BREITENBACH


feed your head

8. Jul 2009

Es ist deine Zeit: Die Helden der Generation Retweet

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Ich erinnere mich an eine Zeit, da wollten einige Leute in Deutschland den Markt und die Gesellschaft (wenn auch nur vielleicht die Medien) verändern. Sie hatten die Schnauze voll von der Top-Down-Kommunikation arroganter Super-Konzerne, dessen Führungsriegen zumeist aus Managersprechpuppen mit Bullshitbingoschallplatten im Bauch bestanden. Einige Bloggerpioniere, allen voran die von Punkrock getriebenen Berliner, konnten plötzlich ihre authentisch rotzfrechen, aber ganz und gar nicht unintelligenten Meinungen freien Lauf lassen. Sie ließen sich nichts mehr gefallen. Weder von Einschüchterungsversuchen irgendwelcher Juristenarmeen, noch von den permanenten Versuchen der klassischen werbefinanzierten und -gefärbten Holzmedien, Blogs abschätzig als klein und irrelevant einzustufen. “Sie”, die Pioniere der Aufklärung 2.0, schrieben was sie dachten - und sie dachten und schrieben sehr viel.

Ein Begriff geisterte immer wieder durch die Verlinkungsstränge der damaligen, von einer Mini-Revolution beseelten, Blogosphäre: Das Cluetrain Manifest. Märkte sind Gespräche. Märkte werden von Menschen gemacht und nicht von einzelnen weltfremden Werbetextern, Marktforschern oder egozentrierten Managern. Nicht der Einzelne war wichtig, es ging auch gar nicht mal darum, dass die eigenen Interessen verwirklicht werden, sondern einzig und allein darum, der Welt zu zeigen, dass jeder Mensch etwas bewegen kann, dass jede Meinung zählt und dass es keine kalkulierbaren Zielgruppen und Käuferschichten gibt, sondern nur Menschen.

Menschen, mit ihren Probleme, Sorgen und Nöten. Ja, das heißt auch mit ihren Beschwerden, Meckereien und Wutausbrüchen. Aber eben auf der anderen Seite auch Menschen mit guten Ideen und Impulsen, Menschen mit großer Leidenschaft, die - wenn einmal begeistert - für diese Begeisterung bei anderen Menschen werben. Menschliche Mundpropaganda wurde plötzlich unter all der unwirklichen und künstlichen Plakat- und TV-Werbung wieder populär.

Heute scheint sich das Blatt wieder zu wenden. Vielleicht ist das alles zu anstrengend geworden. Zu groß und komplex. Je weniger man zu sagen hat, desto weniger Zeichen benötigt man für das Gesagte und eben auch umgekehrt. Meist reicht nur noch ein “RT” im Zusatz mit einer “TinyUrl” also einem abgekürzten Link, meist von Themen, die völlig banal und ohne echten Nachrichtenwert oder nützlicher Substanz sind. Diese werden dann durch das weitertratschen gehyped ohne Ende. Es ist Info-Fast-Food. Leichte Kost. Schnell verbreitet. Hauptsache man ist nicht selbst betroffen, hauptsache man trägt nicht noch mehr Last, hauptsache jeder kann unverfänglich seinen Senf dazu geben.

Natürlich geht die Nachricht vom Tod des Popkönigs um die Welt. Wenn früher ein Herrscher gestorben ist, machte das schließlich auch die Runde. Aber muss man nicht auch wenigstens ein kleines bißchen zugeben, in welch dekadenten Zeiten wir leben? Ein paar tausend Kilometer entfernt, werden Menschen Hände und Füße abgeschlachtet und wir schnattern emsig darüber, warum Michael denn jetzt einen Glitzerhandschuh trug oder warum der arme Kerl so war wie er ist. Hat irgendjemand eine Ahnung wieviele Kinder in Deutschland so mißhandelt werden? Von der gesamten Welt will ich nicht sprechen, sie ist für uns viel zu groß und viel zu komplex, als dass wir auch nur im Entferntesten über dessen grundlegenden Probleme reflektieren können. Wir wollen oder können nicht zu den Wurzeln vordringen, weil uns der Wald mitsamt Baumspitzen nach oben katapultiert hat. Hier oben ist die Luft dünn, da bleibt dem Gehirn nur wenig Sauerstoff, daher müssen wir einfach mal einen Gang runterschalten um kostbare Energie zu sparen. Wir verkürzen Sprache und Denkweise, in dem wir uns mit 140 Zeichen begnügen (Lesen wie schreiben) und Themen per Mausklick weitertratschen. Das Uploaden überlassen wir meist den anderen, wir retweeten am liebsten.

