Aug 2, 2008
Gedanken-Stream: Sklaverei
Möchte man den Zeilen dieses Buches glauben, so war der erste Präsident der vereinigten Staaten George W. (Washington nicht Walker), ein Sklavenhalter. Natürlich ist dieser Begriff heute “political” ziemlich eindeutig besetzt - nämlich ganz klar “Igitt” oder “Geht gar nicht”.
George Washington, befand sich damals in einem völlig anderem Kontext, als wir es heute tun. Doch ironischerweise ist der grundlegende Inhalt gleich geblieben: Leute werden versklavt, um für die Bedürfnisse anderer billig zu sorgen. Natürlich werden heute etwas seltener Menschen in Ketten gelegt, um auf Galeeren zu rudern oder um irgendwelche Steine zum perfekten Weltwunder hochzuschleppen. Heute läuft das ein wenig subtiler, quasi in einem codierten Zusammenhang statt. Wir alle WISSEN schließlich, dass Menschen und ihre Familien für unseren Konsum leiden, härter arbeiten oder gar drauf gehen müssen. Dennoch ignorieren wir diesen Umstand und distanzieren uns gedanklich vom Thema Sklaverei Ausbeutung. Man witzelt zwar sehr leicht, wenn man einen Teppich im Laden sieht und dessen Qualität den kleinen, flinken Kinderhänden zuschreibt. Doch dabei bleibt es auch schon. Das Thema “Sklaverei” (in all seinen widerlichen Facetten) wird bei uns ansonsten ziemlich stark ausgedimmt. Zu weit weg. Aber vor allem, niemand vermisst die thematische Abwesenheit.
Wir spielen uns in unserem funkelnden Wohlstandsmüll so moralisch unglaublich überlegen auf, dass wir völlig vergessen haben, dass der ganze verseuchte Plastikschrott um uns herum, der ganze elektronische Schnickschnack, das girrende und piepende elektronische Dauerrauschen zum Großteil nur so billig sein kann, weil es eben auch wirklich verlässlich konseqent billig hergestellt wird. Nur wie lange noch?
Und wie Washington und seine Jungs damals schon wussten, war Billiglohn bzw. Kost & Logie (also gerade so die Rechnungen zahlen) das mindeste, was man für seine Sklaven bereitstellen mussten, damit sie selbst all die Annehmlichkeiten der damaligen Hochkultur behalten durften, die sie im Laufe ihrer Erziehung zu wert schätzen gelernt hatten. Sie waren zwar nach außen hin immer wieder gegen die Sklaverei, vielleicht sogar mit den Gedanken, doch im Innersten, im Herzen, konnten sie sich nie von den süßen Verzückungen, die die Sklaverei für sie mit sich brachte, trennen.
Wir waren, sind und werden wahrscheinlich noch lange ein System von Sklaven und Sklavenhalter sein. Denn das ist das Grundprinzip, dem bisher unsere “Spezie Mensch” folgte: Ficken oder gefickt werden. Fressen oder gefressen werden. Also entweder boxt man sich von unten nach oben durch und genießt anschließend genau die gleichen Annehmlichkeiten wie die abgelösten Herrschaften - z.B. in Form von versklavten Sklavenhaltern. Oder man verharrt in seiner Rolle und “vererbt” sie spielend an die nächste Generation weiter.
Oder
wir begreifen uns endlich alle als eine sich weiterentwickelnde Gattung, mit diversen Stärken und Schwächen, die es schafft, Dinge gedanklich zuvor zu entwerfen und dann auch die Macht und das “KnowHow” haben, diese auch anschließend in die Tat umzusetzen. Alles denkbare. Man stelle sich vor, was da gemeinschaftlich so alles machbar wäre.
Natürlich gäbe es dann weniger bis gar keine Billigplastikspielsachen mehr. Aber soll ich ein kleines Geheimnis verraten? Die Dinger, die immer sofort kaputtgehen und unsere Mülltonnen verstopfen, würde auch kein Mensch mehr vermissen, in einer Welt ganz ohne Sklaverei und Privilegien. Allerdings müssten wir uns dann auch mit dem Gedanken anfreunden, dass der Arschloch-Chef oder der Schurkenstaat von nebenan genauso menschlich und wertvoll ist, wie wir uns selbst wünschen behandelt und wahrgenommen zu werden.
So, nun werfe ich aber meinen iPod an. Gute Nacht, du güldenes Zeitalter.






