BREITENBACH


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kommentare kritik gespräche inspiration

Ich habe Kommentare auf Blogs in der Vergangenheit immer als eine Art Nonplusultra gepredigt. Doch das sind sie nicht. Für eine Kommentarkultur fehlt es leider noch ein wenig an einer allgemeinen, sehr breiten Gesprächskultur. An einer gewissen kommunikativen Grundeinstellung. Einem Konsens. Diskussionen gleiten im Netz sehr oft ins Persönliche ab, sie gehen am Thema vorbei und ab und zu tauchen dann sogenannte Trolle auf, die einfach nur (aus welchen gründen auch immer) die Zerstörung des Gespräches und der geäußerten Gedanken im Sinn haben. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Kritik, ich äußere sie selbst sehr sehr oft. Doch glaube ich daran, dass Kritik immer irgendwie sachlich begründbar sein muss und auch konstruktive Elemente enthalten sollte. Beim Werbeblogger habe ich in der Vergangenheit sehr oft und sehr spitz kritisiert, natürlich auch provokativ, weil bei reiner Lobhudelei natürlich auch kein Diskurs stattfindet. Aber bei all der Ironie, dem Sarkasmus und der für manche Menschen arrogant wirkenden Haltung, war es mir immer sehr wichtig, den Menschen dahinter nicht persönlich anzugreifen, sondern über die Sache zu sprechen. Mir war es desweiteren ebenfalls sehr wichtig auch immer bestimmte Alternativen aufzuzeigen. Natürlich war und bin ich von dem was ich sage in diesem Moment immer überzeugt, doch das heisst nicht, dass es allgemeingültig wahr bzw. richtig ist oder ich es morgen immer noch ganz genauso so sehe wie gestern.

Egal und wie auch immer. Der Werbeblogger war zu letzt ein kommunikativer Energiefresser für mich. Die kleinste Trollbemerkung hat mich auf die Palme gebracht, vielleicht gerade weil ich dachte, dass Kommentare ein Instrument des Gespräches, des inspirierenden Diskurses ist. Natürlich finden auch immer noch in den Kommentaren die ein oder andere spannende Diskussion statt, doch je größer die Zahl der Kommentierenden wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Diskussion kippt und ähnlich wie ein See einfach abstirbt. Die darin enthaltenen wertollen Gedanken gehen unter und es steht nur noch die blanke Reptilienkommunikation im Vordergrund: Kampf oder Flucht. Ich bin toll, du bist scheisse. Das letzte Wort hab ich ja sowieso und Recht natürlich auch.

Ich glaube ein wesentlicher Grund, warum die deutsche Blogosphäre nie wirklich so explodiert ist wie in anderen Ländern, ist die Tatsache, dass wir einfach anders miteinander umgehen. Wir (achtung überspitzte subjektiv empfundene Verallgemeinerung) sind zum einen Perfektionisten und bekämpfen Imperfektion statt sie als Herausforderung und Geschenk zu betrachten. Für uns sind Fehler tödlich. Wir legen mehr Wert auf die vergangen Taten und Titel eines Menschen (Obrigkeitsglaube) anstatt uns darauf zu konzentrieren was sie im Hier & Jetzt leisten und denken. Wir hassen neue Dinge, die wir nicht verstehen und verteufeln sie gleich mal, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir sind nicht nur skeptisch, wir sind zwanghaft nörgelig und betrachten Lob als etwas Schlimmes, Verweichlichtes oder Unaufrichtiges. Ein einfachess “Danke” in den Kommentaren wird eher als Spamversuch gewertet als, als solches angenommen (Was natürlich auch am tatsächlichen Ärgernis Spam liegt). Wir loben andere Menschen nicht, weil wir selbst oft genug nicht gelobt werden und wenn wir es werden, so sind wir meistens so paranoid, dass wir es nicht als echte Lob annehmen können. Net g’schimpft is gelobt genug. Ganz schlimm.

Ich hab da keinen Bock mehr drauf. Ich ändere die Richtung, ohne die Gewissheit, wie lange ich es durchhalte. Aber ich versuche es. Immer und immer wieder.

Seit ich das alles hinter mich gelassen habe (kein einfacher Schritt), hatte ich sehr viele und sehr wertvolle Gespräche AUSSERHALB von Blogkommentaren. Initiiert von Twitter oder Social Networks, fortgeführt in Skype-Chats oder Telefonanrufen, manifestiert in persönliche Treffen und Gesprächen. Das ist der echte wertolle und inspirierende Dialog, den ich schon so lange vermisst habe.