Es ist uns alles über den Kopf gewachsen. Probleme im eigenen Umfeld werden nicht mehr offen besprochen, weil man Angst hat, dem anderen auf die Nerven zu gehen. Ein Gespräch über den Popkönig ist da allemal unverfänglicher. DER hatte Probleme, die so bizarr sind, dass unsere Probleme einfach nur langweilig wirken. Am Ende müsste man sich vielleicht sogar noch die persönlichen Probleme der anderen anhören und mit all den Problemen aus aller Welt - ich spreche von für uns unlösbaren Problemen, wie den Nahost-Konflikt oder den Bürgerkriegen in Afrika - ist man ja weiß Gott schon genug bedient. RABENSATT! Und wer weiß. Vielleicht ist das wie beim Kaufen? Wenn man die Ware erst einmal in der Hand hat, muss man Sie am Ende sogar noch mit nach Hause nehmen und bezahlen. Bleib mir also weg mit den Problemen, am Ende muss ich sie sogar noch lösen.

Daher sind wir doch froh endlich über Pressekonferenzen von Telekommunikationskonzernen zu sprechen, bei denen zum Beispiel Deutschlands bekannteste Blogger “Wir sind Helden” singen. Ein Umstand, der gar nicht mehr kommentiert werden muss, weil er einfach nur für sich steht: Als eine große Realsatire, als der Inbegriff für die verstorbene Gesprächskultur der Bloganfänge, die Aushöhlung von all dem, was Blogs einmal so “groß” im Sinne von relevant gemacht hat. Doch heute haben es Blogs und Twitter tatsächlich geschafft gleichzuziehen und Unternehmen haben auch gelernt sie für sich zu nutzen. Endlich sind wir auf einer Augenhöhe mit den damals so kritisierten Medien. Wir verkaufen uns im gleichen Maße und erzählen die gleiche Kacke im gleichen Bullshitbingosprech und fühlen uns dabei als Helden, die die Welt verändern könnten. Kommunikation auf Augenhöhe - wenn wir selbst nicht runter wollen, holen wir uns halt ein paar willige Gatekeeper nach oben.

Kaufe unser Produkt und du wirst ein Held. Ich kaufe dein Produkt und bin dein Held. Das muss einfach funktionieren. Früher hatten die Menschen zur Bewältigung der komplexen Realität ihre Religionen - heute haben wir unsere Markenwelten, zum Glück ist da kein Platz für Fegefeuer und andere lästigen Pflichten. Gebt uns einen coolen Song (den wir als Kind schon bei Mama und Papa im Autoradio haben dudeln gehört) einen coolen Slogan und wir fühlen uns gut. Ahh. Endlich. Wir sind Helden.

Ich weiß, es sind nicht alle so. Nur fühlt man sich verdammt allein in letzter Zeit. Von den Anti-Helden bekommt man nicht viele Retweets mit und daher auch wohl nicht dessen reichhaltiges Upload. Mag sein, dass dies hier ein paar armselige Worte eines kleinen, idealistischen Spinners sind. Aber vor einigen Jahren hatte man als Spinner wenigstens noch das Gefühl Teil einer Bewegung zu sein. Heute ist man einfach nur Teil der Generation Retweet. Sei dabei, oder sei ein faules Ei. Einer Generation, die gern Banalitäten, die schon lustig sind, nachplappert statt mal etwas intensiver nachzudenken oder gar Dinge in Frage zu stellen. Eine Generation, die vielleicht etwas uploaded, aber eben nur meist das eigene Werbeplakat, auf dem man genauso viel sagt, wie sonst eben auch, man sich aber trotzdem als Held dabei fühlt.

Sei dabei. Tritt ein in die Welt, wo jeder ein Held sein kann, allein durchs Kaufen und Gekauftwerden. Es ist deine Zeit! Ein Tweet wäscht schließlich den anderen! Wir haben unsere Online-Reputation zu verlieren.

