BREITENBACH


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12. Jul 2009

Volkfester!

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Heute war ich mit meiner Familie auf einem Volksfest. Ich hasse eigentlich Volksfeste - wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, dass ich es in meinem Leben stets vermeide als “normal” gekennzeichnet zu werden. Das fängt bei kleinen banalen Dingen an. Wenn ich beim Bäcker ein “Wie immer Herr Breitenbach?” höre, dann war dies ganz bestimmt das letzte Mal, dass ich diesen Laden betreten habe (oder doch nicht, darf ja kein “normales” Muster werden). Ernsthaft, ich habe meinen Bäcker deshalb schonmal kurzzeitig gewechselt, ihn sozusagen imaginär gefeuert, bis die Faulheit in mir durchbrach und ich von da an einfach immer meine Bestellungen so variiert habe, dass der jeweilige Verkäufer nicht einmal annähernd auf die Idee käme, ein “Wie immer?” zu fragen.

Doch zurück zum Volk und seinem Fest. Ich verstehe ja bis heute nicht, wie man sich in einem Fegefeuer aus blinkendblitzenden Lichtern, dröhnend schallender Top-10-Chartmusik aus allen denkbaren Jahrgängen, Gekreische, Gehupe, Geheule und konkurrierenden Aromawolken aus Steckerlfisch, Zuckerwatte, Erborchenem, Bier, Kippen, Bier, gebrannten Mandeln, Testostoron, Bier und Hundelulu AMÜSIEREN kann. Amüsieren? Für mich ist so ein “Ausflug” sensomorische Folter, der Eintritt in eine von Dantes Vorhöllen. Das war sicherlich nicht immer so. In meiner Jugend habe ich förmlich dort dauercampiert. Natürlich ausschließlich zu Forschungszwecken. Ja ok, es war damals cool. Autoscooter, Breakdancer, die laute Mucke, Mädels, und Bier.

Es scheint wie bei Flatulenzen zu sein -> wenn man selbst Teil von ihr ist, findet man sie dufte.

Jedenfalls brachte mir der heutige Besuch einige Erkenntnisse:

1. Es ist unglaublich interessant, wenn man sich mal einige Minuten in das Leben eines Schaustellers versenkt.
Junger Mann zum Mitfahren, welches Leben führen Sie? Welchen Rhythmus haben sie? Was verdienen sie? Sind sie glücklich? Warum machen sie das? Usw.

2. Es ist eigentlich unverantwortlich mit Hunden auf so ein Fest zu gehen.
Wie wirkt sich eine Reizüberflutung auf einen - nehmen wir zum Beispiel mal - ungezogenen Pittbull aus? Wieviele Füße kann ein Hund gleichzeitig erkennen, abwehren oder über sich ergehen lassen? Wie wirkt sich die hiesige Aromatherapie auf die Wahrnehmungsorgane des jeweiligen Hundes aus?

3. Ergo müsste es noch unverantwortlicher sein, mit kleinen Kindern da hinzugehen. (Nicht dass ich Hunde vor Kinder stellen würde)
Meine Kinder waren unzweifelhaft von der Atmosphäre gefesselt, ich glaube aber nicht, dass sie richtig glücklich beim Karussellfahren waren. Jedenfalls sah mein Großer trotz gigantischer Faszination für ALLES nicht wirklich entspannt aus. Klar, es war für ihn ein ganzer großer Tag - aber auch kleine Traumatas werden irgendwie zu “großen” bzw. einprägsamen Tagen oder?

