Audio-Podcast Projekt

Soziopod Podcast




ÜBER BREITENBACH
IMPRESSUM
RSS-FEED

Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



DailyCoffeeBreak Podcast
18. Jul 2008

Kapitel 1: Mehr Licht!

„Mehr Licht!“ Dieser ständig befehlende Satzfetzen hämmerte nun schon seit einer halben Ewigkeit von innen gegen seine Schädeldecke. So heftig, dass wenn man genau hinsah, man das pulsierende Klopfen unter der ledrigen Haut seiner Schläfen erkennen konnte. Das waren nicht etwa irgendwelche blutpumpenden Adern, die dort ihrer Arbeit verrichteten, das war sein inneres, immer lauter werdendes Anti-Mantra „Mehr Licht!“, was sich in ein stetig steigerndes organisches Pulsieren manifestierte.

Nervös aber behutsam wie eh und je kramte eR eine abgenutzte Münze aus seinem seidenen Brustbeutel. Maulbeerseide, um genau zu sein. Entbastet. Es waren die Fasern aus dem alle seine Kleidungsstücke gemacht waren, die eR an seinem Körper trägt. Der leichte und kühlende Stoff, gesponnen aus dem kilometerlangen Faden einer Raupe war das einzige, das seine Haut auch nur ansatzweise ertragen konnte. eR hasste die schwere Münze in seiner Hand. Aber das Arschloch gegenüber nahm aus Prinzip keine Scheine an. Seine Hand beginnt urplötzlich zu zittern und die Münze in seiner verknöcherten von Brandblasen übersähten Hand wird mit einem Mal schwer wie Blei. „Scheisse, er kommt“ dachte eR zwischen zwei „Mehr Licht“ in seinem Kopf und die Poren seiner dunkelrot schimmernden Haut öffneten sich innerhalb einer Nanosekunde. Sie schienen nun Geysire von kaltem brennendem Schweiß auf die Krateroberfläche seiner dauerentzündeten Haut zu speihen. Jedenfalls fühlte sich das so für ihn an. Normalerweise besteht Schweiß ja aus einer Menge Wasser und einer kleinen Prise Salz, mit einem Hauch von diversen Säuren. Doch sein Schweiß war völlig anders zusammengesetzt. Er fühlte sich anders an. Er roch anders. Sein Schweiß hatte einen sehr viel höheren Gehalt an Salz und Harnsäure. So schien sich das Sekret einserseits spürbar aggressiv durch seine Epidermis zu fressen und hinterließ andererseits dabei einen Geruch der Marke „Bahnunterführung“. Dass eR so roch, lag nicht etwa daran, dass eR sich nicht waschen würde oder eR kein Deo benutzte. Es lag auch nicht am maßgeschneiderten Trainingsanzug aus schweineteurer Maulbeerseide. Nein, die Bakterien auf seiner Hautoberfläche sorgten dafür, dass sich die Fettsäuren in seinem Schweiß wesentlich schneller zu kurzkettiger und übelriechender Ameisen- oder Buttersäure abbauten als es bei herrkömmlichen Säugetieren der Fall war. Oder um es kurz zu sagen: Der Zustand seiner Haut ließ ihn stinken.

„Mehr Licht!“ Erneut sah man eine Miniaturausgabe einer Vorschlaghammerwölbung aus seinem Schädel beulen. „Ja doch, du verficktes Arschloch!“, knisterten seine spröden und ebenso entzündeten Lippen, als eR diese zum Sprechen aufeinander losließ, „Ich bin ja gleich soweit!“ Sein Gegenüber starrte ihn seit seiner Ankunft in der kleinen Kammer regungslos an. „Starr mich bloß nicht so an du gottverdammter …“ Oh, wie eR ihn doch hasste. So wie eR alles andere in diesem kleinen Kabuff hasste. Das vergilbte Handtuch, dass sich durch jahrzehntelange Waschgänge mit Nachkriegskernseife so kuschelig anfühlt wie eine Wildsau mit Dreitagebart. Die schweißverkrustete Brille. Der kleine, durch die Feuchtigkeit morsch gewordene Hocker und natürlich der gesamte Rest der unterirdisch geschmacklosen Innendekoration. Verdruckte Kunstdrucke von Karibikstränden, die mit unterschiedlich bunten Reißzwecken – mehrfache Tesafilmversuche hinterließen ebenfalls ihre Spuren – an die völlig verquarzte Strukturtapete geheftet war. „Hier hast du dein Scheiss Geld!“ krächzte eR und die Zeit schien plötzlich stillzustehen. “Hier, die Münze!”.

K-L-I-N-K rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrroooooooooll K-L-A-C-K rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrroooooooooll. Die Zeit dehnte sich, wollte aber partout nicht loslassen. K-L-I-N-K rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrroooooooooll K-L-A-C-K rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrroooooooooll. Beim letzten K-L-A-C-K ließ sie dann doch endlich los. „MehrLichtMehrLichtMehrLicht…“ raste es nun unwillkürlich durch den gesamten Raum. Die Zeit holte sich nur das zurück, was ihr eben noch zustand. ZZZZZZZzzzzzzzuuuuuuuummm.

Endlich. Das erlösende Geräusch. Der Rush. Das Löschen des Waldbrandes mit weißem quellendem Schaum. Erstickend befreiend. Sein bis dato von Schmerzen gepeinigter Körper entspannt sich nun vollkommen. eR gleitet in weißgoldenes, fast zu perfekt wirkendes strahlendes Licht. Das werden die schönsten 10 Minuten seines heutigen Tages sein. eR ist dort, wo er jeden Tag hinbefohlen wird. eR ist dort, wo eR jeden Tag aufs neue, genau dieses Ritual vollzieht. Nun liegt er da. Die Brille klebt auf seiner feuerroten Augenpartie. eR strahlt. Sein Gegenüber, der Automat, starrt immer noch vor sich hin und summt dabei zufrieden.

  • http://www.flausenkopf.net Flausenkopf

    Oh, das hört sich nach Fantasy, science-fiction und Zukunft ala Orwell an. – ich warte gespannt auf die nächsten artikel

  • http://bealwaysopening.com Marcus

    oh, I like this a lot Pedde.