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Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



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Marketingmythen: Reichweite ist fürn Arsch

“(…) als ob Reichweite alles wäre, worauf es ankommt. Was meinst du?”

Reichweite ist fürn Arsch!
(nun also offiziell zitierfähig, Thomas)

Naja ganz so drastisch darf man so etwas natürlich nur als alter Werberebell sagen, um mal wieder ein wenig Wallung in das derzeit all zu glattrasierte Business zu bringen. Reichweite ist natürlich nicht ganz für die Katz, Reichweite ist sozusagen die Goldmedaille, aber eben nicht der Sport oder der einzige Grund warum man einen Sport ausübt.

Ideen, Designs, Kampagnen oder was auch immer einzig und allein orientiert und motiviert um Reichweite zu erzeugen ist extrem fatal und einfach nur dumm. Worum geht es denn bei Design? Worum geht es bei Geschichten? Worum geht es bei Humor, bei Kreativität bei all dem was wir täglich er(schaffen)? Eben nicht darum möglichst vielen Menschen das aufs Auge zu drücken die das eigentlich nicht die Bohne interessiert, sondern darum, Menschen glücklich zu machen, sie zum lachen zu bringen, sie zu be(rühren), ihr Leben einfacher zu machen oder schlichtweg ihr Herz zu gewinnen. Der Werber von gestern und heute bezeichnet das wohl als “Involvement”.

Natürlich ist es wunderbar, wenn man möglichst viele Menschen mit etwas begeistern kann, aber einfach nur davon auszugehen, dass man möglichst viele Menschen mit Prozenten und schwachsinnigen Botschaften beballern kann ist schlichtweg ein unschöner Weg zum unschönen Ziel. Es ist nicht falsch. Es ist nur hässlich, nervig, teuer und nicht mehr zeitgemäß, so wie das massenhafte Schuften am Fließband nicht mehr zeitgemäß ist. Lieber begeistere ich einige wenige 100 Menschen mit Haut und Haar, als dass ich 10 Mio Menschen mit etwas nerve oder langweile. Lieber gewinne ich einen Fan oder waschechten Freund, der sich für mich und meine Sache stark macht, als dass ich 10 Mio Quasi-Zombies generiere, die einfach nur von meiner Botschaft berieselt werden. Genau das ist auch der Grund, warum Reichweite heute so teuer ist. Reichweite bekomme ich – wenn ich sie planen will – nur noch über stumpfsinnige Wiederholung. Also die chinesische Folter bzw. Mediamarktmasche. Senden bis der Arzt kommt. Einfach so lange die Botschaft auf den Kopf tropfen lassen, bis der Gefangene gar nicht mehr anders kann als “Mediamarkt! Stark!” zu schreien.

Die Methodik des Involvements, der Begeisterung sieht anders aus und funktioniert auch zunehmend besser. Klar, Reichweite war in den guten alten Mad-Men-Werbejahren einfach zu generieren. Es gab ja nur ein paar überschaubare Kanäle und sehr überschaubare Auswahl an Produkten und Marken. Es hat super funktioniert, ganz einfach weil Werbung an sich noch sehr gut begeistern konnte. Heute werden wir auf zigfach mehr Kanälen zugemüllt und haben aber gleichzeitig die Möglichkeit über alternative Kanäle und Netzwerke Botschaften zu verbreiten, von denen wir begeistert sind – ohne dafür bezahlt zu werden, ohne dafür Teil einer extra “Markenbotschafterkampagne” zu werden, ganz einfach aus der intrinsischen Motivation heraus, weil wir von der Geschichte, der Marke, dem Humor, dem Service, dem Künstler oder was auch immer begeistert sind.

Hast du das neue Album von Clueso schon gehört? Gigantisch! Also Android macht wohl glücklich und Nutella anscheinend auch und überhaupt habe ich mir in den letzten Wochen einige Geschichten über einen Bodum Kugeltischgrill angehört, die voller Begeisterung und Leidenschaft vorgetragen wurden und bei mir haften blieben. DAS ist Involvement. Die Reichweite kommt dann schon von alleine, wenn ersteres stimmt. Oder anders gesagt, was bringt mir die Reichweite wenn es am Ende keiner von denen auch so toll findet dass er “dabei” ist.

