Während in anderen Ländern ohne Rücksichtnahme auf die Rechte vieler Menschen das turbokapitalistische System bei Laune gehalten wird und im Spiegelartikel der Printausgabe 23/08 manche deutsche Unternehmer das autokratische System Chinas oder Russlands in den höchsten Tönen loben (“Autokratische Regime haben eindeutig Effizienzvorteile”), fasst sich Kanada nach hundert Jahren Kulturmord an den Inuit und Meti, also den Ureinwohner des heutigen Kanadas, ein Herz und entschuldigt sich aufrichtig und hochoffiziell im Parlament. (SPON war übrigens einer von drei großen Medien im Netz, die dieses Thema bisher gebracht haben) Für Politiker eigentlich ein eher ungewöhnlicher Akt, denn Regierungschef Harper hat die volle Verantwortung für die Zwangsinternierung von hunderttausenden Kindern in staatliche und von christlichen Organisationen getragene Umerziehungsinternate übernommen. Die darin häufig vorkommende Gewalt und der sexuelle Mißbrauch war in Harpers Stellungnahme übrigens auch mit inbegriffen.
In Deutschland warten einige Opfer der Heimerziehung während der Nachkriegszeit übrigens immer noch vergebens auf eine Entschuldigung oder überhaupt eine Stellungnahme des Staates oder den großen kirchlichen Trägern. Es ist natürlich nur bedingt mit der Situation der kanadischen Ureinwohner vergleichbar, dennoch mussten auch sie in der Vergangenheit ein ähnliches Schicksal in ihrer letzten Konsequenz erdulden. Die kleinen Seelen wurden von ihrem Ursprung entfernt und mit Züchtigung im Auftrag des Herrn (Staat oder Gott) zerbrochen, Mißbrauch und Gewalt unter den Heimbewohnern wurde geduldet und zum Teil gefördert. Die sogenannte “schwarze Pädagogik” hat Teile der KZs und Arbeitslager einfach in ihr pädagogisches Konzept übernommen, vielleicht fällt gerade deshalb der heutige Gang nach Canossa so schwer!?
Das Schlimmste für die damaligen Opfer ist jedoch die ewige Leugnung der Täter bzw. der Verantwortlichen. So fühlen sich die Opfer von damals auch heute nach über 30 Jahren noch immer als kleine verlogene Rotzblagen, die Staat & Kirche vom Pfad der Verwahrlosung hat retten können. In Deutschland und vor allem bei den christlichen Gemeinschaften scheint man noch nicht bereit zu sein Verantwortung zu übernehmen, Fehler einzugestehen und den Seelen der Opfer endlich den Frieden zu schenken, den sie verdient haben. Nächstenliebe bleibt also weiterhin nur ein leicht durchschaubares Lippenbekenntnis oder wird nur dann praktiziert, wenn der Druck entsprechend durch mediale Aufmerksamkeit erhöht wird.
Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass Menschen endlich Verantwortung für sich und ihre Vergangenheit übernehmen – auch im Kleinen, so wie es Kanadas Premier symbolisch für eine ganze Nation getan hat. Erst dann ist ein weiterer gemeinsamer Schritt nach vorne möglich. Es geht nicht nur darum Wiedergutmachung herzustellen (einige Dinge kann man nicht wiedergutmachen), es geht darum mit der Vergangenheit abzuschließen, sie aber nicht auszugrenzen. Der Vergangenheit einen richtigen und wichtigen Platz in der Volksseele zuzuweisen, denn auch die schrecklichen Dinge gehören dazu, sie lassen sich weder verdrängen noch freikaufen. Erst das Übernehmen der Verantwortung, die Anerkennung des Leids der Opfer, führt ein Staat hinaus aus der barbarischen Vergangenheit, denn die Opfer und ihre folgenden Generationen finden dadurch erst ihren Frieden. Solange das nicht geschieht, werden solche Konflikte auch weiterhin jahrhundertelang unter der Oberfläche schwelen und entsprechenden Auswirkungen zeigen.