Die Blogosphäre hat sich verändert. Der Kern ist weitergezogen und unterhält sich einfach ganz woanders. Nämlich dort, wo sie ihre Ruhe haben. Dort, wo sie auf die Dinge stoßen, die man in Blogs leider immer seltener antrifft: Leben und leben lassen - ohne dabei zum rückgratlosen Weichspüler zu degenerieren. Es geht letzendlich nämlich auch nicht darum nun immer übertrieben happy mit anderen Menschen umzugehen. Es geht darum, wie Brown es sehr schnell und präzise hier auf den Punkt brachte: do unto others as you would have them do unto you / Behandle Menschen so, wie du willst, dass sie dich behandeln. Natürlich möchte ich auch Kritik entgegennehmen. Natürlich möchte ich nicht immer mit Samthandschuhen angefasst werden, aber ganz genauso bin ich wie jeder andere auch auf Lob und Anerkennung angewiesen, ich bin wie jeder andere auch danach süchtig.

Von daher werde ich mich nun täglich bemühen, meine Wahrnehmung neu zu justieren. Energieraubende Aktivitäten, wie sinnlose zu nichts führende Kommentarstreits, meiden und verstärkt inspirierende Ideen wertschätzen. Überhaupt ist Inspiration das entscheidende Stichwort. Es ist für mich losgelöst von “richtig” oder “falsch”, von Lob oder Kritik. Fehler (die sich nicht permanent wiederholen) sind nämlich manchmal unglaublich inspirierend. Fast inspirierender als scheinbare perfekte Ergebnisse. Auch dafür bin ich in Zukunft einfach verstärkt dankbar.

Ich freue mich auf das was kommt und ich freue mich auf die vielen weiteren tollen Menschen, die ich innerhalb der letzten Wochen allein durch diesen Loslösungsprozess kennengelernt habe. Es ist ein toller, energiegeladener Prozess und hoffe, dass der Kahn so lange wie möglich auf Kurs bleibt. Ich schrieb hier einmal, dass die Karawane weiterzieht. Ich glaube genau das passiert in diesem Moment und ich glaube genau dafür wurde das Internet erschaffen: BEWEGUNG! AVANTI! GO GO GO!

Category: Allgemeines

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13 Responses

  1. Lars B. says:

    Kein Kommentar :-)

  2. ramses101 says:

    Ich glaube, die Wurzel der Kommentar-Unkultur liegt in der Anonymität (jaja, sagt genau der Richtige). Amonym kann man sich halt mehr aus dem Fenster lehnen, ohne wirklich was abzubekommen. Deshalb versuche ich persönlich auch, anonym eher gemäßigt und verhalten zu kommentieren, wenn ich mit jemandem diskutiere, der mit offenem Visier unterwegs ist.

  3. @ramses101: Ich glaube Anonymität hat eine verstärkende Wirkung. Aber es macht Menschen nicht neidischer, unzufriedener, frustrierter oder weniger angepisst. Es hilft ihnen höchstens dabei ihrer Unzufriedenheit deutlich deftiger Luft zu verschaffen.

    Aber das witzige ist ja, dass diejenigen dann doch eine große Affinität zu dem jeweiligen Thema haben. Zur Pöbelei muss man auch erstmal irgendwie motivieren können! ;-)

  4. Roland says:

    Word. Und schön geschrieben :-)

  5. Roland says:

    und ein prima Thema für einen Podcast. Gespräche im Web. Wie finden sie statt? Wo sind sie ergiebig? Was macht ein gutes Gespräch für beide bzw. alle Seiten aus?

  6. @Roland: Danke. Lag auf Herz und Zunge! ;-)

  7. moedahoe says:

    Kommentare wecken den “Dieter Bohlen” in uns.
    Einfach mal lospöbeln. Einfach nicht zu sehr zu Herz nehmen. Wer kommentiert hat zumindest nen Teil des Eintrags gelesen.

