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Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



DailyCoffeeBreak Podcast
19. Mrz 2009

Killende Sozialspiele

sillygames

Eskapismus, wohin man blickt. Und ich selbst schließe mich natürlich nicht davon aus. Wir sind eine Gesellschaft von Eskapisten. Wir sind ständig auf der Flucht. Die Flucht in virtuelle Realitäten. Vom Fernsehen bis zum MMORPG. Hauptsache wir können unserer eigenen, scheinbar kümmerlichen Realität entkommen. Dem verhassten Job, der entfremdeten Familie und überhaupt dem gesamten sozialen Umfeld, das uns scheinbar nicht genau das Gefühl geben kann, welches wir beim Computerspielen, beim Konsum von Drogen oder dem Zappen durch zig Kanäle erhalten. Das Gefühl von Belohnung, von Anerkennung, von Zugehörigkeit – schlichtweg von Glück. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich zähle auch so kutlurell wertvoll eingestufte Tätigkeiten wie das Lesen von Büchern zum Eskapismus dazu. Es macht keinen Unterschied, ob man sich in die Literaturwelt des 19. Jahrhunderts oder in ein virtuelles Rollenspiel der Neuzeit zurückzieht. Beides ist ein Ausdruck einer Unzufriedenheit, nein vielleicht eher der Ausdruck einer ewigen Suche. Selbstsuche wird so zur Selbstsucht und die Realität, welches das Selbst wohl am besten abbildet, bleibt dauerhaft getrübt vor unseren direkten Augen verborgen. Übrigens was ist eigentlich mit DEM Killerspiel überhaupt? Das große Vorbild der virtuellen Pixelballerei? Der reale Krieg als Urform des Eskapismus. Wir ziehen mitunter in fremde Länder, um dort unser Leben für fremde Staatsführer zu riskieren, wohlwissend, dass unser direktes soziales Umfeld zu Hause ist und sich um unsere leibliche und geistige Gesundheit sorgt (es sei denn es eskapiert ebenso intensiv). Das aber nur nebenbei, Krieg ist für uns ja schließlich kein Spiel, was man unbedingt und umgehend verbieten muss.

Ich will diesen Eskapismus hier auch gar nicht groß bewerten, es ist unmöglich ihn in gut oder schlecht, nützlich oder gefährlich einzuteilen. Er ist da. Allgegenwärtig. Ein Teil von uns. Genau diese Gedanken sollte sich eine Gesellschaft zuvor machen, bevor sie über das Verbot eines weiteren Eskapismusinstrumentariums nachdenkt. Konsequenterweise müsste man ja eigentlich die Flucht an sich verbieten, also alles was uns vom realen sozialen Leben ablenkt – doch was bleibt dann noch vom “realen sozialen Leben” übrig?

Das Verbot von Killerspiele (die ja nur ein Teil einer schrecklichen Realität virtuell nachspielen) mag für viele genauso sinnvoll sein, wie das Verbot von Drogen. Letzendlich dient es aber nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Wir haben vor lauter Eskapismus keine Zeit mehr, um uns intensiv mit leidenden Menschen zu beschäftigen, um uns mit den Motiven und wahren Hintergründen auseinanderzusetzen. Das benötigt Geduld, Ruhe und jede Menge Anstrengung. Uns fehlt dazu außerdem auch ein Stück Nähe. Wir lösen die Probleme der Welt gerne medial. Schnelle Problemstellungen aus der Ferne und schnelle medial kommunizierte Lösungen in 140 Zeichen. Die Zeit drängt. Also nehmen wir den “kranken” Menschen einfach zuerst einmal genau das weg, was ihr Leid (Leid liegt immer im Auge des Leidenden) für einen Augenblick verschwinden und vergessen ließ. Wir nehmen den Babys ihren Schnuller weg, wundern uns aber gleichzeitig wenn sie den nächstbesten Ersatz in ihre sabbernden Münder stecken oder einen tierischen Wutanfall bekommen. Auf den Schreck erstmal eine Zigarette.

Schnelle Lösungen sind faule Lösungen. Wir brauchen aber alle sofort und umgehend Lösungen für ganz große Probleme. Wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch schon wieder los. Da hinten wartet schon die nächste globale Katastrophe auf uns.

