Eskapismus, wohin man blickt. Und ich selbst schließe mich natürlich nicht davon aus. Wir sind eine Gesellschaft von Eskapisten. Wir sind ständig auf der Flucht. Die Flucht in virtuelle Realitäten. Vom Fernsehen bis zum MMORPG. Hauptsache wir können unserer eigenen, scheinbar kümmerlichen Realität entkommen. Dem verhassten Job, der entfremdeten Familie und überhaupt dem gesamten sozialen Umfeld, das uns scheinbar nicht genau das Gefühl geben kann, welches wir beim Computerspielen, beim Konsum von Drogen oder dem Zappen durch zig Kanäle erhalten. Das Gefühl von Belohnung, von Anerkennung, von Zugehörigkeit – schlichtweg von Glück. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich zähle auch so kutlurell wertvoll eingestufte Tätigkeiten wie das Lesen von Büchern zum Eskapismus dazu. Es macht keinen Unterschied, ob man sich in die Literaturwelt des 19. Jahrhunderts oder in ein virtuelles Rollenspiel der Neuzeit zurückzieht. Beides ist ein Ausdruck einer Unzufriedenheit, nein vielleicht eher der Ausdruck einer ewigen Suche. Selbstsuche wird so zur Selbstsucht und die Realität, welches das Selbst wohl am besten abbildet, bleibt dauerhaft getrübt vor unseren direkten Augen verborgen. Übrigens was ist eigentlich mit DEM Killerspiel überhaupt? Das große Vorbild der virtuellen Pixelballerei? Der reale Krieg als Urform des Eskapismus. Wir ziehen mitunter in fremde Länder, um dort unser Leben für fremde Staatsführer zu riskieren, wohlwissend, dass unser direktes soziales Umfeld zu Hause ist und sich um unsere leibliche und geistige Gesundheit sorgt (es sei denn es eskapiert ebenso intensiv). Das aber nur nebenbei, Krieg ist für uns ja schließlich kein Spiel, was man unbedingt und umgehend verbieten muss.
Ich will diesen Eskapismus hier auch gar nicht groß bewerten, es ist unmöglich ihn in gut oder schlecht, nützlich oder gefährlich einzuteilen. Er ist da. Allgegenwärtig. Ein Teil von uns. Genau diese Gedanken sollte sich eine Gesellschaft zuvor machen, bevor sie über das Verbot eines weiteren Eskapismusinstrumentariums nachdenkt. Konsequenterweise müsste man ja eigentlich die Flucht an sich verbieten, also alles was uns vom realen sozialen Leben ablenkt – doch was bleibt dann noch vom “realen sozialen Leben” übrig?
Das Verbot von Killerspiele (die ja nur ein Teil einer schrecklichen Realität virtuell nachspielen) mag für viele genauso sinnvoll sein, wie das Verbot von Drogen. Letzendlich dient es aber nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Wir haben vor lauter Eskapismus keine Zeit mehr, um uns intensiv mit leidenden Menschen zu beschäftigen, um uns mit den Motiven und wahren Hintergründen auseinanderzusetzen. Das benötigt Geduld, Ruhe und jede Menge Anstrengung. Uns fehlt dazu außerdem auch ein Stück Nähe. Wir lösen die Probleme der Welt gerne medial. Schnelle Problemstellungen aus der Ferne und schnelle medial kommunizierte Lösungen in 140 Zeichen. Die Zeit drängt. Also nehmen wir den “kranken” Menschen einfach zuerst einmal genau das weg, was ihr Leid (Leid liegt immer im Auge des Leidenden) für einen Augenblick verschwinden und vergessen ließ. Wir nehmen den Babys ihren Schnuller weg, wundern uns aber gleichzeitig wenn sie den nächstbesten Ersatz in ihre sabbernden Münder stecken oder einen tierischen Wutanfall bekommen. Auf den Schreck erstmal eine Zigarette.
Schnelle Lösungen sind faule Lösungen. Wir brauchen aber alle sofort und umgehend Lösungen für ganz große Probleme. Wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch schon wieder los. Da hinten wartet schon die nächste globale Katastrophe auf uns.