Vielleicht doch wieder Karl Marx lesen. Da steht alles drin, wie wenn er den iPod und die Globalisierung vorausgesehen hätte:
“So werden die Produkte zu Fetischen, zu scheinbar magischen Gegenständen. Gleichwohl sei eben dieser Anschein bloßer Schein. Auch wenn die Arbeit nicht mehr wahrgenommen wird, bleibe sie doch die eigentlich wertschöpfende Instanz und die Ursache aller Bewegung. Der Fetischcharakter der Ware sei eine Täuschung, obgleich diese Täuschung kein bloßer Irrtum sei, sondern eine praktische Ursache besitze: die Teilung der Gesellschaft in Arbeitende und Arbeiten-Lassende, d. h. in jene, die Produkte herstellen und andere, denen diese Produkte gehören.”
(Quelle Wikipedia)
Nicht der Produktfetisch ist das Schlimme. Es wäre ja geradezu ideal wenn wir nur ganz bestimmte Produkte hätten, die wir wertschätzen, an denen viele Menschen arbeiten und daran gut verdienen um sich selbst anschließend hochwertige Produkte kaufen zu können. Nein, im Gegenteil, wir haben eben kaum Fetische, wir schätzen ein Produkt und dessen Produktionskette einfach nicht mehr wert.
Die liebevolle Handbarbeit verkommt zur ressourcenverschwendenden Fließbandrotze.
Es geht schon um die Fetischierung.
Du musst nur den objektiven Wert des Produkts und die subjektive Wertschätzung dessen auseinanderhalten lernen. Und nicht zusammen schmeißen wie in deiner Replik.
Ein Fetisch kann sein: ein kleiner unbedeutender Ring aus dem Kaugummiautomaten. Er ist objektiv nichts wert, a Glump, aber der individuelle Wert, den wir ihm geben, kann immens sein. Ein Fetisch kann sein: die 501, wo sie genäht wird, hier in D ode anderswo (also die wahren Kosten), das ist den Leuten doch wurscht.
Diese Fetischisierung ist: Trennung von Bedeutung der Ware (die Bedeutung, die sie ihr geben - Konstruktivismus, da isser wieder der gute…) und der objektiven Bedeutung der echten Arbeit = der echten Kosten, die daran hängen.
Was ich beispielsweise daran merke, dass es kaum mehr den Respekt vor der Arbeit an sich gibt.
Es gibt nur noch den Respekt vor dem trendy oder “geilen” Ergebnis.
OT: Als Grafiker wird mir das fast jeden Tag entgegengehalten mit immer frecheren Argumenten nach dem Motto “Wir haben keine Ahnung, aber von der jede Menge”. Von “Das bisschen Installation des CMS auf dem Server kann doch nicht so schwierig sein” (auf einem anerkannt schwierigen Provider, der kein .htaccess hat) bis “Das bisschen Wirkung kann doch nicht so teuer sein”, wenn man als auftraggeber eine neue, geschicktere Zielgruppenansprache einkaufen will. O doch sie kann, Wirkung ist unbezahlbar. To be continued.
Und es ist meist gar kein lausiger Einkäufertrick, um den andern Part nur zu verunsichern und dadurch einen niedrigeren Preis auszuhandeln (damit käme ich zurecht und hätte gute Argumente). Nein, die meinen das wirklich so und glauben fest daran. Mission impossible.
Also: Auch wenn etwas mit viel Mühen gehandwerkert ist, das zählt den Leuten kaum mehr. Man ist als Cleverle und Smart Shopper nicht mehr bereit, den Prozess, die Arbeit zu bezahlen, sondern nur das, was man für das endgeile Ergebnis hält, das Image. Wie es zustandekommt, ist egal. Was im Innenleben der Ware ist, Jauchegrube oder duftende Wiese, ist auch egal. Außen hui und innen pfui, sagte meine Oma immer.
Und was “geil” oder nicht “geil” ist, entzieht sich immer mehr einer klaren Definition: es ist im Gegenteil vollkommen emotional, vollkommen subjektiv, willkürlich und den eigenen Launen oder denen der Peer Groups oder der mehr oder weniger geschickten Seeding von PR und Marketing unterworfen. Egal ob Lands End oder Nutella.
Ich denke also, wir haben im Gegenteil zuviel Fetische.
Zuviel Apple-Gedöns, zuviel cooles Playstation-Getue, zuviel Manufactum-Gewissensberuhigerle. Manufactum ist auch ein Fetisch. Am SA mit dem Korb auf den Bauernmarkt gehen und ein Minigläschen Marmelade for 4,90 kaufen ist auch Fetisch. Ein Gutmenschenfetisch. Der last exit.
