Ich liebe das Hacken,
also nicht im engen, nerdigen, technischen Sinne, sondern das weiche, soziale, kulturelle Hacken. Das Eindringen in eine scheinbar in sich geschlossene Kulturblase und die Durcheinanderwirbelung der inneren, kulturellem DNA, so dass am Ende alle “huch, was ist das denn?” denken und dennoch hinten etwas atemberaubendes dabei herauskommt, also alles außer Abfall.
Ich denke der Kulturhacker des Jahres ist eindeutig Chilly Gonzales, denn er hat mit seiner kürzlichen Performance im Wiener Radiokulturhaus Musikgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit dem 52-köpfigen ORF Radio Symphonie Orchester Wien unter der Leitung von Cornelius Meister lieferte Gonzales eine unglaublich geniale Performance. Gonzales ist nicht nur ein hervorragender Pianist oder wie er sich selbst “Entertainist” nennt, er rappt auch noch ganz gerne und gut.
Hier die Playlist des kompletten Konzertes (gibts leider noch nicht auf DVD zu kaufen)
Sein aktuelles Album “The Unspeakable” ist also klassisch komponiert und arrangiert aber eben auch mit bitterbösem Sprechgesang unterlegt. Das Album allein ist schon großartig, aber die Live-Darbietung in Wien unter der musikalischen Besetzung neu arrangiert toppt schließlich alles Dagewesene und demonstriert wie man durch Kulturhacking alte Muster durchbricht (oder wer hat schon einmal das sonst eher steif wirkenden Orchester eine La Ola machen lassen?)
mit neuen Mustern verknüpft (der Auftritt mündet in einem “Crowdsurfing durchs Publikum, auch das wird es bis dato nicht in einem klassischen Haus gegeben haben)
und somit etwas ganz neues, bemerkenswertes erschafft. Ein Paradebeispiel für kulturelle Innovation ohne das Rad komplett neu zu erfinden. Dazu kommt, dass Gonzales sich selbst nicht als Künstler sondern als Entertainer sieht, also nicht jemand der für sich im stillen Kämmerlein Musik macht um sozusagen nur sich selbst zu befriedigen, sondern er tut es um sein Publikum zu unterhalten und mit einzubeziehen und das steife Image der klassischen Musik erfolgreich zu durchbrechen.
Diese Performance in Wien ist aber weit mehr als nur ein reiner Klamaukauftritt, sie ist ein Signal an alle Kulturschaffenden sich endlich aus der eigenen Blase heraus zu wagen. Die klassische Zunft braucht solche subkulturellen Hacker und Brückenköpfe wie Gonzales, denn erst dann wird sie in Zukunft auch völlig neue Fans gewinnen können. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt nur noch Gonzales brauchen, ganz im Gegenteil, die Vielfalt macht das Besondere aus, aber man muss sie eben auch mal zulassen. Sich öffnen. Gonzales schließt damit nicht Türen zur Klassik, er macht den Saal ganz weit auf.


