BREITENBACH


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9. Sep 2009

15 und mehr Fragen zum Internet: Einladung zum Hinterfragen des Internet-Manifests

Antworten schließen oft Dialoge, Fragen öffnen Sie erst, aber vor allem regen sie zum eigenständigen Denken an. Ich glaube das ist der Grund, warum ich mich mit dem Internet-Manifest nicht wirklich anfreunden kann. Daher statt weiterer Nörgelei ein möglicher konstruktiver Weg möglichst viele Anregungen und Inspirationen zusammenzusammeln, denn die Intention des Manifests war schon richtig, es geht darum sich bewusster zu werden, was das Internet in Zukunft verändern wird und wie die einzelnen Internetnutzer (sicherlich nicht „alle“) dazu stehen und darauf reagieren. Mich interessieren also viele verschiedene Meinungen und Perspektiven und eben nicht nur das Einheitswerk von 15 Menschen. Wie geht es euch?

Da ich momentan nicht so viel Zeit habe, würde ich euch bitten diese Fragen bei euch zu verbreiten (müssen also nicht hier stattfinden) und sie für euch und alle anderen in euren Blogs zu beantworten. Vielleicht kann man daraus später ein Wiki machen und die rendundanten Meinungen bündeln oder eine andere Form finden, wie diese Fragen möglichst reichhaltige beantwortet werden. Ihr dürft also gerne eigene Internetauftritte damit erstellen. Natürlich dürft ihr auch jederzeit die Fragestellung verändern, mir geht es nur um die Technik des Fragens an sich. Also ich bin gespannt auf eure Antworten, Thesen und Meinungen! Ich bin gespannt ob und wie es sich entwickelt und vertraue auf die Selbstorganisation des Systems „Internet“. Ich lege keinen Wert auf Quellenhinweise oder Dankeslinks. Wer also ein Problem mit mir als Person oder ein Problem mit diesem Blog hat, der kann die Fragen ruhig einfach übernehmen und auch verändern und ohne Angabe der Quelle benutzen. Mir geht es um die Fragen an sich und die jeweilige Beschäftigung mit der Thematik. Es ist also eher als Denktool gedacht, inspiriert durch das Frageblog

1. Welchen Mehrwert gibt dir/uns das Internet?
Wie definierst du für dich „das Internet“? Was gibt dir das Internet im Berufs- und Privatleben?

2. Was macht dir und anderen Angst im Internet?
Welche Gefahren siehst du im Internet? Wovon siehst du dich oder andere Menschen bedroht?

3. Was macht das Internet so „anders“?
Was genau unterscheidet das Internet zu den bisherigen bekanntenInformationsträgern der Menschheit?

4. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat das Internet?
Welche Chancen aber auch welche Risiken birgt die neue Art der Informationsfülle und –vernetzung für die globale Gesellschaft?

5. Was bedeutet Freiheit im Internet?
Sind ausnahmslos alle Inhalte erlaubt? Wer entscheidet das? Was macht die Freiheit von Informationen so wichtig und was geschieht, wenn die Freiheit nicht gewährleistet wird?

6. Informiert das Internet wirklich „besser“?
Sind wir durch die Masse und Vielfalt an Informationen wirklich auch „besser“ informiert? Wie definiert man überhaupt sinnvolle Information? Wie schützen wir uns vor Manipulation und ist das überhaupt möglich?

5. Wie verändert das Internet den Journalismus?
Was bedeutet die Konkurrenz von den „Echtzeitreportern“ und „Hobbykommentatoren“ für den Journalismus und den Nachrichtenkonsumenten? Welche Rolle kann/muss der Journalismus in Zukunft besetzen? Wem dient der Journalist eigentlich und wem sollte er dienen?

6. Wie sind Links zu behandeln?
Unterliegen Links der Ökonomie der Aufmerksamkeit? Wie gehen wir in Zukunft mit Links um? Sind Links tatsächlich eine Währung mit? Was geschieht bei Link-Baits? Ist eine Information weniger wert/relevant, wenn sie weniger verlinkt wird? Wo stecken Alternativen?