Es gibt “sie” also doch noch?!
Stuttgart-Blog
Ralf Schwartz
Internet-Law
Basic Thinking
PR-Fundsachen
Blogbar
Macomber
F!XMBR
Journalistenschredder
Jörg Tauss via Lanu
Cluetrain-PR
Foxxis Blog
FAZ

3. Jul 2009

Aber, aber ich kann nicht …

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Ich liebe ZEN-Geschichten. Sie sind für mich sehr spannende und nützliche Denktools. Metaphern und kleine Geschichten, die irritieren, alte Denkstrukturen aufreissen können und Dinge sehr gut auf den Punkt bringen können, dafür aber auch lange nachklingen. Eine meiner Lieblings-ZEN-Geschichten habe ich in dem Buch „Der neue Prometheus“ von Robert A. Wilson entdeckt. Wilson selbst ist übrigens der entscheidene Autor, der meine Gehirnstrukturen gehörig durcheinandergewirbelt hat. Er erzählt also folgende ZEN-Geschichte in seinem Buch nach:

Ein Mönch geht aus Verzweiflung, weil er nie die erstrebte Erleuchtung erzielt hat, zu seinem Lehrer und fragt ihn um Rat. Dieser riet ihm an nichts anderes zu denken als an einen Ochsen. Fortan meditierte der Mönch Tag für Tag, Stunde für Stunde über den Ochsen. Er stellte sich ihn vor, zerbrach sich den Kopf über den Ochsen. Schließlich kam der Lehrer eines Tages zur Zelle des Mönchs und sagte: „Komm heraus, ich habe mit dir zu reden!“ „Ich kann nicht!“, antwortete der Mönch. „Meine Hörner passen nicht durch die Tür!“ Ich kann nicht … Bei diesen Worten erlangte der Mönch die Erleuchtung.

Genau wie Wilson habe ich meine helle Freude an dieser Geschichte, denn sie repräsentiert eines der größten blockierenden Meme, die der Mensch kennt. Ich nenne es hiermit das: Ich-denke-dass-meine-Hörner-zu-groß-sind-Mem. Wie oft standen wir schon vor Situationen in denen wir scheinbar hilflos vor uns hinstotterten: Aber, aber ich kann nicht, weil … Die Situationen in denen so etwas vorkommen reichen von banalen Alltagsmomenten wie „Das habe ich noch nie gekonnt“ bis „Das ist absolut undenkbar“.

Wenn uns die Geschichte eines lehrt, ist es die Kraft der Vision, also die tatsächliche Machbarkeit des scheinbar Nicht-Machbaren. Wie viele falsche Prophezeiungen wurden schon ausgesprochen, die sich bereits Jahre später als falsch oder ganz anders erwiesen. So wurde ja auch prophezeit, dass es den Personal Computer niemals geben wird, ganz einfach weil dieser zur damaligen Zeit einen ganzen Raum in Anspruch nehmen würde und er ein kleines Vermögen kostete. Nichtsdestotrotz sind wir schon lange über den PC hinaus. Wir sind per Mobiltelefon (in Zeiten des Telegraf als Spinnerei undenkbar gewesen) - bei guter Netzabedeckung jedenfalls - permanent online! Das wird uns alles gar nicht mehr richtig bewusst und der einzige Grund, warum wir bei Innovationen oder Utopien so oft ins Stocken geraten ist nicht etwa das Problem der Ideenlosigkeit, sondern die Tatsache, dass wir uns selbst ungeheuerliche Denk- und Machbarkeitsblockaden auferlegen: Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf sollten wir mal über einige unerschütterliche Meme meditieren, zum Beispiel:

- Demokratie ist die einzig ideale und umsetzbare Regierungsform und der Kapitalismus die einzig funktionierende Wirtschaftsform.
- Wir müssen alle sterben.
- Der Mensch wird sich und sein Verhalten niemals verändern.
- Zeitreisen sind unmöglich.
- Pazifismus und Weltfrieden ist blanke Träumerei.

Aber, aber ich kann nicht. Meine Hörner sind zu groß.

1. Jul 2009

Die Parteien-Gruppen-Zuschreibungs-Meme

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Nein, ich bin nicht “links”, kein “autonomer Chaot” oder gar ein “Sozialist”. Ich nenne mich nicht “Kommunist”, “Liberaler” oder “Grüner”. Bin kein “Anarchist”, “Sozialdemokrat” oder “freier Wähler”.

