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Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



DailyCoffeeBreak Podcast
19. Jul 2010

Gedankenstream: Viel zu kompliziert DAS ALLES, oder?

Seit meine Kinder das sprechen lernen, erhalte ich einen ganz anderen Einblick in deren Welt und der “anderen” Welt. Mir wird dann immer schnell klar, wie einfach und relativ unkompliziert ihre Welt ist, aber vor allem wie schön sie sein kann. Gleichzeitig wächst bei mir als Vater das Bedürfnis ihre einfache, schöne Welt zu beschützen. Natürlich dürfen meine Kids noch nicht unkontrolliert Fernsehen und Bilder sehen, die selbst uns als Erwachsene zum Teil überfordern. Das Zappen durch die Kanäle könnte einer unbeschwert reinen Seele massive Schäden hinzufügen, so mein Gedankengang. Andererseits weiß ich auch, dass ich sie nicht immer vor dieser “anderen” Welt schützen kann. Dass ich – im Gegenteil – behutsam meinen Kindern dieser “anderen” Welt näher bringen MUSS, denn früher oder später werden sie die “andere” Welt betreten, bzw. sie sind ja schon lange drin. Sie werden dann genau wie ich konfrontiert mit dem größten Scheiss und den wundervollsten Dinge auf Gottes-oder-wem-auch-immer schöner Erde. Sie werden wie auch schon bei den kleinen, unkomplizierteren Dingen, knifflige Fragen stellen. Zum Teil richtig unangenehme Fragen. Zum Beispiel was eine Ölpest ist und warum sie dann nicht einfach ihren Müll auf die Strasse werfen dürfen. Oder warum Menschen sich gegenseitig in die Luft sprengen, wenn ihnen noch nicht einmal das gegenseitige Schubsen bei einem Streit um ihr Spielzeug erlaubt ist. Warum andere Kinder in Fabriken schuften müssen, während sie selbst die dort gefertigten Dinge bei uns geschenkt bekommen. Es sind Fragen, die ich schon für ich selbst nicht beantworten kann. Fragen, die mich wirklich mürbe machen, weil ich sie als Kind selbst – durch weniger mediale Abdeckung – nicht erfahren konnte oder erklärt bekam und ich sie heute auch nicht erklären und schon gar nicht direkt kontrollieren kann.

Wenn ich mit den beiden Jungs also Lego oder In- oder Outdoor-Fußball spiele versetze ich mich gleichzeitig in die eigene Kindheit zurück und genieße die zeitlose Ruhe vor genau dieser komplexen und teilweise abartigen Welt. Ich bin versunken im machen, im kreieren, im Erschaffen, der Urform der kreativen Arbeit. Es steht bei dieser Tätigkeit nicht das Ziel, das Endprodukt, die Strategie im Vordergrund sondern die Tätigkeit selbst. Ein ultimativ-meditativer Zustand, der nicht nur Glück erbringt sondern auch das Lernen an sich beinhaltet. Das bedeutet natürlich schon, dass durchaus und sogar meist ein großartiges Endresultat erfolgt, aber es am Anfang und während dem (er)schaffen keine Rolle spielt. Freies Spiel ist eine enorme Triebfeder und ich weiß bis heute nicht wann und warum wir es irgendwann verlieren (müssen).

In Franken (und anderen Regionen) sagt man übrigens nicht dass man “arbeiten geht”, sondern “zum schaffen” geht. Als Kind fand ich den Begriff immer irgendwie doof, weil ich ja Zugezogener war und der Mini-Kulturschock zunächst einmal die Rebellion in mir weckte, aber heute stelle ich fest, dass ich diesen Begriff wirklich liebe. “Schaffen gehen” ist einfach großartig, denn es verinnerlicht ständig auch die eigentliche Tätigkeit, die dahinter stecken sollte. Ich selbst stamme ursprünglich aus einer durch und durch Arbeiterkultur. Dort gab es kein Schaffen sondern nur malochen, buckeln oder eben arbeiten gehen. Das Schaffen existierte faktisch nicht. Irgendwie interessant. So im Nachhinein.

