Aus meiner persönlichen Biografie heraus interessiere ich mich sehr stark für Tabus. In meiner Familie herrschte das für ein Kind größtmögliche Tabu überhaupt: Der eigene Vater.
Tabus sind deshalb interessant, weil sie so eine unglaubliche Macht haben und unser Verhalten explizit verändern und beeinflussen. Es gibt also sehr mächtige Tabus, also diejenigen, die dem eigentlich Begriff tatsächlich gerecht werden (Man darf darüber auf keinen Fall sprechen) und etwas weniger mächtig Tabus, die einem lediglich schon vorher mitteilen, wie man über eine bestimmte Sache zu denken hat oder dass man sich besser gleich zu solch einem Thema bedeckt halten sollte. Ich würde gerne solche Tabus sammeln, ganz einfach um etwas über sie zu lernen, sie zu sezieren und ihre Kraft und Wirkung zu analysieren. Es wäre schön, wenn ihr mir von Tabus berichten würdet, denn ich fürchte trotz aufgeklärter Informations- und Wissengesellschaft begegnen uns begrenzende Tabus immer und immer wieder. Aber ich möchte auch herausfinden, welche Funktion Tabus haben können. Nützlich wie behindernd. Denn als Systemiker glaube ich natürlich auch immer an eine bestimmte gesellschaftliche Funktion. Weiter will ich herausfinden, was geschieht wenn Tabus gebrochen werden, bzw. wie man diese überhaupt brechen kann.
Ich beginne also damit, einige Tabus (gerne auch alte Tabs, die sich verändert haben) zu sammeln. Ihr dürft diese gerne per Kommentar ergänzen oder überhaupt alles dazubeitragen, was euch zu diesem Thema einfällt.
Politische Tabus
Diktatur
(Trotz ihrer Existenz werden Diktaturen allgemein verachtet, man darf auf keinen Fall dieses System als mögliche politische Ordnung in Betracht ziehen)
Anarchie
(Anarchie gilt als chaosstiftend, willkürlich und würde die Menschen dazu animieren, sich Dinge auf Kosten anderer Menschen zu rauben. Komisch, passiert nicht genau das schon heute im Turbokapitalismus?)
Kommunismus
(Der Kommunismus ist einfach böse und wurde jahrzehntelang erfolgreich verfolgt und gedanklich so gut wie ausgemerzt, dabei wissen die wenigsten eigentlich, worum es da genau geht. Wozu auch, es ist böse)
Sozialismus
(ist der kleine Bruder des Kommunismus und aufgrund gleichen Genpools ähnlich böse ausgeprägt)
Gesellschaftliche Tabus
Psychische Krankheiten
(In einer Leistungsgesellschaft die auf Normailtät fixiert ist, aber nicht wirklich genau definieren kann, was eigentlich “normal” ist, gelten psychische Krankheiten als Gefahr für die Normalität. Es wird gar nicht erst überprüft, ob psychische Symptome nicht vielleicht in einem System heraus erklärbar sind sondern diese werden pharmazeutisch verdrängt)
Tod
(Wir hassen nichts so sehr wie den Tod, daher hüten wir uns davor darüber bei Tisch zu sprechen)
Kriminalität
(Fast jeder Gesetztesverstoß – außer der eigene – ist böse. Warum, wann und zu welchem Zweck manche Gesetze eingeführt wurden, interessiert uns nicht. Uns interessiert auch nicht, dass Gesellschaften ihre Krinimaniltät künstlich erzeugen, wie zum Beispiel durch ein Verbot von Substanzen oder dem Kopieren von Kulturgütern)
Selbstmord
(Die schlimmste Form neben Mord im Bereich Tod. Selbstmord erinnert uns immer an das mögliche eigene Versagen und das Versagen der Symptmdämpfenden Medikamente)
Religion
(Der Glaube an nichtbeweisbare und durch Menschen interpretierte Lehren ist mit völligem Schutz zu belegen. Man darf weder davon Karikaturen anfertigen noch irgendwelche Witze machen – es sei denn, es ist eine verfeindete Religion)
Liebe
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)
Hass
(Wir kennen nur die Hollywoodversion davon)
Sucht
(Wird schnellstmöglich als psychische Krankheit eingestuft. Sucht ist erst vorhanden beim Gebrauch von tabuisierten, kriminalisierten Suchtmitteln – also kein Fett, Sport, Arbeit oder Kaffee – oder wenn andere Menschen von ihre beeinträchtigt werden. Der Süchtige selbst nimmt seine Sucht nur durch den Hinweis anderer Menschen wahr, wie Arzt, Partner, Freunde, Kollegen etc. Sucht wird als Krankheit gesehen nicht als natürlicher Teil des Menschen)
Masturbation
(ist ein altes Tabu, was sich im Laufe der Zeit immer weiter entschärft hat, von Kriminalisierung über Krankheit bis zur schweigenden Normalität. Dennoch spricht man bei Tisch nicht wirklich darüber)
… Fortsetzung folgt