Ich weiß ja, dass wir Menschen auf Schubladen stehen. Es hilft uns dabei denkfaul zu bleiben und weiterhin in der wundervollen Komfortzone der Vorurteile und des Abstempels zu verweilen. Die Kausalität der Stereotypie - macht der das, sieht er so aus, dann MUSS er ja auch zwangsläufig so oder so denken und handeln. Der Stempel wird dann meist sehr sehr schnell aufgedrückt und dessen Farbe wird man so schnell nicht wieder los. Aber das wirklich fatale daran ist nicht nur, dass andere Menschen einen dann mit dieser stigmatisierten Stereotypie so wahrnehmen, sondern dass diese Stempelfarbe auch langsam aber sich in einen selbst abfärbt. In der Psychologie nennt man das “Zuschreibung”. Je öfter ich also gesagt bekomme, wie ich denn zu sein habe, desto eher werde ich ganz unbewusst mein Verhalten dem anpassen. Der “Chaot” wird chaotischer, der “Belesene” wird noch mehr Bücher lesen und der “Sozialdemokrat” wird vermutlich ein treuer Parteisoldat der SPD.

Das alles sind Meme, die unser Verhalten beeinflussen und uglaublich schwer sind wieder loszuwerden. Das kausale Denken: “Wenn der für die Todesstrafe ist, dann ist der auch rechts und wenn der rechts ist dann ist der auch gegen Ausländer” vereinfacht vielleicht auf den ersten Blick unser Zusammenleben, auf den zweiten jedoch erzeugt unglaublich komplexes Konfliktpotenzial. Das geht dann soweit, dass sich entsprechend stigmatisierte Stereotypen auch äußerlich so verhalten (durch Kleidung, Abzeichen etc.) und sie sich von anderen Stereotypen durch absolute Untoleranz bzw. in seltenen Fällen sogar durch körperliche Gewalt abgrenzen müssen. So entstand der Terror der 70er Jahre in der BRD. Ein gegenseitiges Aufladen und verdichten von stereotypen Eigenschaften mit dem Drang zu Abgrenzung bzw. Ausmerzung der jeweilig andersdenkenden Gegengruppe.

Auf den Punkt gebracht sind genau diese Schubladen der Beginn für ein ungerechtes und dumpfes Denken und Handeln. Doch wie können wir es verändern?

Zunächst einmal erfordert auch das wieder harte Arbeit, die in den Randbereich der Schizophrenie führen. Denn nur durch das Hineinversetzen in die Denkweise von anderen Menschen - genannt Empathie - können wir ansatzweise multiperspektivisch nachvollziehen warum der andere so denkt und auch erst dann können wir überhaupt damit beginnen kommunikative Brücken zu bauen, ganz einfach weil wir sagen können “das versteh ich” und erstmals der Gegenüber nicht davon provoziert wird. Es findet dann ein tiefer inhaltlicher Austausch statt, der - wenns gut läuft - beide Seiten in ein befriedigendes Gespräch verwickelt.

Ich selbst übe diese Methode täglich. Mal gelingt es mir gut, mal weniger gut, aber das ist auch nicht wichtig. Es geht nicht darum, von heute auf morgen ein anderer Mensch zu werden oder sich mies zu fühlen, wenn man doch plötzlich wieder andere vorverurteilt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler um zu lernen und um uns weiterzuentwickeln. Wir sind im Prozesswesen, keine Zielspringer. Wenn wir uns also bemühen den Gegenüber zu verstehen - und am besten übt man das anhand von richtig verhassten Gruppierungen oder Persönlichkeiten - versuchen nachzuvollziehen, warum er so denkt, dann werden wir uns in Empathie schulen. Wir werden unser Gespür weiterentwickeln und zwangsläufig ganz anders auf Menschen zugehen und auch zwangsläufig von ihnen ein anderes Feedback erhalten. Kausalität ist nämlich durchaus vorhanden, nur stellt sie sich anders dar, als wir bisher geglaubt haben.

Übrigen, wer durch die Welt rennt und permanent murmelt “Alles Arschlöcher” darf sich nun wirklich nicht wundern, wenn er auch permanent in seinem Bild bestätigt wir, schließlich tut er alles dafür sein eigenes Weltbild durch Beweisführung aufrechtzuerhalten.