7. Wie behandeln wir Urheberschaft?
Werden Informationen und Werke freier bzw. befreiter? Wie originär sind Ideen und Gedanken? Kann man Eigentum an Ideen beanspruchen und wer entscheidet das? Wer entscheidet über zufällige Parallel-Ideen? Welche Alternativen gibt es zu juristischen Repressalien?

8. Ist das Internet ein Ort für politische Diskurse?
Wie demokratisch ist das Netz wirklich? Wie sinnvoll und sachlich kann ein Diskurs im Web überhaupt geführt werden? Ist das Wissen um Sachthemen notwendig um sinnvolle politische Diskurse zu führen? Wie groß ist die Gefahr von Propaganda und Stammtischpolemik bzw. stellt das überhaupt eine Gefahr dar?

9. Wie frei kann Meinungsfreiheit tatsächlich sein?
Kann die Meinungsfreiheit in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis wirklich jemals frei sein? Was geschieht zum Schutz der Meinungsfreiheit? Wann hört Meinungsfreiheit eigentlich auf (Stichwort Propaganda, Desinformation und gesellschaftlich tabuisierte Themen)?

10. Ist „mehr“ auch wirklich mehr wert?
Was geschieht, wenn es viel zu viele Informationen gibt? Ist Werbung eine Information? Wie würde sich eine Überforderung äußern? Was geschieht bei extremer Artenvielfalt und Überangebot? Wie wird sich der Konkurrenzkampf um Meinungen und Informationen verändern? Wie behält der Benutzer seinen klaren Verstand ohne überfordert zu werden und die Gewissheit zu haben, die „richtigen“ Informationen zu bekommen? Gibt es überhaupt „richtige“ Informationen?

11. Wie überflüssig wird Tradition?
Werden alte Werte durch das Internet nicht nur in Frage gestellt sondern völlig abgeschafft? Ist „alt“ prinzipiell gleich „schlecht“? Welche Folgen hätte die komplette Abschaffung von Tradition?

12. Wie erzielt man Qualität und warum?
Warum ist Qualität sinnvoll? Und warum nimmt Quantität zu? Wo sind sinnvolle Schnittmengen? Wer definiert „Qualität“, wie und wer bewertet sie? Was sind Vor- und Nachteile von Massenware? Wie definiert man „Massenware“, entsteht sie von alleine oder wird sie konstruiert?

13. Alle für alle?
Sind alle gleich oder manche doch gleicher? Wer ist „alle“? Wie wichtig sind Unterschiede? Gehören „Offliner“ auch zu „alle“? Entscheiden wir uns für Individualität oder konformer Gemeinschaft?

14. Wie entwickelt sich Dialog und was bringt er?
Welchen Zweck verfolgt Zuhören, wo steckt darin der Mehrwert? Wieviel Zuhören ist überhaupt möglich bei dem enormen Sendungsbedürfnis der Menschen?

15. Brauchen wir überhaupt Leitlinien im Internet?
Brauchen wir Leitlinien oder vertrauen wir auf die Selbstorganisation von Menschen und Kommunikation im Internet? Was bewirken Leitlinien und Manifeste? Wird das Internet das Herrschaftsgefüge verändern? Wenn ja, wie?

28. Jul 2009

Riesenwuchs ist ein Defekt - Mein Eindruck zur “Krise”

Gestern habe ich ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Christopher Stehr geführt. Er ist Prof an unserer Hochschule (also der Karlshochschule, in der ich arbeite) und Studiengangsleiter des Studiengangs “International Business” (also eine Art internationales BWL). Christopher hat es geschafft mir endlich mal “die Krise” einleuchtend zu erklären, da ich mich bis dato immer nur als passiver “Konsument der Krise” erreicht hat. Aber ich weiß von anderen, dass die Krise spürbar zugeschlagen hat. Innovationsstopp, Kurzarbeit und Entlassungen sind mittlerweile bei einigen Unternehmen, die nicht unbedingt auch in der Finanz- oder Autoindustrie tätig sind, als betriebswirtschaftliches Regulierungsinstrument angekommen.

