Jul 8, 2009
Es ist deine Zeit: Die Helden der Generation Retweet
Ich erinnere mich an eine Zeit, da wollten einige Leute in Deutschland den Markt und die Gesellschaft (wenn auch nur vielleicht die Medien) verändern. Sie hatten die Schnauze voll von der Top-Down-Kommunikation arroganter Super-Konzerne, dessen Führungsriegen zumeist aus Managersprechpuppen mit Bullshitbingoschallplatten im Bauch bestanden. Einige Bloggerpioniere, allen voran die von Punkrock getriebenen Berliner, konnten plötzlich ihre authentisch rotzfrechen, aber ganz und gar nicht unintelligenten Meinungen freien Lauf lassen. Sie ließen sich nichts mehr gefallen. Weder von Einschüchterungsversuchen irgendwelcher Juristenarmeen, noch von den permanenten Versuchen der klassischen werbefinanzierten und -gefärbten Holzmedien, Blogs abschätzig als klein und irrelevant einzustufen. “Sie”, die Pioniere der Aufklärung 2.0, schrieben was sie dachten - und sie dachten und schrieben sehr viel.
Ein Begriff geisterte immer wieder durch die Verlinkungsstränge der damaligen, von einer Mini-Revolution beseelten, Blogosphäre: Das Cluetrain Manifest. Märkte sind Gespräche. Märkte werden von Menschen gemacht und nicht von einzelnen weltfremden Werbetextern, Marktforschern oder egozentrierten Managern. Nicht der Einzelne war wichtig, es ging auch gar nicht mal darum, dass die eigenen Interessen verwirklicht werden, sondern einzig und allein darum, der Welt zu zeigen, dass jeder Mensch etwas bewegen kann, dass jede Meinung zählt und dass es keine kalkulierbaren Zielgruppen und Käuferschichten gibt, sondern nur Menschen.
Menschen, mit ihren Probleme, Sorgen und Nöten. Ja, das heißt auch mit ihren Beschwerden, Meckereien und Wutausbrüchen. Aber eben auf der anderen Seite auch Menschen mit guten Ideen und Impulsen, Menschen mit großer Leidenschaft, die - wenn einmal begeistert - für diese Begeisterung bei anderen Menschen werben. Menschliche Mundpropaganda wurde plötzlich unter all der unwirklichen und künstlichen Plakat- und TV-Werbung wieder populär.
Heute scheint sich das Blatt wieder zu wenden. Vielleicht ist das alles zu anstrengend geworden. Zu groß und komplex. Je weniger man zu sagen hat, desto weniger Zeichen benötigt man für das Gesagte und eben auch umgekehrt. Meist reicht nur noch ein “RT” im Zusatz mit einer “TinyUrl” also einem abgekürzten Link, meist von Themen, die völlig banal und ohne echten Nachrichtenwert oder nützlicher Substanz sind. Diese werden dann durch das weitertratschen gehyped ohne Ende. Es ist Info-Fast-Food. Leichte Kost. Schnell verbreitet. Hauptsache man ist nicht selbst betroffen, hauptsache man trägt nicht noch mehr Last, hauptsache jeder kann unverfänglich seinen Senf dazu geben.
Natürlich geht die Nachricht vom Tod des Popkönigs um die Welt. Wenn früher ein Herrscher gestorben ist, machte das schließlich auch die Runde. Aber muss man nicht auch wenigstens ein kleines bißchen zugeben, in welch dekadenten Zeiten wir leben? Ein paar tausend Kilometer entfernt, werden Menschen Hände und Füße abgeschlachtet und wir schnattern emsig darüber, warum Michael denn jetzt einen Glitzerhandschuh trug oder warum der arme Kerl so war wie er ist. Hat irgendjemand eine Ahnung wieviele Kinder in Deutschland so mißhandelt werden? Von der gesamten Welt will ich nicht sprechen, sie ist für uns viel zu groß und viel zu komplex, als dass wir auch nur im Entferntesten über dessen grundlegenden Probleme reflektieren können. Wir wollen oder können nicht zu den Wurzeln vordringen, weil uns der Wald mitsamt Baumspitzen nach oben katapultiert hat. Hier oben ist die Luft dünn, da bleibt dem Gehirn nur wenig Sauerstoff, daher müssen wir einfach mal einen Gang runterschalten um kostbare Energie zu sparen. Wir verkürzen Sprache und Denkweise, in dem wir uns mit 140 Zeichen begnügen (Lesen wie schreiben) und Themen per Mausklick weitertratschen. Das Uploaden überlassen wir meist den anderen, wir retweeten am liebsten.