“Ausländer sind kriminell - ich lese das ständig in der Zeitung”. Ist klar, worauf ich hinaus will? Viel Erfolg beim üben!

30. Jun 2009

“steal our stories” - aufklärerische Meme

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Pro Publica ist ein äußerst spannendes journalistisches Projekt in den USA. Die Publikation ist eine Non-Profit-Organisation, finanziert durch Spenden. Um die direkte Einmischung der edlen Geldgeber in die journalistische Arbeit zu verhindern wurde ein Redaktionsbeirat installiert, der die Einhaltung der jeweiligen strengen Statuten gewährleisten soll. Ein Novum ist sicherlich, dass alle Inhalte auf propublica.org mit dem augenzwinkernden Hinweis „Steal our stories“ unter Creative Commons Licence gestellt sind. Die Publikation möchte also ganz bewusst, dass sich deren Nachrichten verbreiten - natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Quellenverweise. Wer nun meint, dass die Mitarbeiter von Pro Publica irgendwelche Blogger und Semi-Amateur-Journalisten sind, der täuscht sich. Gründer und Milliadär Herbert Sandler hat die verfügbare crème de la crème des US-amerikanischen Journalismus rekrutieren können. Unter Ihnen Urgesteine des investigativen Journalismus vom Wall Street Journal, der Washington Post oder der New York Times. Und sie alle dürfen nun ihren Traumjob so ausführen, wie er vor vielen Jahren mal vorgesehen war, als eine vierte Gewalt im demokratischen Staat, mit scharfer Zunge und gründlich recherchierten Geschichten. Bei Pro Publica geht es weder um Werbekunden noch um Einschaltquoten, bei Pro Publica geht es um den Urgedanken des Journalismus: Mißstände aufdecken, das Volk aufklären und somit mit der Meinungsmanipulation durch Unternehmen, Regierungen und sonstigen Lobbyisten aufräumen. Eine große Anzahl von Skandale im Gesundheitsbereich, der Politik oder im Umweltschutz konnte “die Unbestechlichen“ bereits in die Köpfe der Öffentlichkeit tragen.

Publikationen wie diese - egal ob sie tatsächlich zu 100% vor Manipulation und Falschmeldungen gefeit sind oder nicht - sind die Zukunft unseres politischen Bewusstseins. Unabhängiger Journalismus ist unverzichtbar für eine aufgeklärte und gewachsene Demokratie. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass Journalismus heute zum größten Teil aus Quotengeschwätz, Anzeigen- und Lustreisenfinanzierten Artikeln und 1:1 abgeschriebenen PR- oder Agenturmeldungen bestehen. Uns ist es egal geworden - wir haben aufgegeben alles zu hinterfragen. Es ist zu viel. Wir sind supersized. Auf der anderen Seite kann sich kaum noch ein Journalist die Zeit für ausgiebige Recherche mehr leisten. Schnelligkeit ist das Gebot der Stunde. Nachrichtenbullemie: Schnell reingefressen und anschließend schnell wieder rausgekotzt und vergessen. Und der Geist und unser Verstand hungern sich langsam aber sicher zu Tode. (Danke an Michael für die Metapher)

Politisches Engagement steht und fällt mit seiner Berichterstattung. Wer den Film „Free Rainer“ gesehen hat, kann sich zwar ein überzogenes, aber sicherlich nicht ganz so unwahres Bild von unserer Medienlandschaft machen. Wir werden auf Fast-Brain-Food gedrillt - so wie uns fettige Burger und weiche Brötchen immer wieder zurück in die Frittieranstalten treiben, obwohl wir wissen dass sie uns fett und träge machen. Uns ist danach zwar wieder schlecht und wir schwören uns dort nie wieder zu essen, aber wehe dem das gelbe Neonlicht erstrahlt und fettiger Pommesduft schmiegt sich unter unsere Nasenflügel. Wir können nicht anders. Wie die Motten das Licht suchen, gieren wir nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung und erleben anschließend dennoch weiterhin die kurzzeitig zugestopfte Leere.

