Wohl ist mir die Intention hinter Bildblog und ihrer Autoren sehr wohl bewusst, doch gibt es immer wieder merkwürdige Nebeneffekte auf der Welt, die uns einen Anlass geben könnten, das eigene Vorgehen immer mal wieder gründlich zu überdenken.
Was ich mich schon immer im Zusammenhang mit Bild und Bildblog interessiert hat, ist die Frage: Macht Bildblog die Marke Bild eigentlich stärker?
Es gibt ja vereinzelnd spöttische Zungen, die behaupten, dass “Bildblog lesen” im Grunde nichts anderes ist, als die Bildzeitung mit einem reinem Gewissen zu konsumieren. Der Nachrichtengehalt ist in beiden Fällen identisch, nur dass der aufmerksame Bildblogleser die “bereinigte” Variante der EM-Fernsehpanne, des Herzensbruchs durch David Beckham oder den menschenzerfleischenden Löwen bekommt. Beides Male wird die Botschaft transportiert und damit eben auch oft der reißerische aber meist substanzlose Nachrichtenkern.
Natürlich geht es bei Bildblog in erster Linie darum, die schlampige journalistische Arbeit (wenn nicht sogar Kalkül) von Bild zu entlarven, welche bewussten Provokationen sie ausspielen und welch abartige Themen zum Teil an der Grenze der Persönlichkeitsrechte und darüber hinaus publiziert werden. Doch muss ich an dieser Stelle eine weitere provokante Frage stellen: Weiß das der Großteil der deutschen Bundesbürger nicht schon längst – und noch viel schlimmer – haben sie sich damit zum Großteil nicht sogar schon damit abgefunden bzw. kaufen sie es nicht sogar gerade deswegen?
Ich stelle mir Bild oft als unterhaltsamen Sex & Crime Groschenroman vor, mit Anlehnung an die Realität. Peinlichdumpfe Headlines, zwischen ein paar Burgern gelesen, die am Ende doch irgendwie den kleinsten gemeinsamen Volksnenner teffen: Volksentertainment. Jeder SO manch einer schmunzelt doch insgeheim ein wenig über die täglichen Wortspielchen (es sei denn er ist selbst betroffen), glotzt wie gebannt auf die silikongefüllten Milchspeicher des Mädchens von Seite 1 und die daneben platzierten Texte (damals noch von Katja Kessler verfasst) sind Teil der deutschen literarischen Popkultur geworden.
Also nochmal zusammengefasst: Gibt es nicht bereits ein breites Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung, dass Bild im Endeffekt viel Schmuh schreibt, aber es denoch aus dem Drang, der Gier nach Entertainment dann doch gelesen wird? Und natürlich auch von den Bildkritiker, sowie alle anderen Journalisten, Politiker, Medienmenschen, Unternehmer etc. pp. – denn schließlich muss ja jeder doch irgendwie wissen, was Bild da so schreibt. Muss man das denn wirklich?
Genau das ist doch der Knackpunkt. Aufmerksamkeit ist das tägliche Geschäft von Bild. Awareness In- & Export sozusagen. Ohne Aufmerksamkeit, keine Bild. Bild initiiert Gespräche, muss dabei aber auch immer selbst Gesprächsthema bleiben. Reichweite verschafft Macht, Meinung und jede Menge Werbegelder. Reichweite wiederum ist pure Aufmerksamkeit. Stell dir vor es gibt Bild und keiner liest sie.
Bei all den altruistischen Motiven, welche die Betreiber von Bildblog verfolgen mögen, ist doch eines generell glasklar: Ohne Bild gäbe es das Nummer 1 Vorzeigeblog Bildblog gar nicht. Ohne schlechten Content der Bild, gäbe es nicht das freiwillige und (für Bild) kostenfreie Lektorat des Watchblogs. Ohne Stories, keine 1,5 Mio Besucher im Monat (Sind die botverseuchten Awstats Statistiken jetzt eigentlich Visits oder Page Impressions?).
Die Marke Bild indes wird täglich vom Watchblog immer wieder ins Gespräch und damit in die Köpfe der Leser gebracht. Das Watchblog führt zum Teil sogar die Corporate Identity des Blattes aus dem Axel Springer Verlag fort. Täglich wird massenhaft auf Bild.de verlinkt, es werden Screenshots publiziert und somit natürlich die Aumerksamkeitsmaschinerie von Bild geölt. Zwar weist man stolz auf den Rückgang der Printauflage hin (die aber sowieso schon vor der Existenz von Bildblog zu schrumpfen begann und dessen Schicksal mit eigentlich allen Print-Tageszeitungen einhergeht), die Zunahme der Klickzahlen für den Onlineauftritt verschweigt man indes – vielleicht gerade weil man ja eigentlich auch monatlich 1,5 Mio Besucher vom Watchblog an bild.de weiterleitet. Klicks auf bild.de bedeuten in der Tat wiederum Werbe-Mehreinnahmen für die Publikation und damit natürlich auch mehr Macht und Einfluss – also mehr Stärke. Klicks unterscheiden nicht on kritisch oder nicht-kritisch. Klick ist Klick, View ist View. Das weiß man in Berlin ganz genau.
Also woher diese Besessenheit bei den Betreibern? Wieso ist man so fixiert auf die größte deutsche Boulevardzeitung? Wieso macht man bei der Ökonomie der Aufmerksamkeit noch leidenschaftlich mit bzw. sieht man es ganz anders? Wenn man wirklich etwas verändern will und trotzdem am Boulevardesken festhalten möchte, wieso nicht eine vernünftige gut recherchierte Gegenpublikation eröffnen, statt den gleichen Mist immer und immer wieder neu aufzukochen und so die Klicks und das Ranking von bild.de weiter in die Höhe treiben? Ich versteh es als naiver Nicht-Journalist einfach nicht. Vielleicht kann es mir ja jemand erklären?