Die Erkenntnisse, die ich ich aus dem Gespräch gezogen habe sind folgende:

1. Die jetzige Wirtschaftskrise ist das Resultat einer globalen ökonomischen Vernetzung. Der Brandherd befand sich im Immobilienmarkt. Dort lockte die Aussicht auf Profite und unendlichem Wachstum, was schließlich in einer Marktsättigung und somit einem Wertverfall mündete. Gleichzeitig entwickelte ein findiger Investmentbanker ein neues Produkt, welches den Anlegern ein geringes Risiko und satte Gewinne versprach. Die Sicherheiten im Zuge der Kreditvergabe für Immobilien wurden in Aktien verwandelt und weil das dann noch nicht genügte, anschließend noch in Derivate. Ich habe das so verstanden, dass ein und dasselbe Produkt - welches nicht besser werden kann und an Wert verliert, weil immer mehr Menschen es kaufen - einfach in immer glitzerndere und schillernde Verpackungen gesteckt wurde, um den Verkauf und die Profite weiter auf Wachstumskurs zu halten. Das Platzen der Blase war vorprogrammiert und war bereits schon 2006 deutlich erkennbar. Hat die Gier auf Wachstum blind gemacht?

2. Die Krise im Bereich des Maschinenbaus, explizit im Bereich der Automobilindustrie, ist maßgeblich auf eine Übersättigung des Automobilmarktes bzw. der veränderten Marktlage und somit Managementfehlern zurückzuführen. Kurzum: Es werden sehr viel mehr Autos gebaut als die Menschen kaufen wollen und es wurden Autos gebaut, die den Wünschen der Konsumenten aufgrund verändertem Bewusstsein (egal ob Preis, Design oder Energie) nicht mehr entsprechen. Die Tatsache, dass Banken nun nicht mehr so einfach Kredite verlängern oder neu vergeben, versetzte einigen maroden Automobilherstellern natürlich den Todesstoß. Ein ganz normaler betriebswirtschaftlicher Reinigungsprozess - wenn da die staatlichen Eingriffe nicht wären.

3. Weniger von der Krise betroffen - auch nicht in den jeweiligen Krisensegmenten - sind (zu meist) inhabergeführte Familienunternehmen, die besonnen und langfristig denken und handeln. Sie orientieren sich nicht an kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern handeln betriebswirtschaftlich so, dass sie genügend Rücklagen für die Zukunft bilden. Sie orientieren sich an Werten wie Kundenzufriedenheit, Sicherheit, Besonnenheit und familiärer und gesellschaftlicher Verantwortung. Das bedeutet, dass diese Unternehmen heute den Ton auf dem Markt angeben könnten, denn die Rücklagen sind nicht nur dazu da eventuelle Krisen monetär auszusitzen, sondern gerade in einer Krise strategisch zu handeln. So können diese Unternehmen besonnen expandieren, durch den Aufkauf von insolventen Betrieben oder Marken, aber vor allem zurückgelegtes Geld in Innovationen investieren.

4. Innovation ist einer der stärksten Instrumente, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Das einzige Problem dabei: Forschung & Entwicklung kosten Geld und man weiß nicht unbedingt, wohin es führt. Da Geld aber momentan rar ist, werden die meisten innovativen Aktivitäten eingefroren. Auch das ist ein weiterer Nagel zum betriebswirtschaftlichen Sarg, denn die Entwicklung der Produkte und Dienstleistungen der eh schon übersättigten Angebote bleiben stehen. Sie werden also auch in Zukunft nicht besser oder mehr verkaufen können, schließlich schläft die Konkurrenz nicht.

