Handeln sollte eigentlich etwas wunderschönes sein. Der ideale Markt, wie ich ihn mir vorstelle, ist besetzt von schier gigantischer Vielfältigkeit. Er sollte angenehm zu durchschreiten sein und mir ein Gefühl der Freude geben. Ich will natürlich beides. Sowohl möchte ich gezeigt bekommen, was mich interessiert, was zu mir und meiner Persönlichkeit passen könnte – aber ich möchte auch inspiriert werden, Neues entdecken, gucken, stöbern, spielen, anfassen, wohl und lang zu überlegen oder aber auch leidenschaftlich spontan, aber mit Herz und nicht als erstes mit der Frage: “Was kostest du?”, entscheiden ob ich “es” letztendlich auch kaufe. Natürlich spielt der Preis eine Rolle – jedoch verwechseln viele den Preis bzw. Wert mit einer Kaufmotivation. Das ist ganz schön arm. Wir kaufen es nicht, weil es uns besonders gut gefällt, es unserem Geschmack entspricht oder es uns sonst irgendwie emotional anspricht. Nein, wir kaufen das meiste, weil es so schön billig ist. Weil man nicht viel falsch machen kann. Der Handel ist zur billigen Losbude verkommen. Lauter Nieten, aber immer mit der Chance auf das größte baumelnde Stofftier an der Klappe des Containerwagens vor Augen.
Früher rochen die Menschen sicherlich noch verstärkt an den Waren auf dem Markt. Heute kann man in einem Discounter noch froh sein, wenn man den beißenden Gestank des dort ebenfalls im Regal erwerblichen Billig-Essigreinigers genießen darf. Ein Markt sollte doch auch immer ein sinnliches Erleben sein, etwas, dass Spaß macht und nicht auf Körper und Geist wie eine Fließbandarbeit am Hochofen wirkt. Oder sind das lediglich verstaubte und verdrehte Nostalgieschwärmereien aus einer pre-industriellen Gesellschaft?
Wir legen heute voller Hast und Eile unsere Produkte auf das fließende Kassenband. Rentnern an der Kasse werden regelrecht Morddrohungen ausgestoßen, wenn sie es wagen, die übliche kurzprägnante Grußfloskel mit ein zwei höflich gemeinten Smalltalksprüchen zeitlich zu überschreiten. Charme oder Nettigkeit bzw. überhaupt ein Gespräch ist hier fehl am Platz. Keine Verkäufer weit und breit – komischerweise nur Kassierer.
Das Einkaufen für unser tägliches Leben ist für einen Großteil der Menschen zur regelrechten Qual geworden. Wir opfern also die vergangene oder zumindestens mögliche Freude am Handel, am Erwerb und Prüfung der Waren. Ja, wir verderben uns sogar den Genuss an der Ware nach der erfolgten Transaktion. Billigprodukte schmecken billig – ob subjektiv oder objektiv gesehen ist erstmal ohne Belang – müssen daher vielleicht auch möglichst schnell verschlungen werden. Zucker und Fett sind dabei die heimlichen Überzeuger. Beides ist zum Glück billig. (Das heisst nicht, dass Zucker und Fett schlecht sind, im Gegenteil, daher rührt der andere Wahn, der des Diät- und Ersatzfettzuckervertilgens.) Welch ein Glück, die Waren waren so günstig, dass wir noch viel mehr von diesem billigen Schrott kaufen können. Das soll uns dann angeblich mit Freude erfüllen – sogar laut “Produkt- und Markeninformationen” richtig geil machen.
“Geiz ist geil” ist wohl einer der fatalsten Meme unserer Gegenwart. Dicht gefolgt vom “Zeit ist Geld”-Mem. Wo Geiz ist, kann auch die Gier nicht weit sein. Und die Angst. Die Angst alles zu verlieren. So wie es nun tausendfach geschieht und geschehen wird. Eine traurige selbsterfüllende Prophezeiung.
Werden wir also weitermachen? Werden wir noch geiler auf Geiz? Noch “effizienter”, also noch weniger Leistung für noch weniger Geld verlangen und bekommen? Werden wir auch weiterhin fleißig in den Discountern mit den hübsch dekorierten und einladenden Auslegwaren einkaufen? Werden wir weiterhin dieses wundervolle Ambiente genießen können: Milchtüten dunkel und eingezwängt in schäbige-zerfledderten Pappkartons. Schrillbuntblaue Plastikflaschen erstickt in einer weiteren lieblosen Hülle aus Plastik, ebenfalls eingezwängt zu einer kleinen 6er-Gruppe. Obst, kiloweise zu Monokulturen zellophaniert, ohne Chance auf das Erhaschen eines Geschmacks oder Geruchs. Käse, in Din-Langen Scheiben geschnitten, ohne Aussicht auf ein wenig Reife und Charakter. Auf dem Boden der Dreck von Tausenden von matschigen Straßenstiefeln, zertretene Irgendwasse mit klebrigem Saftunfall. Shoppen im Schweinekoben!
Warum tun wir uns das an? Wo bleibt die Freude am Handeln, die Freude am Austausch, die Freude an der marktwirtschaftlichen Kommunikation? Verdammt nochmal, das soll doch allen Spaß machen und nicht zu so einer komischen Morlock-Geschichte führen. Die Verantwortung hierfür tragen wir alle, denn wir alle sind besessen von diesem Gedankenkonstrukt des Geizes: Werber verkaufen, was ihre Auftraggeber verkaufen wollen und Auftraggeber wollen immer das verkaufen, was der Käufer haben will und Käufer wollen immer das, was ihnen Werbung, Freunde und Bekannte erzählen, dass sie bräuchten. Wir lernen und kaufen dank Imitation und damit auch durch Kommunikation. Kommunizieren bedeutet auch immer Einfluss zu nehmen, Meme zu verbreiten, zu rekombinieren aber sie eben auch zu selektieren. Was wollen wir also beibehalten und was wollen wir verändern? Alle Welt erwartet den “Change”, dabei kann der tatsächlich nur gemeinsam erfolgen. Ein einzelner Präsident kann sowas nicht verordnen.
Wer billig will, kriegt billig – aber niemals ohne seinen Preis!



