Jul 29, 2010
In Social Medias Res! Oder was ist schon ein Cluetrain ohne Fahrgäste?
Marketing? Werbung? PR?
Es hat sich nicht wirklich viel oder gar massiv verändert. Der Markt ist voll von Agenturen, die ihren Kunden Kontrolle über die Kunden der Kunden aka Käufer aka Marke verkaufen wollen. Es hat sich so gut wie gar nichts verändert, außer die Begriffe, die bis zur inhaltlichen Unkenntlichkeit verdreht, beschönt, verbogen und zerbrochen wurden. Der Begriff “Social Media” impliziert höchstens noch die Vibrationen eines fahrenden Cluetrains, schließlich gestaltet man gemeinsam mit dem Kunden die Marke, jedenfalls denkt man das. Doch wenn man bei all den sogenannten Social Media Kampagnen da draußen mal ganz genau hinschaut, dann erkennt man die verkappten Werbeaktionen, die dahinter stecken. Ich muss etwas “liken”, damit ich einen Werbespot sehen darf. Ich muss etwas “liken” damit ich etwas gewinnen könnte. (Normalerweise “like” ich erst etwas, wenn ich einen Gewinn davon habe) Wie absurd ist das eigentlich alles? Aber auch wie altbekannt?
Ich dachte ja vor einigen Jahren, dass die Werbe- und Unternehmenswelt besser wird, doch das wird sie nicht wirklich, oder vielleicht zu langsam. Nach wie wird Jagd auf “Zielgruppen” da draußen gemacht, das Kauf- und Klickvieh von Marketingabteilungen und Werbeagenturen. Das widert mich nach wie vor an, doch ich habe in der Zwischenzeit einen wesentlich besseren Weg gefunden damit klarzukommen. Ich rege mich nicht mehr so darüber auf, sondern mach einfach meinen Kram, den ich machen kann und vor allem auch machen darf. I try to make Marketing not War.
Ich höre kaum noch was von Open Source Marketing oder innovativem Storytelling. Es geht momentan nur noch darum, wie man mit möglichst wenig Geld die meisten Klicks (auch wenn sie noch so bescheuert entstanden sind), Follower, Likes, Fucks oder was auch immer generiert. Das ist die Denke 1.0. Das ist die Denke warum Cluetrain überhaupt geschrieben wurde.
Wer meint Social Media sei einfach nur die schickere Touchscreen-Litfaßsäule, die man sich einfach mal bei jeder Party auf den Rücken schnallt um mit möglichst vielen Leuten in Kontakt zu treten ohne ihnen zuzuhören und sie gleichzeitig über das eigene Produkt zuzuquasseln ist einfach nicht an meinem, u.a. vom Cluetrain inspirierten, Mindset dran. Wer 100.000 mal “Hallo” oder “Like” sagen besser findet als EINEN einzigen spannenden Kontakt am Abend, der den Geist durch einen langen und intensiven Dialog mal so richtig auf Touren bringt, ist schlichtweg ein Ignorant, Pedant oder ganz einfach nur ein Dynamitfischer.
Social Media ist niemals qualitativ durch Quantität messbar. Social Media ist eigentlich, wenn man es richtig begreift und nicht nur “Konvergenz” blaht, nicht trennbar von der Unternehmenskultur. Social Media, würde man es wirklich etwas radikaler, neuer, innovativer interpretieren, ist die Möglichkeit eine völlig neue Art der Unternehmenskultur zu entwickeln. Mit Social Media finde ich Geschäftspartner, Mitgründer, ich finde passende Mitarbeiter und Dienstleister. Ich könnte meinen Coach oder tatsächlich sogar vereinzelt wirklich echte Freunde finden. Social Media, wenn man es als mehr begreift als eine bloße Controllinginszenierung, kann wirklich viel bewegen. Ich denke es beginnt damit, dass man weniger Zeit damit verbringt über “Social Media” zu sprechen. Wir haben das meiste bereits zu “Web 2.0″ gesagt, so wie wir bei Kinofilmen heute nicht mehr über die Leinwand oder die Laterna Magica sprechen, sondern über den Film, den wir gerade gesehen haben. Über die Leinwand zu sprechen wird auf Dauer doch sowieso langweilig – sie jedoch zu bespielen ist ein facettenreiches Vergnügen.
Wenn wir erst die Interessensgemeinschaften, die Netzwerke, den Cluetrain wirklich begriffen und verinnerlicht haben, wenn wir mit uralten verkrusteten Mustern brechen, dann wird ganz bestimmt auch niemand mehr über Werbung und deren Methodiken und Messbarkeit sprechen. Man wird einfach kommunizieren, handeln und verhandeln, so wie Apple heute einfach Produkte entwickelt, die ihnen selbst Spaß machen und begeistern. Man wird weiterhin als Unternehmen Geschichten erzählen und Geschichtenerzähler brauchen, man wird aber auch mehr nützlichere Dinge erschaffen müssen, in einer Welt voller unfiltrierter Nutzlosigkeit – ganz egal ob mit, über, unter oder ohne Marken.
Schafft die dämliche Zielgruppendenke ab. Denkt lieber in Interessensgebieten.
Fahrt Push-Werbung zurück oder gestaltet sie wenigstens als Tore für weiteren Nutzen (außer Abverkauf).
Schmeisst die bremsenden Social Media Policies in die Tonne. Vergesst Benchmarkkram und tolle Kampagnen aus der Vergangenheit Das seid nicht IHR! IHR werdet ES nie sein. Das ist die Sprache und Identität eines anderen Unternehmens! Entwickelt eure eigene Sprache und eigene zu euch passende Ideen und Kommunikationsformen. Seid mutig und entwickelt eure eigene Identität und lebt sie. Im Netz. Das ist schon alles.