5. Aus all dem schließe ich, dass Wachstum in Form von quantitativem Absatz keinesfalls das oberste Ziel von Unternehmen sein darf. Stattdessen sollte ein Unternehmen innerlich wachsen, sprich reifen. Es sollte immer den Fokus auf eine stabile und besonnene Betriebsführung legen, in dem es Rücklagen bildet um regelmäßig auftretende Krisen zu managen (ja, es wird tatsächlich auch eine Krise nach der Krise geben. Überraschung!) und die eigene Innovation voranzutreiben. Das Unternehmen sollte reifen, indem es die Bedingungen der eigenen Mitarbeiter fördert und somit langfristig die Produktivität steigert. Diese Förderung betrifft sowohl das Betriebsklima, das Wissen und Know-how, die Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Lohn und sonstige Bedürfnisbefriedigung), sowie auch das verantwortungsvolle Einbeziehen der Angestellten in den gesamten betriebswirtschaftlichen Ablauf. Toyota macht es mit Kaizen vor. Desweiteren sollte ein Unternehmen niemals an Forschung & Entwicklung sparen, da die Erfahrung gerade zeigt, dass eine globalisierte Welt einfach wesentlich schneller Innovationen hervorbringt als vor 100 Jahren.

6. Es müssen Fehlleistungen von Managern bestraft und im Gegenzug Leistungen von besonnenen und stabilen Unternehmensführern belohnt werden. Es kann nicht sein, dass die Verantwortung auf eine ganze Gesellschaft abgewälzt wird, während Manager mit Fehlleistungen millionenschwere Belohnungen in Form von Boni erhalten. Das sind wirklich die falschen Signale, die man als Politiker bzw. überhaupt als Gesellschaft aussenden kann. Das Sterben - nach Schumpeter die schöpferische Zerstörung - gehört leider zur Betriebswirtschaft dazu. Natürlich leiden darunter immer auch die Angestellten, die entlassen werden, aber das würden sie ja so oder so auch tun - nur eben nicht so hart und schnell. Schaffen wir also doch lieber wesentlich stabilere Betriebe, in denen sich die Mitarbeiter dauerhaft aufgehoben und familiär geborgen fühlen, oder nicht?

7. Der Begriff “Familie” fasziniert mich zunehmend, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich selbst nun für eine Familie verantwortlich bin. Unsere mediale und wirtschaftliche Gesellschaft ist aber geprägt von Stereotypen der jugendlichen Einzelkämpfer. Karriere ohne Kinder ist Karriere ohne gelernte Verantwortung für die Zukunft. Wer nur in die eigene Tasche wirtschaftet, weil er als Privatperson nichts anderes kennt, kann nicht verantwortlich sein für tausende von Menschen. Die Führung von Unternehmen sollte reifer, vielleicht auch älter (wobei ich Reife und Alter nicht zwingend gleichsetze) und einfach ein Stück “elterlicher” werden. Nicht gerade einfach in einer Gesellschaft, die die Jugend als höchstes Gut stilisiert und Weisheit und Reife oftmals als “spießig” brandmarkt.

3. Jul 2009

Aber, aber ich kann nicht …

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Ich liebe ZEN-Geschichten. Sie sind für mich sehr spannende und nützliche Denktools. Metaphern und kleine Geschichten, die irritieren, alte Denkstrukturen aufreissen können und Dinge sehr gut auf den Punkt bringen können, dafür aber auch lange nachklingen. Eine meiner Lieblings-ZEN-Geschichten habe ich in dem Buch „Der neue Prometheus“ von Robert A. Wilson entdeckt. Wilson selbst ist übrigens der entscheidene Autor, der meine Gehirnstrukturen gehörig durcheinandergewirbelt hat. Er erzählt also folgende ZEN-Geschichte in seinem Buch nach:

Ein Mönch geht aus Verzweiflung, weil er nie die erstrebte Erleuchtung erzielt hat, zu seinem Lehrer und fragt ihn um Rat. Dieser riet ihm an nichts anderes zu denken als an einen Ochsen. Fortan meditierte der Mönch Tag für Tag, Stunde für Stunde über den Ochsen. Er stellte sich ihn vor, zerbrach sich den Kopf über den Ochsen. Schließlich kam der Lehrer eines Tages zur Zelle des Mönchs und sagte: „Komm heraus, ich habe mit dir zu reden!“ „Ich kann nicht!“, antwortete der Mönch. „Meine Hörner passen nicht durch die Tür!“ Ich kann nicht … Bei diesen Worten erlangte der Mönch die Erleuchtung.