Reichweite ist also deshalb “fürn Arsch”, weil sie das Endprodukt eines Vorhabens sein kann, aber nicht von vornherein sein sollte. Die Gier nach Reichweite und Profit verhindert Innovation. Sie verhindert die Entwicklung von außergewöhnlichen und neuen Ideen, also genau das was diese Branche, ja die gesamte menschliche Wirtschaft und Kultur so dringend braucht. Wir sind eine Post-Massenkultur. Die Industrialisierung ist vorbei. Wenn wir alle wollten, lebten wir schon längst in einer Welt, die nur darauf ausgerichtet ist alle Menschen glücklicher und zufriedener zu machen, indem wir unser Ambiente schöner und zufriedener gestalten und dabei trotzdem noch Produkte verkaufen können. Vielleicht viel weniger Produkte, aber vielleicht mit einem wesentlich höheren Wert.

So oder so. Wichtig ist nicht die Tatsache. dass wir Fehler machen, sondern die Tatsache, dass wir aus ihnen lernen können. Zum Schluss haben also unsere Vorfahren das Wort:

Category: Branding

Tagged:

  • http://www.florianbernard.de Flo

    Hmm – kommst beim Grillen einfach mal vorbei. Dann wirst garantiert auch du Botschafter…Und vergrößerst die Reichweite. Und nein: Ich bekomme nichts von Bodum!

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    word! :-)

  • http://doktorsblog.de/ Chris

    “Ja simmer den hier bei der Wohlfahrt?” sagt der Investor zum buntkarierten Marketeer.
    “Nein. Aber die Wohlfahrt hat ‘ne größere Reichweite als alle deine ausgerollten Gehrinwindungen zusammen!” entgegnet der buntkarierte.

    …ich bin da aber sowas von auf deiner Seite und würde liebend gern den ganzen Text als Tatoo anbieten.

    Nach meiner Erfahrung erzeugt etwas emotional/kreativ-empathisches generell einen Buzz/eine Reichweite, die sich auch als solche betiteln lässt.
    Wie oft nimmt man Kennzahlen mit rein, die bei näherer Betrachtung genau gar nix aussagen? Schreckliche Denke, an vielen Ecken.

    Und wir/ich mittedrinne.
    Was ein Glück.

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Chris: Wenn man mal begreift wie künstlich konstruiert diese Reichweitendenke eigentlich ist, dann ist eh alles vorbei. :-)

    Allein die Vermessung von echter Reichweite (TV-Quote, Visits, Impressions etc. pp.), wohlgemerkt die Messung, nicht deren Interpretation, ist ein Thema für sich.

    Was man da für wertvolle Zeit und Energie mit verschwendet! In der Zeit könnte man locker etwas faszinierendes erschaffen.

  • http://doktorsblog.de/ Chris

    Jeps; und trotzdem motiviere ich mich immmer wieder selbst, das beste rauszuholen. (Wie ich das mache? Mit viel Schlaf und Mate-Tee, und so)

    “Was man da für wertvolle Zeit und Energie mit verschwendet! In der Zeit könnte man locker etwas faszinierendes erschaffen.”-> Ebent. Genau das ist der Knackpunkt.
    Stichwort: Reportings
    Stichwort: Kreatives Pimpen.
    Stichwort: Darf ich heim gehen?
    ;)

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    Ich glaube “Reporting” ist die Beschäftigung für die Menschen, die sich selbst für nicht kreativ halten, die ihnen das Gefühl von Sicherheit geben soll.

    Wobei “Reporting” nicht gleich “Reporting” ist. Die Dosis bestimmt das Gift und außerdem sollte man ungefähr wissen auf welchem Kurs man schwimmt. Die Balance ist entscheidend.