Wir werden nicht von irgendjemanden dumm gehalten, wir halten uns selbst dumm. Das ist das Erschreckende, das ist das was ich Marcus in seinem Kommentar zunächst nicht glauben mochte, aber er hat vollkommen Recht. Denn es gibt sie, die Alternativen. Sie sind heute genauso greifbar wie all die alternativen zu den Fastfoodbunkern und Boulevardschleudern. Das aufgeklärte Wissen ist da draußen. Das Internet macht es sichtbar - wenn wir es wollen, wenn wir uns endlich überwinden und uns darauf einlassen. Wenn wir es fordern und fördern. Aber vor allem weiterverlinken. Replizieren. Verbreiten.

Der Weg zur Revolution liegt nicht darin irgendwelche Systeme und dessen Vertreter abzuschaffen, zu zerstören oder einfach nur macht zu verschieben. Die (R)evolution liegt in uns selbst, sie liegt zum Greifen da. Wir sind uns selbst unser größter Feind. Unser Fleisch ist schwach - unser Geist ist es erst recht! Sind wir denn wirklich zufrieden? Sind wir so zufrieden, dass wir nichts mehr verändern wollen?

Wie kommen wir da nur raus? Nun, das Schlüsselwort lautet „Bewusstseinsentwicklung“. Das was eine ganze Generation um 1968 mit Hilfe von psychedelischen Drogen-Happenings von heute auf morgen erzielen konnte, müssen wir uns in einer psychedelisch-esoterisch tabuisierten Leistungsgesellschaft hart erarbeiten. Durch Achtsamkeitsübungen, selbstdisziplinierende Maßnahmen oder schlichtweg permanente Reminder. Also doch wieder der Weg gen Osten. Wir müssen unsere “Erleuchtung” Stück für Stück selbst anlesen und uns mühselig von Hyperlink zu Hyperlink ackern. Das Internet ist nicht umsonst eine Erfindung, die aus den Köpfen einiger Silicon-Hippies entsprungen ist. Sie haben im Grunde nichts anderes getan als ihre mystischen Erfahrungen von der Ganzheit der Welt und des Wissens technologisch abzubilden. Das „global brain“ mit Glasfaserkabeln und riesigen Routern zum Leben zu erwecken. Ich weiß schon warum „sie“ das Internet so fürchten und versuchen es unter ihre Kontrolle zu bringen.

Der Informationsfluss ist eine reißende Kraft. Informationen haben schon immer die Welt regiert. Zuerst kam die Information, dann erst das Geld. Das Wissen um Angebot und Nachfrage, kleine schmutzige Geheimnisse zu Erpressungszwecken oder Goldgruben aus Insiderinfos. Informationen ist alles. Je offener vernetzter sie sind, desto gleichberechtigter und freier werden wir. Jetzt müssen wir nur noch zuhören und die richtigen Drähte anzapfen. Lasst uns gegenseitig dabei helfen!

1. Apr 2009

Meine 10 wichtigsten Fixsterne

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Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche.

Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge?

Sie fragen euch. Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen.

aus “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry

Es gibt Momente im Leben, da scheint man sich zu verlieren. Man ergießt sich ins Chaos der eigenen Muster und Gefühle, lässt los und gerät in den Strudel der unendlichen Möglichkeiten. Der große schwarze Ozean, der einem zu umschlingen droht, der einem alle vernünftigen Sinne und Orientierungsanker beraubt, der einen zu ersticken droht, ist stets darauf bedacht, die Dinge, die auf ihm schwimmen, zu Eigen zu machen. Ein stetes ziehen und drängen Richtung Meeresgrund. Richtung Ursprung. Richtung Teil des Ganzen. Richtung vollkommender Schwärze. Die alten Seefahrer taten gut daran das Sternenzelt als große gespiegelte Landkarte während ihrer langen Reisen auf hoher See zu nutzen. So gibt es am Firmament Fixsterne, dessen Position sich niemals veränderten und dessen Funktion es also sein kann, Menschen, die sich einen solchen Stern auserkoren haben, durch die dunklen, chaotischen Zeiten ihrer großen Lebensfahrt zu führen. Wer als Seefahrer sich immer wieder der orientierenden Funktion dieser Fixsterne bewusst macht, wird früher oder später sicher an diesen oder jenen Hafen ankommen. Nichtsdestotrotz lauert zu jeder Zeit die Unberechenbarkeit und die Gefahr auf die Reisenden. Doch Orientierung bietet den Reisenden den Rückhalt, um einfach bei drohender Gefahr ein Stück weit Gelassenheit zu entwickeln, nicht zusätzlich und unnötig in Panik zu verfallen und so ganz und gar unnötig eine Havarie zu verursachen. Heute liebe Freunde und Reisegefährten, werde ich euch und letzendlich auch mir meine Fixsterne vorstellen.