Genau wie Wilson habe ich meine helle Freude an dieser Geschichte, denn sie repräsentiert eines der größten blockierenden Meme, die der Mensch kennt. Ich nenne es hiermit das: Ich-denke-dass-meine-Hörner-zu-groß-sind-Mem. Wie oft standen wir schon vor Situationen in denen wir scheinbar hilflos vor uns hinstotterten: Aber, aber ich kann nicht, weil … Die Situationen in denen so etwas vorkommen reichen von banalen Alltagsmomenten wie „Das habe ich noch nie gekonnt“ bis „Das ist absolut undenkbar“.

Wenn uns die Geschichte eines lehrt, ist es die Kraft der Vision, also die tatsächliche Machbarkeit des scheinbar Nicht-Machbaren. Wie viele falsche Prophezeiungen wurden schon ausgesprochen, die sich bereits Jahre später als falsch oder ganz anders erwiesen. So wurde ja auch prophezeit, dass es den Personal Computer niemals geben wird, ganz einfach weil dieser zur damaligen Zeit einen ganzen Raum in Anspruch nehmen würde und er ein kleines Vermögen kostete. Nichtsdestotrotz sind wir schon lange über den PC hinaus. Wir sind per Mobiltelefon (in Zeiten des Telegraf als Spinnerei undenkbar gewesen) - bei guter Netzabedeckung jedenfalls - permanent online! Das wird uns alles gar nicht mehr richtig bewusst und der einzige Grund, warum wir bei Innovationen oder Utopien so oft ins Stocken geraten ist nicht etwa das Problem der Ideenlosigkeit, sondern die Tatsache, dass wir uns selbst ungeheuerliche Denk- und Machbarkeitsblockaden auferlegen: Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf sollten wir mal über einige unerschütterliche Meme meditieren, zum Beispiel:

- Demokratie ist die einzig ideale und umsetzbare Regierungsform und der Kapitalismus die einzig funktionierende Wirtschaftsform.
- Wir müssen alle sterben.
- Der Mensch wird sich und sein Verhalten niemals verändern.
- Zeitreisen sind unmöglich.
- Pazifismus und Weltfrieden ist blanke Träumerei.

Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.

1. Jul 2009

Die Parteien-Gruppen-Zuschreibungs-Meme

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Nein, ich bin nicht “links”, kein “autonomer Chaot” oder gar ein “Sozialist”. Ich nenne mich nicht “Kommunist”, “Liberaler” oder “Grüner”. Bin kein “Anarchist”, “Sozialdemokrat” oder “freier Wähler”.

Ich weiß ja, dass wir Menschen auf Schubladen stehen. Es hilft uns dabei denkfaul zu bleiben und weiterhin in der wundervollen Komfortzone der Vorurteile und des Abstempels zu verweilen. Die Kausalität der Stereotypie - macht der das, sieht er so aus, dann MUSS er ja auch zwangsläufig so oder so denken und handeln. Der Stempel wird dann meist sehr sehr schnell aufgedrückt und dessen Farbe wird man so schnell nicht wieder los. Aber das wirklich fatale daran ist nicht nur, dass andere Menschen einen dann mit dieser stigmatisierten Stereotypie so wahrnehmen, sondern dass diese Stempelfarbe auch langsam aber sich in einen selbst abfärbt. In der Psychologie nennt man das “Zuschreibung”. Je öfter ich also gesagt bekomme, wie ich denn zu sein habe, desto eher werde ich ganz unbewusst mein Verhalten dem anpassen. Der “Chaot” wird chaotischer, der “Belesene” wird noch mehr Bücher lesen und der “Sozialdemokrat” wird vermutlich ein treuer Parteisoldat der SPD.

