Abgesehen von der völlig falschen Bedeutung ist dieser Begriff derzeit ein polemischer Leckerbissen, den Politiker aller Couleur gerne mal in den Mund nehmen. Ursprünglich möchten sie damit wohl ausdrücken, dass in ihren Augen Armut, asoziales Verhalten, Faulheit und staatliches Schmarotzertum praktisch vererbbar ist. Dynastien an sich werden zwar eigentlich nur in Verbindung gebracht mit mächtigen und einflussreichen Familienbanden, aber vielleicht ist das bewusste Gegenteil ja gerade die polemisch-ironische Würze für die sowieso sonst so faden Verbalsüppchen der deutschen Politiker.
Wie in jeder Überzeichnung, jedem Klischee und jeder Polemik steckt natürlich auch in dieser Sache ein realistischer Kern. Fakt ist, dass sich große Teile der Verhaltensweisen innerhalb enger sozialer Gefüge natürlich wieder von der folgenden Generation übernommen wird. Sie kennen ja selten anderes Verhalten, welches sie imitieren könnten. Qualmt die ganze Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass auch der Nachwuchs gerne mal zum Glimmstengel greift. Vertreten die Eltern offensiv nach außen, dass sich der Staat verdammt nochmal zu kümmern hat und dass sie mit Stütze besser wegkommen, als für sich für einen Euro pro Stunde abzuplagen, so werden die Kinder das unverblümt nachplappern und -eifern. Sind die Ausländer an allem Schuld, rauben sie uns den Job, Erfolg, ja einfach alles, so werden die Kinder der Vorurteilsschleuder sicherlich nicht unbedingt ihr Meinungsbild um 180 Grad wenden. Es sei denn…
Ja es sei denn, die Politik bekommt endlich mal ihren lobbyistengeleckten Hintern hoch und fängt an über die Polemik hinaus zu denken und endlich die komplette Sozialpolitik zu reformieren. Wenn es den Politikern also scheinbar schon bewusst ist, wie sich Vorbilder auf die kommenden Generationen auswirken, dann frage mich mich allen Ernstes, wieso sie alles dafür tun, damit das auch in Zukunft so bleibt wie es ist?!
Man muss nur einen Blick auf die erste offizielle Stufe des Bildungs- und Erziehungssystems werfen (gibt auch Vorstufen die aber nicht in unserem Bewusstsein verankert sind, zum Beispiel Hebammenbetreuung etc.) um festzustellen, wo das Schlamassel seinen Anfang nimmt. Beginnen wir bei den Kindergärten. Es ist heute völlig normal, dass sich zwei Erzieher um 27+ Kinder tagtäglich kümmern müssen. 27 Kinder, so ungefähr der Durchschnitt bzw. keine Seltenheit, im Alter von 2 bis 6 Jahre. Zwei Erzieher sollen 27 Kinder den sozialen Umgang miteinander beibringen, dabei super relaxed sein und dafür sorgen, dass sie optimal auf die Schule vorbereitet werden. Habt ihr schonmal einen Pulk von 27 Kleinkindern erlebt? Also ungefähr vergleichbar mit der Bändigung eines Aufsichtsrates – nur eben nicht ganz so gut bezahlt.
Da fängt es doch im Grunde an. An solchen markanten Institutionen kann man eine Gesellschaft messen. Dort kann man die Ernsthaftigkeit zur Lösung sozialer Probleme sofort erkennen – oder eben nicht. Hier könnte man langfristig in eine funktionierende, harmonische Gesellschaft investieren. Hier könnte man einer Gesellschaft von Grund auf beibringen, wie man die jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig ausbalanciert. Es müsste theoretisch niemand mehr aufgrund seines Backgroundes in der zugeschriebenen Rolle verweilen. Und es ist einfach falsch, dass Eltern aus sogenannten “asozialen Milieus” ihre Kinder weniger lieben. Das stimmt nicht. Liebe zum eigenen Genpool ist einer der wenigen Dinge, die jeder hier auf Erden irgendwie miteinander gemeinsam hat. Diese Eltern sind nur einfach sehr viel schneller überfordert, weil sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Diese Eltern sind keine Monster. Im Gegenteil, es sind die tragischsten Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Zerrissen zwischen den eigenen Problemen und der scheinbaren Unfähigkeit für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.
Diese (und eigentlich natürlich alle) Eltern wären jedenfalls sehr dankbar, wenn ihre Kinder ein besseres Leben hätten, wenn sie gefördert würden, integriert würden. Das funktioniert aber auch nur, solange sich die Eltern dabei nicht ausgegrenzt fühlen. Es darf nicht ein Wechsel “auf die andere Seite” erfolgen oder ein Bruch mit der Familie, sondern es muss eine ganzheitliche pädagogische Arbeit erfolgen in der gesamten Familie. Es müssen Freizeitangebote und Zukunftsperspektiven geschaffen werden. Es müssen Alternativen zu Fernsehen, Kippen und Alkohol geboten werden. Es muss therapeutisch gearbeitet werden, ohne den Zeigefinger oder die Bildschlagzeile auszupacken.
Ja, das kostet Geld, aber sicherlich lohnt sich dieser Ansatz tatsächlich für die gesamte Gesellschaft. Also auch für diejenigen, die diese Situation zugleich ignorieren, belächeln, verabscheuen oder von ihr bedroht werden (meist wirklich alles zugleich). Es wird mehr Hoffnung, mehr Zuversicht, mehr Motivation und weniger Gewalt, Kriminalität und “asoziales Verhalten” geben. Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach, es wird weiterhin das geerntet, was auch gesäät wird, die Fragen dazu lauten also: Warum ist dafür kein Geld da? Wer profitiert davon, dass alles so bleibt wie es ist? Was müsste sich ändern, damit wir dieses System endlich anders anpacken?
Die eigentliche Armut liegt also ganz woanders in diesem Land.