Jedenfalls überfordert mich die andere Welt immer stärker, je mehr ich von ihr erfahre. Oftmals scheinen die grausamen Dinge, die wunderschönen Dinge zu überwältigen, doch auch das ist wie so vieles eine große von mir selbst geschaffene Illusion. Schließlich habe ich die Freiheit und die Mittel genau diese Dinge auszublenden. Manche machen das mit Unterhaltung. Sie quackeln dann permanent über harmlose, kontrollierbare Dinge wie iPhones, Werbung, Promis oder das Internet. Andere wiederum dämpfen sich mit ihren Süchten und die moralische Gesellschaft vergisst dann schnell einmal, dass der Grat zwischen Heroin, Valium, Prozac, Alkohol und sonstigem verdammt schmal ist. Wir quackeln über BurnOuts, Depression oder sonstigen psychischen “Disfunktionalitäten” ohne auch nur annähernd zu wagen, tiefer an die Wurzeln zu gehen, denn sie könnte uns erneut überfordern oder gar schlimmer: System haben!

Wir hangeln uns von einer Krise zur anderen, wir bashen und bouncen, crashen und jaunzen, und steigern uns hinein in eine Spirale aus Schwermut und Griesgrämerei. Wir verspüren und streuen soziale Angst. Wir isolieren uns und andere durch Worte und Taten. Wir keifen und kritisieren ohne anderen wiederum auch nicht den kleinsten Grund zu geben, dass sie über uns keifen und uns kritisieren können. Doch halt, auch das ist wiederum die gute alte Illusion. Wir tun das nur, weil wir das so tun wollen. Ich bezichtige alle anderen das zu tun, obwohl ich weiß, dass es andere gar nicht tun. Oh mann ist das alles kompliziert. Doch jetzt weiss ich wenigstens was ich meinen Kindern beibringen kann. Sie sollen die Spielregeln mal besser lernen als ich es getan habe. Sie sollen wissen, dass IMMER mehrere Wege offen sind und dass das Scheitern ein Teil des Spiels ist – es sei denn man will ein Cheater sein. Ich muss sie lehren die schlechten Dinge entweder als solche wie sie sind anzunehmen oder sie gleich tatkräftig selbst zu verändern. Ich muss sie lehren, dass sie das Spielen niemals vergessen dürfen. “Das Spiel” ist einer der wenigen Denkmodelle, die ihnen und mir vielleicht dabei hilft nicht wie manch andere völlig verrückt-verzweifelt in dieser Welt passiv zu existieren.

  • http://blindtextblog.blogspot.com ramses101

    Danke dafür, dass du das “Schaffen” thematisiert hast. Mir war das so nicht bewusst, und ich glaube auch nicht, dass “was schaffen” ursprünglich so gemeint war (ich tippe eher auf “fertig werden”, aber was weiß denn ich), aber aus heutiger Sicht kann ich wirklich sagen: “Schaffen zu gehen” ist um einiges unmontaglicher als “arbeiten zu gehen”.

    Und auch sonst, schön geschrieben.

  • Heike

    Es ist ja immer ein Wichtiges sich mit den vorgefertigten und selbst noch nie hinterfragten Mustern , welche einem als Kind (Entschuldigung) “eingetrichtert” bekam auseinanderzusetzen. Eingetrichtert meine ich jetzt gar nicht als eingeprügelt, sondern als vorgelebt übernommen. Die vorgelebten Eigenheiten der Eltern, die das Kind unbewusst übernahm müssen diesem als Erwachsenen erst einmal bewusst werden.
    Mein Spiel ist das Kochen. Es ist wundervoll mit den verschiedenen Aromen zu experimentieren. Dort erlebe ich das, was Du oben schriebst. Das zielvergessende, erfüllende, aber auch die Lebensgesetze lehrende, das dabei passiert. Ich lerne, dass ich Ordnung und Vorbereitung zwingend brauche. Das muss bei anderen Menschen so ja nicht sein. Aber ICH brauche das.
    So können Kinder selbst lernen die Frustrationstoleranz zu erhöhen. Sie werden lernen, dass sie manche Dinge nicht ändern können, bei manchen einen kleinen Beitrag leisten können. Sie werden sehen, dass es sie nicht zu schlechten Menschen macht, wenn sie ein Übel als Übel belassen müssen. Sie werden lernen, dass es besser ist nichts zu tun, wenn man nicht wahrhaft etwas verbessern kann, als etwas zu tun, das scheinbar hilft, aber dabei nur sie selbst sich bessere fühlen lässt. Ich glaube auch, dass es nicht schlimm ist, wenn Du sagst, dass Du nicht auf alles eine Antwort weißt, wenn sie wissen, dass Du für Dein Nahumfeld die Verantwortung übernehmen kannst. Dann sehen sie, dass wir mit einem gewissen Mass an Ungerechtigkeit leben können. Dass neben dem Tod das Leben gedeiht, neben der Trauer die Freude und neben dem Empfinden von Hass auch die Möglichkeit des Liebens besteht.