Für mich sind diese Feste die Hölle, weil sie auf mich so bizarr wirken. Massenereignisse mit unglaublich aggressiver Grundatmosphäre, fast so, als wäre allen klar, dass es nicht wirklich ein Morgen gibt. Ein vollkommender Absturz ist zwar nicht gern gesehen - schwach ist wer sich im Moloch verliert - aber durchaus legitimiert. Es prallen die extremsten Verhaltens- und Konsumarten auf: Man trinkt-säuft um alle Hemmungen abzulegen und die überstrapazierte Wahrnehmung zu betäuben. Man raucht um Geruchs- und Geschmackssinn quasi lahmzulegen, (bitte an die bayrischen Bierzeltausnahmen zum Rauchen beachten. Jetzt weiss ich warum. Es ist ohne rauchen einfach schwieriger es dort auszuhalten) damit wir die reudige Currywurst oder stinkende Urinbude nicht so deutlich wahrnehmen und unser Nervensystem so beruhigt, dass eine plötzliche Panikattacke (eng, laut, aggressiv) uns nicht willkürlich erwischt. Dazu Zucker und Fett in Massen, also die reinsten Glücksmacher und sozusagen rezeptfreie Psychopharmaka. Sie pushen uns und treiben uns mit wertlosen Kohlenhydraten an, das ganze durchzustehen. Schließlich Testostoron, als natürlicher Speedersatz, um die Kondition fürs Biertrinken, Brüllen und Maßkrugwerfen aufrechtzuerhalten. (Übrigens können sich die Mädels kaum wehren, denn sie werden mit Pheromonen bombardiert, sie stecken in einem gigantischen Balzritual fest.) Alle Drogen bzw. Substanzen werden natürlich gleichzeitig konsumiert. Die laute Blas- und Poppmusik und das permanente Gehupe sind dazu da, jedwede angestrengte Konversation sofort im Keim zu ersticken. Interruptus. “Du ich wollte dir noch sagen dass … SO WEITERGEHTS AUFGEHTS REINGEHTS IN DIE NEUE RUNDE EINSTEIGEN ABFAHREN ABGEHEN HUUUUUUUUUP” “WAS?” “Ach nix.”

Beim letzten Besuch wurde mir schlecht, allein von der Präsenz. Ich hatte mich wirklich gewundert, hatte mich gefragt, ob ich was schlechtes gegessen hatte oder sonst wie im Eimer war, aber ich glaube seit heute, dass es mir schlecht wurde, weil ich einfach DA war und ich den Sinnesrausch einfach nicht mehr gewohnt war und mir wie bei zuviel Kippen oder Bier einfach schlecht wurde. Danke Gehirn. Das war nicht sehr nett. Ist doch schließlich ein Volksfest, man MUSS dabei sein. Es macht doch Spaß. Oder?

Übrigens war ich heute sehr beruhigt, dass der Scherenschnittmann auch dieses Jahr wieder da war. Ich sehe den dort schon bestimmt seit über 10 Jahren. Er macht das glaube ich schon sehr viel länger, jedenfalls zehrt er von seinen 15-Minuten-Ruhm, die er beim blitzschnellen Anfertigen von Willy Brandt und Helmut Schmidts Scherenschnitten in den 80ern erlangte, noch heute. Ausgeblichende Fotos zeugen von seiner Berühmtheit. Er selbst sieht aus wie ein derangierter Roboter aus “A.I.” Das Haar mit Edding nachgezeichnet und doch immer noch voll konzentriert bei der Arbeit. Für 5 EURO schnelle Scherenschnitte von den Volksfestbesuchern anfertigen. Nicht sprechen, nicht brüllen. Einfach nur schneiden. Ich glaube deshalb ist es mir so wichtig, dass ich ihn jedes Jahr sehe. Er ist für mich der Inbegriff des notwendigen Autismus, den man besitzen muss, um diesen “Beruf” in diesem Umfeld sein Leben lang auszuführen. Vielleicht gebe ich ihm Unrecht und er ist einfach nur ein cleverer Geschäftsmann, der damit ein Vermögen verdient und 20 Rummeltage im Jahr arbeitet um den Rest der Millionen dann in Bacardis und Hängemattengebühren auf den Bahamas zu investieren. Who knows. Ich erlaube mir kein Urteil - nur eine SO WEITERGEHTS AUFGEHTS REINGEHTS IN DIE NEUE RUNDE EINSTEIGEN ABFAHREN ABGEHEN HUUUUUUUUUP

