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Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



DailyCoffeeBreak Podcast
7. Jun 2008

Soma statt Victory Gin

Neil Postman konstatiert in “Wir amüsieren uns zu Tode”, dass weniger die Gefahr bestünde, ein Orwellsches System, wie es in 1984 beschrieben wurde, unsere Gesellschaft unterdrückt und der Freiheit beraubt, sondern dass vielmehr Huxleys System aus seiner Zukunftsvision in “Schöne neue Welt” im Aufmarsch ist. Die Gesellschaft bewegt sich freiwillig und schleichend in ein Gesellschaftssystem, in der sie sich selbst durch völlige Unterhaltung mit Soma (heutige Psychopharmaka) und Fühlkinos engl. “Feelies” (heutiges Entertainment) dumpf halten.

Während Orwell ein eindeutiges, klar präzisiertes Feindbild erschuf, nämlich das totalitäre System, welches den Teil eines Volkes unterdrückt und manipuliert, gibt es bei Huxley den einzelnen, normierten Bürger, der dies alles freiwillig tut und gar nichts vorfindet, was er bekämpfen könnte. Er hat im Gegensatz zum Wahrheitsministerium, welche die Geschichte absichtlich verdreht hat, die Vergangenheit ganz einfach vergessen.

Huxley schrieb “Schöne neue Welt” 1932, kurz vor der Machtergreifung Hitlers und vor Orwells 1984, welches ja erst nach dem 2. Weltkrieg erschien, nämlich 1948. Huxley war seiner Zeit sehr weit voraus. 76 Jahre später erkennen einige, was er eigentlich meinte. Der Mensch sehnt sich nach Ruhe, nach Erlösung, nach Problem- und Konfliktfreiheit. Er sehnt sich nach Verantwortungslosigkeit und lässt sich fallen. Eine Welt, aus reiner Oberflächlichkeit bestehend, verdrängt alle Probleme, die in der Tiefe wurzeln. Eine Gesellschaft transzendiert durch Unterhaltung.

Der nächste logische Schritt zur “brave new world”, der sich gerade vollzieht ist die Entpolitisierung der Politik. Politik muss jetzt nur noch cool und charismatisch sein, darf auf keinen Fall langweilen und muss immer genau das sagen, was das Volk am Liebsten hören würde. Vor allem muss Politik sich entsachlichen, und klare Feindbilder aufbauen (Sozialisten, Terroristen, Turbokapitalisten etc.) Sie muss sich den Regeln der Webung unterwerfen: 30-seconds, Packshots, Emotionskonzentrat und auf keinen Fall “langweilig”. Politik muss auf Youtube flimmern, twittern, sich in Vorabendserien “placen” und natürlich immer schön kurzzeitig kommunikativ polarisieren, also Buzz erzeugen. Politik darf vor allem aber eines nicht: Visionär und vorausschauend handeln. Politik muss immer den minimalsten Weg der Veränderung, also des “Pragmatismus” gehen, um ja nie den Lobbyisten und Wählern aller Couleur (also “die Mitte”) auf die Füße zu treten.

Wir stecken tief im Morast, jedoch schön warm eingelullt zwischen Soma und Fühlkino - zwischen großer Koalition und Gesellschaftskirmes. Genau das richtige Vakuum für den nächsten großen Führer, der diesmal aber richtig gut aussieht, lächeln und laufen kann.

  • http://twitter.com/Theincredible The Incredible Hagen

    Danke für den Artikel. Hat dazu geführt, dass ichmich da grad völlig festgelesen habe an dem Thema, da ich der Entwicklung zur “Spaßgesellschaft” auch sehr kritisch gegenüber stehe.

    Empfehlenswert für FIlmfreunde in meinen Augen auch “Equilibrium” der vor allem Huxleys Motiv der Emotionslösigkeit aufgreift und als Grundlage für die Existenz eines totalitären Staats aufgreift.

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    Nichts gegen Spaß. Aber auf alles mit SPASS zu antworten kann es nunmal einfach nicht sein. Zumal nur Spaß auch nicht wirklich dauerhaft befriedigend ist.

  • http://blindtextblog.blogspot.com/ ramses101

    Apropos “Spaß” und “Zukunft”. Dazu empfehle ich wie immer das Buch von Wolf Schneider und Christoph Fasel “Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert”.

