Volkfester!
Heute war ich mit meiner Familie auf einem Volksfest. Ich hasse eigentlich Volksfeste - wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, dass ich es in meinem Leben stets vermeide als “normal” gekennzeichnet zu werden. Das fängt bei kleinen banalen Dingen an. Wenn ich beim Bäcker ein “Wie immer Herr Breitenbach?” höre, dann war dies ganz bestimmt das letzte Mal, dass ich diesen Laden betreten habe (oder doch nicht, darf ja kein “normales” Muster werden). Ernsthaft, ich habe meinen Bäcker deshalb schonmal kurzzeitig gewechselt, ihn sozusagen imaginär gefeuert, bis die Faulheit in mir durchbrach und ich von da an einfach immer meine Bestellungen so variiert habe, dass der jeweilige Verkäufer nicht einmal annähernd auf die Idee käme, ein “Wie immer?” zu fragen.
Doch zurück zum Volk und seinem Fest. Ich verstehe ja bis heute nicht, wie man sich in einem Fegefeuer aus blinkendblitzenden Lichtern, dröhnend schallender Top-10-Chartmusik aus allen denkbaren Jahrgängen, Gekreische, Gehupe, Geheule und konkurrierenden Aromawolken aus Steckerlfisch, Zuckerwatte, Erborchenem, Bier, Kippen, Bier, gebrannten Mandeln, Testostoron, Bier und Hundelulu AMÜSIEREN kann. Amüsieren? Für mich ist so ein “Ausflug” sensomorische Folter, der Eintritt in eine von Dantes Vorhöllen. Das war sicherlich nicht immer so. In meiner Jugend habe ich förmlich dort dauercampiert. Natürlich ausschließlich zu Forschungszwecken. Ja ok, es war damals cool. Autoscooter, Breakdancer, die laute Mucke, Mädels, und Bier.
Es scheint wie bei Flatulenzen zu sein -> wenn man selbst Teil von ihr ist, findet man sie dufte.
Jedenfalls brachte mir der heutige Besuch einige Erkenntnisse:
1. Es ist unglaublich interessant, wenn man sich mal einige Minuten in das Leben eines Schaustellers versenkt.
Junger Mann zum Mitfahren, welches Leben führen Sie? Welchen Rhythmus haben sie? Was verdienen sie? Sind sie glücklich? Warum machen sie das? Usw.
2. Es ist eigentlich unverantwortlich mit Hunden auf so ein Fest zu gehen.
Wie wirkt sich eine Reizüberflutung auf einen - nehmen wir zum Beispiel mal - ungezogenen Pittbull aus? Wieviele Füße kann ein Hund gleichzeitig erkennen, abwehren oder über sich ergehen lassen? Wie wirkt sich die hiesige Aromatherapie auf die Wahrnehmungsorgane des jeweiligen Hundes aus?
3. Ergo müsste es noch unverantwortlicher sein, mit kleinen Kindern da hinzugehen. (Nicht dass ich Hunde vor Kinder stellen würde)
Meine Kinder waren unzweifelhaft von der Atmosphäre gefesselt, ich glaube aber nicht, dass sie richtig glücklich beim Karussellfahren waren. Jedenfalls sah mein Großer trotz gigantischer Faszination für ALLES nicht wirklich entspannt aus. Klar, es war für ihn ein ganzer großer Tag - aber auch kleine Traumatas werden irgendwie zu “großen” bzw. einprägsamen Tagen oder?