8. Jul 2009

Es ist deine Zeit: Die Helden der Generation Retweet

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Ich erinnere mich an eine Zeit, da wollten einige Leute in Deutschland den Markt und die Gesellschaft (wenn auch nur vielleicht die Medien) verändern. Sie hatten die Schnauze voll von der Top-Down-Kommunikation arroganter Super-Konzerne, dessen Führungsriegen zumeist aus Managersprechpuppen mit Bullshitbingoschallplatten im Bauch bestanden. Einige Bloggerpioniere, allen voran die von Punkrock getriebenen Berliner, konnten plötzlich ihre authentisch rotzfrechen, aber ganz und gar nicht unintelligenten Meinungen freien Lauf lassen. Sie ließen sich nichts mehr gefallen. Weder von Einschüchterungsversuchen irgendwelcher Juristenarmeen, noch von den permanenten Versuchen der klassischen werbefinanzierten und -gefärbten Holzmedien, Blogs abschätzig als klein und irrelevant einzustufen. “Sie”, die Pioniere der Aufklärung 2.0, schrieben was sie dachten - und sie dachten und schrieben sehr viel.

Ein Begriff geisterte immer wieder durch die Verlinkungsstränge der damaligen, von einer Mini-Revolution beseelten, Blogosphäre: Das Cluetrain Manifest. Märkte sind Gespräche. Märkte werden von Menschen gemacht und nicht von einzelnen weltfremden Werbetextern, Marktforschern oder egozentrierten Managern. Nicht der Einzelne war wichtig, es ging auch gar nicht mal darum, dass die eigenen Interessen verwirklicht werden, sondern einzig und allein darum, der Welt zu zeigen, dass jeder Mensch etwas bewegen kann, dass jede Meinung zählt und dass es keine kalkulierbaren Zielgruppen und Käuferschichten gibt, sondern nur Menschen.

Menschen, mit ihren Probleme, Sorgen und Nöten. Ja, das heißt auch mit ihren Beschwerden, Meckereien und Wutausbrüchen. Aber eben auf der anderen Seite auch Menschen mit guten Ideen und Impulsen, Menschen mit großer Leidenschaft, die - wenn einmal begeistert - für diese Begeisterung bei anderen Menschen werben. Menschliche Mundpropaganda wurde plötzlich unter all der unwirklichen und künstlichen Plakat- und TV-Werbung wieder populär.

Heute scheint sich das Blatt wieder zu wenden. Vielleicht ist das alles zu anstrengend geworden. Zu groß und komplex. Je weniger man zu sagen hat, desto weniger Zeichen benötigt man für das Gesagte und eben auch umgekehrt. Meist reicht nur noch ein “RT” im Zusatz mit einer “TinyUrl” also einem abgekürzten Link, meist von Themen, die völlig banal und ohne echten Nachrichtenwert oder nützlicher Substanz sind. Diese werden dann durch das weitertratschen gehyped ohne Ende. Es ist Info-Fast-Food. Leichte Kost. Schnell verbreitet. Hauptsache man ist nicht selbst betroffen, hauptsache man trägt nicht noch mehr Last, hauptsache jeder kann unverfänglich seinen Senf dazu geben.

Natürlich geht die Nachricht vom Tod des Popkönigs um die Welt. Wenn früher ein Herrscher gestorben ist, machte das schließlich auch die Runde. Aber muss man nicht auch wenigstens ein kleines bißchen zugeben, in welch dekadenten Zeiten wir leben? Ein paar tausend Kilometer entfernt, werden Menschen Hände und Füße abgeschlachtet und wir schnattern emsig darüber, warum Michael denn jetzt einen Glitzerhandschuh trug oder warum der arme Kerl so war wie er ist. Hat irgendjemand eine Ahnung wieviele Kinder in Deutschland so mißhandelt werden? Von der gesamten Welt will ich nicht sprechen, sie ist für uns viel zu groß und viel zu komplex, als dass wir auch nur im Entferntesten über dessen grundlegenden Probleme reflektieren können. Wir wollen oder können nicht zu den Wurzeln vordringen, weil uns der Wald mitsamt Baumspitzen nach oben katapultiert hat. Hier oben ist die Luft dünn, da bleibt dem Gehirn nur wenig Sauerstoff, daher müssen wir einfach mal einen Gang runterschalten um kostbare Energie zu sparen. Wir verkürzen Sprache und Denkweise, in dem wir uns mit 140 Zeichen begnügen (Lesen wie schreiben) und Themen per Mausklick weitertratschen. Das Uploaden überlassen wir meist den anderen, wir retweeten am liebsten.

