Keine Ahnung, warum ich hier bin. Um mich herum sitzen so viele fremde, komische Leute. Ein paar haben so merkwürdige Klamotten an. Die Tische sind langgezogen und der Raum wirkt dunkel und bedrückend, wahrscheinlich durch das ganze dunkle Holz an Decke und Wänden. Ich bin so schrecklich aufgeregt. Ich verstehe nichts. Ich muss mal. Neben mir sitzt meine Mama. Gegenüber sitzt mein Papa. Doch er ist mir so fremd. Ich würde ihn ja gerne ansprechen, berühren oder sonst irgendwie zeigen, dass ich ihn vemisse und ich nicht weiß was eigentlich hier los ist. Die Erwachsenen um mich herum reden unheimlich viel Zeug, dass ich nicht wirklich verstehen kann. Das macht mir noch mehr Angst. Mein Papa sieht sehr traurig aus und wirkt sehr müde. Ich kann ihn nicht anschauen. Ich kann überhaupt niemanden hier anschauen. Ich will nur weg. Raus hier. Nach Hause. Am liebsten zu Opa. Doch ich muss hier sein. Mit all den fremden Leuten. Der Mann mit dem komischen Gewand spricht mich jetzt an. Er fragt mich, wie ich denn heiße. Ich schweige. Ich will ihm antworten, ich glaube ich muss ihm sogar antworten, aber ich kann es nicht. Mein Herz rast. Ich kann einfach nichts sagen. Nun fragt er mich, ob ich weiß, wer “der Mann da” ist. Natürlich weiß ich das. Es ist mein Papa. Aber ich schweige auch diesmal. Ich kann es nicht sagen. Er ist mir zu fremd. Ich kenne ihn doch kaum noch und doch möchte ich es am liebsten herausschreien. Das ist doch mein Papa. Mein Einziger. Doch ich kann nicht. Ich schweige. Ich habe Angst. Ein letzte Frage von dem Mann mit dem Umhang. Ob ich lieber Fanta oder Sinalco trinke. Auch hier schweige ich. Die Antwort wäre so einfach. Doch ich muss nur an Papa denken, den ich im vorherigen Moment verleugnet hatte. Alles drehte sich nur noch um die eine Frage und die eine fehlende Antwort von mir. Ich war 5 oder 6. Für manche im Raum 207 war es ein Tag wie jeder andere, ein Fall wie jeder andere. Doch mindestens zwei Menschen konnten diesen Tag niemals vergessen. Mindestens zwei Menschen brach dieser Tag, dieser eine Moment, das Herz. Einer hat es überlebt – der andere nicht.