Für mich sind diese Feste die Hölle, weil sie auf mich so bizarr wirken. Massenereignisse mit unglaublich aggressiver Grundatmosphäre, fast so, als wäre allen klar, dass es nicht wirklich ein Morgen gibt. Ein vollkommender Absturz ist zwar nicht gern gesehen - schwach ist wer sich im Moloch verliert - aber durchaus legitimiert. Es prallen die extremsten Verhaltens- und Konsumarten auf: Man trinkt-säuft um alle Hemmungen abzulegen und die überstrapazierte Wahrnehmung zu betäuben. Man raucht um Geruchs- und Geschmackssinn quasi lahmzulegen, (bitte an die bayrischen Bierzeltausnahmen zum Rauchen beachten. Jetzt weiss ich warum. Es ist ohne rauchen einfach schwieriger es dort auszuhalten) damit wir die reudige Currywurst oder stinkende Urinbude nicht so deutlich wahrnehmen und unser Nervensystem so beruhigt, dass eine plötzliche Panikattacke (eng, laut, aggressiv) uns nicht willkürlich erwischt. Dazu Zucker und Fett in Massen, also die reinsten Glücksmacher und sozusagen rezeptfreie Psychopharmaka. Sie pushen uns und treiben uns mit wertlosen Kohlenhydraten an, das ganze durchzustehen. Schließlich Testostoron, als natürlicher Speedersatz, um die Kondition fürs Biertrinken, Brüllen und Maßkrugwerfen aufrechtzuerhalten. (Übrigens können sich die Mädels kaum wehren, denn sie werden mit Pheromonen bombardiert, sie stecken in einem gigantischen Balzritual fest.) Alle Drogen bzw. Substanzen werden natürlich gleichzeitig konsumiert. Die laute Blas- und Poppmusik und das permanente Gehupe sind dazu da, jedwede angestrengte Konversation sofort im Keim zu ersticken. Interruptus. “Du ich wollte dir noch sagen dass … SO WEITERGEHTS AUFGEHTS REINGEHTS IN DIE NEUE RUNDE EINSTEIGEN ABFAHREN ABGEHEN HUUUUUUUUUP” “WAS?” “Ach nix.”
Beim letzten Besuch wurde mir schlecht, allein von der Präsenz. Ich hatte mich wirklich gewundert, hatte mich gefragt, ob ich was schlechtes gegessen hatte oder sonst wie im Eimer war, aber ich glaube seit heute, dass es mir schlecht wurde, weil ich einfach DA war und ich den Sinnesrausch einfach nicht mehr gewohnt war und mir wie bei zuviel Kippen oder Bier einfach schlecht wurde. Danke Gehirn. Das war nicht sehr nett. Ist doch schließlich ein Volksfest, man MUSS dabei sein. Es macht doch Spaß. Oder?
Übrigens war ich heute sehr beruhigt, dass der Scherenschnittmann auch dieses Jahr wieder da war. Ich sehe den dort schon bestimmt seit über 10 Jahren. Er macht das glaube ich schon sehr viel länger, jedenfalls zehrt er von seinen 15-Minuten-Ruhm, die er beim blitzschnellen Anfertigen von Willy Brandt und Helmut Schmidts Scherenschnitten in den 80ern erlangte, noch heute. Ausgeblichende Fotos zeugen von seiner Berühmtheit. Er selbst sieht aus wie ein derangierter Roboter aus “A.I.” Das Haar mit Edding nachgezeichnet und doch immer noch voll konzentriert bei der Arbeit. Für 5 EURO schnelle Scherenschnitte von den Volksfestbesuchern anfertigen. Nicht sprechen, nicht brüllen. Einfach nur schneiden. Ich glaube deshalb ist es mir so wichtig, dass ich ihn jedes Jahr sehe. Er ist für mich der Inbegriff des notwendigen Autismus, den man besitzen muss, um diesen “Beruf” in diesem Umfeld sein Leben lang auszuführen. Vielleicht gebe ich ihm Unrecht und er ist einfach nur ein cleverer Geschäftsmann, der damit ein Vermögen verdient und 20 Rummeltage im Jahr arbeitet um den Rest der Millionen dann in Bacardis und Hängemattengebühren auf den Bahamas zu investieren. Who knows. Ich erlaube mir kein Urteil - nur eine SO WEITERGEHTS AUFGEHTS REINGEHTS IN DIE NEUE RUNDE EINSTEIGEN ABFAHREN ABGEHEN HUUUUUUUUUP




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