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DailyCoffeeBreak Podcast
26. Sep 2011 | 2.860 views

Der Facebook Exodus – kann man eigentlich nicht nicht facebooken?

Olaf Kolbrück tut es. Netzpolitik.org ruft ebenso dazu auf. Es ist Zeit für den Versuch des großen Exodus. Ein großer Umzug ohne konkretes Ziel und klarer Alternative. Hauptsache weg von Facebook und seinem Zuckerberg, dem gigantomanischen Datenstaubsauger.

Eines wurde mir nach der f8-Entwicklerkonferenz von Facebook mal wieder sehr klar: Mark Zuckerberg will Informationen im Internet nicht wie Google “nur” organisieren, er will es anscheinend komplett für sich vereinnahmen und vor allem kontrollieren. So jedenfalls kann man als dystopisch gefärbter Mensch die Ankündigung der neuartigen, shiny Features auf Facebook interpretieren. Stellschraube für Stellschraube, Häkchen für Häkchen, Like für Like, Read für Read klicken die User sich selbst in den großen, abgeriegelten Internet-Stall, wo bereits feixende Werbekunden, paranoide Geheimdienste und sabbernde Stalker mit ihren gewetzten Datenmessern auf sie warten.

Auf dem Pausenhof – so wie in allen anderen großen Kommunikationsräumen – gilt die gute alte Regel: “Bist du nicht da, bedeutet das entweder dass niemand über dich spricht oder über dich gelästert wird”. Beides sind unwiderstehliche Gründe immer dabei sein zu wollen – selbst wenn man es als große Qual empfindet.

Wir Menschen fühlen uns seltsamerweise erst dann existent wenn andere unsere Existenz auch bestätigen. Wir und unsere Taten und Gedanken wollen einfach “geliked” werden. Hätten wir auf Dauer niemanden, der mit und über uns spricht, so würden wir schlichtweg verrückt werden und uns die Dinge und Freunde eben einfach imaginieren. Und genau da dockt Facebook sehr geschickt mit seiner Strategie an. Wir sind der Ort an dem du einfach sein musst, weil alle dort sind. Mist.

Können wir daher so einfach unsere Facebook-Aktivitäten ein bißchen ruhen lassen? Würde das etwas bringen? Ich glaube nein. Der Schritt ist nicht radikal genug. Es ist ja noch nicht mal ein echter Log-Out und selbst der scheint Facebook nicht wirklich aufzuhalten. Solange wir in Facebook Präsenz zeigen (wenn auch als Accountleiche) so signalisieren wir ja immer auch anderen Nutzern, dass wir durch unsere Präsenz den Dienst eigentlich ganz gut finden. Oder um es frei mit dem alten Watzlawick zu sagen: Man kann nicht nicht facebooken, solange man dort schweigt, aber eben gleichzeitig “dort” ist. Und vor allem was ist mit dem Zuhören “dort”? Was ist, wenn man mein willenloses Profil weiterhin einlädt, vertaggt und verlinkt? Ist das es dann nicht mehr aktiv? Ist es dann von mir kontrolliert?

Viele werden sich nun fragen: ja aber warum findest du Facebook jetzt so schlimm? Ich kann es gar nicht genau definieren, es ist ein reines Bauchgefühl. Es hat was mit ihrer Unternehmenskultur zu tun und weil ich Zuckerberg weiterhin für einen größenwahnsinnigen Nerd halte, der alles dafür tun würde um auf den Olymp der “Eliteneliten” zu steigen, wo er aber jetzt schon längst angekommen ist, aber eben trotzdem unersättlich mit Paarundzwanzig nach oben strebt. Das macht mir wirklich Angst, genau wie mir die Vorstellung Angst macht, dass Facebook zum neuen Internet wird und alles nur noch darüber läuft: die Medien, die Wahlen, das Shopping, die Beziehungspflege – während ich gleichzeitig weiß, dass Facebook gerne und oft Inhalte zensiert, während ich weiss, dass Facebook gerne mal die Geheimdienste ranlässt, während ich weiss, dass Facebook meine geheimen Vorlieben an seine Werbekunden verkauft, während ich weiß, dass Facebook an all meinen Inhalten und Gedanken und Fotos nahezu uneingeschränkte Rechte erhält, während ich weiß, dass Facebook alles daran setzt meine Aktivitäten im netz bei sich komplett und nahtlos aufzuzeichnen. Es macht mir auch Angst, dass nahezu allen neuen Webdienste und Verlagsangebote voll auf Facebookintegration setzen, so dass man ohne “Facebook-Connect” gar nicht mehr auszukommen scheint und damit freiwillig Datenberge ohne Ende in den großen Monolithen pumpt, ohne zu wissen was genau damit passiert. Es macht mir Angst dass ich irgendwann einmalig Dinge autorisiere, die ich später ganz anders sehe und die sich dann verselbstständigen und mir das Denken und Handeln abnehmen.

Das Internet war für mich bisher immer eine wunderbare dezentrale Infrastruktur, ein Werkzeug zur uneingeschränkten Kommunikation, welches man in eigener Hohheit und eigenem Recht für sich nutzen konnte. Das geplante Facebook-Internet hingegen ist der Wunsch nach einem einzigen zentralen und damit kontrollierbaren Internet – aber eben nicht kontrolliert von legitimierten Staaten oder gesellschaftlichem Konsens, sondern einzig und allein durch ein Unternehmen, das in erster Linie seinem Management großen Reichtum und vor allem Macht beschert hat. Denn seien wir mal ehrlich: Zuckerberg & Co haben mittlerweile so viel Geld auf dem Konto, dass sie nun zwangsläufig auf die nächste Stufe der Maslowschen Pyramide vorrücken müssen, die da lautet: Macht und Einfluss vergrößern um die Geschicke der Welt zu lenken, um Wahlen zu entscheiden oder eine ganze Kultur zu prägen.

Das macht mir wirklich sehr große Angst. Aber ist die Angst heute schon groß genug für immer und ganz radikal “Goodbye” zu sagen? Was meint ihr?

Update:
Mittlerweile habe ich mein Facebook-Profil deaktiviert. Wer weiterhin mit mir in Kontakt bleiben möchte kann dies weiterhin sehr gut auf anderen Wegen tun:

Google Plus
Xing
Twitter

Beruflich werde ich mich weiterhin mit Facebook beschäftigen, aber eben nicht mehr in Form meines Privatprofils. Ich kann Unternehmen mittlerweile nur raten sich nicht all zu abhängig von Facebook zu machen, schon gar nicht wenn die eigene Unternehmenskultur völlig anders gepolt ist als die von Facebook. Unternehmen sollten auch bedenken dass Sie die Daten ihrer Kunden und Fans immer auch mit anderen Unternehmen und vor allem immer Facebook selbst zur Verfügung stellen.

Meine These lautet im übrigen: Social Media kann auch ohne eigene aktive Facebookpräsenz funktionieren.

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