Jun 10, 2008
“Hartz 4 Dynastien”
Abgesehen von der völlig falschen Bedeutung ist dieser Begriff derzeit ein polemischer Leckerbissen, den Politiker aller Couleur gerne mal in den Mund nehmen. Ursprünglich möchten sie damit wohl ausdrücken, dass in ihren Augen Armut, asoziales Verhalten, Faulheit und staatliches Schmarotzertum praktisch vererbbar ist. Dynastien an sich werden zwar eigentlich nur in Verbindung gebracht mit mächtigen und einflussreichen Familienbanden, aber vielleicht ist das bewusste Gegenteil ja gerade die polemisch-ironische Würze für die sowieso sonst so faden Verbalsüppchen der deutschen Politiker.
Wie in jeder Überzeichnung, jedem Klischee und jeder Polemik steckt natürlich auch in dieser Sache ein realistischer Kern. Fakt ist, dass sich große Teile der Verhaltensweisen innerhalb enger sozialer Gefüge natürlich wieder von der folgenden Generation übernommen wird. Sie kennen ja selten anderes Verhalten, welches sie imitieren könnten. Qualmt die ganze Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch der Nachwuchs gerne mal zum Glimmstengel greift. Vertreten die Eltern offensiv nach außen, dass sich der Staat verdammt nochmal zu kümmern hat und dass sie mit Stütze besser wegkommen, als für sich für einen Euro pro Stunde abzuplagen, so werden die Kinder das unverblümt nachplappern und -eifern. Sind die Ausländer an allem Schuld, rauben sie uns den Job, Erfolg, ja einfach alles, so werden die Kinder der Vorurteilsschleuder sicherlich nicht unbedingt ihr Meinungsbild um 180 Grad wenden. Es sei denn…
Ja es sei denn, die Politik bekommt endlich mal ihren lobbyistengeleckten Hintern hoch und fängt an über die Polemik hinaus zu denken und endlich die komplette Sozialpolitik zu reformieren. Wenn es den Politikern also scheinbar schon bewusst ist, wie sich Vorbilder auf die kommenden Generationen auswirken, dann frage mich mich allen Ernstes, wieso sie alles dafür tun, damit das auch in Zukunft so bleibt wie es ist?!
Man muss nur einen Blick auf die erste offizielle Stufe des Bildungs- und Erziehungssystems werfen (gibt auch Vorstufen die aber nicht in unserem Bewusstsein verankert sind, zum Beispiel Hebammenbetreuung etc.) um festzustellen, wo das Schlamassel seinen Anfang nimmt. Beginnen wir bei den Kindergärten. Es ist heute völlig normal, dass sich zwei Erzieher um 27+ Kinder tagtäglich kümmern müssen. 27 Kinder, so ungefähr der Durchschnitt bzw. keine Seltenheit, im Alter von 2 bis 6 Jahre. Zwei Erzieher sollen 27 Kinder den sozialen Umgang miteinander beibringen, dabei super relaxed sein und dafür sorgen, dass sie optimal auf die Schule vorbereitet werden. Habt ihr schonmal einen Pulk von 27 Kleinkindern erlebt? Also ungefähr vergleichbar mit der Bändigung eines Aufsichtsrates - nur eben nicht ganz so gut bezahlt.
Da fängt es doch im Grunde an. An solchen markanten Institutionen kann man eine Gesellschaft messen. Dort kann man die Ernsthaftigkeit zur Lösung sozialer Probleme sofort erkennen - oder eben nicht. Hier könnte man langfristig in eine funktionierende, harmonische Gesellschaft investieren. Hier könnte man einer Gesellschaft von Grund auf beibringen, wie man die jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig ausbalanciert. Es müsste theoretisch niemand mehr aufgrund seines Backgroundes in der zugeschriebenen Rolle verweilen. Und es ist einfach falsch, dass Eltern aus sogenannten “asozialen Milieus” ihre Kinder weniger lieben. Das stimmt nicht. Liebe zum eigenen Genpool ist einer der wenigen Dinge, die jeder hier auf Erden irgendwie miteinander gemeinsam hat. Diese Eltern sind nur einfach sehr viel schneller überfordert, weil sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Diese Eltern sind keine Monster. Im Gegenteil, es sind die tragischsten Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Zerrissen zwischen den eigenen Problemen und der scheinbaren Unfähigkeit für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.