    Hach ja alles so einfach und dann doch zu komplex. Einfach machen! Ende! :-)

  • http://doktorsblog.de/ Chris

    Ich zitiere so nen kreativInnovativBekloppten aus diesem komischen Interweb:

    “word! :-)

    :-)

  • http://doc-sarah-schons.de/blog Doc Sarah Schons

    guter artikel, patrick! meine liebe freundin kirstin walther aka @SaftTante hat mich drauf aufmerksam gemacht. werde den genialen TED tak mit laurie santos in einem extra artikel in meinem blog aufgreifen und hierher trackbacken

  • http://twitter.com/markusvonroder Markus Roder

    Hallo Patrick,

    Also ich finde, da machst Du es Dir schon etwas arg einfach ;) .

    IIn vielen Teilpunkten hast Du sicher recht – Reichweite wird in der traditionellen Media oftmals voodooartig “gemessen”, ultra-optimistisch interpretiert (Werbemittelkontakt-CHANCEN = Kontakte ;) und dann auch noch als Königsindikator angesehen. So weit, so schlecht.

    Dann aber eine falsche Dichotomie aufzumachen und Reichweite als komplett irrelevant zu verkaufen ist ebenso falsch – und ein bisschen Hippie-Dippie. Es ist eben NICHT egal, ob ich mit der Werbung für meine Tafelschokolade oder meine Hautcreme 10 tolle Fans (die vielleicht, aber nicht garantiert! andere überzeugen) oder 10 Millionen Menschen erreiche, wenn von denen nur 1% nachher das Produkt kauft.

    Der erste Fehler liegt (neben der in obigem Beispiel leicht nachvollziehbaren Mathematik..) m.A. nach in Deiner Prämisse. Sicher: Menschen mit einem Produkt glücklich zu machen und zu involvieren, ist der Startpunkt fast jeder unternehmerischen Tätigkeit. Aber irgendwann geht es dan auch um langfristige Erhaltbarkeit des Unterhnehmens, Arbeitsplätze und die Sicherung des Lebenserhalts vieler Mitarbeiter – sprich: ROI und gute alte betriebswirtschaftliche “Sustainability”. Und die hängen nun mal massgeblich vom Umsatz ab, den VIELE Menschen generieren – gerade wenn man z.B. im Bereich FMCG tätig ist.

    Für diesen ist empirisch belegbar, dass viele mässig involvierte Menschen einfach mehr Abverkäufe generieren als wenige Fans – wie toll die auch immer sein mögen. Und bevor jetzt die starken Sprüche kommen: Auch ich verdiene mein Geld mit der Genese solcher Fans – insofern bin ich mir deren Wert als Multiplikatoren, Krisenhelfer, Google-Juice-Beschaffer, Reputationsmanager etc. durchaus bewusst. Ich weiss auch, wie sie kosteneffektiv und langfrsitig wirksam HELFEN können, Konversionsraten zu erhöhen, klassische Werbeaussagen effektiver zu machen und so auch mit tollem Hebel Umsatz generieren.

    Aber sie sind eben nicht MAGISCHE ALLES-HEILER.
    Reichweite durch stumpfsinnige Wiederholung hat an manchen Stellen durchaus ihren Sinn – da brauchst Du nur mal “Limbic” oder “Priming” zu googeln. Und genau deshalb wird auch klassische Wiederholer-Werbung immer einen Platz im Baukasten der Werber haben.

    Dass man deshlab Konsumenten nicht mit Blödsinn nerven muss, ist auch klar. Kampagnen wie die der ERGO, welche vor Aufgesetztheit und Falschheit nur so triefen, mag ich persönlich auch nicht – aber sie wirken wahrscheinlich über Dinge wie den “Mere -Exposure-Effekt (http://en.wikipedia.org/wiki/Mere_exposure_effect) trotzdem. Ja, so doof ist unser Gehirn leider.

    Ich lasse mich deswegen so ausführlich hier aus, weil ich Dir, wie gesagt, in der STOSSRICHTUNG natürlich zustimme. Aber die Beweihräucherung, die Du “neuen Methoden” recht unkritisch zukommen lässt und das claquerhafte, inzestuöse Schulterklopfen zwischen “Social Media Menschen” (hier in den Kommentaren und ganz generell bei einschlägigen Veranstaltungen anderswo) wird bei CMOs zurecht lächerlich gemacht, angezweifelt und gefährdet die Glaubwürdigkeit ALLER Berater in diesem Bereich. Und ist der Stossrichtung deines Artikels gegenüber daher kontraproduktiv.