Es ist uns alles über den Kopf gewachsen. Probleme im eigenen Umfeld werden nicht mehr offen besprochen, weil man Angst hat, dem anderen auf die Nerven zu gehen. Ein Gespräch über den Popkönig ist da allemal unverfänglicher. DER hatte Probleme, die so bizarr sind, dass unsere Probleme einfach nur langweilig wirken. Am Ende müsste man sich vielleicht sogar noch die persönlichen Probleme der anderen anhören und mit all den Problemen aus aller Welt - ich spreche von für uns unlösbaren Problemen, wie den Nahost-Konflikt oder den Bürgerkriegen in Afrika - ist man ja weiß Gott schon genug bedient. RABENSATT! Und wer weiß. Vielleicht ist das wie beim Kaufen? Wenn man die Ware erst einmal in der Hand hat, muss man Sie am Ende sogar noch mit nach Hause nehmen und bezahlen. Bleib mir also weg mit den Problemen, am Ende muss ich sie sogar noch lösen.
Daher sind wir doch froh endlich über Pressekonferenzen von Telekommunikationskonzernen zu sprechen, bei denen zum Beispiel Deutschlands bekannteste Blogger “Wir sind Helden” singen. Ein Umstand, der gar nicht mehr kommentiert werden muss, weil er einfach nur für sich steht: Als eine große Realsatire, als der Inbegriff für die verstorbene Gesprächskultur der Bloganfänge, die Aushöhlung von all dem, was Blogs einmal so “groß” im Sinne von relevant gemacht hat. Doch heute haben es Blogs und Twitter tatsächlich geschafft gleichzuziehen und Unternehmen haben auch gelernt sie für sich zu nutzen. Endlich sind wir auf einer Augenhöhe mit den damals so kritisierten Medien. Wir verkaufen uns im gleichen Maße und erzählen die gleiche Kacke im gleichen Bullshitbingosprech und fühlen uns dabei als Helden, die die Welt verändern könnten. Kommunikation auf Augenhöhe - wenn wir selbst nicht runter wollen, holen wir uns halt ein paar willige Gatekeeper nach oben.
Kaufe unser Produkt und du wirst ein Held. Ich kaufe dein Produkt und bin dein Held. Das muss einfach funktionieren. Früher hatten die Menschen zur Bewältigung der komplexen Realität ihre Religionen - heute haben wir unsere Markenwelten, zum Glück ist da kein Platz für Fegefeuer und andere lästigen Pflichten. Gebt uns einen coolen Song (den wir als Kind schon bei Mama und Papa im Autoradio haben dudeln gehört) einen coolen Slogan und wir fühlen uns gut. Ahh. Endlich. Wir sind Helden.
Ich weiß, es sind nicht alle so. Nur fühlt man sich verdammt allein in letzter Zeit. Von den Anti-Helden bekommt man nicht viele Retweets mit und daher auch wohl nicht dessen reichhaltiges Upload. Mag sein, dass dies hier ein paar armselige Worte eines kleinen, idealistischen Spinners sind. Aber vor einigen Jahren hatte man als Spinner wenigstens noch das Gefühl Teil einer Bewegung zu sein. Heute ist man einfach nur Teil der Generation Retweet. Sei dabei, oder sei ein faules Ei. Einer Generation, die gern Banalitäten, die schon lustig sind, nachplappert statt mal etwas intensiver nachzudenken oder gar Dinge in Frage zu stellen. Eine Generation, die vielleicht etwas uploaded, aber eben nur meist das eigene Werbeplakat, auf dem man genauso viel sagt, wie sonst eben auch, man sich aber trotzdem als Held dabei fühlt.
Sei dabei. Tritt ein in die Welt, wo jeder ein Held sein kann, allein durchs Kaufen und Gekauftwerden. Es ist deine Zeit! Ein Tweet wäscht schließlich den anderen! Wir haben unsere Online-Reputation zu verlieren.
Es gibt “sie” also doch noch?!
Stuttgart-Blog
Ralf Schwartz
Internet-Law
Basic Thinking
PR-Fundsachen
Blogbar
Macomber
F!XMBR
Journalistenschredder
Jörg Tauss via Lanu
Cluetrain-PR
Foxxis Blog
FAZ






Sascha Lobo schien mehr seit jeher ein cleverer Vermarkter seiner selbst, insofern finde ich nicht, dass er mit der Vodaphone-Werbung seine eigenen Ideale verraten hätte. Deswegen eignet er sich auch nicht unbedingt als schlechtes Beispiel.