  8. Julia says:

    Ich finde Fehler manchmal nervig - wenn Leute so tun, als wüssten sie alles, dabei wissen sie es nicht. Vielleicht macht mich das ungeeignet für die Web-Kommunikation, weil im Web bekanntlich jeder über alles schreiben kann. Das finde ich ja im Prinzip sehr gut. Nur viele spielen sich als Experten auf, bringen Argumente, die überhaupt nicht stichhaltig sind, machen Wortspiele, die keine sind, weil sie nicht hinhauen, etc. Mir fällt das natürlich auf meinem eigenen “Fach”gebiet besonders auf, und da irritiert es mich. Macht mich das zur Perfektionistin? Ich habe nichts gegen imperfekte Argumente oder Ideen (das schon mal gar nicht), aber irgendwie doch gegen unsaubere Argumentation und den Unwillen, sich damit auseinanderzusetzen. Damit meine ich weder dies Blog noch den Werbeblogger; es ist nur etwas, was mir im Netz überhaupt auffällt. Und da denke ich manchmal: Wenn jemand so wenig Wert darauf legt, dass das, was er sagt, wenigstens einigermaßen Hand und Fuß hat, dann ist es uninteressant, mit ihm (oder ihr) zu diskutieren. Ich weiß auch nicht alles - noch nicht mal besonders viel. Gerade deshalb finde ich es immer nett, wenn Leute von Dingen reden, von denen sie Ahnung haben. Oder aber bei Dingen, von denen sie weniger Ahnung haben, nicht so einen Brustton der Überzeugung anschlagen.
    In diesem Sinne: Vielen Dank für die vielen interessanten Beiträge, die ich hier und anderswo schon lesen durfte!

  9. Roland says:

    Liebe Julia, deinen Stein des Anstoßes und die Argumente, die nicht “stichhaltig” seien, bringst du am besten konkret -also dort, wo sie nach deiner Meinung aufschlagen- zum Ausdruck. Und nein, es macht dich nicht zur Perfektionistin. Wer ist das schon?! Wer WILL das schon?! Das Bloggen -und nicht nur das- lebt in der Sache genau davon.

  10. Roland says:

    Pedde, was ist mit dem Blogdesign passiert? Und, ja, in echt siehst du nicht so scheiße aus…schon gar nicht so diabolisch ;-)

  11. Six says:

    So ein Blog ist ja auch ein komisches Medium. Ich meine, ein Einzelner diskuttiert mit einer großen anonymen Menge, wo gibts sonst sowas? Funktioniert das denn irgendwo wirklich gut? Du hast das Problem auf Deutschland beschränkt. Hast du vielleicht positive Beispiele von Blogs, wo ein besseres Klima herrscht? (Ich kenns nämlich nicht anders)

    Es geht übrigens auch in die andere Richtung. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass du und Roland beim Werbeblogger über die Maßen auf Vroni losgegangen seid, was ich nicht verstanden habe, weil ich sie für die wertvollste Kommentatorin des Werbebloggers halte. Aber ich kenn ja nicht eure Beziehungshintergründe.

    Na dann schöne Weihnachten den Werbebloggern.

  12. Roland says:

    @Six: Ja, das mit Vroni war in einem Fall etwas aufgeschaukelt und wir haben es geklärt. In der Tat bereichert sie den Werbeblogger.
    Was die Diskussionsplattform “Blog” betrifft, so sehe ich das etwas anders als du. Der Beitragsschreiber gibt einen Themen-Impuls, einen Anstoß, einen Gedanken oder vielleicht “nur” ein Gefühl wieder und im Normalfall antworten und diskutieren die Kommentatoren auch untereinander, nicht nur mit dem Author. Wie Patrick aber schon schrieb, kann ein Austausch dieser Art ziemlich schnell von trollartigen Gewächsen empfindlich gestört werden. Ich kenne übrigens fast nur Trolle, die anonym und mit Phantasie-Emailadressen unterwegs sind (was umgekehrt nicht heißt, dass jeder, der annoym kommentiert, ein Troll ist).
    Dir auch ein frohes Fest und danke für deine Beiträge bisher. Auf bald und vielleicht einmal vis-a-vis, wer weiß!

  13. Schon witzig, dass hier werbebloggerdiksussionen geführt werden! :-)

    Sagen wir so, Six, Vroni hat eine Art an sich, die äußerst reibt. Jedenfalls mit mir (das gleiche dürfte sie von mir behaupten). Ich habe sie trotzdem immer geschätzt auch wenn ich mich oft geärgert habe. Ich hab ihr sogar mal angeboten Autorin zu werden. Also alles halb so wild.

    Besseres Klima herrscht zuweilen in Ami-Blogs (auch wenn es da ebenfalls Pöbler gibt), ganz einfach weil sich da öfters Menschen für Sachen bedanken. Vielleicht liege ich falsch, ist halt meine derzeitige Wahrnehmung. Ich will ja auch nicht die anderen Menschen ändern, sondern in erster Linie mich selbst. :-)

    Schöne Feiertage!

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