    Mit “querulanten” und hoffentlich trotzdem willkommenen Grüssen,
    Markus

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    Massenwerbung und “Sustainability” in einem Atemzug zu nennen finde ich irgendwie süß.

    Eine ausführliche Antwort folgt später.

    Ich empfehle auch nochmal genau meinen Beitrag zu lesen. Darin beschreibe ich das funktionierende System der Wiederholung. Nu werte ich dieses als nicht mehr zeitgemäß. GERADE beim Stichwort Nachhaltigkeit, halte ich es für unverantwortlich mit riesigem Aufwand Massenproduktion und Massenkommunikation zu generieren.

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    Eigentlich wollte ich ausführlich antworten, aber dann war mir klar, dass ich alles schon gesagt habe. Ich spreche von einem Paradigmenwechsel, nicht wie man die Werbung von annodazumal in die Neuzeit optimieren kann. Ich spreche von einem echten Umdenken, nicht davon wie man durch geschicktes Consulting alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen kann.

    Mag sein, dass es für dich nach “Hippie-Dippie” klingt. Aber alles andere würde dem widersprechen, was ich mir wirklich tief im Herzen wünschen würde. Lieber lass ich mich als naiven Träumer abstempeln, als das ich ganz bestimmte Ideale und Visionen für Kunden XY über den Haufen werfe.

    Es ist mein Freiraum, mein Brainblog, das lass ich mir das nicht nehmen und beginne zu relativieren.

    Daher ist alles dazu gesagt.
    (Trotzdem danke für deinen Querschuss)

  • http://twitter.com/markusvonroder Markus Roder

    Dann denke ich mal ist das einfach der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit ;) .

    Ich kann nur sagen, dass man wohl in den Arbeiten von elbkind mit Ritter Sport, 81 hours etc. sehen kann, dass wir wirklich für Umdenken stehen und das den Unternehmen auch so mitteilen. Hier wird wirklich “von Fans für Fans” kommuniziert und auch MARKETING inklusive Produktentwicklung, Verbraucherbühnen etc. gemacht. Auch “Massenwerbung” im herkömmlichen Sinne, wie Du sie in Deinem Artikel kritisierst (a la ERGO, Media Markt etc.) kommt hier nicht vor – REichweitengenese, da wo es sinnvoll ist aber sehr wohl.

    Denn auf Reichweite kann man einfach in keinem dieser Fälle verzichten. Sie muss allerdings dazu führen, dass der (vergleichsweise überschaubare) Kreis ECHTER, BEGEISTERTER Fans auch mit dem (hoffentlich sehr grossen) Kreis mässig interessierter “Einfach-so-Verbraucher” kommunziert und die sukzessive mit Begeisterung ansteckt. Ganz ohne Awareness geht das meiner Erfahrung nach aber nicht.

    Wenn Du ein Beispiel kennst, bei dem “artreines” Fanmarketing für ein Produkt mit einem Marktanteil > 10% funktioniert, sag’ mir Bescheid. Diejenigen aus deinem Artikel (Bodum, Clueso und Google) machen für ihre Produkte nämlich erstaunlicherweise auch klassische Werbung – und wären mit 100 begeisterten Fans als Reichweite wohl alle kaum wirklich glücklich. Ich kenne (vielleicht mit Ausnahme von Terracycle) KEIN Beispiel für kommerziell erfolgreiche, komplett werbefreie Produkte weltweit – freue mich aber genauso wie Du, eines Besseren belehrt zu werden. Bis dahin halte ich aber nicht meinen Atem an. Selbst die Kollegen von trnd setzen schliesslich auf clevere Kombinationen (http://company.trnd.com/de/ueber-word-of-mouth/klassische-media/ ;) ).

    Ganz liebe Grüsse – und Antwort wird nach Deinem letzten Kommentar nicht erwartet, ist aber trotzdem immer willkomen :) .

