Keine Ahnung, ob David Lynch auch ein Meister der “deceptive cadences” ist und ob ich diesen Begriff überhaupt richtig verstanden habe, den Marcus auf seinem neuen Blog Be Always Opening beschrieben hat, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es schon in die richtige Richtung geht.
Jedenfalls wenn es um die Öffnung einer Geschichte geht, das Erzeugen eines unwiderstehlichen mysteriösen Soges, so ist Lynch ohne Zweifel ein ganz großer Geschichtenerzähler. Nehmen wir beispielsweise die Eröffnungsszene von Blue Velvet:
Die Bildsprache, die Musik, alles ist in scheinbar perfekter Harmonie, doch in den Zwischentönen, den langgezogenen Bildern und den wie übergeschminkt wirkenden grellen Farben erahnt man schon die überpolierte Oberfläche, die jede Sekunde in sich zusammenzufallen droht, das Grauen, welches beständig hindurchschimmert. Und so geschieht es dann auch. Aus der heimeligen Vorstadtidylle kriecht das entsetzlich Bizarre empor, kaum mit dem gesunden Verstand zu erfassen. Mehr Fragen als Antworten.
Natürlich ist Lynchs Arbeit nicht jedermanns Geschmack, denn er treibt sich vornehmlich in den Abgründen der menschlichen Psyche herum, aber genau diese Abgründe sind noch irgendwie Tabuzonen, die seinen Geschichten die zusätzliche Würze verleihen. Ein Kritiker schrieb mal, dass Lynch es versteht das Öffnen einer Handtasche zu einem Horrorerlebnis zu verpacken. Recht hat er.
Ich denke so oder so, ist Kontrast das geeignete Stilmittel um Storys ihren ganz besonderen Drive zu geben. Die Erwartungshaltung gnadenlos durchkreuzen. Dem logischen Verstand austricksen, ohne dabei unlogisch zu sein (oder doch übertrieben unlogisch?!), genügend Fragen stellen, um neue Ansatzpunkte für neue Antworten und damit Handlungsstränge zu bilden. Möglichst abstrakt arbeiten um die Fantasie des Hörers, Lesers oder Zuschauers nicht völlig abzutöten. Ja, ich glaube, das bringt es auf den Punkt: Es müssen genügend Lücken geschaffen werden, die einem zum Füllen quasi wieder herausfordern.

