Aug 5, 2009
Würzburg nur noch auf Werbeniveau?
Bei dem ganzen Gezeter, den gegenseitigen Animositäten, Eigeninteressen und Selbstdarstellungen, bei all der Spekulation und dem Widerstand möchte auch ich ein wenig Luft ins Würzburger Horn stoßen und einige Zeilen zur aktuellen Slogandiskussion meiner Heimatstadt beitragen.
Vorneweg ein Hinweis. Ich habe in der Vergangenheit für „Buena la Vista“ gearbeitet und kenne Dieter Schneider sehr gut und habe ihn für viele Dinge persönlich wie auch beruflich geschätzt (und tue das auch immer noch). Umso weniger bedeutet das allerdings, dass ich auch immer mit ihm einer Meinung war und bin - aber das wird er sicherlich ganz ähnlich in Bezug zu meiner Person sehen. Seine jetzige Kommunikation in diversen Kommentarsträngen verblüfft mich allerdings etwas. Doch das ist ein anderes Thema.
Ich würde die Thematik gerne noch einmal aus der Warte des Marketings und der Kommunikation betrachten und dann anschließend aus der Warte eines “Würzbürgers”. Dazu seien mir einige Anmerkungen gestattet, die gerne in den Kommentaren korrigiert werden können.
Der Slogan „Würzburg - Provinz auf Weltniveau“ ist kein Marketing. Das ist ein Werbespruch. Diejenigen, die sich halbwegs mit Marketing beschäftigen, wissen sehr wohl, dass das klassische Marketing aus mindestens 4 „P“ besteht. Product (Produktdesign), Placement (Ort an dem verkauft wird), Pricing (Preisgestaltung) und Promotion (Die gesamte Werbung und Außenkommunikation). Erst bei einem solchen Vierklang (und heute fügt man hier und da noch ein P hinzu, zum Beispiel „People“ oder „Politics“) spricht man von Marketing. Und nicht umsonst steht das „P“ für „Promotion“ ganz am Schluss. Denn am Ende erst wird geworben. Und zwar nicht nur mit einem Slogan, sondern mit ganz vielen miteinander kombinierten Kommunikationselementen. Nur so viel dazu.
Eine weitere wichtige Voraussetzung um “Marketing” zu machen, ist die Frage nach dem Ziel. Was will man erreichen? Welchen „Mehrwert“ will man dem Standort Würzburg zuführen? Was will man verkaufen? Das lässt sich bis heute nicht wirklich in der gesamten Würzburg AG Debatte erkennen und diese Frage habe ich auch schon vor Monaten Dieter Schneider persönlich gestellt. Umso bezeichnender für mich, dass man sich nun tatsächlich immer noch monatelang über einen Werbespruch diskutiert. Meine Erfahrung bisher war immer so, dass man sich meistens über Logos, Texte und Bilder ausgiebig streitet, wenn der Inhalt komplett fehlt. Denn der Inhalt bedingt die Verpackung, das Produkt bestimmt die Promotion. Und nun mal “Werbesprech” beiseite, um es ganz klar in der Sprache eines Würzbürgers auszudrücken: Leute, es ist nur ein verdammter Werbespruch! Ein x-beliebiger, austauschbarer Werbespruch. HALLO! AUFWACHEN!
Wenn nun das Argument angeführt wird, die Diskussion erzeuge Aufmerksamkeit, polarisiere etc. pp. so mag das ja alles in einem gewissen Rahmen stimmen, aber was kommt danach? Was haben wir davon? Wie gesagt, ich frage es gerne noch einmal: Wo steckt der Mehrwert? Wird Würzburg dadurch als Standort attraktiver? Werden die Bewohner zufriedener - also zu eingefleischten Fans, die ihre Stadt mit Stolz und völlig freiwillig auf aller Welt repräsentieren? Hilft es dem örtlichen Einzelhandel, den lokalen Kulturbetrieben, dem Handwerk oder den sozialen Brennpunkten? Hilft dieser Spruch dabei, dass sich Würzburger in ihrer Stadt wohler fühlen und dass Nicht-Würzburger überlegen in diese Stadt zu ziehen, hier zu studieren, zu arbeiten oder zu leben? Ich glaube diese Antwort kann jeder - Eitelkeiten mal beiseite - mit einem klaren und lauten „Nein“ beantworten.