  • http://brainblogger.de Patrick

    Wünsche sind mit eine Voraussetzung zur Wirklichkeitskonstruktion. Dass du dich lieber auf sicherem Terrain bewegen willst ist okay, mein Ding ist das nicht. :-)

    Komm schon: Beim sinnfreien Retweeten ein Schokopaket gewinnen? Das ist alte Dynamitfischerei. Alter Spam in neuen Schläuchen.

    Fans können nicht zu etwas gedrängt werden, sie wollen umhegt werden und sie wollen etwas ganz besonderes sein. Sie wollen nicht aus einer billigen Masche heraus rekrutiert werden. Fans sind sehr empfindlich, gewinnt man aber ihr Herz werden sie alles für ihren Star tun.

    Ich sagte nicht dass man auf Reichweite verzichten muss, ich sagte, dass man nicht mit Reichweite anfangen sollte, wenn man es ernst meint mit dem Botschafterprinzip. Die Arbeit mit Fans und Markenbotschaftern ist langwierig und “die Ernte” fährt man eben erst dann ein, wenn man lange Zeit zuvor gesät, gepflegt, gegossen und mit den Pflanzen gesprochen hat (und am besten nicht immer permanent über das eigene Produkt)

    Ich sage nicht dass man auf klassische Werbung verzichten kann, ich finde es nur doof, wenn man “Fanmarketing” mit klassischer Werbung verwechselt.

    Wenn natürlich das Produkt scheisse ist oder sich nicht vom Wettbewerb differenziert, dann gebe ich dir recht, dass Fanmarketing ohne die Tricks der guten alten Werbewelt nicht funktioniert. Nur dann brauchen wir nicht über Nachhaltigkeit zu sprechen. Denn dann sind wir schnell beim Thema Überkapazität und der künstlichen Nachfrage.

    Beispiele für Produkte ohne klassische Werbung: Rothaus, Oettinger, Leonardo (Trinkgläser, Marktführer), Zara (gleiche Liga wie Gap, H&M), Tupperware …

    NOCHMAL: Reichweite kann am Ende für einen Erfolg wichtig sein, sie ist aber nicht der erste Schritt, das oberste alles entscheidende Kriterium in der kommunikation. Reichweite entsteht natürlich automatisch, wenn etwas bemerkenswert ist. Werkzeuge der klassischen Werbung zu benutzen um Rohkrepierer zu einer künstlichen Reichweite zu verhelfen ist rausgeschmissenes Geld.

  • http://twitter.com/markusvonroder Markus Roder

    “Reality is that which, even if you don’t believe in it, refuses to go away.” Das wusste schon der gute Philip K. Dick, einer meiner Lieblings-SciFi-Autoren. Der hatte auch ständig neue Ideen, Visionen und Insights in die menschliche Psyche… genau wiee Du, lieber Patrick :) . Allerdings auch ein gutes Verständnis dafür, was die Basis menschlicher Wahrnehmung, Motivation und Entscheidungsfindung ist. und wo dementsprechend die Grenzen von “Wirklichkeitskonstruktion” liegen ;) .

    > Fans können nicht zu etwas gedrängt werden, sie wollen
    > umhegt werden und sie wollen etwas ganz besonderes sein.
    > Sie wollen nicht aus einer billigen Masche heraus rekrutiert werden.

    Das stimmt prinzipiell – für wirkliche Fans eben. Und die machen weniger als 1% der Käufer eines gegebenen FMCG aus. Auchhier gilt eben die 90-9-1-Regel.

    > Fans sind sehr empfindlich, gewinnt man aber ihr Herz
    > werden sie alles für ihren Star tun.

    Auch das ist prinzipiell richtig. Aber mal ganz ehrlich: Wie oft hast DU in den letzten drei Monaten für Marken bei Deinen Freunden den Fan markiert und wirklich aktiv empfohlen? Wieviele davon sind Deiner Empfehlung gefolgt? Meinst Du, davon kann der Hersteller, selbst wenn man es verhundertfacht, leben? Und dabei bist Du noch professionell im Bereich “Marke” tätig. Bei Leuten, in deren Alltag Interesse an Marken keine grosse Rolle spielt…. oy vey!