Endlich mal wieder ein Beitrag der absolut lesenswert ist. Jetzt muessen nur noch genung Leute auf die Idee kommen die richtigen Konsequenzen zu siehen und sich zu verweigern. Und zu verzichten…. Ist ja gut ich höre schon auf zu träumen…
Have fun
Otaku
[...] bei den Gesprächen am Betriebs-Colautomat begegnet man Beijing 2008 und bleibt somit immer Sklave und Sklavenhalter zugleich. Trackback-URL dieses Beitrages Schlagworte (Tags): beijing, CocaCola, Olympia, Sponsoren, [...]
Interessanter Artikel, dazu ein Gedanke: Vielleicht ist es ja so, dass Sklaverei zu früheren Zeiten etwas ganz “Natürliches” war und der Menschheit erst im Laufe ihrer Entwicklung bewusst wird, dass dem nicht so ist. Stand heute ist die “direkte Skaverei” weitgehend abgeschafft (zum Glück!), aber die von Dir hier beschriebene “indirekte Sklaverei” ist noch außerordentlich häufig anzutreffen. Abschaffen wird sich diese Form wohl erst dann lassen, wenn sie überall als solche erkannt und geächtet wird.
Dazu muss noch viel passieren. Vor allem müssen wir in den modernen Konsumgesellschaften einsehen, dass der Preiswettbewerb (”Geiz ist geil”) ein wesentlicher Nährboden für die moderne Sklaverei ist. Und die aufstrebenden Länder Asiens etwa sollten Sozialstandards nach westlichem Vorbild einführen - das würde dort die Löhne deutlich anheben und unseren unsinnigen Billigrausch dämpfen…
Dass der ‘weiße’ Clan von Thomas Jefferson erst vor einigen Jahren die Nachkommen ihres “Gründungsvaters” aus seiner Beziehung zu einer seiner Sklavinnen anerkannte, ist hier schon bekannt?
Oder auch ein Blick in die Verfassung der USA zur Anrechnung der Sklaven bei den Bevölkerungszahlen (Artikel I Abschnitt 2: Sklaven gelten als 3/5-Mensch) zeigt, welcher Geist unter den Verfassungsvätern der USA wehte.
Mich irritierte doch sehr der unbestimmte Aussagewert der Einleitung (”Möchte man den Zeilen dieses Buches glauben…”). Klar, war Washington Sklavenhalter. So what? Ist das eine Neuigkeit?
Interessanter dürfte in Ihrem Zusammenhang wohl eine Diskussion sein, die rund zwei Generationen nach der Gründung der USA geführt wurde: Im britischen Imperium waren Sklavenhandel/-besitz eingeschränkt bzw. verboten worden, gering entlohnte (Zwangs-)Arbeitsverhältnisse traten an ihre Stelle (z.B. indische Arbeiter in Afrika, Tamilen als Teepflücker in Sri Lanka). In den nicht-sklavenhaltenden Nordstaaten der USA lebten etwa irische oder deutsche Einwanderer ebenfalls unter annähernd sklavenähnlichen Bedingungen (die Schiffspassagen über den Atlantik waren abzubezahlen).
Vor diesem Hintergrund vertraten Autoren, die “der Sache des Südens” in der Sklaverei-Frage nahestanden die Auffassung, die Sklavenhaltung sei den “moderneren” frühkapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen vorzuziehen. Natürlich mit der romantisch-realitätsfernen Idee, der feudal-fürsorglich denkende Plantagenbesitzer im Süden sei für “seine Leute” besser als der Fabrikherr im Norden bzw. in Europa.
Meines Erachtens machten historisch drei Faktoren jeder Sklaverei auf längere Sicht den Garaus: Die Rezeption eines jüdisch-christlichen Menschenbildes (Würde als Motiv der klassischen Abolitionisten) + freie gewerkschaftliche Organisation + Interesse der Kapitaleigner an frei-vertragsfähigen, mobilien Arbeitskräften. - Wenn man sich mit diesen drei Faktoren im Hinterkopf nun einmal anschaut, gegenüber wem etwa das Regime der Volksrepublik China besonders repressiv wird, kommt man von etwas abstrakten Forderungen (@ Matthias Schwenk: “Und die aufstrebenden Länder Asiens etwa sollten Sozialstandards nach westlichem Vorbild einführen…” - Wer sollte “einführen”?) fort zu klaren politischen Forderungen, z.B. nach der Zulassung freier Gewerkschaften und nach Religionsfreiheit. (Dass diese Punkte kein klares Ziel der deutschen Chinapolitik sind, ist m.E. eine Schande.)
Denn: Selbst wenn man an der Produktseite ansetzen wollte (”Ich kaufe keine Produkte aus Sklavenarbeit”), wer will das denn kontrollieren?