Ich habe letztens ein Interview mit David Golumbia gelesen, der (allerdings ohne überzeugende Begründung) die These vertritt, dass das Internet und die Innovationen, die es hervorbringt, in viel stärkerer Weise den grossen Organisationen nutzen als den einfachen Nutzern, dass also letztlich der Machtzuwachs, den man als Blogger oder Web2.0-Nutzer fühlt, nur eine Illusion ist. In gewisser Weise scheinst du ähnliches zu konstatieren…
Hier der Link: http://www.sueddeutsche.de/kultur/10/479499/text/
Richtig. Aber er ist Projektionsfläche. Er wird als “Vorzeige-Blogger” von den Konzernen und Sendeanstalten weitergereicht. Damit wird er unfreiwillig oder nicht, ob manche das wollen oder nicht, zum Repräsentant einer “Bewegung”. Es ist nicht greifbar. Aber irgendwie spürbar. Jedenfalls für mich, aber vielleicht lebe ich ja in einer Blase. Who knows?
Danke für den spannenden und interessanten Link. Ja ist schon amüsant, wie sich das Blatt wendet. Und so eine existenzielle Wirtschaftskrise verhilft dann auch die Komplexität anzuschüren und somit den gehorsamen Konsum als beschützender Hirte der Herde zu festigen.
Hach ja, die Banalisierung von allem. Zunächt mal gebe ich Dir grundsätzlich Recht, möchte aber einschränkend sagen, dass das alles nichts Neues ist. “Coronation Street”, das Vorbild für die Lindenstraße läuft seit 1960 (!) im englischen TV. Weil die Leute ein Bedürnis danach haben, sich anderen, unwirklichen Problemen zu widmen. Die eigenen sind hart genug. Deshalb wird auch mehr über Michael Jackson getwittert als über Hartz 4.
Und nur weil man über MJ twittert und nicht parallel über gesellschaftlich wichtigere Dinge bloggt, heißt das ja noch lange nicht, dass man nicht drüber redet. Da wäre ich also ein wenig nachsichtiger. Twitter ist auch Smalltalk (und vieles, vieles mehr) und im Smalltalk finden gewisse Themen nicht statt. Aus welchen Gründen auch immer, man sollte sie aber akzeptieren.
Wenn sich jetzt aber ein Telefonanbieter hinstellt und Menschen eine Heldenrolle andichtet, die nichts heldenhaftes getan haben, dann finde ich das auch verwirrend bis ärgerlich. (falls es unter den Testimonials tatsächlich einen Helden gegeben hat, bitte ich um Verzeihung, hab ich nicht mitbekommen).
Niemand ist ein Held, weil er Internetzugang von unterwegs hat. Es sei denn, er nutzt ihn unter Einsatz seines Lebens oder auch “nur” für eine gute Sache. Aber Blogger als Helden hinzustellen, weil sie etwas mehr Reichweite haben als andere Blogger? Nö.
In irgend einem Tweet
hab ich gelesen (sinngemäß) “Warum Heroes? Rebell, Rebell wär ja ok gewesen.” Und genau so sehe ich das auch. Heroes ist eins meiner All-Time-Favourites (und dem Herrn von der Rückseite dre Reeperbahn hab ich hier 26 Coverversionen auf CD). Und wenn damit Helden besungen wurden, dann hat es mich immer sehr berührt, wenn es gepasst hat.
Zum Beispiel habe ich mal den Hamburg-Marathon von einem Balkon aus bei Kilometer 40 oder so miterlebt. gegenüber war ein Balkon mit Profis, die hatten Boxen in jedem Fenster und haben für ordentlich Beschallung gesorgt. Irgendwann war das Hauptfeld vorbei, dann auch die Nachzügler. Und dann kamen die, die nicht mehr konnten. Die nicht mehr laufen, sondern nur noch gehen konnten. Oder humpeln, oder was auch immer. Die aber trotzdem die letzten 3, 4 Kilometer hinter sich bringen wollten.
Und ab dem Moment kam aus der Wohnung gegenüber “Heroes”. Und zwar in Dauer-Rotation und zwar so lange, bis auch der letzte durch war. Das fand ich weltklasse. Und deshalb finde ich en Vodafone-Spot eher mittel. Denn Helden seh ich da keine.
(Und von Bowies Berlin-Trilogie, der Entstehung des Songs und Christiane F. will ich hier gar nicht erst anfangen.)
ramses101: Ich sag ja, für die Vereinfachung des Komplexen war in der Vergangenheit - vor dem Fernseher und vor dem Intenet - die Kanzel zuständig. Und ich streite dieses Bedürfnis nicht ab, im Gegenteil. Ich bin auch immer als Beobachter ein Teil dieses Systems. Es ist eine subjektive herausgegriffene Beobcahtung. Mehr nicht. Ob es so ist? Keine Ahnung. Ich empfinde es so und hau es einfach raus. Man nennt es bloggen.
Und die Helden? Nun ja, da ist wohl alles gesagt. Aber die Marathongeschichte gefällt mir auch sehr gut.
Klar, muss ja raus, dafür sind Blogs da (auch wenn ich irgendiwe gerade einen seltsamen kollektiven Blogblues feststelle, including me. Ist Twitter schuld? Würde ich fast sagen.)