    >Ich sagte nicht dass man auf Reichweite verzichten muss,

    Das klang im Originalartikel an einigen Stellen noch etwas anders – insofern bin ich froh über die Relativierung :) .

    > ich sagte, dass man nicht mit Reichweite anfangen sollte,
    > wenn man es ernst meint mit dem Botschafterprinzip.

    Dass man Reichweite nicht als alleinigen Indikator ansehen sollte, habe ich ja schon in meinem ersten Kommentar gesagt. Dein Statement finde ich trotzdem bedenklich. Willst Du sagen, im Umkehrschluss beweist JEDE reichweitengorientierte Massnahme, auch wenn sie nur 0,1% der gesamten Dialog- und Fan-Massnahmen ausmacht, dass man es NICHT ernst meint? Mit Verlaub gesagt, das wäre dann WIRKLICH Quatsch – eine “reine Lehre” wie sie für totalitäre Ideologien fernab der Realität typisch ist. Und völlig undifferenziert bezüglich des Produktes und der Zielgruppe, für die man kommuniziert.

    Beispiel: Ein DODOCASE (http://www.dodocase.com/) für’s iPad kann (und sollte!) man aufgrund seiner Eigenschaften ( “soziales Badge”) sicherlich mit viel Exklusivität ausstatten. Da wäre “Reichweitengenese” tatsächlich fehl am Platz – zumindest, bis das Produkt die frühe Mehrheit der Adopterkurve erreicht hat.

    Ein Porsche hingegen lebt vom “wirklichkeitskorrigierenden Bild” inszenierter Werbung… aufgrund der Empfehlungen alternder Mediziner und kleinstädtischer Handwerksmeister würde sich kaum jemand einen kaufen wollen. Und sezierende “Empfehlungsdiskussionen” in Blogs und sozialen Netzwerken bringen eine Marke, die von wahrgenommener Perfektion lebt, schon dreimal nicht weiter.

    Bei Food-Produkten wie Ritter Sport, die übrigens durchaus viel zu erzählen haben, das menschen begeistert (siehe dau u.a . http://www.ritter-sport.de/blog/?p=2870 oder http://www.ritter-sport.de/blog/?p=4083) kann man das Verhältnis vielleicht bei 50%
    des oben aufgemachten Kontinuums ansetzen. Und das bedeutet, dass man zu der grossen Aufmerksamkeit, die man dem 1% Botschaftern und Superfans zuteil kommen lässt, eben auch mal etwas macht, das weitere 9% “Nebenbeischokowahrnehmer” beigeistert. Und genau deswegen ist…

    > Beim sinnfreien Retweeten ein Schokopaket gewinnen?
    > Das ist alte Dynamitfischerei. Alter Spam in neuen Schläuchen.

    …darfst Du das gerne so sehen – ich freue mich dann umso mehr, wenn Du eine bessere und “reinere” Idee hast, die von etwa 40.000 Leuten sozial wahrgenommen wird, weniger als 1% negatives Feedback erzeugt und gleichzeitig noch über 1.000 neue Leute bringt, die in der Zukunft gerne dem Twitter-Stream von RS folgen. Wo dann übrigens genau wie auf dem Blog oder bei der Olympia-Kampagne ganz “ideologie-rein” Dialog und Fanmarketing betrieben wird (http://twitter.com/RITTER_SPORT_DE).

    > Reichweite entsteht natürlich automatisch, wenn etwas bemerkenswert ist.

    I call “Bullshit” :) .
    Reichweite entsteht FAST NIEMALS “automatisch” – ganz egal, wie toll ein Produkt ist. Die allermeisten Produkte sind in Arten & Weisen toll, die schwierig zu erklären sind und für mässig interessierte Konsumenten auch aufs erste Sehen oder Hören uninteressant sind. In kompetitiven Märkten mit hohem Listungsdruck ist somit die Empfehlung zwar weiterhin ein mächtiges Instrument zur “autmoatischen Reichweitensteigerung”, aber wirkt in 99% der Fälle zu langsam, um die Delistung und damit möglicherweise mangelnde Rentabilität im Markt zu verhindern.