Es ist, wie gesagt, nur ein Werbespruch. Ein Satz - ein Slogan - eine leblose Hülle. Dieser kann vielleicht Aufmerksamkeit generieren, aber er kann weder alleinstehend besser verkaufen oder einen zusätzlichen Wert erzeugen. Und das ist der entscheidende Punkt. Wir unterhalten uns über Werbung, einer Marke, einem Konstrukt, über heisse Luft, anstatt gemeinsam zu überlegen, wie man den Standort attraktiver gestalten könnte. Wir diskutieren über einen Satz, statt über unsere Stadt und unser Leben darin.
Für mich hat die gesamte Arbeit des Würzbloggers Ralf Thees tausendmal mehr Wert für das Stadtmarketing von Würzburg generiert, als dieser eine Slogan und die ganze aufgebauschte kontroverse Diskussion rundherum. Für mich ist es als Würzburger wichtiger, wo und ob ich mit meinem Kindern hier etwas unternehmen kann, wo und ob ich am Wochenende Abends mal weggehen kann, ohne die globalen Marken wie McDoof, Starfucks und hastenichtgesehen penetrieren zu müssen, die ich mittlerweile in jeder verdammten x-beliebigen Klein- wie Großstadt besuchen kann. Es ist wichtig, ob und wo ich kleine besondere Läden und Leute finde, die ich in keiner anderen Stadt sehen und finden kann. Einzigartige Ecken, die man eben nur in unserer Stadt, in Würzburg, findet. Einzigartige Menschen mit besonderen Begabungen, Erfahrungen und Erinnerungen. Menschen, die Würzburger aus Überzeugung sind. Sie sollten an dieser Stelle sprechen, ihnen gebührt eigentlich die Aufmerksamkeit und sie wären es, die wesentlich mehr zu und über Würzburg zu sagen hätten, als ein einzelner Werbe-Slogan - egal, wie auch immer er lauten mag. Slogan bleibt Slogan.
Ich selbst hatte immer ein gespaltenes Verhältnis zu Würzburg, aber so langsam entdecke ich den Lokalpatriotismus. Das hat aber ganz bestimmt nicht der Slogan zustande gebracht, auch nicht die örtlichen, ebenso nicht differenzierbaren Medien - sehr wohl aber echte und authentische Würzburger wie Ralf Thees und eben sein Blog. (Es gibt sicherlich noch etliche andere, die das ähnlich gut machen wie er, aber ich kenne nunmal in erster Linie ihn, aber genau das gilt es herauszufinden und miteinander zu vernetzen) Über ihn und Leute wie ihn und ihren freiwilligen Leistungen sollte man lieber so ausgiebig und ausführlich sprechen. Der Stadtrat sollte ernsthaft überlegen, ob er ihn nicht stärker in seiner Arbeit fördern sollte, ob er Verstärkung bekommen könnte usw. Weil er berichtet perfekt über die Stadt, nämlich mit einem glänzenden und einem kritischen Auge. Das ist genau das, was ich bei den etablierten werbefinanzierten Lokalmedien, den Werbeslogans und sonstigen Stadtmarketingkonzepten so vermisse.
Wenn Würzburg also wirklich ein Interesse daran hat, etwas wirklich substanzielles für die Stadt zu tun, echtes Stadtmarketing im klassischen Sinne zu machen, dann sollte es sich ganz schnell von dieser unglaublich armseligen Werbediskussion verabschieden. All die verschwendete Zeit, all die verschwendete Energie, all das verschwendete kreative Potenzial, was man locker in Kulturveranstaltungen oder -rettungsaktionen, Stadtinitiativen und den Ausbau der Stadt an sich hätte stecken können. Wenn die Stadt nämlich zur Abwechslung mal etwas für ihre Bewohner tut, ihnen zuhört, gemeinsam etwas auf die Beine stellt, so wird sich neben der Aufmerksamkeit eben auch ein echter Mehrwert entwickeln. Wenn die Stadt waschechte begeisterte Botschafter wie Ralf Thees explizit fordert und fördert, dann hat sie einen wichtigen Teil zur Außenkommunikation bereits ohne großen Aufwand geleistet. Die Stadt wird dadurch wertiger, die daran beteiligten Bürger erzählen von ganz alleine wie toll, fortschrittlich und bürgerorientiert die Stadt Würzburg handelt. Das nennt man dann am Ende übrigens Mundpropaganda.