Diese (und eigentlich natürlich alle) Eltern wären jedenfalls sehr dankbar, wenn ihre Kinder ein besseres Leben hätten, wenn sie gefördert würden, integriert würden. Das funktioniert aber auch nur, solange sich die Eltern dabei nicht ausgegrenzt fühlen. Es darf nicht ein Wechsel “auf die andere Seite” erfolgen oder ein Bruch mit der Familie, sondern es muss eine ganzheitliche pädagogische Arbeit erfolgen in der gesamten Familie. Es müssen Freizeitangebote und Zukunftsperspektiven geschaffen werden. Es müssen Alternativen zu Fernsehen, Kippen und Alkohol geboten werden. Es muss therapeutisch gearbeitet werden, ohne den Zeigefinger oder die Bildschlagzeile auszupacken.
Ja, das kostet Geld, aber sicherlich lohnt sich dieser Ansatz tatsächlich für die gesamte Gesellschaft. Also auch für diejenigen, die diese Situation zugleich ignorieren, belächeln, verabscheuen oder von ihr bedroht werden (meist wirklich alles zugleich). Es wird mehr Hoffnung, mehr Zuversicht, mehr Motivation und weniger Gewalt, Kriminalität und “asoziales Verhalten” geben. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach, es wird weiterhin das geerntet, was auch gesäät wird, die Fragen dazu lauten also: Warum ist dafür kein Geld da? Wer profitiert davon, dass alles so bleibt wie es ist? Was müsste sich ändern, damit wir dieses System endlich anders anpacken?
Die eigentliche Armut liegt also ganz woanders in diesem Land.





Da haben schon einige drüber nachgedacht. Hier die Lösung:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen
Ich finde diese ständige Angst vor dem Abgrund lächerlich. Wenn das ganze positiv wäre, würden sich die Menschen angstfrei entfalten können. Und die Müllabfuhr käme trotzdem noch, weil der Job dann plötzlich besser bezahlt wäre… (Ich tendiere zum Götz Werner-Modell)
Nur wenn es den Eltern gut geht, kann es auch den Kindern gut gehen.
Wir haben daher nicht unbedingt mehr so ein arg kinderfeindliches Land wie früher: Das Bewusstsein, dass die lieben Kleinen geliebt und gefördert werden müssen, damit etwas aus ihnen wird, ist stark gestiegen. Bei manchen überehrgeizigen und überbehütenden Akademikermüttern sogar im Übermaß: der Kult ums einzige Kind. (Kunststück, wir “sterben ja auch aus” und diese Kleinen sind seltene Tierchen geworden ^^.)
Daher tun solche Kinder mir eigentlich ebenfalls leid. Sie werden emotional und materiell mit Aufmerksamkeit über die Schwelle hinaus, dass es ihnen gut tut, versorgt (das Ergebnis ist der von sich selbst mega-überzeugte narzisstische Fratz). Während im Unterschied dazu andere Kinder nur noch verzweifelte Eltern haben, die sich abgelehnt fühlen, sich selbst seelisch und geistig überhaupt nicht versorgen können und damit auch ihre Kinder nicht.
Nein, wir haben nicht unbedingt ein durch und durch kinderfeindliches Land. Das hat sich leidlich gebessert: Es gibt kaum noch das Klischee: Schilder bösartiger Hausmeister, dass Kinder im Hof nicht spielen dürften. Nein. Wir haben inzwischen ein elternfeindliches Land.
Die Hartz 4 Regelungen, die du erwähnst, sind ein Teil dieser Feindseligkeit und schreiben für Generationen fort, was heute schon ungut ist.
Wer ein Interesse daran hat, dass das nicht besser wird? Gute Frage.
Vielleicht gesellschaftliche Kräfte, die ihren “hohen” Daseinswert immer mehr über die Abgrenzung “nach unten” definieren. Und nicht über einen humanistisch inspirierten Geist wie früher. Der war mal in “besseren Kreisen” “in”. Scheint historisch vorbei seit den 70ern zu sein.
Oder es ist Gedankenlosigkeit aus einem Mangel an dieser Erfahrungswelt der einfachen Leute heraus.