    Die Ausnahmen zu dieser Regel liegen im Promillebereich und sind ausserdem in ihrem Potenzial begrenzt. Es gibt einen Punkt, an dem man mit “reinrassigem” Fanmarketing eben nicht mehr weiterkommt – das ist auch der Grund warum keines Deiner Beispiele auch nur die Nummer 15 in ihrem Markt ist (abgesehen von Zara, die als Retailer durch reine Distribution/Präsenz Awareness schaffen und mit einem FMCG-Produkt oder einem Telekom-Dienstleister nicht zu vergleichen sind).

    NOCHMAL:
    Wäre ich nicht von WOM und dessen Wirksamketi als ANSATZ und PHILOSOPHIE überzeugt, würde ich es nicht professionell machen. Aber ich muss, wenn ich langfristig und verantwortlich handeln will, das richtige Instrument am richtigen Platz für meine Kunden einsetzen.

    Und weil ich in viel praktischer Erfahrung mit vielen, vielen Kampagnen gelernt habe, wie Märkte und die darin handelnden Gehirne funktionieren, weiss ich, dass auch “klassische Werbung” mit Reichweiten- und Priming-Fokus für viele Produkte absolut prima funktioniert. Und oftmals einen besseren ROI (auch langfristig!) erwirtschaftet, als reine dialogbasierte Fanmassnahmen – wobei ich Dein Argument, dass man das nicht parallel machen und dabei Synergien nutzen kann, nicht nachvollziehen kann.

    Natürlich ist es mit dem Lernen niemals vorbei. Wie gesagt, Deine Ideen zur “Verbesserung” jeglicher Kommunikation, die ich oder elbkind für Kunden machen, sind imemr willkommen. Aber sie werden nach Kriterien aus der echten Welt bewertet, nicht nach ideologischer Reinheit.

  • http://brainblogger.de Patrick

    Da alle meine Ansichten (die dir nicht schmecken) ideologisch verbohrt oder völlig realitätsfremd sind, du genau weisst wo der Hase im Business langläuft und du Menschen zum Kauf von Waren manipzlieren kannst, dürfte es schwierig werden hier weiter zu diskutieren.

    Aber eine Sache interessiert mich noch brennend: Wozu dann noch die für dich 1% wenig nützlichen Fans beackern? Weils grad ähnlich schick wie “Nachhaltigkeit” ist und sich noch besser beim Kunden verkaufen lässt? Oder gibt es tatsächlich noch andere vernünftige Gründe?

    Es grüsst der weltfremde Ideologe.

  • http://brainblogger.de Patrick

    Okay. Ich bin im Urlaub. ich hab mehrfach sauniert und sinniert und bin zu folgender Erkenntnis gelangt:

    Zunächst einmal entschuldige ich mich für etwaige verletzende Aussagen. Der Grund warum ich mich so empöre ist ganz einfach: ich stehe im Dauerclinch zu meiner Zunft. Ich bin ein Rebell, d.h. einer meiner Haupteigenschaften ist es bestehende Dinge in Frage zu stellen. Auf der anderen Seite bin ich Kontrollfreak. Kontrolle im Sinne von Dinge erschaffen, die andere Menschen in irgendeiner Form bewegen. Das dürfte wohl nahezu jeder Mensch als Urbedürfnis in sich verspüren, man lebt es eben nur sehr unterschiedlich aus. (der eine ist Tyrann in der Firma, der andere in der Familie oder in der Clique, ich arbeite in der Kreativbranche)

    Daher ist der Manipulationsvorwurf in erster Linie gegen mich selbst gerichtet.