1. Es gibt für mich keine objektive Wahrheit. Es gibt nur eine Ansammlung von subjektiver Meinung, die als objektive Realität bestimmt und von anderen übernommen wird.

2. Wissenschaft ist für mich nur eine weitere Religion. Religion ist nur eine weitere Geschichte. Geschichten sind immer nur die Beschreibung unserer nicht fassbaren Realität.

3. Meine Welt kann nur durch und mit anderen Menschen erlebt und wahrgenommen werden. Kommunikation ist die Möglichkeit eine Verbindung und Austausch zwischen zwei Lebenswelten, also Realitäten, herzustellen.

4. Mein Sinn des Lebens lautet “Lernen”. Lernen bedeutet für mich das Auf- und Entdecken des Verborgenen. Lernen bedeutet “Weiterentwicklung”. Weiterentwicklung bedeutet “Bewegung”. Bewegung ist das Gegenteil zu (Leichen)Starre.

5. Ich lerne nur mit und durch andere Menschen. Ich brauche Vorbilder und bin dabei gleichzeitig selbst immer ein Vorbild für alle Menschen, mit denen ich kommuniziere.

6. Family first. Familie - trotz all der Herausforderungen und Ärgernisse, die diese Bande (Bund, Band) mit sich bringt - ist das engste Bindeglied des Menschen. Familie prägt(e) des Menschen Leben, es ist sein Vorgarten, zum eigenen Haus (Ego) der gehegt und gepflegt werden sollte, wenn er durch das Erblühen das Herz erfreuen sollte. Das nimmt Zeit und viel Liebe in Anspruch.

7. Ich meine, der Mensch ist stets getrieben von Eigeninteressen. Selbst Altruismus ist nur ein Konsens aus vielen Eigeninteressen. Meine Eigeninteresse sollte immer so gestaltet sein, dass sie anderen Menschen nicht schaden, sondern eher nutzen.

8. Die langfristige Kontrolle von anderen Menschen ist meines Erachtens unmöglich. Die Navigation der eigenen Handlungen ist aber sehr wohl möglich. Es ist sehr anstrengend und ein langer, schmerzvoller Lernprozess, den ich oben “Leben” getauft habe.

9. Beruf und Privatleben sollten möglichst im Einklang stattfinden, denn sonst gerät man sehr schnell in Handlungsweisen (wie z.B. die Lüge), die dem eigenen Haus (Geist) langfristig schaden oder es gar komplett abbrennen (Burnout). Geld ist dabei ein Mittel um das eigene Leben möglichst reibungslos und angenehm stattfinden zu lassen. Geld ist jedoch niemals ein alleiniges Ziel, denn von Geld kann man nicht lernen und Materie allein führt niemals zum erfüllten Glück.

10. Hass, Wut und viele andere Gedanken, die das Gegenteil von Glück und Liebe ausdrücken, sind ein Teil des großen Ganzen und damit für mich immer Lernwerkzeuge. Meine Wut sagt eigentlich nichts über die betreffende Person aus, sondern immer nur über mich selbst. Alle Menschen, denen ich begegne, sind ein Spiegel meiner Wirklichkeit und damit Lehrmeister meines Lebens, also auch die sogenannten “Feinde” und “Unsymphaten”. Lerne ich diese zu akzeptieren, lerne ich auch mich selbst und meine vorhandenen Schwächen zu akzeptieren, die somit sich zu Stärken verwandeln können, oder ganz einfach gelassen “Schwächen” bleiben.

Diese Fixsterne entstanden mehr oder weniger spontan und sind vielleicht als Momentaufnahme zu werten. Laut Punkt Nummer 5 würde es mich sehr interessieren, welche Fixsterne ich mit euch Lesern gemeinsam habe oder was ich sonst noch von euren persönlichen Fixsternen lernen könnte. Ich freue mich auf euer Feedback.

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Meine derzeitige Traumrolle

Ich an der Karlshochschule

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