Audio-Podcast Projekt

Soziopod Podcast




ÜBER BREITENBACH
IMPRESSUM
RSS-FEED

Ab und zu mache ich hier eine Audiokolumne:



DailyCoffeeBreak Podcast
4. Jun 2008

Puppentests

Der sogenannte “Doll Test” von Kenneth and Mamie Clark ist zwar schon etwas älter (1947), aber er verdeutlicht doch sehr anschaulich, wie sehr wir Menschen uns von klein auf von den Meinungen und vergebenen Stigmata anderer Menschen konditionieren lassen:

Heute ist das doch sicherlich ganz anders, oder? Die Schwarzen haben endlich einen Präsidentschaftskandidaten und überhaupt hat die Bewegung Ende der 60er viel gegen den Rassismus in Amerika getan. Mitnichten – wie es scheint. Nach 40 Jahren wurde der Test wiederholt, mit ähnlichem Ergebnis. Der Konflikt liegt also tief unter der Oberfläche. Das systemische Denken würde davon ausgehen, dass jede Seite ihre Rolle auch weiterhin erfüllt. Das Grundproblem des Rassismus ist also nicht gelöst oder gelindert, sondern wird weiterhin noch übertüncht und gleichzeitig noch subtil geschürt.

Und welche Puppe/Stigmata/Vorbilder kauft ihr euren Kindern?

  • http://mikekotsch.de mike.

    wow. echt erschütternd. die frage zum schluss geht echt gar nicht. ich glabue das das bei den kinder heute nicht anders ist. aber mann o mann. das ist hart.

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Mike: Hart aber nicht unlösbar. Der erste Schritt: Sich solche Sachen bewusst machen. Wenn man selbst ein starkes Vorbild ist (nix mit Perfektion zu tun sondern erstmal nur mit Präsenz), dann muss nicht Barbie oder ein PowerRanger diesen Job übernehmen. Naja um Barbies kommt man nur herum, wenn es ähnlich wie beim Rauchen eine Massenstimmung kippt. (Empfehle dazu “Tipping Point”)

  • http://blog.magix.com Georg Krüger

    absolut traurig und wie gesagt erschütternd. ich weiß jetzt natürlich nciht inweifern diese AMI-TV-Reportage inszeniert ist, aber ich bin sicherlich der Meinung, dass das durchaus die realität wiedergibt. grauenhaft realität.
    leider neigt der mensch, um ein extremum zu bekämpfen mit einem anderen entgegen zu wirken. das ist komplett falsch und hilft nicht weiter.
    eine frage dazu: warum sind schaufensterpuppen zu 98% weiß ?

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Georg: Gute Frage. Dürfte wohl ebenfalls ein Fall für den “Doll Test” sein.

  • http://www.art-for-eye.de Ben

    Ich frage mal in die Runde, kann das abstoßende Verhalten zu andersfarbigen Menschen überhaupt kurzfristig abgeschafft werden?
    Ich würde fast behaupten es bräuchte mehrer Generationen um dieses Problem zu beseitigen und auch nur dann, wenn sich alle gleichermaßen daran beteiligen.
    Um auf die Kinder zurückzukommen, gehe ich davon aus, dass sie diese Entscheidungen, wie sie im Video getroffen wurden, nur tun, als sie sehr früh relaisiert haben was schlecht und was gut ist, auch wenn das von ihren Eltern nicht unbedingt ausgeprochen wurde. (genau wie im Artikel auch schon erwähnt wurde)
    @mike: ist es durch unsere ständige Einstellung zum Perfektionismus und zum herausstechen aus der Masse, nicht doch unmöglich das Ganze zu ändern?

  • http://www.brainblogger.de Patrick Breitenbach

    @Ben: Hier ist ja sogar der Knackpunkt, dass es abstoßendes Verhalten gegen die eigene Hautfarbe ist. Indirekter Selbsthass. Das ist für mich das erschütternde.

  • Magnus

    Hat man sowas auch mal mit weißen Kindern gemacht? Ich könnte mir
    vorstellen das die z.b. das schwarze Baby hübscher finden – sieht man
    ja oft in unserer Gesellschafft. Oder z.b. mit schwarzen Kindern in Afrika
    oder England. Das Schwarze in den USA jetzt ein etwas krudes Image
    von sich selber haben, verwundert mich nicht wirklich.

  • http://DerMorgen.blogspot.com John Dean

    Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob diese Tests tatsächlich genau das messen, was in den Interpretationen behauptet wird. Ich bin da kein Fachmann, aber drei Zweifel möchte ich anbieten:

    1. Bereits geringe Variationen der Versuchsanordnung (z.B. lächelnde Puppen, andere Beleuchtung) üben erheblichen Einfluss auf das Versuchsergebnis aus.