Und die Marathongeschichte hat mich in der Tat mehr bewegt/fasziniert/berührt, als so manches, was mich bisher im Netz bewegt hat.
Vielleicht sollte man sich rückblickend einfach an den Gedanken gewöhnen, dass da ein paar insolvente Restunternehmer der New Economy eine Weile in der Findungsphase nach dem nächsten Hype waren, den sie für sich ausnutzen und, wenn es vorbei ist, wegwerfen können.
Zuhören. Marketer möchten einfach nicht zuhören, sie möchten senden, senden, senden. Und wenn sie schon mal zuhören müssen, dann lieber in Form der guten alten MaFo, bei der sie die Fragen selbst bestimmt haben und nicht einfach jeder daherplappern kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Solange sich diese Einstellung (und ich sehe da ehrlich gesagt wenig Bewegung) nicht ändert, ist der ganze Web 2.0-Kram im Corporate-Umfeld doch nur ein schickes Mützchen.
Kurze Kritik der vodafone Pressekonferenz…
Bei vodafone wird nichtmal mehr mit Wasser gekocht, sondern nur noch mit Heißer Luft! Beim Livestream der Pressekonferenz wird Marketing-Generik als neue Kampagne verkauft. Daher möchte ich mich auch mehr auf die Inhalte denn auf die PK als solche ko…
Ich frage mich bei solchen Einträgen wie diesen immer:
Wer ist eigentlich “wir”? Ich bin nicht “wir”?
Wenn Du “wir” bist, dann ist das Dein Problem (ok, dann bloggst Du halt drüber).
Wenn die anderen “wir” sind, was stört Dich das?
Die anderen waren schon immer “wir”, aber das fiel vorher vielleicht nicht so doll auf.
@Flusskiesel: “Wir” ist nur ein rhetorischer Magnet. Entweder er zieht an oder stößt ab.
@Don Alphonso: Dann haben sie am Ende also doch noch Erfolg. Ist doch auch was.
@Lazerte: Auf den Punkt gebracht!
[...] Upload stammt von einem Knecht, und nicht von wilden Zofen. Ideale (jetzt!) im Ausverkauf, mit Flatrate zum [...]
[...] Eines lässt hoffen: Vodafone wird mit der 200-Mio-Euro teuren Kampagne Schiffbruch erleiden. Patrick hat das hier wunderbar aufgezeigt, Ix in seiner ganz speziellen Art und Weise - die Kommentare hier sprechen Bände. Das ist [...]
Glaube ich nicht. Sie haben einen Blöden gefunden. Erfolg ist dagegen, immer alle zum Idioten zu machen, zumindest in der Lobobranche.
@Don Alphonso: Erfolg ist, was man selbst draus macht. Für mich ist es schon manchmal ein Erfolg guten Stuhlgang zu haben.
Wer redet da eigentlich mit wem?
http://cluetrainpr.de/index.php/vodafone-lernt-sprechen/
vodafone: Wir haben nichts verstanden…
Wie muß man sich das vodafone-Innenleben nach der Katastrophe (”Kurze Kritik der vodafone-Pressekonferenz”) vorstellen? Kann man, kann ein Manager, kann ein Unternehmen Fehler öffentlich zugeben? Kann man zurückrudern? Kann man aus seinen Fehlern …
Wer soll denn eigentlich zuhören? Das Problem großer Unternehmen oder Marken ist doch häufig darin begründet, dass die inneren Strukturen ein “zuhören” gar nicht zulassen. Die können sich beim Meeting ja noch nicht mal selbst zuhören. Solange sich dort nichts ändert, wird man weiterhin versuchen, das von der Agentur gezeichnete Selbstbild zum Fremdbild “zu senden” ohne überhaupt etwas von einem der beiden zu wissen. Stichwort “Wir erfinden uns neu”. Und dann entstehen so austauschbare Kampagnen wie diese. Emotionen darstellen! Sollte eine Agentur als Fall-Back-Kampagne immer im Pitch-Köfferchen dabei haben. Und ob da jetzt ein Lobo oder Bohlen auf den Kampagnen-Motiven drauf ist doch nur wichtig für das Undernehmens-Selbstbild aus Sicht der Manager & Marketer
@Oliver: Nicht ganz unwichtig, wer am Ende Testimonial ist. Der Bekanntheitsgrad sollte stimmen und die Übereinstimmung beim Wunsch zur Identifikation mit der dargestellten Person.
Sonst macht Testimonialwerbung ja keinen Sinn.
Ich glaube schon, dass immer ein Selbstbild vorhanden ist, nur wäre es für die jeweiligen Manager undenkbar dies 1:1 zu transportieren, geschweige denn aktiv daran zu arbeiten.