    Ich bin ein Marketer. Meine Aufgabe ist es Waren und Dienstleistungen so zu inszenieren, dass sie bestmöglich verkauft werden. Da braucht man nicht lange um den heißen Brei zu reden. Gleichzeitig bin ich radikaler Konstruktivist, d.h. es ist völlig egal ob ein Bedürfnis künstlich oder natürlich ist, es zählt die Emotion beim einzelnen. Wenn sich jemand besser fühlt, wenn er einen Porsche kauft, dann ist das so. Wenn sich jemand schlecht dabei fühlt, wenn andere einen Porsche kaufen, dann ist das ebenfalls so. Will meinen, die Menschen stehen im Dauerclinch ihrer Bedürfnisse und Interessen. Ich selbst sehe mich als Interessensvermittler.

    Was mich aber an der klassischen Werbung nervt – und das war die Intention dieses Beitrags und die Beiträge aus der Vergangenheit – ist der enorme Streuverlust und Nervfaktor von unerwünschter Werbung. Wenn Marketing, Storytelling bzw. eine Inszenierung es schafft ein positives Gefühl in Menschen auszulösen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Wenn Werbung langweilt oder nervt, dann nicht.

    Natürlich zählt die Reichweite, aber eben in erster Linie nur für die Marktgiganten, also diejenigen, die die Marktherrschaft anstreben oder verteidigen wollen. Dann gibt es aber noch jede Menge Marken und Unternehmen, die das gar nicht vorhaben, die sich ganz andere Ziele auf die Fahnen schreiben. Natürlich wollen sie wachsen um erneut zu investieren, aber sie brauchen keine Marktführerschaft. Vielleicht handeln viele auch im Interesse des Allgemeinwohls und agieren gesellschaftlich verantwortungsvoller als andere Unternehmen. Genau diese Bereiche stufe ich persönlich als wertvoller ein, ganz einfach weil mein Mindset dies so konstruiert.

    Für eine Marktführerschaft, und da gebe ich dir vollkommen recht Markus, muss man aus allen Rohren schießen und alle Kniffe und Tricks beherrschen, die menschliche Psyche dahin zu lenken, wo man sie hin haben will. Glücklicherweise ist diese so komplex und entwickelt sich stetig weiter, so dass ein starres Manipulationszenario auf Dauer nicht stattfindet. Systeme sind variabel und instabil. Mir ist es egal ob ich für Marktführer arbeite oder für ganz kleine Unternehmungen oder gar pro bono für NGOs oder ähnliches. Mir ist der persönliche Spaß, der Flow am wichtigsten. Flow kann über jede Menge Kohle oder gutes Arbeitsklima oder eine nützliche Zielsetzung stattfinden. Alles andere wäre geheuchelt.

    Dieses Blog ist kein Fachblog, wie es der Werbeblogger war, daher darf man meine Beiträge auch nicht als sachliche Fachbeiträge werten. Es sind persönliche Gedanken und Impulse – oft sehr radikaler Natur – weil sie durch ihre Wucht inspirieren sollen, gegebene Dinge auch mal in Frage zu stellen.

    Abschließend wünsche ich mir für unsere Branche einfach mehr Kreativität und Innovation, bzw. bestehende Dinge einfach mal neu zu denken. Wenn jemand Dinge anders machen muss um aufzufallen, dann wohl wir, oder?

    Also wenn ich die Wahl habe zwischen innovativen Marken, die Mut beweisen und 08/15 Marken, die Benchmarks als Arbeitsgrundlage sehen, dann wähle ich IMMER die ersteren. Ich glaube einzig und allein an die Differenzierung als Haupterfolgsmerkmal. Vielleicht resultierend aus meiner eigenen Eitelkeit. :-)

    Ich weiß dass du extrem clever bist Markus, wollte das nie mit meinen Kommentaren in Frage stellen.

    Liebe Grüße
    Patrick

  • http://twitter.com/markusvonroder Markus Roder

    Hey Patrick,

    Ich respektiere Dich ganz genauso. Und wie gesagt, mein Angebot, dass Du alles, was ich mache kritisieren und verbessern darfst, steht IMMER implizit.

    Hatte nur nicht geantwortet, weil ich “on the Road” war und heute Abend (sogar jetzt gerade ;) SMA_Vorlesung mache.

    Wollen wir nach Deinem Urlaub weiterdiskutieren?