    2. In diesem Experiment ist, von seiner Anordnung her, der sog. Versuchsleiter-Effekt bsonders groß, schlimmer noch, garnicht zu vermeiden. Die Suggestiv-Wirkung der Frage: “Which doll is the ugly doll?” verhindert z.B. die Antwort: “Both dolls are beauty dolls!”

    Was die Kinder also wirklich denken und empfinden: wird in diesem Experiment nur unzureichend gemessen.

    Es hat sich in der Psychologie gezeigt, dass Puppen-Experimente sehr leicht die Erwartungen der Versuchsleiter abbilden. Aus diesem Grund sind sie z.B. bei der Ermittlung von Sexualstraftaten an Kindern inzwischen in der Fachwelt stark in Verruf geraten.

    In “politisierten Fragestellungen” würde ich von derart einfach strukturierten Puppen-Experimenten abraten, beziehungsweise, diese mit einer Reihe leicht variierter Experimente ergänzen – und insbesonders würde ich auch versuchen, die Stärke des Versuchsleiter-Effekts zu vermindern und zu messen.

    3. “Puppen-Experimente” gelten gerade wegen ihrer Reduzierung als besonders aussagefähig. Im “realen Leben” sind die Dinge jedoch deutlich komplexer. Es ist z.B. denkbar, dass bereits leichte Verhaltensunterschiede (Beispiel: ein schwarzer Spielkamerad lächelt häufig, ein weißer etwas seltener) die via “Puppen-Experiment” geäußerte Wertung komplett umdrehen.

    Was gilt dann? Wie stark fällt der vorgefundene Rassismus tatsächlich aus? Wie stark wirkt sich ggf. der besondere amerikanische Rassen-Diskurs aus (auch: inkl. allgemeiner Rassismus-Unterstellung)?

    Wie stark wirken sich leichte Variationen aus, zum Beispiel:
    - schwarze Puppe ist geschminkt, weiße ungeschminkt
    - weiße Puppe hat Schmuck, schwarze Puppe keinen Schmuck

    Als wie “fest” erweist sich der gefundene “Rassismus” bzw. das Wahlverhalten der Kinder?

    Auch wichtig: Wie fällt so ein Puppen-Experiment aus, wenn das Kind vorher unbeeinflusst mit beiden Puppen spielen durfte – und sich also zunächst eine eigene Meinung bilden konnte? Es wäre denkbar, dass die “Zufälligkeiten des Lebens” und die Zufälligkeiten sozialer Interaktion den vermeintlichen (bzw.: echten) Rassismus, den man aus der Versuchsanordnung ableiten könnte, sehr schnell überdecken.

    Auch das Gegenteil wäre möglich.

    Patrick, ich weiß nicht, wie die vorgebrachten Zweifel genau abzuwägen sind, und ob es erhebliche weitere Zweifel – oder aber auch Bestätigungen für den Experimentalbefund gibt.

    Allerdings bin ich recht skeptisch, ob man aus dem Puppen-Experiment in dieser Form weit reichende Folgerungen ziehen kann – oder ob man nicht vielleicht eher Experimente über den Einfluss von Versuchsanordnungen auf die Ergebnisse sozialpsychologischer Untersuchungen anstellen sollte…

    Einen gewissen unterschwelligen Rassismus würde ich allerdings in den USA für experimentell bestätigbar halten, auch mit Puppen-Experimenten (die ich sehr stark anders gestalten würde) – und weiteren Befunden. Allerdings glaube ich, dass das Ergebnis stark mit der jeweiligen Region in den USA korrellieren würde. Das heißt, in Oregon/Kalifornien u.ä. würde es m.E. fundamental andere Messwerte geben als z.B. in Appalachia.

    Eine weitere Frage ist wiederum, wie die kindliche (und auch: erwachsene) Reaktion auf Andersartigkeit von Rassismus zu trennen ist und auch: damit zusammenhängt. Beispielsweise: Reagieren schwarze Kinder auf “black dolls” relativ positiver, wenn diese in einem vorwiegend schwarzen Umfeld aufgewachsen sind?

    Und ist es möglich, dass es in den USA inzwischen eine politische und sogar wissenschaftliche Szenerie gibt, die hochgradig einseitig und politisiert den beklagenswerten Befund “Rassismus” zu erzwingen sucht?

    (Und ist es dennoch möglich, dass diese trotz ihrer Voreingenommenheit im Regelfall die richtigen Wertungen vornimmt?)

    Fragen über Fragen.

  • http://DerMorgen.blogspot.com John Dean

    Mir fällt gerade beim zweiten Angucken auf, dass in dem Film die “white doll” und die “black doll” sehr verschiedene Gesichtsausdrücke haben.

    Manipulation.

  • http://www.werbeblogger.de Patrick Breitenbach

    @John Dean: Danke für deine Ergänzungen. genau so etwas habe ich mir gewünscht. Hinterfragen.