  • http://jvanvinkenoye.wordpress.com Jan Vanvinkenroye

    Eskapismus ist ein denke ich mal durchgängig negativ besetzter Begriff. Wozu ist es eigentlich gut, Dinge die Menschen nunmal offensichtlich Spass machen (Computerspiele, Drogen, schnelle Autos) negativ zu besetzen?

    Menschen tendieren nunmal dazu, sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern. Kann man doch aus als konstruktive Kontingenzbewältigung bezeichnen.

  • http://www.piksa.info/blog Peter

    WOW, klasse Beitrag. Hier merkt man wirklich, dass Du Dir Gedanken darüber gemacht hast, was Du da schreibst. Ich habe beim Lesen deines Beitrages an einigen Stellen zustimmend nicken müssen. Mir sind spontant einige Erinnerungen durch den Kopf geschossen, in denen sich Deine Aussagen reflektieren. Ich finde wir leben in einer viel zu kurzatmigen Zeit. Für kaum etwas wird sich mehr richtig Zeit genommen – das fängt in den Firmen an, wo alles schnell gehen muss und hört bei der Erziehung unserer Kinder auf. Dann kommen solche Manager bei Siemens mit Aussagen wie “Wir sind zu deutsch, zu weiss, zu männlich” ums Eck (http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Siemens-Konjunktur;art141,2580688) und glauben Problemen beizukommen, obgleich sie sich nichteinmal die Wurzel selbiger bewusst sind.

    Beste Grüsse
    Peter

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Jan: Wohlbefinden ist immer relativ zu betrachten. Was dem einem sein Wohlbefinden, ist dem anderen sein Dorn im Auge. Mit einer rein solipstischen Weltanschauung wäre das wohl vollkommen in Ordnung.

    @Peter: Danke. Gedanken gemacht schon länger ja, aber sicherlich habe ich mir für die Formulierung wieder nicht genügend Zeit genommen. ;-)

  • http://www.storyblogger.de Björn Eichstädt

    Patrick, ich schätze Deinen Geist, aber hier hast Du etwas einseitig gedacht. Was auf der einen Seite Eskapismus ist (das Streben weg von etwas), kann auf der anderen Seite durchaus Expansion (Ausweitung hin zu etwas) sein. Das heisst, dass die Realität um mich herum durchaus das Zentrum meines Agierens sein kann, während die Digitalität mir hilft die räumliche Komponente, die mich von den anderen Orten der Bedeutsamkeit trennt, ein wenig aufzuweichen. Die Gefahr zum Eskapismus ist immanent, das ja. Zwangsläufig gekoppelt ist er meiner Meinung nach aber nicht – oder habe ich Dich da zu absolut verstanden? Und eine weitere Frage ist sicherlich die nach dem Konzept der Realität, das Deinen Aussagen zugrundeliegt. Wenn das, was Dich unmittelbar umgibt, was Du anfassen kannst, die Realität ist, dann ist es eben gerade auch nicht das leidende Kind im Irak oder eine andere, vor allem medial vermittelte, Informationseinheit, die real sind, dann ist es die Fußmatte vor Deiner Haustür. Ob Realität, individuelle Realität, aber am Ende doch ein etwas komplexeres Ding ist?

  • Ditte

    Ich fliehe gerne mal:in Tagträumen,beim Bücher lesen,seichten Soaps ,aus meiner Realität… Das ist sehr erholsam für Geist und Seele!Kann dann wieder,beim Zurückkehren hinsehen auf das Leiden,aber auch die Schönheiten dieser derWelt. Sehe Zusammenhänge und Entwicklungen in meinem Leben besser. Weiss Werte wie Familie und das damit eng verbundene eigene Leben sehr wohl zu schätzen.Weiss, das der Mensch ein Mensch ist, unvollkommen und sehr verletzlich und erst am Anfang seiner Entwicklung. Noch sehr viel Fluchtinstinkt und Verletzlichkeit.. Ist jedoch die Verletzlichkeit eines Menschen so gross,dass er diese,seine Welt nicht mehr erträgt,sehe ich schon die Gefahr dass er abtaucht in Scheinwelten———Verbote helfen nicht…(auch das habe ich ein bisschen gelernt)Es wäre doch schön der Menschheit ein Millieu zu schaffen, indem niemand mehr für immer abtauchen will… Utopisch ,ich weiss!