Vielleicht kann man abschließend ja noch etwas Positives aus all dem Ganzen ziehen. Vielleicht erkennt man ja nun, worüber man da eigentlich die ganze Zeit spricht, wie sehr wir uns schon im alltäglichen Werbeneusprech und Markenkauderwelsch verheddert haben und wer tatsächlich am Ende welches großartig leuchtende Vorbild abgibt!? Wir sollten also lieber wieder über den Inhalt sprechen, den Content, statt über die Verpackung, der Aufmerksamkeit und der großen Markenscheinwelt. Wir sollten ganz einfach unser gemeinsames Potenzial wesentlich gewinnbringender an anderen Stellen einbringen und umsetzen. Die Aufmerksamkeit folgt dann schon von ganz alleine.
Also, wer braucht einen Slogan? Ich jedenfalls kann lieber vernünftige Kinderspielplätze und Freizeitangebote gebrauchen. Aber dazu muss ich ja oft genug bis nach Nürnberg fahren. Ist ja nicht wirklich unprovinzieller, oder?






DANKE…
dem ist nichts hinzuzufügen
Kompliment! Das ist m. E. der mit Abstand beste Beitrag, den ich zu diesem Thema gelesen habe.
… Was will man erreichen? … Das lässt sich bis heute nicht wirklich in der gesamten Würzburg AG Debatte erkennen … anstatt gemeinsam zu überlegen, wie man den Standort attraktiver gestalten könnte … ohne die globalen Marken wie McDoof, Starfucks und hastenichtgesehen penetrieren zu müssen … All die verschwendete Zeit, all die verschwendete Energie, all das verschwendete kreative Potenzial … Wir sollten ganz einfach unser gemeinsames Potenzial wesentlich gewinnbringender an anderen Stellen einbringen und umsetzen. Die Aufmerksamkeit folgt dann schon von ganz alleine …
Volle Zustimmung. Hoffentlich findest du viele Anhänger.
Klasse Beitrag Patrick! Wie der Würzblog trägt auch dieser Beitrag zum Image der Stadt bei. Es sind unendlich viele Facetten, die eine Stadt ausmachen. Mit Marketing-Regeln aus dem Lehrbuch ist das Kaleidoskop nur zum Teil zu greifen. Slogan hin oder her, es wird kommuniziert. Es wird in und über die Stadt gesprochen, reflektiert, gestritten, gelobt, getadelt und noch viel mehr. Das alleine ist im sonst eher beschaulichen Wü schon ein Wert. Wie gelingt es uns den nächsten Schritt zu gehen: Umschalten vom Anti-Ablehn-Modus eines “verdammten Werbespruchs” in den Forder-Modus. Die Verantwortungsträger der Stadt sollten sich endlich mit dem Profil und dem Image der Stadt auseinandersetzen! Erst wenn Marketing und Werbung auf der Agenda der Stadtratssitzung steht, ist die Voraussetzung für “Mehrwert” geschaffen. Die Energie sollte in Richtung Rathaus zielen. Gegen mich bringt sie nix mehr. Ich bleibe ein kritischer Springteufel, der keinem Streit aus dem Weg geht;-) Bitte misch‘ Dich weiter ein. Du tust Würzburg gut;-) Danke und Gruß Dieter
Vorweg: Ich finde den Beitrag auch durchaus lobenswert. Und in weiten Teilen wichtig und richtig.
Was mich nun aber verwundert, ist die “wundersame (Haltungs-)Wandlung” von Ihnen, Herr Schneider. Und nein, ich möchte Sie NICHT persönlich angreifen. Ich verstehe nur nicht, wie Sie in anderen Blogs Ihren (jetzt angeblich) “gar nicht mehr soooo wichtigen” Slogan vehement verteidigen (teilweise sogar mittels unsachlichen Argumenten gegenüber einzelnen Personen), und hier (im Blog eines ehemaligen Kollegen) so ziemlich das Gegenteil publizieren und den Schwarzen Peter (zu Recht?!) dem Stadtrat zuschieben? In einem anderen Blog zeigen Sie sich entsetzt über die Überlegungen einzelner User, sich mittels einer Eingabe an den Stadtrat zu wenden, jetzt befürworten Sie diesen Weg sogar? Sorry, aber das passt für mich nicht zusammen.