    Ein Ausblick auf die Welt von morgen aus den frühen 90ern. Natürlich haben die beiden damals das Internet unter- und das interaktive Fernsehen überschätzt, aber die Tendenz, lieber zu Hause zu bleiben und “irgendwie interaktiv und vernetzt” Spaß zu haben anstatt tatsächlich draußen was zu erleben, haben sie schon erstaunlich dicht an der Wahrheit beschrieben.

  • http://twitter.com/Theincredible The Incredible Hagen

    @Patrick: natürlich habe ich nix gegen Spaß. Aber eben alles zu seiner Zeit. Ich denke da sind wird gleicher Ansicht. Hab da vor einiger Zeit auch mal was halbphilosophisches zu geschrieben:
    http://diemedienwg.wordpress.com/2008/05/20/alles-hat-seine-zeit/

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @The Incredible Hagen: Sehr schöner Text! Bei mir hat sich das zum Mantra “Wer weiß wofür es gut ist” manifestiert.

    Allerdings habe ich auch oft festgestellt, dass diese Einstellung zu vermehrter Passivität führen kann. Von daher bn ich noch nicht 100% überzeugt. Denke dann doch eher an den Punkt “Achtsamkeit”, der zum einen ausdrückt, dass man das erntet was man sät und zum anderen dass man die Chancen und Risiken mit Achtsamkeit besser wahrnehmen kann, die sich so ergeben.

  • http://twitter.com/Theincredible The Incredible Hagen

    Hmm, also ich habe eben öfters das Problem, dass eine übersteigerte Aktivität einem viel Energie raubt…eben wenn es um unaenderliche Dinge geht.Oder man “Fehler” and er falschen Stelle sucht.

    Das mit der Achtsamkeit spielt da für mich mit rein und die Idee gefällt mir echt gut, da man die Dinge oft nur bewusst wahrzunehmen braucht um sie zu verstehen. Unser schnellebiges und oberflächliches Leben verlangt aber häufig das schnelle konsumieren und analysieren sowie verarbeiten. Da bleiben viele (wahre) Eindrücke auf der Strecke.

  • Wakeup

    super Bericht, Patrick!

    kleiner Tip für alle die das alles nur lesen und aufgrund des LullTVs, LullPolitik, LullFreizeit und LullPresse, mal einen wirklichen Ausflug in die Realität machen wollen:
    -Abmeldung des öfftl.Rechtl.Fernsehers und wirklich mal darauf verzichten, beim abendlichen Spaziergang mal das mit Blitzlicht-gewitter Einlullen der TV-Nachbarn beobachten,
    -Staatsverträge (bei GEZ) durchlesen,
    -Im GG Art.5 lesen, insbesondere in Bezug auf Meinungs”bildung”, steht nämlich nicht anderes drin das ihr euch aus “allg. zugängl. Quellen ungehindert unterrichten dürft”
    -Mal Stellung beziehen, ob die Deutschen endlich mal ihre Verfassung sebst wählen dürfen! Ist bisher verhindert worden!
    -sich die Frage beantworten, ob wir wirklich in einer Demokratie oder einer Oligarchie leben

    Das reicht schon aus um gesellschaftspolitisches Bewußtsein zu entwickeln oder zu erkennen, das das viel zu anstrengend für einen selbst ist und daher lieber die lullis wählt und sich “unterrichten” lässt wie es ja im Gesetz in unserem Namen hinterlegt wurde.
    Aufwachen, Kinder ! Orwell und Huxley sind keine Theorien, so wie Patrick schrieb die waren ihrer Zeit vorraus, wir leben das….

  • http://yetused.blogger.de Yetused

    Sehr schön zusammengefasst.

    In letzter Zeit wird so oft auf 1984 zurückgegeriffen, Analogien gezogen etc. Aber es passt überhaupt nicht. Wir haben keinen Dikatator, wir leben in keinem totalitären System. Wir haben, mal abgesehen von Googles StreetView und ein paar Kameras auf öffentlichen Plätzen, auch keine totale Videoüberwachung – etwa in unseren Wohnungen. Wir haben die kompletten Freiheiten, und genießen nur unser Sofa, unseren Schreibtisch oder das Bett mit dem Laptop, wo wir in der Halbhorizontale liegend auf Merkel schimpfen, weil sie im Fußballstadion beim Jubeln das falsche Kostüm an hatte.

  • http://wordpress.humane-wirtschaft.de/wie-blind-muss-man-sein/ Wie blind muss man sein? « Humane Wirtschaft

    [...] vom “Werbeblogger” zum “Brainblogger” vollzog, mit einem Beitrag “Soma statt Victory Gin” Erfolg gehabt: Mein Gehirn wurde [...]