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Björn: Ich habe Eskapismus nicht gewertet. Ich hab ihn als unmittelbaren und nicht wegdenkenden Teil der (konstruierten) Konsens-Wirklichkeit beschrieben. Wenn man wie ich im radikal konstruktivischen Zuhause bin, dann ist es ja durchaus fraglich, ob die Flucht wirklich eine Flucht ist, oder nicht einfach nur die Reise oder gar die Konstruktion als Teil der Wirklichkeit. von daher hast du mich anders interpretiert. Nichtdestotrotz gibt es verschiedene Wirklichkeitsebenen (Metaversum etc.) und die Dosis bestimmt das Gift.

    @Ditte: Die “Flucht” ist ja ein Teil der eigenen Wirklichkeit, indem ich Gedanken aus Filmen, Büchern und virtuellen Erlebnisse in meine eigene Wirklichkeit mit einbetten kann. Eskapismus ist in der Tat ein negativ besetzter Begriff, daher wird es ja Zeit darüber zu sprechen. Ich vertrete ja die Ansicht, dass der Verbot von Eskapismuselementen unsinnig ist, weil die “Flucht” einfach dazugehört.

  • http://oneweekproject.wordpress.com Sebastian

    @Björn, ich stimme dir teilweise zu: Digitalität ist erweiterer Agitationsraum, und damit weiterhin Realität. Eskapismus ist kein Phänomen der Digitalität, sondern geschieht durchaus auch im Analogen (Tagträumen uvm).

    Insofern finde ich an deiner Aussage, Patrick, etwas ungewöhnlich, dass an der medial kommunizierten Lösung (die im Wesentlichen als Resultat des Digitalen erscheint) etwas auszusetzen sei. Das betrifft einen ganz anderen Aspekt der Problemstellung, oder?

    Problematisch ist vielmehr das stete Verwechseln zwischen Ursache und Symptom, was aber doch für unsere Zeit ganz modern ist, und was du – so interpretiere ich das – eigentlich ähnlich siehst. Die Bekämpfung des Symptoms Eskapismus lenkt nur vom Problem “Realität” ab. Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, den weniger talentierten oder geförderten Teilnehmern den Hauch einer Perspektive zu vermitteln, muss zwangsläufig damit rechnen, dass die Teilnehmer die Regeln dieser Welt neu interpretieren – sei es durch Abschottung oder Aggression, notfalls gegen sich selbst, oder durch Selbstprostitution, um die Spannung zwischen inszenierter und tatsächlicher Welt zu mindern. Damit gilt mein Appell – wie wohl auch deiner – all jenen, die unsere Welt gestalten, den mündigen Bürgern, den fleißigen Bloggern, den mutigen Autoren, den Kindern, den Rentnern den Politikern, allen Hausmännern und Geschäftsfrauen, den Lehrerinnen und Kindererziehern, den Feuerwehrleuten und Hubschrauberpiloten, ja, sogar den Managerinnen und Managern: Ich erwarte ja gar nicht viel von euch, bloß ein bisschen Mut zu einem Fehler zu stehen, Freude über den Erfolg eines anderen, und Ehrlichkeit untereinander. Ist das denn zu viel verlangt?

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Björn: “dann ist es eben gerade auch nicht das leidende Kind im Irak oder eine andere, vor allem medial vermittelte, Informationseinheit, die real sind, dann ist es die Fußmatte vor Deiner Haustür.”

    Absolut richtig. So wird es von uns auch wahrgenommen, wenn wir ehrlich sind. Anschaulich am älteren Medium Fernseher zu beobachten. Wir meinen zu wissen was draußen in der Welt los ist, wirklich berühren tun uns diese Themen nur begrenzt und wenn dann nicht wirklich nachhaltig. Daher plädiere ich immer für eine Aktion von innen nach außen. Revolution starts at home!