Es ist uns alles über den Kopf gewachsen. Probleme im eigenen Umfeld werden nicht mehr offen besprochen, weil man Angst hat, dem anderen auf die Nerven zu gehen. Ein Gespräch über den Popkönig ist da allemal unverfänglicher. DER hatte Probleme, die so bizarr sind, dass unsere Probleme einfach nur langweilig wirken. Am Ende müsste man sich vielleicht sogar noch die persönlichen Probleme der anderen anhören und mit all den Problemen aus aller Welt - ich spreche von für uns unlösbaren Problemen, wie den Nahost-Konflikt oder den Bürgerkriegen in Afrika - ist man ja weiß Gott schon genug bedient. RABENSATT! Und wer weiß. Vielleicht ist das wie beim Kaufen? Wenn man die Ware erst einmal in der Hand hat, muss man Sie am Ende sogar noch mit nach Hause nehmen und bezahlen. Bleib mir also weg mit den Problemen, am Ende muss ich sie sogar noch lösen.

Daher sind wir doch froh endlich über Pressekonferenzen von Telekommunikationskonzernen zu sprechen, bei denen zum Beispiel Deutschlands bekannteste Blogger “Wir sind Helden” singen. Ein Umstand, der gar nicht mehr kommentiert werden muss, weil er einfach nur für sich steht: Als eine große Realsatire, als der Inbegriff für die verstorbene Gesprächskultur der Bloganfänge, die Aushöhlung von all dem, was Blogs einmal so “groß” im Sinne von relevant gemacht hat. Doch heute haben es Blogs und Twitter tatsächlich geschafft gleichzuziehen und Unternehmen haben auch gelernt sie für sich zu nutzen. Endlich sind wir auf einer Augenhöhe mit den damals so kritisierten Medien. Wir verkaufen uns im gleichen Maße und erzählen die gleiche Kacke im gleichen Bullshitbingosprech und fühlen uns dabei als Helden, die die Welt verändern könnten. Kommunikation auf Augenhöhe - wenn wir selbst nicht runter wollen, holen wir uns halt ein paar willige Gatekeeper nach oben.

Kaufe unser Produkt und du wirst ein Held. Ich kaufe dein Produkt und bin dein Held. Das muss einfach funktionieren. Früher hatten die Menschen zur Bewältigung der komplexen Realität ihre Religionen - heute haben wir unsere Markenwelten, zum Glück ist da kein Platz für Fegefeuer und andere lästigen Pflichten. Gebt uns einen coolen Song (den wir als Kind schon bei Mama und Papa im Autoradio haben dudeln gehört) einen coolen Slogan und wir fühlen uns gut. Ahh. Endlich. Wir sind Helden.

Ich weiß, es sind nicht alle so. Nur fühlt man sich verdammt allein in letzter Zeit. Von den Anti-Helden bekommt man nicht viele Retweets mit und daher auch wohl nicht dessen reichhaltiges Upload. Mag sein, dass dies hier ein paar armselige Worte eines kleinen, idealistischen Spinners sind. Aber vor einigen Jahren hatte man als Spinner wenigstens noch das Gefühl Teil einer Bewegung zu sein. Heute ist man einfach nur Teil der Generation Retweet. Sei dabei, oder sei ein faules Ei. Einer Generation, die gern Banalitäten, die schon lustig sind, nachplappert statt mal etwas intensiver nachzudenken oder gar Dinge in Frage zu stellen. Eine Generation, die vielleicht etwas uploaded, aber eben nur meist das eigene Werbeplakat, auf dem man genauso viel sagt, wie sonst eben auch, man sich aber trotzdem als Held dabei fühlt.

Sei dabei. Tritt ein in die Welt, wo jeder ein Held sein kann, allein durchs Kaufen und Gekauftwerden. Es ist deine Zeit! Ein Tweet wäscht schließlich den anderen! Wir haben unsere Online-Reputation zu verlieren.

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