    Das alles, das was ich als Lebensgesetze empfinde können sie lernen, wenn sie sehen, dass Du lebst. Dass für Dich die Arbeit eben nicht nur Maloche ist, sondern Er-schaffen.
    Wenn sie sehen, dass Du immer da bist, wenn sie wirklich etwas wollen. Wenn Du ihnen nicht sagst “dafür bist Du noch zu klein”, sondern ihnen erklärst, warum sie nichts gegen die Ölpest tun können, dass und wie sie aber etwas tun können um ihre Nahumwelt zu schützen. (Keinen Anfall einfach wegwerfen, kein Wasser verschwenden usw.) Langsam musste ich mir das alles selbst beibringen, weil ich Eltern hatte, die sich von der Macht des Weltschmerzes beherrschen ließen. Sie waren liebe Menschen, aber sie vergassen neben dem großen Schmerz ein Ehrenamt zu übernehmen. Eines bei dem sie ihre Selbstwirksamkeit lieben gelernt hätten, oder überhaupt irgendein Ehrenamt, weil sie sich wegen ihres Schmerzes wohl selbst so hilfebedürftig fühlten.
    Oder sie hätten mehr spielen müssen!
    Den Schmerz und die Verwirrung zu fühlen reicht eben nicht aus, ein guter Mensch zu sein. Ebenso wenig wie das Wegschauen oder nicht darüber reden die Welt besser macht.
    Also, ich glaube wir sind so ungefähr ähnlicher Meinung, oder??

  • http://brainblogger.de Patrick

    @ramses101: Danke!

    @Heike: Wunderschöne Ergänzung, dankeschön! Und ja, wir sind da sehr ähnlicher Meinung.

  • Schmitti

    Auch wenn ich selbst noch keine eigenen Kinder habe, bin ich in der glücklichen Position Gruppenleiter einer Jugendgruppe (7-11Jahre) sein zu können. Für mich ist es, ähnlich wie bei dir Patrick, immer wieder erstaunlich mit welcher Leichtigkeit die Kids durchs Leben schreiten. Aber andererseits bin ich immer wieder erschrocken mit welchen Problemen Sie jetzt schon umgehen müssen.
    Für Sie kann der Tag erfüllt sein, wenn die Möglichkeit besteht an einem Bach zu spielen und sie in der Natur sind. Doch steht immer häufiger das Thema Schule, Mobbing und Leistungsdruck im Mittelpunkt. > So empfinde zumindest ich das in den letzten Jahren, bzw. schließe ich daraus, weil ich als Gruppenleiter häufiger damit konfrontiert werde (durch Eltern oder die Kids selbst).
    Für mich ist es immer wichtig Werte vorzuleben und mit Ihnen als Gruppe eine Gemeinschaft zu bilden. Für viele kann so neben der Familie, eine weitere Stütze geschaffen werden… vielleicht sogar eine Eigene kleine Welt oder Rückzugsort.
    Kann hier Heike nur unterstützen und berichten wie sinnvoll auch ich das Ehrenamt finde. Wir waren gerade eine Woche mit der Gruppe unterwegs, wir haben Urlaub gemacht, zusammen. Viele können sich das nicht vorstellen oder empfinden es eher als Arbeit mit 16 Kids unterwegs zu sein. > Für uns vier Gruppenleiter war es mit Abstand der schönste Urlaub des Jahres und jedes lächelnde Kind entschädigt die Anstrengungen doppelt!
    (leicht abgeschweift)
    Danke für den Denkanstoß Patrick und auch Heike.

  • http://brainblogger.de/2010/07/das-internet-ist-ein-spielplatz-fur-macher/ Das Internet ist ein Spielplatz für Macher – Brainblogger – Denken, Zukunft, Gehirn, Kultur, Evolution

    [...] ich bereits hier attestierte geht es nicht darum eine Strategie von A nach B zu führen oder wie es Lothar Leonhard (Ogilvy) so [...]

  • http://brainblogger.de/2011/04/werbung-zu-revolutionieren-bedeutet-sie-im-grunde-genommen-vollkommen-abzuschaffen/ Werbung zu revolutionieren bedeutet sie im Grunde genommen vollkommen abzuschaffen – Brainblogger – Denken, Zukunft, Gehirn, Kultur, Evolution

    [...] oder so. Radikal oder nicht. Die zunehmende Komplexität, die wir der rasanten technologische Weiterentwicklung unserer Kommunikationswerkzeuge verdanken, [...]