Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, so waren viele Dinge ziemlich unkompliziert, jedenfalls wenn es um den Mainstream, um Popkultur oder den Zeitgeist ging. Zur Zeit der wenigen Medienkanäle, dem kulturellen Flaschenhals, beherrschte eine damals sehr mutige und innovative US-Serie den Zeitgeist mindestens eines ganzen Landes. Obwohl ich die Serie nie wirklich zur damaligen Sendezeit schauen durfte, war ich infiziert von dessen Trendmemen. Die Mode und Musik des Sonny Crockett und Ricardo Tubbs dominierte mehrere Sommer lang die deutschen Modegeschäfte und -kataloge. Ich wollte übrigens ebenfalls so aussehen wie Don Johnson. Er, mit den fehlenden Socken in den Slippern und den luftigen Baumwollblazer über das rosane Muskelshirt geworfen, war nicht nur mein großes Vorbild in modischer Hinsicht. Etliche Jugendliche und junge Männer eiferten dem Sexsymbol der 80er nach, ganz egal ob es an den notwendigen langen bloden Haaren, gut trainierten Oberarmen oder den schweißgeruchsfreien Füßen mangelte. Die Fashionbranche – von Friseur bis Sonnebrillenmanufaktur – profitierte von dieser Quasi-Dauerwerbesendung. Miami Vice wurde zum Mainstream-Zeitgeist der späten 80er Jahre und somit überhaupt ein prägendes Element dieser Dekade.
Doch heute sehen die Dinge anders aus. Wir haben im Grunde genommen keinen stabilen Mainstream mehr, bzw. er verlangweilt in politisch korrekter Einödnis, des bloß niemanden auf die Füße Tretens, in einer nie enden wollenden, immer gleich geleckt aussehenden Daily Soap, mit oberflächlichen Charakteren und superflachen Stories. Das ist das Bild der klassischen Medien, wie ich es derzeit wahrnehme. Die wirklich spannenden Geschichten finden im Web statt, der Ort, an dem der Mensch theoretisch Raum und Zeit überwinden kann. Sich mit Woodstockveteranen in den USA über die gute alte FlowerPower Zeit und deren Mode und Musik austauschen? Kein Problem. Die Mod-Szene in England durch eine kleine Grassroot-Community wieder zum Leben erwecken? Das ist definitiv möglich.
Der kulturelle Flaschenhals ist aufgebrochen. Wir sollten uns langsam von der guten alten, geordneten und übersichtlichen Zeit verabschieden. Willkommen im gigantischen “Grid”, im großen Kontext, im Metaversum der unendlichen kommunikativen Möglichkeiten. In welch wundervollen Zeiten wir leben könnten.