Denn nenn mir einen einzigen Politiker, der weiß, wie sich kleine Leute fühlen welche zum Sozialamt müssen, und der auch mit ihnen regelmäßig zusammenkommt. Schröder war einer der letzten aus Arbeiterkreisen und der scheint aus Verdrängungsgründen vergessen zu haben, wie es sich “unten” anfühlt (seine Mutter war den Angaben nach Putzfrau oder so etwas ähnliches). Heutzutage stammen Politiker ausnahmslos aus den “besseren Kreisen”, überproportional beispielsweise: gelernte Rechtsanwälte. Oder geistige Rotzlöffel wie Karrierist Miesfelder.
Wie sollen diese Politiker bitte politische Perspektiven entwickeln und Gesetze auf die Welt bringen, die genau diesen Menschen gerecht werden. Geht doch gar nicht: Man hat doch gar keine Ahnung, wie diese leben. Damit fängt es aber an: das volk verstehen. Man ist immerhin als “Volksvertreter” gewählt.
Und das TV zeigt bewusst ein übertriebenes virtuelles Zerrbild mit bewusst “assig” aussehend gecasteten, sehr überforderten Müttern. (In “Supernanny” z.B.)
Mit der Folge, dass man sich in den “gehobenen Kreisen” noch mehr naserümpfend distingiert: “Hartz 4 Dynastien”.
Disclosure:
Die Schreiberin kommt aus einfachen, stellenweise sogar schwierigen Verhältnissen, war nie in einem Kindergarten und hat sich bildungsmäßig und beruflich hoch gewurschtelt. Mein Engagement in einer bürgerliche Partei endete nach 3 Jahren. Korruption und den Filz sogar in der Basis, und Ekel als junge verheiratete Mutter über eindeutige sexuelle Anmachen/Angebote von höheren Parteimitgliedern, damit ich nach “oben” kommen dürfe (Kreistag, Landtag). Namen der Partei nenne ich per E-Mail auf Anfrage. Mit Parteien bin ich durch, aber sowas von.
Disclosure 2:
Ein aktueller Fall von zwei Müttern ist mir persönlich bekannt. Die eine hungert sogar und wird immer dünner, damit ihre Kinder genug zu essen haben (der Hartz 4 Satz reicht nicht). Die andere kämpft beim Jugendamt um das bisschen Unterhalt für ihr Kind (Scheidung), weil der Vater keinen Kindesunterhalt zahlt, aber Auto und Motorrad besitzt. Das Jugendamt hat ihr aus unerfindlichen Gründen keinen dynamischen Unterhaltstitel gegeben, sondern sie muss jedes Jahr neu die reguläre Erhöhung beantragen. Weil sie sonst nichts zu kämpfen hat: Demnächst verliert sie ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht mehr aufbringen kann. Gleichzeitig sagen ihr die vom Jugendamt bestellten Pädagogen/Psychologen Sprüch wie ein Schallplatte, dass sie sich bitteschön vorangig um das Wohl des Kindes bemühen solle. Wie denn, wenn ihr alles davon schwimmt. Wer kümmert sich um sie, damir es ihr wieder seelisch gut geht. Wie deppert oder zynisch geht noch. Pädagogen?
Wer nicht will dass sich daran was ändert, sind die, die nicht wollen, dass sich was ändert. WArum? Weil es ihnen gut geht. Wenn mehr Kinder (Menschen) ein Aufwachsen ohne Existenzangst und soziale Programmierung bekommen, gibt es einen Überschuss an positiven und freidenkende Menschen. Daraus resultiert, dass wohlmöglich echt die Leute Manger werden, die auch mehr aufm Kasten haben und sich nicht nur aufgrund von Familiären Verbindungen in den Status gewachsen sind.
Es ist von großen Interesse, dass es hartz4 Dynastien gibt, so bleiben alle unter sich und die Gesellschaft ist unter Kontrolle zu halten. Stellt dir vor es gibt auf einmal 80 Millionen Menschen die sich um mehr kümmern als um das Über die Runden kriegen ihrere Kleinen.
Fazit: Keiner will dass es allen gut geht. Armut macht ein Volk dumm und regierbar
Änder kann man vieles. Ich finde den Ansatz von Julian klasse