Nichts desto trotz wünsche ich Ihnen, dass die Wogen sich bald wieder glätten
Freundlicher Gruß,
anneo
@Dieter Schneider
>Mit Marketing-Regeln aus dem Lehrbuch ist das Kaleidoskop nur zum Teil zu greifen.
Wie ich schon sagte: Eine Stadt ist ein Mensch (kein Produkt).
>Wie gelingt es uns den nächsten Schritt zu gehen:
Indem Sie mit Ihrer ursprünglichen Idee Ernst machen und die “Würzbürger” tatsächlich einbeziehen. Warum machen Sie nicht eine Kreativplattform, auf der es zentral darum geht, Würzburg zu gestalten? Und zwar im weitesten Sinne. In allen Facetten.
Vollste Zustimmung!!! Das Stadtmarketing muss viel weiter unten ansetzen und greifen. Ein Slogan, als Text oder mit einem humorvollen Bild, wird nichts bringen (der vorgeschlagene in meinen Augen erst recht nicht, aber darum soll es jetzt mal nicht gehen).
Und ebenfalls meine Zustimmung: Das Würzblog macht im Onlinebereich - wie ich glaube völlig unfreiwillig - die beste Werbung nach Innen UND Außen. Denn ich kam auf das Würzblog ironischerweise durch einen Hinweis einer Freundin aus Berlin, die im Würzblog von einem Konzert gelesen hat, auf das sie gerne gehen möchte, mit den Worten (sinngemäß) “bei euch ist ja mehr los als man denkt”. (Das Konzert im Cafe Cairo war nicht so mein Ding, aber auch darum geht es auch nicht ;-). Und das schöne an dem Blog (auch einige andere in der Stadt sind in der Hinsicht einen Blick wert) ist, das dort nichts schön geredet wird. Dort wird Würzburg auch kritisiert, teilweise recht heftig, aber es wird eben auch die sehr vielen schönen Seiten gezeigt. Der Würzblogger wohnt scheinbar gerne in Würzburg, mit als seinen Licht- und Schattenseiten. DAS ist ein hervorragendes Stadtmarketing. Da braucht man keinen konstruierten Überbau eines Slogans, es “strahlt” ganz von selbst aus.
Vielleicht sollte man ins Würzblog Geld stecken, so daß er mehr schreiben kann.
@anneo: Na ja, das mit der filigranen Differenzierung in Blogs ist halt so eine Sache. Da bin ich zu grobgestrickt, geb‘ ich gerne zu. Zum Verständnis: Ich sehe einen Unterschied zwischen einer Petition (Beschwerde) gegen einen konkreten Slogan
und der Forderung ein bestimmtes Themas auf die Agenda zu setzen. Die gewünschte Konsequenz einer Petition ist “Ablehnung” die gewünschte Konsequenz einer Forderung ist “Entscheidung”. Will heißen: Wenn der Stadtrat meint das Image und Profil kein Thema für ihn ist, dann muss ich das als demokratischer Bürger akzeptieren. Wenn der Stadtrat mir aufgrund einer Petition das Denken verbieten soll, würde ich auf die Barrikaden gehen (auch als demokratisch u. freiheitlicher Bürger) Da würden Sie doch auch mit gehen, oder?
@Ledermann: Ich für meinen Teil habe erst mal genug gemacht. Aber gute Idee! Warum machen Sie und Ihre Agentur nicht?
@Dieter Schneider
Ich habe keine Agentur, weshalb ich nur für mich spreche. Von meiner Seite aus bestand nie ein anderes Interesse, als das zu tun, wozu Sie aufgerufen hatten. Die Kampagne zu kommentieren, Alternativen vorzuschlagen und insofern einen Beitrag zu leisten. Ich werde mich hüten, ein Eisen anzufassen, das monatelang bis zur Weißglut erhitzt wurde. Nach meiner Einschätzung ist die Sache bereits zu Tode gequält, und ich denke, dass man die Angelegenheit auf eine andere Ebene hieven und gemeinschaftlich lösen muss. Und: Ob Gerryland Interesse hat? Ich vermute eher nicht. Aber da fragen Sie am besten dort.
Äh … Danke. Ich erröte.
Ach Patrick, würde es sich um ein anderes Thema drehen hätte ich dich schon längst zum Würzburger Friedenspreis vorgeschlagen. Danke, Alex
Bravo! Selten sowas Gutes über Würzburg, aus Würzburg, für Würzburg gelesen. Und dann noch von einem Würzburcher!