Das alles sind Meme, die unser Verhalten beeinflussen und uglaublich schwer sind wieder loszuwerden. Das kausale Denken: “Wenn der für die Todesstrafe ist, dann ist der auch rechts und wenn der rechts ist dann ist der auch gegen Ausländer” vereinfacht vielleicht auf den ersten Blick unser Zusammenleben, auf den zweiten jedoch erzeugt unglaublich komplexes Konfliktpotenzial. Das geht dann soweit, dass sich entsprechend stigmatisierte Stereotypen auch äußerlich so verhalten (durch Kleidung, Abzeichen etc.) und sie sich von anderen Stereotypen durch absolute Untoleranz bzw. in seltenen Fällen sogar durch körperliche Gewalt abgrenzen müssen. So entstand der Terror der 70er Jahre in der BRD. Ein gegenseitiges Aufladen und verdichten von stereotypen Eigenschaften mit dem Drang zu Abgrenzung bzw. Ausmerzung der jeweilig andersdenkenden Gegengruppe.

Auf den Punkt gebracht sind genau diese Schubladen der Beginn für ein ungerechtes und dumpfes Denken und Handeln. Doch wie können wir es verändern?

Zunächst einmal erfordert auch das wieder harte Arbeit, die in den Randbereich der Schizophrenie führen. Denn nur durch das Hineinversetzen in die Denkweise von anderen Menschen - genannt Empathie - können wir ansatzweise multiperspektivisch nachvollziehen warum der andere so denkt und auch erst dann können wir überhaupt damit beginnen kommunikative Brücken zu bauen, ganz einfach weil wir sagen können “das versteh ich” und erstmals der Gegenüber nicht davon provoziert wird. Es findet dann ein tiefer inhaltlicher Austausch statt, der - wenns gut läuft - beide Seiten in ein befriedigendes Gespräch verwickelt.

Ich selbst übe diese Methode täglich. Mal gelingt es mir gut, mal weniger gut, aber das ist auch nicht wichtig. Es geht nicht darum, von heute auf morgen ein anderer Mensch zu werden oder sich mies zu fühlen, wenn man doch plötzlich wieder andere vorverurteilt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler um zu lernen und um uns weiterzuentwickeln. Wir sind im Prozesswesen, keine Zielspringer. Wenn wir uns also bemühen den Gegenüber zu verstehen - und am besten übt man das anhand von richtig verhassten Gruppierungen oder Persönlichkeiten - versuchen nachzuvollziehen, warum er so denkt, dann werden wir uns in Empathie schulen. Wir werden unser Gespür weiterentwickeln und zwangsläufig ganz anders auf Menschen zugehen und auch zwangsläufig von ihnen ein anderes Feedback erhalten. Kausalität ist nämlich durchaus vorhanden, nur stellt sie sich anders dar, als wir bisher geglaubt haben.

Übrigen, wer durch die Welt rennt und permanent murmelt “Alles Arschlöcher” darf sich nun wirklich nicht wundern, wenn er auch permanent in seinem Bild bestätigt wir, schließlich tut er alles dafür sein eigenes Weltbild durch Beweisführung aufrechtzuerhalten.

“Ausländer sind kriminell - ich lese das ständig in der Zeitung”. Ist klar, worauf ich hinaus will? Viel Erfolg beim üben!

6. Jun 2009

expanded cinema university

Die Jugend von morgen wird sich der Videos als Mittel bedienen, um Dokumente der fähigsten Denker und Gestalter der Menschheit in das Szenario einzubringen. Nur durch das Szenario kann der Mensch schnell genug Ordnung in die konzeptiven Ressourcen seiner spontanen Formulierungen bringen. Die “Expanded Cinema University” von morgen, wie das Wort uni-vers - auf eins hin - impliziert, wird die Welt-Kommunität des Menschen durch den Strom des Verstehens und die spontan wahre Integrität des Kindes metaphysisch zusammenschmelzen.

Richard Buckminster Fuller in “Das totale Kommunikationssystem des Menschen”

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