Seit meine Kinder das sprechen lernen, erhalte ich einen ganz anderen Einblick in deren Welt und der “anderen” Welt. Mir wird dann immer schnell klar, wie einfach und relativ unkompliziert ihre Welt ist, aber vor allem wie schön sie sein kann. Gleichzeitig wächst bei mir als Vater das Bedürfnis ihre einfache, schöne Welt zu beschützen. Natürlich dürfen meine Kids noch nicht unkontrolliert Fernsehen und Bilder sehen, die selbst uns als Erwachsene zum Teil überfordern. Das Zappen durch die Kanäle könnte einer unbeschwert reinen Seele massive Schäden hinzufügen, so mein Gedankengang. Andererseits weiß ich auch, dass ich sie nicht immer vor dieser “anderen” Welt schützen kann. Dass ich – im Gegenteil – behutsam meinen Kindern dieser “anderen” Welt näher bringen MUSS, denn früher oder später werden sie die “andere” Welt betreten, bzw. sie sind ja schon lange drin. Sie werden dann genau wie ich konfrontiert mit dem größten Scheiss und den wundervollsten Dinge auf Gottes-oder-wem-auch-immer schöner Erde. Sie werden wie auch schon bei den kleinen, unkomplizierteren Dingen, knifflige Fragen stellen. Zum Teil richtig unangenehme Fragen. Zum Beispiel was eine Ölpest ist und warum sie dann nicht einfach ihren Müll auf die Strasse werfen dürfen. Oder warum Menschen sich gegenseitig in die Luft sprengen, wenn ihnen noch nicht einmal das gegenseitige Schubsen bei einem Streit um ihr Spielzeug erlaubt ist. Warum andere Kinder in Fabriken schuften müssen, während sie selbst die dort gefertigten Dinge bei uns geschenkt bekommen. Es sind Fragen, die ich schon für ich selbst nicht beantworten kann. Fragen, die mich wirklich mürbe machen, weil ich sie als Kind selbst – durch weniger mediale Abdeckung – nicht erfahren konnte oder erklärt bekam und ich sie heute auch nicht erklären und schon gar nicht direkt kontrollieren kann.
Wenn ich mit den beiden Jungs also Lego oder In- oder Outdoor-Fußball spiele versetze ich mich gleichzeitig in die eigene Kindheit zurück und genieße die zeitlose Ruhe vor genau dieser komplexen und teilweise abartigen Welt. Ich bin versunken im machen, im kreieren, im Erschaffen, der Urform der kreativen Arbeit. Es steht bei dieser Tätigkeit nicht das Ziel, das Endprodukt, die Strategie im Vordergrund sondern die Tätigkeit selbst. Ein ultimativ-meditativer Zustand, der nicht nur Glück erbringt sondern auch das Lernen an sich beinhaltet. Das bedeutet natürlich schon, dass durchaus und sogar meist ein großartiges Endresultat erfolgt, aber es am Anfang und während dem (er)schaffen keine Rolle spielt. Freies Spiel ist eine enorme Triebfeder und ich weiß bis heute nicht wann und warum wir es irgendwann verlieren (müssen).
In Franken (und anderen Regionen) sagt man übrigens nicht dass man “arbeiten geht”, sondern “zum schaffen” geht. Als Kind fand ich den Begriff immer irgendwie doof, weil ich ja Zugezogener war und der Mini-Kulturschock zunächst einmal die Rebellion in mir weckte, aber heute stelle ich fest, dass ich diesen Begriff wirklich liebe. “Schaffen gehen” ist einfach großartig, denn es verinnerlicht ständig auch die eigentliche Tätigkeit, die dahinter stecken sollte. Ich selbst stamme ursprünglich aus einer durch und durch Arbeiterkultur. Dort gab es kein Schaffen sondern nur malochen, buckeln oder eben arbeiten gehen. Das Schaffen existierte faktisch nicht. Irgendwie interessant. So im Nachhinein.
Jedenfalls überfordert mich die andere Welt immer stärker, je mehr ich von ihr erfahre. Oftmals scheinen die grausamen Dinge, die wunderschönen Dinge zu überwältigen, doch auch das ist wie so vieles eine große von mir selbst geschaffene Illusion. Schließlich habe ich die Freiheit und die Mittel genau diese Dinge auszublenden. Manche machen das mit Unterhaltung. Sie quackeln dann permanent über harmlose, kontrollierbare Dinge wie iPhones, Werbung, Promis oder das Internet. Andere wiederum dämpfen sich mit ihren Süchten und die moralische Gesellschaft vergisst dann schnell einmal, dass der Grat zwischen Heroin, Valium, Prozac, Alkohol und sonstigem verdammt schmal ist. Wir quackeln über BurnOuts, Depression oder sonstigen psychischen “Disfunktionalitäten” ohne auch nur annähernd zu wagen, tiefer an die Wurzeln zu gehen, denn sie könnte uns erneut überfordern oder gar schlimmer: System haben!
Wir hangeln uns von einer Krise zur anderen, wir bashen und bouncen, crashen und jaunzen, und steigern uns hinein in eine Spirale aus Schwermut und Griesgrämerei. Wir verspüren und streuen soziale Angst. Wir isolieren uns und andere durch Worte und Taten. Wir keifen und kritisieren ohne anderen wiederum auch nicht den kleinsten Grund zu geben, dass sie über uns keifen und uns kritisieren können. Doch halt, auch das ist wiederum die gute alte Illusion. Wir tun das nur, weil wir das so tun wollen. Ich bezichtige alle anderen das zu tun, obwohl ich weiß, dass es andere gar nicht tun. Oh mann ist das alles kompliziert. Doch jetzt weiss ich wenigstens was ich meinen Kindern beibringen kann. Sie sollen die Spielregeln mal besser lernen als ich es getan habe. Sie sollen wissen, dass IMMER mehrere Wege offen sind und dass das Scheitern ein Teil des Spiels ist – es sei denn man will ein Cheater sein. Ich muss sie lehren die schlechten Dinge entweder als solche wie sie sind anzunehmen oder sie gleich tatkräftig selbst zu verändern. Ich muss sie lehren, dass sie das Spielen niemals vergessen dürfen. “Das Spiel” ist einer der wenigen Denkmodelle, die ihnen und mir vielleicht dabei hilft nicht wie manch andere völlig verrückt-verzweifelt in dieser Welt passiv zu existieren.



