wenn sie “alt” werden. Körperliche Verfall, ganz allgemein und je nach Vorbildern, ist für sie so unvorstellbar grausam, dass sie bereits in jungen Jahren ihre geistige Altersentwicklung rigoros stoppen und daraus sogar echte Phobien entwickeln oder sich für Peter Pan halten. Man fühlt sich mit 20 (im Fall vom Popking wahrscheinlich viel früher) urplötzlich schon “zu alt” - und das Gejammer wird oft in den kommenden Jahren nicht wirklich besser.

Doch das “Oskar Matzerath Programm” versagt natürlich vollends. Man trommelt und brüllt gegen das weitere Altern bzw. (Er)wachsen, kann dabei gar nicht geistig (Er)wachsen - weil man ja gar so konzentriert mit Trommeln und Quieken beschäftigt ist - und bleibt dann eben auf der Denkstruktur eines Teenies stehen, während der materielle Körper dann unverschämterweise doch einfach so zerfällt und dabei auch noch unliebsame Falten schlägt. Der Geist bockt, aber das Fleisch ist zu schwach. Doch Nip/Tuck und Pro-Ana sei Dank!

Doch es gibt ein Grundproblem im Zuge von geistiger Entwicklungbzw. Persönlichkeitsveränderung aller Art: Das soziale Umfeld hat ein extrem schlechtes Timing, so dass eigene persönliche Entwicklungen zum einen unberechenbare Auswirkung auf andere Menschen um einen herum hat, aber dies geschieht so gut wie nie gleichzeitig . Während man sich also verändert oder verändert wird (durch Schicksalsschläge, Gier, Existenzängste, Bildung, Neugier oder Lebensphasen wie Eltern haben, lossein oder selbst sein), bleibt der Rest um einen herum erst einmal stehen oder läuft gar parallel ganz woanders hin. Man wird und ist damit hochoffiziell verrückt zum Rest der Welt (Je nachdem wie schwerwiegend eine Veränderung gerade vom Umfeld bewertet wird) oder lebt sich auseinander.

Sobald man also wider die Erwartung, wider die Norm oder wider die Routine denkt, fühlt oder handelt, grenzt man sich selbst zunächst vom Umfeld, also der schützenden Herde, aus. Das passiert jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde und ist “mikro” wie “makro” zu beobachten, also sowohl im Freundes- und Kollegenkreis, wie auch in staatlichen Konstrukten (”Verfassungsfeind”, “Landesverräter”, “Terrorist”) oder Kulturen (”Ungläubiger”, “Fundamentalist” oder “Kulturbedrohung aka Verlust der Leitkultur”).

Das einzig positive daran: Wir verändern uns tatsächlich alle zu jeder Zeit. Unsere Körper verändern sich ständig - Gewicht, Gesundheit, Zellen wachsen, mutieren oder sterben und natürlich verändert sich auch unser Gehirn strukturell durch bestimmte Zellvorgänge. Wir saufen mal eben ein paar Zellen tot, während vielleicht gleichzeitig eine neue Neuroautobahn ausgebaut wird.

Es gibt also starke Veränderungen und weniger starke Veränderungen - analog große und kleine Schritte, die man sich entfernt. Die eigene Umwelt nimmt diese mal intensiv und mal weniger intensiv wahr (Manche Ehemänner bemerken tatsächlich nicht bei ihren Frauen wenn sie sich von einige Haarzellen getrennt haben oder deren Pigementierung variieren). Doch das Schlimme daran: Ausgrenzung anderer führt bei einem selbst auch zu Entwicklungsverzögerung. Dazu ein Beispiel:

Ein neugieriger, aufgeweckter Junge kann von seiner Umgebung schnell zum Streber, Besserwisser oder Angeber degradiert werden. Das ist aber wiederum nur die Vorproblematik. Der Junge selbst, kann vielleicht damit sogar noch umgehen, oder es lernen. Das eigentliche Problem in Bezug auf Entwicklung in Form von Angst folgt nämlich erst jetzt: Wenn nämlich jetzt einer der damalig Pöbelnden, der früher den Jungen als Streber traktiert hat, plötzlich selbst Spaß an den gleichen Interessensgebieten hat wie der “Streber”, wird er durch sein eigenes Spießrutenprogramm gehen müssen. Je überzeugter er also damals den Jungen als “Streber” beschimpft hat, desto größer wird seine Angst sein, selbst als Streber tituliert zu werden. Er muss jetzt viel später lernen, damit umzugehen oder er vollzieht diese Entwicklung gar nicht erst, denn er hat Angst vor der Ausgrenzung der Anderen, seines Umfeldes.

Ich finde über diese Dinge lohnt es sich mal ein paar Minuten nachzudenken, oder?

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Meine derzeitige Traumrolle

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