    @Sebastian: Ich habe nichts gegen die digital kommunizierte Lösung sondern ich warne vor der Tendenz der Beschleunigung. Die neuen Medien beschleunigen Informationsfluss. Das hat aber mit Relevanz nichts zu tun. Klar, manche Lösungen sind schnell da und schnell kommunizierbar. Aber wenn uns doch Winnenden etwas gezeigt hat dann das Versagen der Medien in möglichst schneller Geschwindigkeit Antworten liefern zu wollen auf Fragen, die sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig stellen ließen. Wir lassen uns ein Stück weit durch Beschöeunigung versklaven, immer in der ANgst etwas wirklich wichtiges zu verpassen. Aber wie gesagt, Relevanz hat keinen direkten Zusammenhang zur Geschwindigkeit.

    Im Grunde sind eskapistische Handlungsweisen wunderbare Spiegelbilder. Sie sagen mehr über uns als Gesellschaft aus, als jedweder philosophischer DIskurs. Menschen leben im Eskapismus genau das aus, was sie in der sogenannten Realität vermissen. Eskapismus kann somit der erste Schritt einer Neugestaltung der Welt sein. Daher ist es fatal Instrumente der Weltflucht wie Computerspiele, Drogen etc. pp. durch Verbote zu ignorieren (was anderes ist es ja nicht, weil ja alle wissen, dass es dadurch nie verschwinden wird). Durch die Ignoranz berauben wir uns selbst wichtiger Erkenntnisse. Nämlich wie sich Menschen eine ideale Welt vorstellen (natürlich muss man an die Essenz, denn es geht nicht darum sich als Orks gegenseitig mit Schwertern abzuschlachten udn Gold zu sammeln, sondern um die Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Horde aka Mitspieler.)

    Ansonsten unterschreibe ich das hier: “Ich erwarte ja gar nicht viel von euch, bloß ein bisschen Mut zu einem Fehler zu stehen, Freude über den Erfolg eines anderen, und Ehrlichkeit untereinander. Ist das denn zu viel verlangt?”

  • http://oneweekproject.wordpress.com Sebastian

    @Patrick: Ja zu 1 und 3 – aber etwas polemisch (weil Feierabendlaune): Ich gebe es zu, ich fahre gern Autorennen am PC. Im wahren Leben aber bin ich locker seit acht Wochen nicht mehr hinter’s Steuer gekommen, weil ich entweder das Rad nehme oder den Bus. Ich habe keine Angst vorm Autofahren, sondern es war einfach nicht nötig – und ehrlich, so wie ich im Computerspiel fahre, das wäre niemandem zuzumuten.
    Darum glaube ich auch nicht, dass Weltflucht eine Realitätserwartung generiert, sondern vielleicht gerade das Gegenteil bewirken können: Realitätsaspekte hinnehmen, weil sie auf grundlegenden Gemeinschaftskonzepten aufbauen (Rücksicht, Gemeinsinn, Höflichkeit), auf die ich in der Weltflucht verzichten kann.
    [Gedanken-Beta, nicht druckreif]

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Sebastian: Das würde ja bedeuten, dass “Rücksicht, Gemeinsinn und Höflichkeit” nichts anderes sind als Triebunterdrücker, die in einem gesellschaftlichen Konsens entstanden sind. Die sein müssen, aber nicht unbedingt überzeugend gelebt werden können (ohne die Möglichkeit der Triebauslebung eines rowdyhaften Autofahrers). Das gibt dem Ganzen natürlich eine pikante Wendung zum Feierabend! ;-)

  • http://oneweekproject.wordpress.com Sebastian

    @Patrick: Tja, so klingt das natürlich schon recht radikal, und widerspräche sogar fast dem eigentlichen Bild “des Menschen”, an dessen ‘innerer Schönheit’ ich mich stets zu erfreuen pflegte – aber irgendwie kann ich mich den diskutierten Argumenten nicht ganz entziehen. Mist, hätte ich mal besser nicht brainblogger gelesen… ;-)

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Sebastian: Naja das tröstliche: Evolution bewegt sich stets. Unser Weltbild wird aber ständig vom Status Quo beherrscht. So entsteht der Eindruck, dass wir bereits heute im Ideal leben und sich das Menschenbild nicht verändert.