    Sicherlich sind solche psychologischen Experimente von Grund auf fragwürdig, allein schon, weil Versuchsleiter – wie du ganz richtig beschrieben hast – von vornherein Teil des Systems, also des Experiments sind. Zudem kommt ganz sicher hinzu, dass die Vergleichspuppen nicht sauber ausgewählt wurden, bzw. den Anlass geben, am Ausgang des Versuches zu zweifeln. Das Video ist übrigens im Zuge der neuen Versuchsreihe entstanden. Keine Ahnung, ob in den 40er gründlicher gearbeitet wurde …

    Dennoch glaube ich nicht, dass Rassismus durch solche Versuche künstlich nach oben gebracht werden. Rassismus ist allein deshalb schon latent vorhanden, weil niemand in den USA wirklich für die gesamten Vorgänge von Sklaverei bis Rassentrennung Verantwortung übernommen hat. Durch dieses Kommunikationsloch entstehen natürlich etliche Versuche dies mit Interpretationen zu füllen. Also entsteht sehr oft Rassismus dort, wo vielleicht tatsächlich gerade mal keiner existiert.

  • http://DerMorgen.blogspot.com John Dean

    Nunja, bei dem Youtube-Schnipsel spielen auch noch die Dramatisierungstechniken durch den veranstaltenden Sender eine Rolle – das hat mich nochmals kritischer gestimmt.

    Aufnahmen im Halbdunkel (effektvolle Schatten!), dazu eine Extrakamera zum filmisch wirkungsvollen Einfangen von Emotionen. Und dazu eine Fragetechnik, die mich eher an an Verkaufshandbuch, denn an eine wissenschaftliche Untersuchung glauben lässt:

    1. Which doll is the black doll?
    2. Which doll is the white doll?
    3. Which doll is the nice doll?
    4. Which doll is the ugly/bad doll? (nicht mal beim Text blieben sie konstant…)
    5 Why did you chose the xxx doll?
    oder (falls die white doll gewählt wurde): Which doll is like you?

    Hier geht es nicht wirklich um eine Untersuchung, sondern erkennbar um eine manipulative Vorführung, und beschämender Wiese hat MSNBC sogar den Gesichtsausdruck bei den Puppen unterschiedlich gestaltet (die weiße Puppe lächelt leicht – die schwarze Puppe zeigt so etwas wie Ekel. Es wird nicht genau geforscht, wie stark die jeweiligen Einflussfaktoren sind, es wird nicht vorgerechnet, wie hoch die statistische Abweichung sein kann (bei einem Tupel von n = 20 oder n = 40 dürfte das, gemessen an den Methoden der Vorauswahl, erheblich sein). Es werden auch nicht erst einmal weitere Fragen zur Untersuchung gestellt und eben weitergeforscht, sondern:

    Man begnügt sich, sobald man einen skandalisierbaren ersten Scheinbefund hat.

    Und das wars.

    Die Puppen-Untersuchung der 40er Jahre von Clark war ebenfalls verheerend, aber dennoch, methodisch gesehen, deutlich sauberer.

    (Also, auf deutsch: ziemlicher Mist)

    Der Forscher Clark hat das in seinen Veröffentlichungen auch eingesehen, hat zudem gesagt, dass man aus dieser einzelnen Untersuchung keine Schlüsse ziehen könne. Peinlicher Weise ist aber genau das geschehen: Ein kanadisches Gericht hat die Clark-Untersuchung dafür verwendet, um damit die Rassentrennung in den Schulen als “wissenschaftlich bestätigt” ansehen zu können (ohne jedoch im Urteilstext auf die das Gericht beeindruckende Untersuchung von Clark Bezug zu nehmen).

    Wie funktionierte das?

    Nun, Clark hatte zusätzlich auch eine (nur eine!!) Gruppe von 20 schwarzen Kindern untersucht, welche an einer rassengetrennten Schule groß wurden. Hier lag die Quote, mit der die weiße Puppe zum Spielen gewählt wurde, um rund 15 Prozent niedriger.

    Tjanun – und das wurde dann dahingehend interpretiert, sozusagen “wissenschaftlich” (nach Ansicht des Gerichtes – Clark hat sich sein Leben lang darüber geschämt), dass schwarze Kinder in rassengetrennten Schulen “geringere seelische Schäden” erleiden würden.

    Mein Standpunkt ist: Sozialwissenschaft ist verheerend kompliziert und aufwändig, wenn man sie sinnvoll betreiben will. In einer Zeit, wo schnelle pseudowissenschaftliche Appetithäppchen für den öffentlichen Diskurs mehr als ausreichend sind (im Regelfall genügt bereits ein Fantasy-Ranking von sogenannten “Forschern”), wäre ein Verbot von Wissenschaft womöglich hilfreicher…

    (Patrick, ich hoffe, du liest da zutreffend meinen Frust über wissenschaftliche Oberflächlichkeit und oberflächliche öffentliche Diskurse heraus)